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Hier Archivmeldungen aus der Presse vom Oktober 1996 bis zum Winter 2004

Hier Archivmeldungen von der Wiederbegründung 1989 bis zum Winter 2004

Blutzeuge im Dritten Reich: 
Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies
von Bbr. Lambert Klinke

Der zur UNITAS Ruhrania Münster gehörende Anton Spies wurde am 24. November 1909 in dem kleinen Dorf Heckfeld im badischen Frankenland geboren. Seine Kindheit und Jugend verlief in geordneten, für einen aus bäuerlicher Familie stammenden späteren Priester nachgerade typischen Bahnen. Er besuchte zunächst bis zur siebten Klasse die Volksschule und wurde dann, nachdem ihm ein Geistlicher durch Privatstunden entsprechend vorbereitet hatte, als Schüler des dortigen Erzbischöflichen Knabenkonvikts in die Quarta des Tauberbischofsheimer Gymnasiums aufgenommen, wo er am 29. März 1930 mit befriedigendem Ergebnis die Reifeprüfung ablegte. Auch seine Leistungen im Theologiestudium, im Collegium Borromaeum und schließlich im Priesterseminar waren eher unterdurchschnittlich, „dabei aber stets fleißig und von besten Absichten getragen.“ Der Skrutinialbericht des Theologischen Konviktes bescheinigte ihm Frömmigkeit sowie einen willigen und zugänglichen Charakter. Die Beurteilung des Erzbischöflichen Priesterseminars empfahl ihn für „einfache Landposten“ und fügte an, er werde aufgrund seiner Stetigkeit und Überlegtheit ein solider und würdiger Seelsorger werden. Die Priesterweihe empfing Anton Spies am 31. März 1935, danach trat er seine erste Stelle als Vikar in Bühl bei Offenburg an. Es folgten weitere Vikarstätigkeiten in Lauda, Mudau, Distelhausen, Uissingheim und schließlich im Jahr 1939 in Ketsch. In der praktischen Seelsorge erwies sich Spies dabei als in jeder Hinsicht unauffälliger und eifriger Priester; seine Prinzipale sahen in der Landseelsorge den rechten Ort für ihn, und auch er selbst hatte keine andere Absichten, als „einfacher“ Landpfarrer zu werden.

 Am 4. März 1941 teilte der Ketscher Ortspfarrer Gustav Westermann dem Erzbischöflichen Ordinariat mit, daß Pfarrvikar Anton Spies am 28. Februar 1941 von der Gendarmerie festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim gebracht worden sei: „Es wird ihm angeblich zur Last gelegt, an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß den Verhältnissen nach er unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor aus Gehässigkeit gegen uns Geistliche erfolgte.“ In einem weiteren Schreiben an die kirchlichen Behörden charakterisierte Pfarrer Westermann den denunzierenden Rektor als höchst gehässigen Kirchengegner, der schon seit Jahren erfolglos versucht habe, ihn, den Ortsgeistlichen, zur Strecke zu bringen. Da ihm das bisher nicht gelungen sei, habe er es eben nun beim Vikar versucht. Danach bekräftigte Westermann noch einmal seine Überzeugung, Spies sei unschuldig und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage: „Das möchte ich noch zum Schluß anführen, daß die Beschuldigungen von sittlich sehr minderwertigen Personen ausgehen, die in enger Freundschaft mit dem Rektor stehen. Der weitaus größte Teil der Pfarrgemeinde hält Herrn Spies für unschuldig und kennt den Rektor.“ Eine Frau aus Ketsch, die den Vikar ebenfalls verteidigte, wurde deswegen belangt, wie aus einer „Meldung wichtiger staatspolitischer Ereignisse“ aus Berlin vom 6. August 1941 hervorgeht: „Für die Dauer von zehn Tagen wurde von der Stapoleitstelle Karlsruhe die Ehefrau Sophie M. [...] in Schutzhaft genommen, weil sie die Behauptung aufgestellt hatte, daß die in dem Verfahren gegen den katholischen Kaplan Spies, [...] vernommenen Zeugen falsche Aussagen gemacht haben.“

Alle Bemühungen von Pfarrer Westermann, dem Erzbischöflichen Ordinariat und des mit der Verteidigung beauftragten Rechtsanwaltes waren vergeblich, da das Gericht den Aussagen der etwa elf Jahre alten Schüler mehr Glauben schenkte als Anton Spies. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, daß Spies nicht einfach rundweg alles abstritt, sondern zugestand, „es könne durchaus vorgekommen sein“, daß er „hin und wieder einen der Knaben berührt habe - doch allenfalls versehentlich und ohne jegliche unsittliche Absicht.“ Daraufhin wurde Bundesbruder Anton Spies nach damals angewandten „Recht“ zu zwei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, woran weder die eingelegte Revision noch der Versuch, ein Wiederaufnahmeverfahren in Gang zu bringen, etwas ändern konnten. Anton Spies verbüßte die Strafe teils im Zuchthaus, teils wurde er beim Autobahnbau eingesetzt. Bald nach der Verurteilung, die, so sah es nach außen hin aus, Spies' Schuld zweifelsfrei erwiesen hatte, setzte auch das Freiburger Ordinariat ein Verfahren gegen ihn in Gang, was die seelischen Leiden des sich als unschuldig ansehenden weiter verschlimmerte.

 Als am 2. August 1943 die Strafzeit abgelaufen war, wurde Anton Spies jedoch nicht freigelassen, sondern von der Gestapo in „Schutzhaft“ gehalten. Um dieser zu entgehen, meldete sich Spies in dieser Zeit freiwillig zur Wehrmacht, Erzbischof Conrad Gröber versuchte zu erreichen, daß man ihn in eine Anstalt der Erzdiözese Freiburg überstellte, wo er beaufsichtigt und in der Landwirtschaft verwendet werden würde. Doch weder Spies' eigene noch die Bemühungen seines Erzbischofes hatten Erfolg, stattdessen wurde er am 13. September 1943 in das KZ Dachau eingeliefert. Wenige Wochen, bevor er von den Amerikanern befreit worden wäre, erkrankte Bundesbruder Anton Spies an Flecktyphus. Er verstarb am 19. April 1945 und wurde in einem Massengrab beigesetzt. Anton Spies beharrte stets darauf, unschuldig zu sein. In einem letzten Brief an seine Mutter schrieb er: „Und wenn ich zeitlebens im Kerker schmachten muß, werde ich meine Unterschrift nie hergeben zur Beglaubigung einer Tat, die ich nie begangen.“ Auch viele Menschen, die ihn näher gekannt  hatten, darunter seine geistlichen Dachauer Mithäftlinge und jener Lehrer aus Ketsch, der schon beim Gerichtsverfahren zu Spies' Gunsten ausgesagt hatte, blieben fest und unerschütterlich der Ansicht, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in einem Spruchkammerverfahren gegen seinen damaligen Ankläger, den nationalsozialistisch eingestellten Rektor, gravierende Widersprüche in den gegen Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Ebenso gaben mehrere der seinerzeit vernommenen Schüler an, vom Rektor dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen. Von seinen Verwandten vorgenommene erneute Versuche, in einem Wiederaufnahmeverfahren Spies' Unschuld zu beweisen und ihn hierdurch rehabilitieren zu lassen, scheiterten daran, daß einige der Zeugen auf ihren Vorwürfen beharrten und dem Rechtsanwalt wie dem Erzbischöflichen Ordinariat die Durchführung eines solchen Verfahrens angesichts des ungewissen Ausgangs wenig ratsam erschien. Auch die von Anton Spies seinerzeit gewählte, aus Sicht des Rechtsanwaltes wenig glückliche Verteidigungsstrategie, die bei einem neuerlichen Prozeß sicherlich wieder eine Rolle gespielt hätte, wirkte sich noch über Spies' Tod hinaus negativ für ihn aus, ebenso wie das förmlich nie abgeschlossene oder niedergeschlagene kirchliche Strafverfahren. So ist die Ehre des im KZ Dachau zum Blutzeugen gewordenen Bundesbruders Anton Spies bis heute nicht formaljuristisch wiederhergestellt; vielmehr bleibt er „offiziell“ ein rechtskräftig verurteilter Sittlichkeitsverbrecher. An der Tatsache, daß seine Anklage, seine Verurteilung und letztlich sein Tod ein fanatischer Priesterhasser verschuldet hat, daß Anton Spies also für seinen Beruf und seinen Glauben zum Martyrer geworden ist, ändert sich nichts dadurch, daß seine Unschuld wohl niemals mehr von einem irdischen Gericht wird bewiesen werden können.

 Literatur: H. Ginter, Necrologium Friburgense 1941-1945. Verzeichnis der in den Jahren 1941 bis 1945 verstorbenen Priester der Erzdiözese Freiburg, in: FDA 70 (1950) 19-258; C. Schmider, Pfarrvikar Anton Spies, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999) 219-221 und R. Zahlten, Die Ermordeten. Die Gedenktafel der Erzdiözese Freiburg für die verfolgten Priester (1933 bis 1945) in „Maria Lindenberg“, nahe St. Peter / Schwarzwald (Vöhrenbach 1998).

Aus: unitas 200/1


Vier Bundesbrüder waren bei der Priesterweihe von Karl Leisner in Dachau - 
Zu einem neuen Lebensbild 
von Bbr. Matthias Mertens (1906-1970), 
Priester in Oberhausen-Schmachtendorf

Mit dem von Bbr. Dr. Wolfgang Burr herausgegebenen IV. Band des UNITAS-Handbuchs liegt ein weiterer gewichtiger Baustein unitarischer Geschichtsschreibung vor. Seine Lektüre kann allen Unitariern nur bestens empfohlen werden. Hochinteressante Aufschlüsse geben nicht nur die vielfältigen Ergänzungen zu Kapiteln vorausgegangener Bände, sondern auch die 31 neu verfassten Lebensbilder, die in sehr lesbarer Weise Persönlichkeiten aus dem Verband vorstellen. Dies zeigt sich insbesondere dort, wo die Recherchen der einzelnen Verfasser gänzlich neues, unbekanntes Material ausfindig machen. Dies trifft z.B. auf das Lebensbild von Bbr. Matthias Mertens zu, für das sich gleich zwei Autoren auf die Suche begeben haben. 

In ihm stellte uns der Altherrenbundsvorsitzende Günther Ganz bereits in Ausgabe 2/2000 der unitas einen Seelsorger vor, der mit anderen der im KZ Dachau eingekerkerten Priestern „das niederdrückende Gefühl absoluter Ohnmacht, Recht- und Schutzlosigkeit gegenüber der Staatsgewalt“ teilte. (1) Erstmals war dort von der Priesterweihe des am 23. Juni 1996 seliggesprochenen münsteraner Geistlichen Karl Leisner die Rede, an der Bbr. Mertens teilgenommen hat. Bbr. Lambert Klinke, Alt-VOS aus dem Vorort UNITAS-Cheruskia Gießen, Historiker für Mittlere und Neuere Geschichte, haben diese Mitteilungen nicht ruhen lassen. Er ist diesen Spuren an den Lebensstationen von Matthias Mertens selbst nachgegangen und hat eine mit zahlreichen Quellennachweisen versehene, Bbr. Dr. Ludwig Freibüter zu dessen 80. Geburtstag gewidmete eigene Darstellung vorgelegt, die ebenfalls in Band IV. des UNITAS-Handbuches eingegangen ist. Lambert Klinke konnte darin nicht nur die Frage nach der UNITAS-Mitgliedschaft von Matthias Mertens klären, sondern auch sein von der KZ-Haft gezeichnetes Leben intensiv nachzeichnen. Wir folgend weitgehend dem Wortlaut des Artikels, zu dem auch interessantes Bildmaterial erstmals vorliegt.

Nach Bbr. Lambert Klinkes Recherchen immatrikulierte sich Mertens im Sommersemester 1927 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster, gab als Prüfungsziel „Ktheol. Examen (Priester)" (2) an und wohnte im Borromaeum am Domplatz. Für die Freisemester wechselte Matthias Mertens zum Sommersemester 1929 an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wohnte zunächst in der Jakobstraße 1a, im Wintersemester 1929/30 dann in der Bergstraße 26. (3) Hier traf er schließlich den aus der Diözese Aachen stammenden Bundesbruder Pfarrer Heinrich Mönks (1906-1981), mit dem er zusammen noch im Sommersemester 1929 dem W.K.St.V. UNITAS-Salia Bonn beitrat. (4) Hier wurde er zu einem der „geradlinigsten und aktivsten Bundesbrüder". (5) So hielt er u.a. im Wintersemester 1929/30 beim Vereinsfest „Maria Immaculata" den Festvortrag über „Sonnenscheins Leben und Werk". (6)

Wieder zurück in Münster, wurde er am 24. April 1930 unter der lfd. Nummer 481 reimmatrikuliert (7) und meldete sich zusammen mit Heinrich Mönks beim W.K.St.V. UNITAS-Sugambria an. (8) Aus dieser Zeit ist ein Foto überliefert. Die zunächst letzte Information über seine Aktivenzeit stammt aus dem Sommersemester 1931, nach dessen Ende er um Streichung aus dem Mitgliederverzeichnis der Unitas bat. (9) Nach Mitteilung des einzig noch lebenden Mitbruders aus dem Weihejahrgang, Prof. Dr. theol. Alois Schröer (geb. 1907), fiel dieser Entschluss „schweren Herzens [...] und nur deshalb [...], um sich ganz auf die Gnade des Priestertums vorzubereiten" (10), denn Mertens befand sich zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor seinem theologischen Examen und dem Eintritt in den Pastoralkurs des Priesterseminars, wo er nunmehr auch sein Zimmer bezogen hatte (Überwasserkirchplatz 3). (11) Die Weihe zum „Priester Jesu Christi und seiner Kirche" (12) erfolgte schließlich am 17. Dezember 1932 durch Weihbischof Johannes Scheifes (1863-1936) im Hohen Dom zu Münster. (13) Seine Primiz feierte er am 2. Weihnachtstag 1932 in der Pfarrkirche St. Michael zu Wachtendonk. (14) Zwei Monate später, am 24. Februar 1933, wurde Bundesbruder Heinrich Mönks in Aachen zum Priester geweiht. Bei einem anschließenden Kaffeetrinken kam es auch zu einer Begegnung von Matthias Mertens und seinen (ehemaligen) Bundesbrüdern von der UNITAS-Sugambria. Diese, allen voran Heinrich Mönks, drängten ihn, nach seiner Weihe doch wieder zur UNITAS zurückzukehren und sich dort philistrieren zu lassen. (15) Matthias Mertens entgegnete: „Ich war und bin mit ganzem Herzen Unitarier. Aber ich bin auch Priester und während Familienväter an die Folgen für ihre Familien denken müssen, werde ich in den Zeiten, die vor uns liegen, Unrecht anprangern können. Und auf keinen Fall will ich Euch dabei gefährden." (16)

Nachdem Matthias Mertens am 21. Dezember 1932 zum Kaplan an St. Anna in Materborn (heute Kleve-Materborn) ernannt worden war, galt seine besondere seelsorgerische Tätigkeit den Jugendlichen und der Arbeiterschaft. Als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht übernahmen, stand er sofort klar und eindeutig auf der Seite derer, die dem „neuen" politischen System kritisch gegenüberstanden. Er wagte seinem Temperament und seinem jugendlichen-dynamischen Charakter entsprechend auch in der Öffentlichkeit, vor allem in seinen Predigten, zu den politischen Vorgängen Stellung zu nehmen, was zu entsprechenden Reaktionen der Parteibehörden führte. (18) Trotz tätlicher Übergriffe der Hitlerjugend auf Gruppentreffen der katholischen Jugend (19) gab er den Anstoß zum Bau eines Jugendheimes, bei dem Matthias Mertens nicht nur selbst Hand anlegte, sondern auch einer Gruppe von Arbeitslosen die Möglichkeit bot, ihre Arbeitskraft einzubringen. (20)

Seine Predigten zur Verteidigung seines Bischofs Clemens August Graf von Galen (1878-1946) gab der örtlichen NSDAP - sie hatte ihn schon über einen längeren Zeitraum bespitzelt und beschattet - schließlich genügend Argumente für ein Strafverfahren: Vom Juli bis zum September 1935 wurde er in einem Sondergerichtsprozess in Düsseldorf wegen des Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz" angeklagt, (21) doch nach drei Hauptverhandlungstagen am 25. Oktober 1935 „dank der klugen und umsichtigen Verteidigung des Rechtsanwalts Franz van de Loo, Kleve, Gaesdoncker Abiturient von 1899" (22) freigesprochen. Noch während des Prozesses fiel der Gestapo in einem Arbeitslager bei Stuttgart eine umfangreiche Korrespondenz in die Hände, die Matthias Mertens mit einer dort befindlichen Studentin über Nationalsozialismus und Weltanschauung geführt hatte. „Während die Studentin sofort aus dem Arbeitsdienst entlassen wurde und dadurch vorerst vom Weiterstudium ausgeschlossen war, hatte die Geschichte für mich zunächst auffallenderweise keine Folgen. Aber sie war zu dem anderen 'auf Eis gelegt'". (23)

„Zu seinem eigenen Schutz" (24) war Matthias Mertens zwischenzeitlich (Februar 1935) von seinem Bischof als Kaplan an die Pfarrei St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf (heute Oberhausen-Sterkrade) versetzt worden. Auch die dortige scharfe Beobachtung durch die nationalsozialistischen Behörden hinderte nicht daran, Verbrechen und Unrecht beim Namen zu nennen, wenn er es für angebracht hielt. (25) Seine Lage wurde dabei mehr als heikel, als er zusammen mit seinem Pfarrer Eduard Albring (1886-1965) anlässlich der „Wahl" im Frühjahr 1936 die ganze politische Leitung der Ortsgruppe bloßstellte. „Ich stellte im Wahllokal öffentlich fest, dass die Wahl kontrolliert wurde und verweigerte ebenso öffentlich meine Stimmabgabe, wobei das Ereignis von mir und anderen schnellstens in breiter Öffentlichkeit publiziert wurde." (26) Erstaunlicherweise wurde jedoch zu diesem Zeitpunkt nichts gegen Matthias Mertens unternommen, auch Anzeigen wegen „verbotener Vereinstätigkeit" oder „aggressiver Predigten" führten bis zum Jahr 1941 lediglich zu einer „Reihe von Vernehmungen." (27)

Am 21. September 1941 entschloss sich die Geistlichkeit von Sterkarde-Nord, die später weltberühmt gewordenen Predigten von Bischof Clemens August Graf von Galen (gehalten am 13. und 20. Juli, 3. August 1941) in Auszügen in der Kirche zu verlesen. (28) Als Matthias Mertens vom Sohn eines Polizisten den Hinweis erhielt, dass für den gleichen Sonntag eine Demonstration gegen den Bischof vor oder während des Hauptgottesdienstes geplant war, zu der insgeheim die SA des Bezirks aufgeboten war, entschloss er sich zu den Sätzen, die ihn letztlich in das Konzentrationslager Dachau bringen sollten: „Meine Andächtigen! Wir sind unserem Bischof dankbar, dass er für Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit eine Lanze gebrochen hat, dass er es mutig tat, wo es mit großen Gefahren für ihn verbunden war. Wer dagegen demonstriert, der demonstriert damit gegen Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit. Und das ist nicht nur unchristlich, das ist auch undeutsch und alles, was sich daran beteiligt, ist Pöbel." (29) Vor allem dieses Wort führte zu einer Anzeige, am 24. November 1941 zur Vernehmung durch die Gestapo-Leitstelle Düsseldorf und schließlich zu seiner Verhaftung am 6. Januar 1942. (30) Nach mehr als zwei Monaten im Polizeigefängnis Oberhausen wurde ihm am 10. März 1942 der Schutzhaftbefehl ausgehändigt, am 31. März 1942 die Mitteilung, dass seine Überführung in das Konzentrationslager Dachau angeordnet worden sei. Er protestierte: „Ich stamme aus einer uralten kerngesunden und kerndeutschen Bauernfamilie vom Niederrhein. Zehn Kinder haben meine Eltern großgezogen, und 27 Enkelkinder schmücken das Alter meines 90-jährigen Vaters. Mit dem von meinen Eltern und Geschwistern eigenhändig erarbeiteten Geld habe ich an deutschen Schulen und Hochschulen studiert, ohne je fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. Weder ich bin jemals mit einem Gesetz in Konflikt gekommen noch ist es eins von meinen Angehörigen. Ich arbeite seit 10 Jahren beruflich an der sittlichen Reinerhaltung der Jugend und an der moralischen Erstarkung unseres deutschen Volkes im Geiste meines kinderreichen Vaterhauses. Ich erleide jetzt an die drei Monate die Bitternis der Schutzhaft im Polizeigefängnis Oberhausen und kann mir nicht denken, dass eine falsche Anzeige nun auch noch meine Verbannung wie die eines Staats- und Volksfeindes in ein Konzentrationslager zur Folge haben soll.“ (31) Am 17. April 1942 wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert. (32) Der erste Häftling aus dem isolierten Priesterblock, der Matthias Mertens am Drahtzaun ein „herzliches Willkommen" bot, war der ebenfalls aus der Diözese Münster stammende Diakon Karl Leisner (1915-1945), den er noch aus seiner Zeit in Materborn kannte (33) - eine Begegnung, die seine lange Haftzeit in Dachau nachhaltig prägte: „Mir fiel dabei auf, dass der Händedruck des von seiner Krankheit durchaus Gezeichneten und die wenigen Worte, die er mir fürs erste sagen konnte, von ungekünstelter Kraft und froher Zuversicht zeugten." (34) 

Über seine fast dreijährige Haftzeit im Konzentrationslager Dachau hat Matthias Mertens später kaum gesprochen: „Wenigstens eine durchschnittliche Phantasie würde nicht ausreichen, die Geschehnisse hinter den Stacheldrahtzäunen des dritten Reiches einfachhin zu erfinden. Wollte aber einer ihre Einzelheiten schildern, ohne ihrer Zeuge gewesen zu sein, so müßte man schon eine Erfindungsgabe von wahrhaft krankhaften Ausmaßen voraussetzen" (35), so schrieb er später in einem Artikel der „Neuen Züricher Nachrichten“. Seine Familie in der Heimat wandte nicht geringe Geldmittel auf, um ihren „Matthes“ durch Eingaben an einflussreiche Persönlichkeiten frei zu bekommen - ohne Erfolg. Als Matthias Mertens im Frühjahr 1943 zum Kommandanten des Dachauer Lagers befohlen wurde, der ihm eröffnete, dass er befugt sei, ihn sofort unter der Bedingung zu entlassen, dass er sich künftig aller priesterlichen Funktionen enthalte und das schriftlich versichere (36), weigerte er sich. Gegenüber seinem Vater begründete er dies: „Ich schlage mich mit Gottes Hilfe schon durch, wenn es so bleibt, obgleich das Beste, 'die goldene Freiheit', einstweilen fehlt. Aber ich darf und will über nichts klagen angesichts der Nöte so vieler [...]. Ihr sollt bei neuen Versuchen keine Auslagen mehr machen. Was Ihr ohne solche noch tun wollt und mit solchen alles getan habt, danke ich Euch aus ganzem Herzen und Gott lohne das. Ich freue mich über Eure Meinung, dass auf unlautere und unwürdige Bedingungen von mir nicht eingegangen werden soll. Ihr sollt Euch da auf mich verlassen können. Aber betet mit mir um Beharrlichkeit. Allein aus sich kann man so etwas nicht auf die lange Dauer. Aber nein, dann wollen wir lieber unser Wiedersehen auf den Himmel verschieben." (37) So sollte Matthias Mertens für zwei weitere Jahre seinen Mitbrüdern aufgrund seiner ungebrochenen Gläubigkeit eine gute Stütze sein; nicht zuletzt auch wegen seiner praktischen Veranlagung konnte er vielen auch durch sonstige Tätigkeiten helfen. (38)

Es spreche für die Größe des Priesters Matthias Mertens, schreibt Bbr. Klinke, dass es für ihn neben dem Un- und Untermenschlichen, also dem Negativen des KZ-Erlebens, bis zu einem gewissen Grade auch eine „andere Seite" dieses Erlebens gegeben habe: Dazu gehörte für ihn „alles, was [ihn und seine priesterlichen Freunde] vor der letzten Verzweiflung bewahrte, alles, was das Leben hinter dem Stacheldraht trotzdem lebenswert erscheinen ließ, alles, was den Mut zum 'dennoch' jeden Tag von neuem stärkte, alles schließlich und besonders, was das dumpfe und niederziehende und anscheinend so sinnwidrige Leiden auf eine Stufe höchster Sinngebung emporhob: das Religiöse." (39) So wurden die Erfahrungen im Konzentrationslager Dachau für Matthias Mertens zu einem besonderen Beitrag zu der während des Dritten Reiches oft gemachten Erfahrung, dass „der Nationalsozialismus mit seiner antireligiösen und antikirchlichen Einstellung nichts anderes war als '... ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft.' Der Teufel, solcherart von Goethe im Faust charakterisiert, wurde jedem noch halbwegs gläubigen Lagerhäftling eine oft erlebte lebendige Wirklichkeit, wenn er es nicht schon vorher oder nicht mehr gewesen war. Ja, man gewann im Laufe der jahrelangen Haft den Eindruck, dass der Widersacher, der Teufel, das Konzentrationslager als seine ureigene Domäne betrachtete." (40) Ist es von daher verwunderlich, dass Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern am 17. Dezember 1944 neben vielen anderen Empfindungen auch einen „guten Teil heilige Schadenfreude" im Herzen verspürte, als mit der Priesterweihe von Karl Leisner dem Teufel ein schlimmer Streich gespielt wurde und dass er damit in seiner Hochburg eine empfindliche Niederlage erlitt? So wurde der Sonntag Gaudete als der große und in der Geschichte der Gefängnisse und Konzentrationslager wohl einzig dastehende Tag der „Priesterweihe hinter Stacheldraht" für Matthias Mertens zu dem Tag, an dem er lernte, ohne Verbitterung an Dachau zu denken, obwohl seine Gesundheit dort für immer schwer gelitten hatte. (41) Zu „dieser einzigartigen Gelegenheit", dem Tag, an dem er selbst vor genau zwölf Jahren die Priesterweihe empfangen hatte, wiederholte und erneuerte er sein „adsum". (42) „Wir Priesterkameraden aus der Diözese Münster, dreißig Überlebende sind wir noch, umstehen den Weihealtar zunächst [...]. Dann dürfen wir nach [dem Bischof] dem Ordinanden nacheinander die Hände auflegen, wie es der Weiheritus für die anwesenden Priester vorsieht. Aber die andern Hunderte von Priesterhäftlingen aus 24 Nationen können nur im tiefem Schweigen ihre Arme ausbreiten [...]. Es folgt die Überreichung der priesterlichen Gewänder und die Salbung der Hände, die danach zusammengebunden werden. Jetzt ist Karl Leisner zweifach gefesselt, und seine Hände sollen nun segnen, auch die segnen, die seine Ketten geschmiedet haben. Außerordentlich stark, ja überwältigend wirkt diese Symbolik der Salbung und doppelten Fesselung, in die wir alle fühlbar mit hineingezogen sind [...]. 'Man flucht uns, und wir segnen. Man verfolgt uns, und wir nehmen es geduldig hin. Man verleumdet uns, und wir sprechen Trost. Wie der Auswurf der Welt sind wir geworden, wie der Abschaum aller bis zur Stunde (1. Kor. 4,12-13) [...]. 'Victor quia victima' - 'Er ist Sieger, weil er ganz Opfer ward', so könnte man über diese Stunde schreiben wie über die von Golgotha. Etwas wie Siegesfreude liegt denn auch [...] über unserer Gemeinschaft und zittert durch unsere Herzen [...]." (43)

Als die amerikanischen Truppen immer näher rückten, wurde Matthias Mertens am 9. April 1945 aus dem Konzentrationslager entlassen. Von dort begab er sich noch am gleichen Tag in das Krankenhaus München-Schwabing, wo eine bakterielle Ruhr festgestellt wurde. (44) Von Schwabing aus besuchte er am 29. Mai 1945 (45) seinen Mitbruder Karl Leisner, der sich seit dem 4. Mai 1945 im Sanatorium Planneg befand. Wie seine erste Begegnung mit ihm in Dachau, so gehörte für Matthias Mertens auch die letzte mit Karl Leisner zu seinen unauslöschlichen Erinnerungen: „[...] Wieder konnten wir nur wenige Worte wechseln, diesmal wegen der Schwäche des Kranken. Aber dennoch waren meine Eindrücke fast die gleichen wie vor drei Jahren: eine ungebrochene Zuversicht und eine sieghafte Freude strahlten von ihm aus. In diesem Satz, den er mir sagte, kommen sie so recht zum Ausdruck: 'Um drei Dinge habe ich stets gebetet: um die Genesung und die Freiheit und um das Priestertum. Gott schenkte sie mir alle drei, nur in umgekehrter Reihenfolge." (46)

Als die Amerikaner kurz darauf das Krankenhaus beschlagnahmten, machte sich Matthias Mertens zusammen mit seinen Mitbrüdern Prof. Dr. Heinrich Selhorst (1902-1979) und Rektor Heinrich Küppers (1896-1955) auf den langen und beschwerlichen Weg in die Heimat. (47) Am 29. Juni 1945 traf er auf dem elterlichen Hof in Wachtendonk ein, wo er das Glück und die Freude hatte, seinen Vater noch lebend wiederzusehen. (48) Schon wenige Tage später, am 6. Juli 1945 fuhr er zusammen mit Bundesbruder Heinrich Mönks nach Münster, um Bischof Clemens August Graf von Galen zu treffen, der Matthias Mertens wie einen Sohn empfing: „Als Matthes vor dem Bischof in die Knie ging, um seinen Ring zu küssen, zog ihn dieser zurück, umarmte ihn und sagte, dass heute der Tag sei, an dem er vor ihm in die Knie gehen würde." (49) 

Trotz seiner immer noch nicht ausgestandenen Erkrankung und Schwäche kehrte Matthias Mertens bereits am 23. Juli 1945 als Kaplan in seine vorherige Pfarrgemeinde St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf zurück, wo man ihm einen begeisterten Empfang bereitete. „Die Schmachtendorfer, die sich am 17. April 1942 noch am Zug von ihrem Kaplan verabschieden konnten, holten ihn nun von dort mit einer Kutsche ab und geleiteten ihn mit einer Reiter- und Fahrradeskorte zur völlig überfüllten Kirche. Als er dort mit einem neuen weißen Messgewand bekleidet einzog, erhoben sich alle Anwesenden, applaudierten minutenlang und bewarfen Matthes mit Hunderten von roten Rosen als Zeichen des Sieges über das Martyrium." (50)

Im März 1947 stellte eine Untersuchung im Krankenhaus eine Lungentuberkulose als direkte Folge der langen Haftzeit fest, die Matthias Mertens zwang, schweren Herzens die Kaplanstelle in Sterkrade aufzugeben. Über ein Jahr blieb er in stationärer Behandlung und ging von Juni 1948 bis August 1949 zu einer Kur in eine Spezialklinik in Arosa (Schweiz). Seine vollständige Genesung konnte er jedoch zeitlebens nicht mehr erreichen. (51) Am 10. August 1948 beauftragte ihn Bischof Michael Keller (1896-1961) mit der Seelsorge am Prosper-Hospital in Recklinghausen. Zu einer optimalen medizinischen Betreuung kam dort auch eine größere Unabhängigkeit. (51) Als für den angeschlagenen Matthias Mertens der Umgang mit Krankheit und Tod immer schwieriger wurde, setzte sich sein Freund Heinrich Mönks zusammen mit Hermann Hooymann (1906-1983), Pfarrer an St. Liebfrauen in Goch, dafür ein, dass ihn der Bischof am 28. August 1953 zum Spiritual und Prokurator am Collegium Augustinianum, seinem alten Gymnasium, ernannte. Diese kombinierte Tätigkeit ermöglichte ihm neben guter medizinischer Versorgung gleichzeitig nur so viel Seelsorgearbeit zu übernehmen, wie es seine Gesundheit zuließ. Die Tätigkeit eines Spirituals lag Matthias Mertens aber wohl nicht so sehr; schon bald wurde er wieder von dieser ihm zugedachten Aufgabe entbunden. (52) So investierte er seine verbleibende Kraft in die wirtschaftlichen Belange der Schule, auch wenn er immer wieder durch die Folgeschäden seiner langen Haftzeit aus der Arbeit herausgerissen wurde. (53)

Der Kontakt zur UNITAS blieb und erstarkte neu: Kurz nachdem Matthias Mertens auf „der Gaesdonck“ eingezogen war, besuchte ihn Heinrich Mönks zusammen mit den Klever Bundesbrüdern Friedrich Giesen (1900-1964) und Heinrich Holling (1900-1986), die ebenfalls der UNITAS-Sugambria angehörten. Und wie schon über zwanzig Jahre zuvor, versuchte er wieder, Matthias Mertens zur Rückkehr in die Unitas zu bewegen. Dabei argumentierte er vor allem damit, dass ihm gerade jetzt die „wahrhaft brüderliche Gemeinschaft" nur gut tun würde. (54) Er erbat sich Bedenkzeit bis zum Vereinsfest „Maria Immaculata", erschien an diesem Tag zum Gottesdienst des Klever Zirkels und teilte mit, dass er nach Münster seinen Wiedereintritt gemeldet habe. (55) Bis zum Ende der 50er Jahre hat er daraufhin an fast allen Veranstaltungen des Klever Zirkels teilgenommen und seine Bundesbrüder auch zu sich auf die Gaesdonck eingeladen. Eine besondere Beziehung entwickelte sich dabei zu Bundesbruder Heinrich Robke (1908-1993), der dort von 1955 bis 1972 Oberstudiendirektor war. (56)

Nicht zuletzt bedingt durch die physischen, vor allem aber auch durch die psychischen Folgen der Haft, kam es in der Folgezeit immer häufiger zu Problemen und Mißverständnissen auf der Gaesdonck. (57) Der so impulsive, kämpferische Matthias Mertens, der nach außen ungebrochen in die Freiheit zurückgekehrt war, zeigte sich nun immer mehr belastet und geschwächt durch die lange Haftzeit; ein Phänomen, dass bei vielen KZ-Häftlingen mit oft langer Verzögerung aufgetreten ist. (58) Ohne auf weitere Einzelheiten einzugehen, soll an dieser Stelle auch nicht verschwiegen werden, dass Matthias Mertens zu dieser Zeit ein massives Alkoholproblem entwickelte, dass ihn in der Folgezeit noch cholerischer und unberechenbarer machte, als er es ohnehin schon war. (59) Seit Anfang der 60er Jahre zog er sich von seinen Aufgaben und aus seinem persönlichen Umfeld mehr und mehr zurück. Auch an den Klever Zirkeltreffen nahm er nicht mehr teil, (60) hielt aber noch engen Kontakt zu den Bundesbrüdern Pfarrer Heinrich Mönks und Heinrich Robke. Vor allem diese beiden waren es, die Matthias Mertens aufsuchte, wenn er „einen guten Tag hatte" und „sein Schneckenhaus" für einige Stunden verlassen wollte. „Oft war er dann wieder ganz der alte, der gute und gesellige Bundesbruder, derjenige, der nicht aufhören konnte zu 'schwadronieren.'“(61) Über seine persönlichen Probleme sprach er vor allem mit seinem alten Freund und Conabiturienten Joseph Scholten: „Wenn Matthes zu uns kam, wußte ich schon, dass wieder irgendetwas passiert war. Mit meinem Mann zog er sich dann ins Wohnzimmer zurück, wo sie bei verschlossenen Türen über Stunden hinweg miteinander redeten. Wenn dann alles geklärt war, verbrachten wir den Rest des Tages in einer ganz herzlichen Atmosphäre. Joseph und ich haben Matthes sehr geliebt." (62) Nachdem 1965 zog sich Matthias Mertens von seiner Aufgaben als Prokurator des Collegium Augustinianum (63) mehr und mehr zurück, was zu Schwierigkeiten mit der zuständigen Abteilung im Bischöflichen Generalvikariat führte. Als man von dort aus Bischof Joseph Höffner (1906-1987) bat, „diesen launenhaften, dickköpfigen und brüllenden Mann, der sich Priester nennt" (64) abzuberufen, fuhren Hermann Hooymann sowie die Bundesbrüder Heinrich Mönks und Heinrich Robke nach Münster, um den „zuständigen Herrn im Ordinariat zur Rede zu stellen und bei Bischof Joseph für Matthes einzustehen, der uns, noch ehe wir uns gesetzt hatten, mitteilte, dass der so tapfere und einsame Rektor Matthias Mertens, der es im Leben besser verdient gehabt hätte, solange auf der Gaesdonck bleibt, wie er es will." (65)

Dem immer mehr gezeichneten Matthias Mertens sollte nur noch eine kurze Zeit bleiben. „Eines Tages rief er mich zu mir und zeigte mir seine roten Hände. Ich fragte ihn: 'Hat es etwas mit der Leber zu tun?' Darauf sagte er still: 'Ja, jetzt auch noch Leberkrebs.'" (66) Noch einmal setzte sich Bundesbruder Heinrich Mönks für ihn ein und besorgte ihm einen Platz in einer Spezialklinik in Kassel, wo er fast ein halbes Jahr verbrachte. Dort konnte man ihm aber nicht mehr helfen, worauf er auf die Gaesdonck zurückkehrte und von den dort tätigen Ordensschwestern liebevoll gepflegt wurde. Als er merkte, dass es zum Sterben kam, rief er nacheinander seine engsten Freunde zu sich, wobei er für jeden eine kleine Kiste mit Briefen, Büchern und Photos vorbereitet hatte. (67) Seine letzten Tage und Stunden begleitete Hermann Hooymann, (68) dem er auch den Text für sein Sterbebildchen diktierte: „Man soll uns betrachten als Diener Christi und Verwalter der Geheimnisse Gottes. Da dem so ist, verlangt man von jedem Verwalter nur, dass er treu befunden werde. Doch was mich angeht, so ist es mir völlig gleichgültig, von euch oder von einem anderen menschlichen Gerichtstage beurteilt zu werden; ja, ich beurteile mich nicht einmal selbst. Es ist der HERR, der mich richtet. Deshalb urteilt nicht vorzeitig über etwas, bis der HERR kommt. Er wird auch das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenkundig machen; und dann wird jedem sein Lob von Gott zuteil werden. IHM SEI LOB UND DANK IN EWIGKEIT, AMEN!" (69) Kurz darauf erbat er die Krankensalbung und starb nach einigen Tagen ohne Bewusstsein am 1. Februar 1970. „Auch wenn ich selbst Priester bin, habe ich kaum einen Menschen erlebt, der erfüllt mit einer so starken Liebe zur Kirche gestorben ist." (70) Unter großer Anteilnahme wurde Matthias Mertens im Quadrum der Gaesdonck zu Grabe getragen; das Requiem hatte zuvor Domkapitular Prof. Dr. Heinrich Selhorst in Konzelebration mit nahezu 100 Mitbrüdern gehalten, darunter fast allen noch lebenden Dachauer Mithäftlingen aus der Diözese Münster. Die Predigt sowie die Beisetzung hielt der mit ihm am gleichen Tag in die UNITAS eingetretene Bundesbruder Heinrich Mönks. (71)

Die persönliche Tragik von Matthias Mertens und sicher nicht zuletzt seine letzten Jahre mit allen Missverständnissen und der Verkennung seiner Bemühungen, haben wohl dazu beigetragen, dass es, auch innerhalb des Unitas-Verbandes, lange Zeit so still um ihn war. Heute, in einer Zeit, in der wir es oftmals mehr als nötig haben, unseren eigenen Glauben und unsere Stellung in der Kirche zu überprüfen, kann uns dabei das tapfere und mutige Beispiel unseres Bundesbruders Matthias Mertens Vorbild und Verpflichtung sein. Nicht jedem ist es gegeben, vor aller Öffentlichkeit Bekenner der Wahrheit zu sein; nicht von allen wird gefordert, für Gott und die Kirche mit Leib und Leben einzustehen. Aber Zeugen der Liebe Christi sollten wir allezeit sein!

Bilder:
Bild 1: Bbr. Matthias Mertens als Sugamber in Münster
Bild 2: Das im KZ Dachau entstandene Gedenkbildchen von der Priesterweihe Karl Leisners verzeichnet unter dem Wappen des späteren Münsteraner Kardinals von Galen die anwesenden Geistlichen, unter ihnen außer Mathias Mertens noch drei weitere unitarische Bundesbrüder: Pfarrer Heinrich Fresenborg (M), geb. 02. Mai 1900, gest. 21. März 1986, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 28. März 1945; Generalvikariatsrat Geistl. Rat Heinrich Hennen (I2, M3), geb. 13. Januar 1907, gest. 02. November 1967, im KZ Dachau vom 30. Januar 1942 bis zum 05. April 1945; Pfarrer Heinrich Koetter (I2), geb. 28. Oktober 1910, gest. 15. Juni 1973, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 27. März 1945.


Quellennachweis:

1 Vgl. Ganz, Günther: „... verzeihen und auf Rache verzichten!" Als Priester im KZ Dachau: Bbr. Rektor Matthias Mertens (1906-1970), in: Unitas 2 (2000), 54f., hier: 54. Zweitabdruck in UNITAS-Handbuch, Bd. IV, 2000, 374-381.
2 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
3 Vgl. ein Schreiben von Dr. Thomas Becker (Archiv der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) an den Verfasser vom 08. Juni 2000.
4 Vgl. dazu das Gesamtverzeichnis des Unitas-Verbandes 1930, S. 128. Das Rezipierungsdatum von Heinrich Mönks wird in der von Dirk Lüerßen und Thomas Weinmann verfassten Festschrift „W.K.St.V. Unitas Sugambria: Gestern - Heute - Morgen", Mülheim an der Ruhr 1999, S. 202, falsch angegeben.
5 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
6 Vgl. Unitas 6/7 (1929/30), S. 101. Matthias Mertens hatte den zu seiner Zeit bekannten Theologen Dr. Carl Sonnenschein (1876-1929) auf dem Katholikentag 1928 in Magdeburg kennengelernt, wo er wohl einen nachhaltigen Eindruck auf ihn machte. Er begann sich zu dieser Zeit intensiv mit dessen Werk zu beschäftigen und einige Aufsätze zu veröffentlichen, u.a. am 20. Februar 1934 in der Klever Zentrumszeitung „Der Volksfreund".
7 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens.
8 Vgl. Schwarzes Brett der Unitas 10/11 (1931), Seite 92.
9 Vgl. Ebd.
10 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster, vom 24. August 2000. Dazu wurde mir von den Bundesbrüdern Dr. Ludwig Freibüter und Dr. Wolfgang Burr bestätigt, dass es zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich war, dass Bundesbrüder die Unitas bei ihrem Eintritt ins Priesterseminar verlassen haben bzw. nach Aufforderung durch ihren Regens oder Bischof verlassen mussten.
11 Vgl. die Kartei des Studentensekretariates der Westf. Wilhelms-Univ. Münster, Karteikarte Matthias Mertens. Die Exmatrikulation erfolgte unter der lfd. Nummer 1039 am 27. April 1932.
12 Vgl. dazu das Primizbildchen von Matthias Mertens, Original im Besitz des Verfassers.
13 Persönliche Mitteilung von Prof. Dr. Alois Schröer, Münster, vom 24. August 2000. Irrtümlich wird oft angegeben, dass die Weihe durch Bischof Johannes Poggenburg (1868-1933) erfolgte, dieser war jedoch erkrankt.
14 Persönliche Mitteilung von Pastor Franz Hermes, Goch, vom 24. August 2000.
15 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
16 Ebd.
17 Vgl. dazu ein Schreiben von M. Mertens an Pfr. Emil Thoma v. 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verf.
18 Geerkens, Ernst: „Zur Namensnennung des Pfarrheims in St. Anna Materborn", Unveröfftl. Arbeitspapier für den dortigen Pfarrgemeinderat, S. 2, Kopie im Besitz d. Verf.
19 Vgl. Ebd., Seite 3. Hier wird wiederum die Verbindung zu Carl Sonnenschein deutlich, der die „kirchliche Arbeitsbeschaffung" immer als „wertvollen sozialpolitischen Dienst" bezeichnet hatte.
20 Vgl. dazu ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946 (Kopie im Bes. d. Verf.); der genaue Vorwurf lautete, dass er "zusammen mit zwei Laien im Vorfeld der Volksabstimmung vom 11. August 1934 durch die Verbreitung von angeblich durch die Partei benützten, kirchenfeindlichen Liedertexten gegen die Regierung agitiert" hat.
21 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 60.
22 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
23 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
24 Vgl. Ebd.
25 Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz des Verfassers.
26 Vgl. Ebd.
27 Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 60.
28 Ebd., Seite 61. Bei der wörtlichen Schilderung bezieht sich Scholten auf das Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946.
29 Boberach, Heinz: Berichte des SD und der Gestapo über Kirchen und Kirchenvolk in Deutschland 1934-1944, Mainz 1971, Seite 611. In einer „Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse" vom 21. Januar 1942 hieß es dazu lapidar: „Der Kaplan Matthias Mertens (geb. 05.12.06 Straelen, wohnhaft Oberhausen-Sterkrade) hatte in einer Predigt zu einer von der NSDAP durchgeführten Kundgebung in unsachlicher Weise Stellung genommen und hierbei gegen den Redner und die Teilnehmer dieser Versammlung beleidigende Äußerungen gemacht. M. wurde durch die Stapoleitstelle Düsseldorf vorläufig festgenommen."
30 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 61.
31 Vgl. ein Schreiben von Matthias Mertens an Pfr. Emil Thoma vom 18. Dezember 1946, Kopie im Besitz d. Verf.
32 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: "Neue Züricher Nachrichten" vom 28. März 1949.
33 Ebd.
34 Ebd.
35 Vgl. Scholten, Joseph: Ein Bekenner aus Gaesdoncker Reihen - Eine Erinnerung an Rektor Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), Seite 62.
36 Schreiben von Matthias Mertens an Vater und Geschwister v. 17. April 1943, Kopie im Besitz d. Verf.
37 Vgl. Dyckmans, Paul: Matthias Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 23 (1970), Seite 111.
38 Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: "Neue Züricher Nachrichten" vom 28. März 1949.
39 Ebd.
40 Vgl. Hermes, Franz: Noch eine Erinnerung an Rektor Mertens, in: Gaesdoncker Blätter 37 (1984), S. 67.
41 Vgl. Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: "Neue Züricher Nachrichten" v. 28. März 1949.
42 Vgl. Mertens, Matthias: Priesterweihe hinter Stacheldraht, in: "Neue Züricher Nachrichten" vom 1. April 1949. 
43 Vgl. Schreiben v. Pfr. Hermann Mühlhoff an Pfr. Johannes Sonnenschein, 27. März 1974, Kopie im Bes. d. Verf.
44 Vgl. Seeger, Hans-Karl: Karl Leisners letztes Tagebuch, Kleve 2000, Seite 46, Eintragung vom 01. Juni 1945. Matthias Mertens selbst datiert diesen Besuch in seinem Bericht „Priesterweihe hinter Stacheldraht" auf "die ersten Junitage".
45 Ebd., S. 95.
46 Vgl. Schreiben von Pastor Franz Hermes an Pfr. Hans-Karl Seeger vom 30. März 2000, Kopie im Bes. des Verf.
47 Vgl. Schreiben von Pfr. Hermann Mühlhoff an Pfr. Johannes Sonnenschein, 27. März 1974, Kopie im Besitz des Verfassers.
48 Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verfassers.
49 Ebd.
50 Vgl. Schreiben von Pfr. Hermann Mühlhoff an Pfr. Johannes Sonnenschein, 27. März 1974, Kopie im Besitz des Verf.
51 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verf.
52 Vgl. Hermes, Franz: Erneute Ehrung für Matthias Mertens in Oberhausen, in: Gaesdoncker Blätter 41 (1988), Seite 28.
53 Vgl. ein Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 23. März 1975, Kopie im Besitz des Verfassers.
54 Vgl. Ebd.
55 Ebd. Wenn Matthias Mertens davon gesprochen hat, "nach Münster" seinen Wiedereintritt erklärt zu haben, ist als Empfänger wohl Bbr. Ludwig Freibüter sen. (1880-1964) gemeint, der damals das Amt für Statistik des Unitas-Verbandes leitete und das Mitgliederverzeichnis führte. Die Verbandsgeschäftsstelle befand sich zu dieser Zeit in Frankfurt. Es ist ziemlich sicher, dass sich in diesem Zusammenhang der schon von Bbr. Günther Ganz vermutete Fehler eingeschlichen hat, nachdem aus dem Kürzel M2 (für Unitas-Sugambria Münster) das Kürzel Mz (für Unitas-Willigis Mainz) wurde. So sind sich auch die Bundesbrüder Dr. Karl-Heinz Buffen (geb. 1928), Dr. Alfons Siebers (geb. 1913) und Reinhard Verführt (geb. 1929), die Matthias Mertens noch als Mitglied des Klever Zirkels kannten, ganz sicher, dass er niemals auch nur irgendeinen Kontakt zur Mainzer Unitas hatte (sämtliche persönliche Mitteilungen vom 23. August 2000).
56 Persönliche Mitteilung von Bbr. Dr. Klaus Robke, Steinfurt, vom 23. August 2000.
57 Persönliche Mitteilung von Pfr. Josef Perau, Goch, vom 23. August 2000.
58 Vgl. Frieling, Christian: Priester aus dem Bistum Münster im KZ, Münster 1992, Seite 143.
59 Persönliche Mitteilung von Pastor Franz Hermes, Goch, vom 22. August 2000. Franz Hermes (geb. 1921) war seit 1959 Studiendirektor im Collegium Augustinianum, wo er auch heute noch lebt und den (leider nicht mehr vollständigen) Nachlaß von Matthias Mertens verwaltet. So sind z.B. viele Dokumente dadurch verloren gegangen, dass die Freunde, die Matthias Mertens damit bedachte, inzwischen selbst alle verstorben sind.
60 Persönliche Mitteilung von Bbr. Dr. Karl-Heinz Buffen, Goch, vom 23. August 2000.
61 Persönliche Mitteilung von Bbr. Dr. Klaus Robke, Steinfurt, vom 23. August 2000.
62 Persönliche Mitteilung von Marianne Scholten, Kleve, vom 26. August 2000.
63 Seine informativen Berichte über den Wiederaufbau und Aufbau der Gaesdonck in den "Gaesdoncker Blättern" vermitteln bis zu diesem Zeitpunkt ein klares Bild von allem, was dort damals geschah.
64 Schreiben von Pfr. Hermann Hooymann an Pfr. Heinrich Mönks vom 23. März 1972, Kopie im Besitz des Verfassers.
65 Schreiben von Pfr. Heinrich Mönks an Pfr. Paul Dykmans vom 26. Mai 1974, Kopie im Besitz des Verfassers.
66 Persönliche Mitteilung von Pfr. Josef Perau, Goch, vom 23. August 2000.
67 Schreiben von Pfr. Hermann Hooymann an Pfr. Heinrich Mönks vom 23. März 1972, Kopie im Besitz des Verfassers.
68 Vgl. ein Schreiben von Joseph Scholten an Pfr. Johannes Sonnenschein vom 05. Mai 1974, Kopie im Besitz des Verfassers.
69 Vgl. das Sterbebildchen von Matthias Mertens, dessen Original ich dankenswerterweise von Pfr. Johannes Sonnenschein als Geschenk erhalten habe.
70 Schreiben von Pfr. Hermann Hooymann an Pfr. Heinrich Mönks vom 23. März 1972, Kopie im Besitz des Verfassers.
71 Vgl. das Schreiben von Joseph Scholten an Pfr. Johannes Sonnenschein vom 05. Mai 1974, Kopie im Besitz des Verfassers.




+ Bbr. Prälat Martin Zeil
Versöhnungsarbeit im Geiste Robert Schumans


Das Leben von Bbr. Martin Zeil, sein priesterliches Wirken waren geprägt vom Dienst unter den Soldaten. Ihnen galt seine Sorge, eine Treue und seine kameradschaftliches Verbundenheit. – Es erscheint wie ein symbolhaftes Geschehen, dass während eines Vortrages bei den Angehörigen des ehemaligen 23. Panzerdivision das Wirken von Militärdekan a. D. Prälat Martin Zeil beendet wurde. Ein Gehirnschlag lähmte ihn für die restlichen Monate seines Lebens. Martin Zeil wurde am 9. April 1912 in Dundenheim geboren. Diesem Dorf am Rhein, gegenüber dem Elsass gelegen, bleibt er zeitlebens treu verbunden. Als Ehrenbürger der Gemeinde fand er am 5. Juli 1999 auf dem Dorffriedhof seine letzte Ruhestätte.

Im SS 1934 war der junge Theologiestudent in Münster der Ruhrania beigetreten und hatte sich später der Freiburger Unitas Eckhardia angeschlossen. Nach seiner Philistrierung 1936 war er mit Ausnahme der Jahre, als die Unitas von den Nazis verboten wurde ab Januar 1947 wieder engagiertes Mitglied der AHV. Viele Bundesbrüder werden sich erinnern, dass er seit Jahrzehnten an allen großen Stiftungsfesten teilnahm und einen guten Kontakt zu den nachwachsenden Freiburger Unitariern hatte. 

Am 7. März 1937 wurde Martin Zeil im Münster zu Freiburg durch Erzbischof Conrad Gröber zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit – zuletzt in Mannheim-Neckarau – wurde er im März 1940 zur Wehrmacht eingezogen. Zunächst arbeitete er als Kriegspfarrer in verschiedenen Lazaretten in Belgien, Frankreich und Russland. Ab Februar 1940 war er Divisionspfarrer der 23. Panzerdivision. Unter extremen Bedingungen wollte er den Soldaten nahe sein, ihnen seine Hilfe anbieten und für sie Seelsorger sein. Er sah in diesem Dienst seine besondere Berufung. Als 1956 die Bundeswehr aufgestellt wurde, war Martin Zeil einer der ersten Militär-Seelsorger. Bereits im April 1956 wurde er zum Wehrbereichsdekan in Stuttgart ernannt.

Seinen Pfarrern gegenüber war ein strenger Vorgesetzter. Er legt größten Wert darauf, dass die Pfarrer in den Kasernen, auf den Truppenübungsplätzen und in den Krankenrevieren gegenwärtig waren. Präsenz, Nähe zu den Soldaten, war für ihn selbstverständlich. Während seiner gesamten Zeit in der Bundeswehr und darüber hinaus bis zu seinem Tod war ihm die deutsch-französische Verständigung ein Herzensanliegen. Hier nutzte er alle Möglichkeiten, die sich ihm boten. Hier war er jeweils ein Mann der ersten Stunde. Er begleitete die ersten deutschen Soldaten zu den Truppenübungsplätzen in Frankreich. Unermüdlich verhalf er dabei zu Kontakten, Verständnis, Einsichten. Er gehörte auch zu denen, die die internationalen Soldatenwallfahrten nach Lourdes organisierten. Selbstverständlich war dabei sein Platz im Zeltlager oberhalb der Stadt Lourdes. – nicht im Hotel.

Als Wehrbereichsdekan lud er über viele Jahre hin monatlich Gruppen französischer Soldaten nach Stuttgart ein, damit sie mit deutschen Kameraden ein Wochenende verbringen konnten. In den Sommerferien veranstaltete er mit französischen und deutschen Kindern aus Soldatenfamilien Ferienlager in Frankreich und Deutschland. Die französische Militärseelsorge und ihre Pfarrer waren ihm so vertraut wie die Deutschen.

Die Franzosen wussten diesen nachhaltigen Einsatz zu schätzen. So ernannte ihn der französische Staat zum Kommandeur des „Orde National du Mérite“, des französischen nationalen Verdienstordens (vgl. unitas 4/1997). 1997 ehrte ihn die Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung Basel mit dem „Josef-Rey-Preis“, der nach dem ehemaligen Colmarer Bürgermeister und unermüdlichen Mitstreiter in der deutsch-französischen Zusammenarbeit benannt ist. Generalleutnant Jean Louis Brette, der frühere Oberbefehlshaber der französischen Truppen in Deutschland, hielt die Laudatio. Die Worte des Generals machten deutlich, wie hoch die Franzosen den unermüdlichen Einsatz von Prälat Zeil schätzen: „Was für ein Glück, was für eine Gnade für uns Franzosen, dass Sie ein Badener sind und dass Sie zum Wehrbereichsdekan im Wehrbereich V, das heißt, in Baden-Württemberg ernannt wurden, wo die Hälfte der französischen Streitkräfte stationiert und deren Kommandos installiert waren.“

Wir wissen heute, welche Früchte diese gemeinsame Saat nach dem Zweiten Weltkrieg hervorbrachte. Einer der großen Stifter dieser deutsch-französischen Verständigung und Aussöhnung, ganz im Geiste unseres großen Unitariers Robert Schuman, war Bbr. Martin Zeil.
StD Hans-Jürgen Günther, Emmendingen

Aus: unitas 1999/6


+ Bbr. Rudolf Maurer-Wildermann

BONN. Einen gnädigen Tod fand im 90. Lebensjahr in Anwesenheit seiner drei Kinder am 23. November 1999 Bbr. Studiendirektor a. D. Rudolf Maurer-Wildermann. Vor 13 Jahren war er mit seiner Gattin in das Seniorenheim Augustinum in Bonn gezogen. Hier baute er einen katholischen Arbeitskreis auf, der viele Mitbewohner reichlich beschenkt hat. Bis wenige Tage vor seinem Tod hat er in diesem Arbeitskreis sehr aktiv mitgewirkt.

Bbr. Maurer-Wildermann, 1910 im Emsland geboren, war 1929 in Münster in die UNITAS Ruhrania eingetreten. In Köln schloß er sich der Deutschritter-UNITAS an, wo er 1934 philistriert wurde. Gerne erzählte er, dass während seiner Referendarszeit der stellvertretende Chef der Conrad-Schlaun-Schule, Bbr. Ludwig Freibüter sen., sein Mentor gewesen sei, der im UNITAS vorgelebt habe. Am 29. November wurde Rudolf Maurer-Wildermann in Ennepetal-Voerde, wo er Jahrzehnte als Lehrer gewirkt hatte, beigesetzt. Seine Bundesbrüder und seine Mitbewohner im Augustinum werden ihn in dankbarer Erinnerung behalten.
Ludwig Freibüter, Bonn

Aus: unitas 1999/6


Mai 1997
UNITAS verlieh Heinrich-Pesch-Preis
an Bischof Komarica


BONN. Franjo Komarica, Bischof der bosnischen Stadt Banja Luka, hat den Heinrich-Pesch-Preis des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS erhalten. Bischof Komarica habe über alle ethnischen, politischen und religiösen Grenzen hinweg sozial und caritativ gewirkt, hieß es bei der Verleihung des mit 5000 Mark dotierten Preises durch den Sozialethiker Professor Lothar Roos im Katholischen Büro in Bonn. Der Heinrich-Pesch-Preis wurde seit 1981 insgesamt fünfmal an Persönlichkeiten verliehen, die sich um die Weiterentwicklung und praktische Umsetzung der katholischen Soziallehre verdient gemacht haben. Dazu dokumentieren wir im Wortlaut einen Artikel aus der Kölner Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln 19/97 vom 9.Mai 1997:


Dokumentation

„In schweren Kriegstagen
den Menschen beigestanden
Bischof Franjo Komarica erhielt Heinrich Pesch-Preis


BONN. „Vor den Augen der Weltöffentlichkeit wurde den Menschen in Bosnien-Herzegowina die Würde und Freiheit genommen“, klagt Franjo Komarica (51), Bischof der bosnischen Stadt Banja Luka, die Europäische Union und die Großmächte an. In Bonn wurde der Bischof, der in der schlimmen Kriegszeit bei seinen Gäubigen ausharrte, mit dem Heinrich-Pesch-Preis des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas geehrt.
Der mit 5000 Mark dotierte Preis erinnert an Heinrich Pesch, den ersten Systematiker der christlichen Gesellschaftslehre. Er wird Menschen verliehen, die sich um die Umsetzung der Katholischen Soziallehre verdient gemacht haben.
In seiner Ansprache betonte Vorsitzender Professor Lothar Roos: „Sie haben angesichts der unermesslichen Leiden, die Sie persönlich, die ihnen anvertrauten Gläubigen und viele andere der auf dem Gebiet Ihrer Diözese lebenden Menschen durch die zurückliegenden kriegerischen Ereignisse erdulden mussten, das Beispiel eines wahrhaft guten Hirten gegeben. Sie haben durch ihr Ausharren, Ihre sozial-karitative Tätigkeit gegenüber den Notleidenden ohne Unterschied der ethnischen Zugehörigkeit und Religion und durch ihr Eintreten für die Würde und Rechte aller Menschen, öffentlich kundgemacht, wofür die Soziallehre der Kirche steht.“

Wäre Bischof Komarica nicht in Banja Luka geblieben, dann gäbe es heute dort keine katholischen und muslimischen Bosnier mehr. Sein Einsatz sei nicht ungefährlich gewesen, denn während des Krieges habe er über 230 Tage unter Hausarrest gestanden. Heute suche er allen Vertrieben ungeachtet ihrer Herkunft, die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen.

Bischof Komarica erwiderte, er habe nur die Worte Jesu in der Bergpredigt in die Tat umgesetzt. „Seine Worte sind heute noch aktuell“, fügte er hinzu. Er machte Mut, sich für Menschenrechte und -würde einzusetzen, sonst habe die menschliche Gesellschaft keine Zukunft. KL“



Jubiläum: 1200 Jahre Liudgerus-Stadt Werden

Essen. Tausende aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet, Pilger aus dem Münsterland, aus den Niederlanden und Belgien, erwiesen am 5. September 1999 dem Heiligen Ludgerus die Ehre: Mit der traditionellen Schreinprozession ging in der Heimatstadt des Gründers des UNITAS-Verbandes, Hermann Ludger Potthoff, das Festjahr zur Gründung der Werdener Benediktinerabtei vor 1200 Jahren durch den Friesen- und Sachsenmissionar Liudger zu Ende. Liudger, um 742 geboren und 805 zum ersten Bischof von Münster geweiht, fand in Werden seine letzte Ruhestätte.  Das Fest der Umtragung der Gebeine geht auf das Jahr 1128 zurück: Aus Dankbarkeit für die Abwehr einer Hungersnot legten die Werdener damals ein Gelübde ab, das bis heute eingehalten wird.

Gleich doppelte Präsenz zeigte die UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund, die mit Vertretern des K.D.St.V. Saxonia Münster bei der Prozession mit der münsteraner Vereinsfahne und der aus Essen stammenden Liudger-Fahne chargierte. Besondere Ehre für die Abordnungen: Vier Studenten und Alte Herren wurden auf offener Strecke gebeten, den einige Zentner wiegenden, silber- und goldbeschlagenen Schreins auf ihre Schultern zu übernehmen und zur Segensstation zu tragen.

Aus: unitas 1999/5



Mai 1997
UNITAS-Verband fordert
bessere Beratung der Studenten

Universitäten müssen studentenorientierter arbeiten


KARLSRUHE. Studierende müssen sich vor allem selbst um die Verbesserung ihrer Studiensituation bemühen. Dies sei nur durch ein höheres Engagement in den studentischen Gremien (ASten, Fachschaften) zu erreichen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer hochschulpolitischen Tagung des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS, zu der am vergangenen Wochenende Studierende aus dem ganzen Bundesgebiet nach Karlsruhe kamen. Unter dem Motto „Die Hochschulen in der Krise - Wege in die Zukunft“ diskutierten die UNITAS-Delegierten die soziale und wirtschaftliche Situation der Studierenden, Möglichkeiten zur Qualitätsverbesserung der Lehre sowie die Frage, wie die Arbeit der studentischen Interessenvertretungen effektiver gestaltet werden kann.

Zu den Forderungen an die Universität selbst gehört auch die Aufwertung und qualitative Verbesserung der Lehre. Studenten und Professoren müssten gegenseitige Vorurteile abbauen: „Evaluationsmethoden, die auf eine kritische Würdigung der Leistung von Professoren zielten, könnten nur in konstruktiver Zusammenarbeit aller universitärer Gremien erfolgreich angewandt werden“, hieß es bei der Tagung. Rückmeldungen der Studierenden zu Inhalt und Methodik einer Vorlesung lägen in beiderseitigem Interesse. Nur so könne die Universität studentenorientierter und effizienter arbeiten.

Stetig sinkenden Zahlen ausländischer Hörer an deutschen Hochschulen und überlange Studienzeiten seien ein Alarmsignal. Zur Verbesserung der Studienbedingungen gehöre auch eine wesentliche höhere Transparenz des Studienbetriebs. Gerade im Grundstudium sei ein umfangreiches Beratungs- und Tutorienangebot wichtig, Sparmaßnahmen in diesem Bereich hätten „fatale Folgen“. Für den Zugang zur Universität mussten die Hochschulen die Möglichkeit erhalten, einen Teil der Studenten selbst auszuwählen: „Es ist notwendig, dass Motivation und Eignung für eine Fachrichtung zu einem mindestens gleichrangigen Auswahlkriterium neben Abiturdurchschnitt und Wartezeit werden“, so das Votum der hochschulpolitischen Tagung des UNITAS-Verbandes. 

Informationen zum UNITAS-Verband: 1847, vor 150 Jahren, schlossen sich katholische Theologiestudenten an der Bonner Universität in einem Studentenverein zusammen, aus dem 1855 die UNITAS hervorging. Sie öffnete sich 1897 auch für Nichttheologen. Der älteste katholische Studenten- und Akademikerverband, der bei seiner letztjährigen Generalversammlung in Darmstadt als erster studentischer Traditionsverband auch fünf UNITAS-Studentinnenvereine in Frankfurt, Bonn, Marburg, Gießen und Freiburg als vollberechtigte Mitglieder aufgenommen hat, zählt rund 9.000 Mitglieder. Er vertritt 46 aktive UNITAS-Vereine in Deutschland, der Tschechei und Kasachstan. Zu den Gründungen in den letzten Jahren gehören neue UNITAS-Vereine in Magdeburg/Erfurt und Prag.



29. Oktober 1997
Bischof Komarica: Der Friede muss ein Werk der Gerechtigkeit sein

Essen, 29. 10. 97 - Der Friede in Bosnien-Herzegowina könne kein wirklicher Friede sein, wenn er nicht „das Werk der Gerechtigkeit“ sei, erklärte Dr. Franjo Komarica, Bischof von Banja Luka, am Dienstagabend in Essen. Es gebe keine Alternative zur Versöhnung aller Bevölkerungsgruppen in seiner Heimat, betonte er bei einer Veranstaltung des katholischen Studentenvereins UNITAS Ruhrania und der Jungen Union, Stadtbezirk Ruhrhalbinsel.

Der Krieg in seiner Heimat sei mit dem Abkommen von Dayton und Paris offiziell beendet, doch noch immer würden die Menschenrechte mit Füßen getreten. „Mit welchem Recht und im Namen welcher Prinzipien verbietet man uns das Recht auf Heimat?“, kritisierte Komarica die Rückführungspolitik der Vereinten Nationen. Täter und Opfer würden gleichgesetzt, wenn man die Menschen unterschiedlichen Glaubens und Nationalität trenne und ihnen nicht erlaube zusammenzuleben. Die Welt werde „von einer großen Dosis Ignoranz und Arroganz, von Naivität und Sarkasmus regiert“, klagte der Bischof. „Immer noch fühlen wir uns wie Schachfiguren, wie Marionetten und Spielbälle der Großmächte.“

Das christliche Abendland verrate seine Wurzeln, wenn statt Prinzipien nur Interessen die Politik bestimmten. „Europa ist sehr herzkrank“, so Bischof Komarica. Die Lage in Bosnien-Herzegowina bleibe ein Krebsgeschwür des Kontinents, eine „furchtbare Tragödie und die größte Schande seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges.“ Im „Haus Europa“ dürfe seine Heimat nicht „wie ein Abstellraum“ behandelt werden. Er hoffe, dass die in den letzten Tagen mit Politikern in Bonn geführten Gespräche „nicht umsonst“ gewesen seien.

Die notleidende Bevölkerung seines Landes habe in den Kriegsjahren bei den Menschen in Essen, in ganz Deutschland und Europa eine „großartige Solidarität gefunden“, sagte Bischof Komarica. Die weltweite Hilfe habe im vergangenen Jahr nachgelassen, sei aber nötiger denn je. „Caritasarbeit ist echte Friedensarbeit“, unterstrich auch der Präsident der bosnischen Caritas, Dr. Miljenko Anicic. Sie bringe Menschen zusammen und habe bereits viel zum Umdenken beigetragen. Allein von 1992-1996 seien über die Caritas in der Stadt Banja Luka 18.000 Tonnen Lebensmittel, Medikamente, Kleidung und Saatgut verteilt worden. Die Menschen, so der Bischofsvikar, hätten „das Schlangestehen satt“. Sie bräuchten nun Unterstützung bei der Hilfe zur Selbsthilfe. Nur 4-6 Prozent der Menschen hätten eine Arbeit und über den Schwarzmarkt verteilte Importware fordere das letzte Geld. Besonders alte Menschen litten große Not. „Es gibt einen dramatischen Stillstand im Land“, berichtete Anicic, die Schaffung einer Infrastruktur stehe noch ganz am Anfang. Vor dem kommenden Winter müssten Wohnungen instand gesetzt, Schulen wiederaufgebaut, kleine Familienbetriebe im Handwerk und der Landwirtschaft mit notwendigster Grundausstattung gefördert werden.

Gerade die katholische Kirche in Bosnien-Herzegowina haben seit dem Beginn der Konflikte immer wieder ihre Bereitschaft zur Versöhnung erklärt, erklärte Bischof Komarica. Teil dieser Versöhnungsarbeit sind sogenannte „Europaschulen“, die in mehreren Städten Bosniens eingerichtet wurden. Schüler unterschiedlicher Nationalität und Glaubens sollen in diesen Schulen lernen, einander zu achten und den in den Kriegszeiten aufgebauten Hass zu überwinden. Der katholische Studentenverband UNITAS und die Mitglieder der Jungen Union in Essen wollen den Bischof bei diesen Projekten unterstützen.




Mai 1998
„Die Welt im Wandel -
Chancen für das neue Jahrtausend“

Studentenverband feiert 100 Jahre UNITAS in Düsseldorf


Lustiges Studentenleben, alte Burschenherrlichkeit, Trinkrituale und deutschtümelnde Sprüche - das ist das noch heute verbreitete Bild von den im vergangenen Jahrhundert entstandenen studentischen Korporationen. Einst beherrschten sie die Universitäten, Nichtkorporierte galten als „Finken“ oder „Kamele“. Berühmte Wissenschaftler und Künstler, Politiker und Kirchenfürsten, Männer, die Geschichte schrieben, gehörten den Korporationen an. Und bis zum heutigen Tage wird der Verbindungsszene nachgesagt: Wer hier aktiv wird, braucht sich um seine Zukunft keine Sorgen mehr zu machen...

Für den „Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS“ gilt dies alles nur bedingt. Sicher gehört für die rund 9.000 in Studenten-, Altherrenvereinen und -zirkeln organisierten Mitglieder die alte Burschenherrlichkeit noch nicht zum alten Eisen, natürlich werden im Vereinsleben Geselligkeit und Freundschaft großgeschrieben. Tradition ist dem ältesten katholischen Studenten- und Akademikerverband der Welt wichtig, auch kann die UNITAS auf eine Reihe berühmter Mitglieder verweisen - unter ihnen etwa Franz Hitze und Heinrich Pesch, die „Väter der katholischen Soziallehre“, oder auf Robert Schuman, den ehemaligen französischen Ministerpräsidenten, Autor der Montan-Union und „Vater des modernen Europa“. 

Die andere „Verbindung“

Aber dem Bild der typischen „Verbindung“ werden die aus der ersten Gründung in Bonn hervorgegangenen UNITAS-Vereine nicht gerecht: Keine bunten Mützen, keine um den Leib geschlungenen Bänder, kein „Vaterlandsprinzip“, kein übertriebener Ehrenkodex, keine Wahlsprüche, nach denen etwa „das Herz den Frauen, die Ehre die meine, das Schwert dem König“. Stolz sind die Unitarier eher schon darauf, dass sich ihr Verband als einziger den Nationalsozialisten verweigert, sich als sogenannte „staatsfeindliche Organisation“ damals nicht „freiwillig selbst aufgelöst“ hat, sondern im Untergrund weiterbestand.

Die UNITAS ist ein katholischer Verband, der seit seiner Gründung das sogenannte „Schlagen von Mensuren“ verbietet und auf äußere Erkennungsmerkmale verzichtet. Für den Mitgliedern aller Nationalitäten und Fachrichtungen offenen Lebensbund zählen die Prinzipien „virtus, scientia und amicitia“ - Einstehen für den katholischen Glauben, Wissenschaftlichkeit und Freundschaft. Der Verband hat sich vor zwei jahren gar für Frauen geöffnet - bis zu diesem Zeitpunkt ohne vergleichbares Vorbild. Und bislang hat noch keiner der anderen großen Korporationsverbände diesen Schritt „gewagt.“ Soziales Engagement wird großgeschrieben: Neben vielen Einzelprojekten betreibt die UNITAS die Wiederherstellung eines großen Kinderheims „Haus Egypta“ im Herzen der bosnischen Hauptstadt Sarajewo.
Jubiläumsfest in Düsseldorf

100 Jahre UNITAS in Düsseldorf - für den Verband ist dies Grund genug, alle Bundesbrüder und -schwestern in die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt zu rufen. Aus der ganzen Republik reisen sie bereits zur Fronleichnamsprozession an und treten dort im traditionellen studentischen Festaufzug, in Pekesche (Husarenjacke), Stulpenstiefeln und mit Degen an. Am Freitag treffen sie sich zu einem Festkommers im Hilton und freuen sich auf die Festrede von Professor Hans Waldenfels SJ, dem Leiter der von dem Unitarier Carl Klinkhammer begründeten Düsseldorfer Mittwochsgespräche. Nach der Schlussmesse mit dem Paderborner Weihbischof Professor Reinhard Marx in der Kreuzherrenkirche wird Dominikanerpater Dr. Basilius Streithofen am Sonntag im Plenarsaal des Rathauses zu den UNITAS-Mitgliedern sprechen.

Nicht nur Feiern prägen das Programm: Im Plenum, dem höchsten beschlussfassenden Verbandsorgan, soll auch gearbeitet werden - in der Tradition der Gründer und getreu dem Motto der Generalversammlung „Die Welt im Wandel - Chancen für das neue Jahrtausend“. Zu Vortragsveranstaltungen werden etwa Professor Dr. Willehad Eckert (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit) und Ministerialrat Dr. Friedhelm Jaeger (Referatsleiter und Vertreter des Bundesrates bei der EU) erwartet.

Zurück an den Ort der ersten Generalversammlung 1860

„Zum 100jährigen Bestehen des Düsseldorfer UNITAS-Zirkels kehrt der Verband an den Ort seiner ersten Generalversammlung von 1860 zurück,“ freut sich Professor Dr. Theo van Bernem, der das Bundestreffen federführend organisiert hat. Viele hier bekannte Persönlichkeiten waren und sind mit der UNITAS eng verbunden: Neben dem ehemaligen Ministerpräsidenten Karl Arnold auch Oberbürgermeister Josef Gockeln, die Ratsherren Herbert Vesper und Wilhelm Weilinghaus oder Franz Schweins, der unermüdlich und vornehmlich in den Altstadtlokalen für das Müttergenesungswerk sammelte. Traditionell eng verbunden sind die Unitarier mit der Kirche: Kölns Kardinal Meisner und Weihbischof Dick gehören ebenso zu den Mitgliedern wie Kardinal Miloslav Vlk, der Vorsitzende der Europäischen Bischofskonferenz. Auch Prälat Carl Klinkhammer zählte zu ihren Reihen - der Ruhrkaplan und Bunkerpfarrer rief die bundesweit bekannten Düsseldorfer Mittwochsgespräche ins Leben.

In seinem Jubiläumsjahr wollen der UNITAS-Altherren-Zirkel um Professor van Bernem und die aktiven Studenten des 1921 an der damaligen Medizinischen Akademie gegründeten Wissenschaftlichen katholischen Studentenvereins UNITAS Rheinfranken in Düsseldorf gute Gastgeber sein. „Unsere Heimatstadt ist eine liebenswerte Stadt, in der es sich zu studieren und zu leben lohnt“, so van Bernem.

Wer über die UNITAS mehr wissen will, kann den Verband auch mit einfachem Mausklick im weltweiten Internet besuchen (www.unitas.org).
Christof Beckmann


Stichwort: UNITAS-Verband: 1847schlossen sich katholische Theologiestudenten an der Bonner Universität in dem Studentenverein Ruhrania zusammen. Aus ihm ging 1855 der UNITAS-Verband hervor. Er öffnete sich 1897 auch für Nichttheologen. Die älteste deutsche katholische Studenten- und Akademikervereinigung hat als erster studentischer Traditionsverband auch fünf UNITAS-Studentinnenvereine in Frankfurt, Bonn, Marburg, Gießen und Freiburg als vollberechtigte Mitglieder aufgenommen und zählt rund 9.000 Mitglieder. Der Verband vertritt über 50 aktive UNITAS-Vereine in Deutschland, der Tschechei und Kasachstan. Zu den Gründungen in den letzten Jahren gehören auch neue UNITAS-Vereine in Magdeburg/Erfurt und Prag. 
Die Grundsätze der Mitglieder sind „virtus, scientia, amicitia“, der Wahlspruch lautet: Im Wesenlichen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem aber Sorge für den Nächsten.“ Der Gründung des UNITAS-Altherrenzirkels in Düsseldorf 1898 folgte 1921 die Konstituierung des Studentenvereins UNITAS- Rheinfranken, deren Mitglieder auch in Neuss eine UNITAS Ripuaria ins Leben riefen.
Die Verbandsgeschäftsstelle hat ihren Sitz im Neusser Kardinal-Frings-Haus, Münsterplatz 16, Tel. 02131-27 17 25.




25. Oktober 1998
Diakonenweihe im Ruhrgebiet 

Helmut Wiechmann, mehrfacher Senior der UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund, empfing am 25. Oktober 1998 mit fünf weiteren Kandidaten aus der Hand des Essener Weihbischofs Franz Vorrath die Weihe zum Diakon. Drei Chargenabordnungen von UNITAS Ruhrania und UNITAS Salia waren in der fast überfüllten Propsteikirche St.Urbanus in Gelsenkirchen-Buer dabei. 

Der strahlende Wiederbegründungssenior konnte beim anschließenden Empfang viele Freunde und Bundesbrüder begrüßen. Auch die Altherrenzirkel im Ruhrgebiet gratulierten dem neuen Diakon, mit dessen Weihe ein langer Wunsch in Erfüllung geht. Der gelernte Maler und Lackierer machte eine Krankenpflegeausbildung und arbeitete viele Jahre als Anästhesiepfleger. Er baute sein Abitur am Ruhr-Kolleg, übernahm eine große Zahl von Vormundschaften und verdiente sich sein zielstrebig verfolgtes Theologiestudium selbst. 

Helmut, seit Jahren ständig brummender Motor der Aktivitas, hat den Ruhranen in die Hand versprochen, dass er gerade in seiner neuen Tätigkeit für die UNITAS immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand haben wird. Dem „Chef-Keiler“ der Revier-Unitarier wünschen die Bundesbrüder für seinen Lebensweg „im Auftrag des Herrn“ von Herzen Gottes Segen. Möge er sein unnachahmliches Talent im Umgang mit den Mitmenschen, das er auch in der Unitas oft genug bewiesen hat, nie verlieren!
CB

 

1200 Jahre Essen-Werden
Ruhrania lädt in die Heimat
von Hermann Ludger Potthoff


Die Ruhranen laden im Januar an die Ruhr: Ein umfangreiches Festprogramm wartet 1999 auf die Heimatstadt von Hermann Ludger Potthoff, des Gründers des UNITAS-Verbandes. Die ehemalige Bürgermeisterei Werden im Essener Süden bereitet sich auf ihre 1200-Jahr-Feier vor. 

Urzelle Werdens ist die 799 durch den Hl. Ludgerus gegründete Benediktinerabtei. Herzstück der nach der Säkularisierung der reichsunmittelbaren Abtei und der von den Preußen als Zuchthaus zweckentfremdeten Anlage ist die Propsteikirche und Basilika St. Ludgerus. Berühmt ist die Schatzkammer, die Schaustücke von europäischem und Weltruf besitzt.

Die UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund reiht sich in die Feierlichkeiten ein: Nicht nur zur jährlichen Ludgerus-Schreinprozession treten im kommenden Jahr die Revier-Unitarier in Werden an. Mit einem Festkommers am Samstag, 16. Januar 1999, um 20 Uhr im Werdener Kolping-Haus machen sie den Auftakt für die Feiern. Festredner ist der Propst an St. Ludgerus, Dr. Heinrich Engel, bekannt als Hörfunk- und Buchautor. Er wird im Schatten der Grablege des als Apostel Nordwest-Europas verehrten Hl. Ludgerus über dessen Bedeutung, Zeugnis und Vermächtnis sprechen.

Genau 150 Jahre sind vergangen, seitdem der junge Bautechniker Hermann Ludger zum ersten Mal seinen in der damaligen „Ruhrania“ aktiven Brüder August und Johannes Joseph in Bonn einen längeren Besuch abstatte und so mit der späteren UNITAS in Berührung kam. Aus diesem Grunde wollen die Aktiven und Alten Herren vor seinem in der Hufergasse erhaltenen Geburtshaus seiner gedenken.

Bundesbrüder, die die alte Abteistadt und den Kommers am 16.Januar besuchen wollen, sind herzlich eingeladen. Anmeldung bei Ruhr-Senior Christoph Kinzelt, Essen, Tel. 0201-78 91 55.



14. November 1998
17. Ruhranentreffen
im Heimathaus Münster-Sprakel


Rund 50 Bundesbrüder, Alte Herren, begleitet von ihren Ehefrauen, und Aktive, trafen sich am Samstag, 14. November, im heimeligen „Heimathaus“ in Münster-Sprakel. Für das jährliche Treffen aller Generationen unter dem traditionsreichen Dach hatte AHV-Senior OStD Jörg Lahme neben lukullischen Köstlichkeiten ein anspruchsvolles Programm angekündigt: Ein Liederabend lockte mit mundartlichen Liedern aus Westfalen, Erbaulichem aus der Klassik mit Beethoven, Brahms, Schubert und anderen. Viel Applaus erntete für seine leidenschaftlichen Interpretationen Bundesbruder Rainer van Husen, dessen lyrischer Tenor den zumeist weniger bekannten Stücken Farbe und Leben einhauchte. üngster Teilnehmer war der anderthalbjährige Tim Lammert: Bei den Liedern um Lust und Liebe, die aus der Feder eher durch „seriöse“ Kompositionen bekannter Autoren stammten, war er um Kommentare nicht verlegen.


6. Dezember 1998
„Eine Ehre für die UNITAS“ -
Bischof Dr. Franjo Komarica - unser neues Ehrenmitglied


 Ein festlicher Tag in Bonn: Der UNITAS-Verband hat bei dem Vereinsfest zu Ehren der Maria Immaculata am 6. Dezember 1998 den Bischof von Banja Luka, Dr. Franjo Komarica, zum Ehrenmitglied ernannt. Mit einem Festakt im Collegium Albertinum würdigte damit der Verband wenige Tage vor dem 50. Jahrestag der Verkündung der Menschenrechte die Verdienste des engagierten Oberhirten aus Bosnien-Herzegowina für seinen unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.

Der UNITAS-Verband schätzt sich glücklich, dass Sie unseren Antrag angenommen haben und uns die Ehre erweisen, Ehrenmitglied des UV zu sein.“ Mit diesen Worten stellte der Vorsitzende des Altherrenbundes, Günther Ganz, das eigentliche Gewicht der höchsten Auszeichnung des Verbandes heraus. Die von Vorortspräsident Johannes Schmitz überreichte Ernennungsurkunde würdigt Bischof Komaricas „beispielhaftes Eintreten für die Achtung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen ungeachtet seiner Religions- oder Volkszugehörigkeit, sein unbeugsames Ausharren als Oberhirte seiner Diözese in den Zeiten der Bedrängnis, Unterdrückung und Verfolgung, seinen mutigen und besonnenen Einsatz zur Verhinderung des Ausbruchs größerer kriegerischer Zusammenstöße in seiner Heimat und seinen unermüdlichen Kampf für die ethnische Aussöhnung in Bosnien-Herzegowina.“ Tief bewegt nahm Bischof Komarica die Urkunde als neuer Bundesbruder entgegen. 

Ein unitarisches Fest

Die Bonner Unitas-Vereine und die präsidierende UNITAS-Salia hatten für den Tag in Bonn einen großartigen Rahmen geschaffen. Unter Federführung des Ehrenseniors der UNITAS-Salia und Sprechers des Sozialen Verbandsprojekts, Hermann-Josef Grossimlinghaus, wurden Festakt, Messe und gemeinsame Agape zu einem großen unitarischen Fest. Auf dem vom Streichquartett des Collegium Musicum der Universität Bonn mit Mozartwerken ausgezeichnet musikalisch umrahmten Festakt erinnerte der Altherrenbundsvorsitzende an den Wahlspruch des Bischofs „Der Herr ist meine Stärke und mein Lied“ aus dem 118. Psalm. Es sei das „Wissen um den Beistand Gottes auch in größter Not, das gläubigen Menschen Kraft gibt, allen Schrecknissen unserer Zeit zu widerstehen und durch mutiges und besonnenes Verhalten anderen Menschen Vorbild und Beispiel zu geben“, unterstrich AH Ganz in seiner Laudatio vor rund 120 Bundesbrüdern, -schwestern und Gästen im großen Saal des Collegium Albertinum.

Bischof Komarica - ein mutiger Christ

Bischof Dr. Komarica, 1946 in Banja Luka geboren, studierte im österreichischen Innsbruck Theologie und Kirchenmusik, promovierte 1978 im Fach Liturgiewissenschaften. Er lehrte bis 1986 an der Theologischen Hochschule in Sarajevo, wurde 1985 Weihbischof in Banja Luka, 1989 Bischof - in einem damals noch multikulturellen und multiethnischen Gebiet. Komarica habe, so Ganz, die Möglichkeiten seines Amtes seit den ersten Auflösungserscheinungen des kommunistisch regierten, noch gemeinsamen Staates der Serben, Bosnier und Kroaten genutzt, viele Initiativen für eine lebendigere Kirche in seinem Bistum eingeleitet. Seit 1992 Mitglied des Päpstlichen Rates für den Dialog der Kirchen, habe er sich immer für ein gutes Verhältnis zu den anderen Konfessionen seines Landes eingesetzt.. 

1992-1995, während des Krieges in Bosnien-Herzegowina, kamen 80% des Bistums Banja Luka unter die Kontrolle der bosnischen Serben, die ein mit dem „unseligen“ Wort „ethnische Säuberung“ verbundenes Regime der Unterdrückung und Vertreibung errichteten. In dieser Zeit, so Ganz, sei Bischof Dr. Komarica zum „mutigen Streiter für die Menschenrechte und die Würde jedes Menschen“ geworden. Komarica habe durch besonnene Verhandlungen und Appelle unzähligen Menschen, Katholiken, Orthodoxen und Moslems, das Leben gerettet. 

Dem Druck der serbischen Behörden habe er sich nicht gebeugt. Auch der zynischen Aufforderung, die Stadt „um seiner Sicherheit willen“ zu verlassen, sei er nicht gefolgt. Von Mai bis Dezember 1995 unter Hausarrest gestellt, machte Bischof Komarica vielmehr „Himmel und Erde“ auf die brutale Verletzung der Menschenrechte und auf die materielle Not in seinem Land aufmerksam und suchte die politisch Verantwortlichen der Welt mit Briefen, Denkschriften und Appellen aufzurütteln.

Frieden ist möglich ...

Komarica sei so zum „moralischen Schutzmann“ seiner Priester, Nonnen und Ordensleute geworden. Er habe dabei mit Hilfe der Caritas für die materielle Unterstützung aller Bedürftigen der Region gesorgt. Ein Einsatz, der Früchte trug: In Hilfsaktionen aus aller Welt, der Aufnahme von Flüchtlingen - vor allem in Deutschland -, in den Bemühungen von UNO und EU mit dem Abkommen von Dayton. Komarica, hob AH Ganz hervor, habe „durch sein persönliches Verhalten und sein solidarisches Handeln als Mensch, als Christ und kirchlicher Amtsträger gezeigt, dass Frieden möglich ist. Auch zwischen ethnisch und konfessionell verschiedenen Volksgruppen - sofern die Menschenrechte respektiert werden.“ 

Friedensstreiter Gottes

Der UNITAS-Verband sei „tief beeindruckt von der Persönlichkeit dieses aufrechten Mannes“, der bereits 1997 mit dem Heinrich-Pesch-Preis ausgezeichnet worden war. Der Bischof, den die Fraktion der Europäischen Volkspartei im Europa-Parlament mit der Robert-Schuman-Medaille ehrte, erfülle beispielhaft das unitarische Prinzip der virtus: „Kann es ein besseres Vorbild für junge und alte Unitarier und Unitarierinnen geben, denen dieses Prinzip Richtschnur für das eigene, private, akademische und berufliche Leben ist?“, fragte der Altherrenbundsvorsitzende. Der „Friedensstreiter Gottes“ habe sich längst vor seiner Ehrenmitgliedschaft öffentlich zur UNITAS bekannt, sein Interesse für die Geschichte und Prinzipien des Verbandes bekundet, erinnerte Ganz. Bei einer gemeinsamen Veranstaltung von UNITAS Ruhrania und Junger Union in Essen im Oktober 1997, nach der ihm die Ehrenmitgliedschaft angetragen worden war, hatte Komarica unterstrichen: „Die UNITAS ist eine großartige Idee. Es ist schade, dass sie sich noch nicht bei uns entwickelt hat. Haltet an ihr fest, füllt sie mit Leben!“

Auch die Grußworte hoben die Verdienste des Bischofs heraus. Neben dem Vizepräsidenten der KAD, AH Bernhard Mihm, der auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und die Notwendigkeit geistiger Begegnung verwies, sprachen der Botschafter von Kroatien, Prof. Dr. Zoran Jasic und Magister Anton Balkowic, Botschafter von Bosnien-Herzegowina. Er erinnerte an den „Kreuzweg seiner Landsleute“ und dankte dem UNITAS-Verband für die Auszeichnung Bischof Komaricas, „weil er unserem Land damit Ehre erwiesen hat.“ Die Anwesenheit des Botschaftssekretärs Drazenko Primorac, des Gesandten Josip Pavesic, sowie weiterer Kultur- und Militärattachés der Länder unterstrichen die Bedeutung des Geehrten im Friedensprozess nach Dayton. 

Europa braucht ein Fundament

Bischof Komarica selbst zeigte sich in seiner Dankrede sehr bewegt: „Wir sind hier aus vielen Völkern Europas. Und wir fühlen uns dem Prinzip der Solidarität verpflichtet.“ Es bedeute gemeinsames Füreinander-Einstehen, das Gefühl einer inneren Zugehörigkeit vieler untereinander und werde in der Form der christlichen Nächstenliebe am konkretesten. „Solidarität begegnet uns in Christus in ihrer vollkommensten Form“, erklärte er und erinnerte zugleich daran, dass Christsein sich auch darin zeige, ob man gewillt sei, Opfer zu bringen. Der Kontinent Europa, in dem seine dezimierten Landsleute um das „Recht auf Heimat“ kämpften, brauche insgesamt diese christlich verstandene Solidarität, um nicht den zerstörerischen Kräften ausgeliefert zu werden. Mit einer gewissen Skepsis fragte er: „Quo vadis, Europa?“ Wohin Europa steuere, welchen Weg es einschlage, hänge entscheidend von den großen Völkern ab. Alles, so scheine ihm, sei zur Zeit offen. 

Europa erwarte die neue Besinnung auf verbindende Grundlagen und Werte. Ohne sie bleibe Europa eine Utopie. Von den kleinsten Gemeinschaften, aus den Familien und Vereinen, sei die „Hoffnung Europa“ aufzubauen. „Sind wir gerüstet für unseren Einsatz auf der Baustelle Europa und für die Arbeit im Weinberg des Herrn?“ Gerade die UNITAS-Mitglieder seien mit ihren Prinzipien herausgefordert, sich an den geistigen Auseinandersetzungen um das Fundament Europas aktiv zu beteiligen. Sie seien die entscheidenden, betonte Bischof Komarica. 

Mut zum Einmischen

Ein festliches Pontifikalhochamt in der Kapelle des Collegium Albertinum beschloss den Tag in Bonn, prachtvoll gestaltet von den 50 Jungen der Pueri Cantores Turonensis, dem Kathedralchor aus Thorn/Polen - ein großes geistliches Erlebnis für alle Teilnehmer. „Diesen Tag werde ich nie vergessen“, versicherte das neue Ehrenmitglied. Herzlich versprach Bischof Komarica, die Beziehungen zum UNITAS-Verband lebendig und intensiv zu halten. Er fühle sich unter „echten Bundesbrüdern“, machte er auch im Anschluss an die Veranstaltung deutlich. Wann immer Bundesbrüder seine Heimat besuchten, seien sie herzlich in seinem Bischofshaus eingeladen. 

Er lobte den Einsatz des Verbandes für das UNITAS-Kinderheimprojekt in Sarajewo (Bericht an anderer Stelle in dieser Ausgabe) und zeigte sich beeindruckt von der langen und erfolgreichen Geschichte des deutschen Verbandskatholizismus, in der Unitarier auch in wichtigen politischen Ämtern ein herausragende Rolle gespielt hätten. Angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten dürfe die UNITAS nicht den Mut verlieren und müsse kraftvoll und optimistisch nach ihren Möglichkeiten wirken. „Auch eine kleine Gruppe überzeugter Christen kann viel erreichen“, meinte er mit Verweis auf den Burscheneid. Unitarier seien zu gesellschaftlicher Einflussnahme berufen und dürften sich im vielstimmigen Konzert der Meinungsmacher und Entscheidungsträger nicht verstecken. 

Auch hier, so möchte man mit Bischof Komarica aus seiner Dankrede unterstreichen: „Das, wofür man nicht zu kämpfen bereit ist, verliert man!“
CB




17. Januar 1999:
Zum Auftakt für 1200-Jahr-Feier in Essen-Werden: 
UNITAS Ruhrania schlägt Ludgerus-Kommers


Ruhranen lassen sich durch nichts aufhalten: Trotz strömenden Regens und vieler Absagen - das 88. Stiftungfest der Revier-UNITAS am 16. Januar in Essen-Werden wurde zu einem echten Jubel- und Wiedersehensfest. Die denkwürdigen Anlässe: Der 110. Todestag des Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff, seine Rezipierung vor 150 Jahren bei der Ur-Ruhrania in Bonn, das 110jährige Bestehen des Essener Altherrenzirkels und - nicht zuletzt - die Feier der Gründung Werdens und seiner Benediktinerabtei durch den Heiligen Ludgerus vor 1200 Jahren.

Die vor dem offiziellen Start der Feiern festlich beflaggte Heimat der UNITAS-Gründer zeigte sich trotz anhaltenden Regengüssen als gute Gastgeberin. Dankbar erwiderten die Ruhranen und durchweichten Chargierten die aufmunternden Zurufe aus den Nachbarfenstern in der Hufergasse. Dort, vor seinem mit Gedenktafel geschmückten Geburtshaus, gedachten sie öffentlich Hermann Ludger Potthoffs mit Vereinsgebet und dem Gebet zur Seligsprechung Robert Schumans. Mit den Farbenstrophen („...treu stets Liudger!“) wünschten sie der Ludgerus-Gründung Werden ein frohes Jubiläumsfest. Zur Messe in der 799 gegründeten Basilika und Grablege trat das Seniorat mit den Fahnen von Unitas Ruhrania und der 1960 in Essen gegründeten Unitas St. Liudger an. Beide Fahnen schmückten zum Festkommers auch den Saal der Domstuben - ein sinnfälliger Beweis für die Bezüge zwischen der ins Münster 1911 von Friesen und Sugambern ins Leben gerufenen Korporation und dem Ruhrgebiet. 

Ludgerus - ein europäischer Heiliger

„Mit großer Freude“ hatte Dechant Dr. Heinrich Engel, Propst an der Basilika St.Ludgerus, der UNITAS als Festredner zugesagt. Er würdigte den Gründer von Werden und ersten Bischof von Münster, dessen Lebensbeschreibung sein Neffe Altfried vor genau 1.150 Jahren abschloss, als Missionar der Friesen, Sachsen und Apostel Nordwest-Europas. 

Propst Dr. Engel, bekannt als Buchautor und durch WDR-Morgenandachten, zeichnete ein lebendiges Bild der noch an religiösen Traditionen der germanischen Stammeskultur ausgerichteten Missionszeit. Der durch seine Ausbildung bei den großen Kirchenlehrern in Utrecht und York sowie seine Reisen nach Rom und Monte Cassino geprägte Ludgerus habe in einer stark von animistischen Glaubensvorstellungen bestimmten Umwelt ganz „auf Bildung gesetzt“. Mit einem für seine Epoche erstaunlichen Horizont sei der Heilige, ein großer Verehrer des unitarischen Verbandspatrons Bonifatius, kämpferisch und friedensstiftend zugleich aufgetreten. Sein Erfolg in der Mission und Organisation der nördlichen Kirchenstrukturen des Reiches sei auf sein „ganz vom Geist Gottes erfülltes lebendiges Vorbild“ zurückzuführen. Über 70 Bundesbrüder und Gäste dankten Propst Dr. Engel mit großem Beifall für seine ausgezeichnete Festrede - auch für seine launige „Zugabe“, einem auf Ludgerus, die alte Reichsabtei und den Heimatstolz der Werdener gemünzten Gedicht, mit der Engel die „Fünfte Jahreszeit“ des Karnevals in dem heutigen Essener Stadtteil einleitete. 

UNITAS an der Ruhr 

Sichtlich wohl beim schwungvoll geschlagenen Ludgerus-Kommers fühlten sich die Chargenabordnung und Gäste der K.D.St.V. Saxo-Thuringia zu Bochum im CV. Der Aktivenvertreter West, Oliver Becker, überbrachte die Grüße des Verbandes, Dr. Winfried Glass sprach als Vorsitzender des Altherrenzirkels Bochum. Diakon Helmut Wiechmann griff vor den aus dem Ruhrgebiet, Saarbrücken, Würzburg und Nürnberg angereisten Ruhranen für die Grußworte des AHV und des Ehrenseniors Norbert Klinke zum Mikrophon. Thomas Kleinschnittger, selbst gebürtiger Essener, motivierte als Senior der Unitas Salia und amtierender BUV-X die Ruhr-Aktivitas und Vertreter der umliegenden Ruhr-Zirkel mit einem herzlichen: „Ihr im Revier - gemeinsam nach vorn!“ 

„Die Ruhr und die UNITAS gehören zusammen“, unterstrich Kommerspräside Dr. Christof Beckmann und erinnerte daran, dass die entscheidenden Wurzeln des UNITAS-Verbandes im späteren Ruhrgebiet lagen: Mit dem 1830 geborenen Hermann Ludger Potthoff, der vor genau 150 Jahren erstmals seine in Bonn studierenden Brüder Wilhelm und August besuchte, sei die entscheidende Wende von der Ur-Ruhrania zur UNITAS erfolgt. „Unter seinen aus anderen heutigen Essener Stadtteilen stammenden Bundesbrüdern wurde er für den Umbau des mehr lokal ausgerichteten Vereins die entscheidende, treibende Kraft“, erklärte AH Dr. Beckmann mit dem vor 145 Jahren niedergelegten Protokollauszug vom 2. Februar 1854. Die Ruhrregion verbinde sich mit vielen wichtigen Namen der Verbandsgeschichte: Etwa mit Wilhelm Pingsmann aus Werden, später Kölner Domkapitular und Offizial der Erzdiözese, mit Ludger Kleinheidt, Generalvikar des Erzbistums Köln und Domdechant, gebürtig aus Heisingen, oder mit dem in Schönebeck geborenen ersten Parlamentarier aus dem UV, Wilhelm Lindemann.

Potthoff - Vater der UNITAS

Hermann Ludger Potthoff, der zweifellos durch seine Jugend im Schatten des Werdener „Doms“ geprägt gewesen sei, habe an allen entscheidenden Nahtstellen der UNITAS-Geschichte mitgewirkt und wichtige Aufgaben übernommen: So bei der mit der Verbandsgründung verbundenen Ausweitung des Verbandes 1855 von Bonn nach Tübingen und Münster, in seinem Amt als Schriftleiter des Verbandsblattes, in der Frage der Öffnung des Verbandes für Nichttheologen bei der außerordentlichen GV in Neuß 1887, die er mit dem damaligen Senior der UNITAS in Bonn, Dr. Peter Kreutzer, Ferdinand Rheinstädter und Joseph Prill etwa gegen den Widerstand von Franz Hitze durchsetzte. 

110 Jahre Essener AHZ

Zu Potthoffs Verdiensten zähle nicht zuletzt seine Anregung zur Gründung von örtlichen Vereinigungen der ehemaligen studentischen Mitglieder. Dass noch in Potthoffs Todesjahr 1888 durch Professor Dr. Joseph Prill, damals Religionslehrer am Burggymnasium in Essen, der erste Altherrenzirkel des UNITAS-Verbandes in Werden gegründet wurde, gab dem Vorsitzenden des Essener Jubelzirkels, Dr. Richard Wessendorf, Gelegenheit, auf neuere Quellen zu verweisen. In seinem Grußwort berichtete er von neuen Recherchen zur Gründung des Zirkels und zur Lebensgeschichte von Bundesbruder Prill, der lange Zeit in Essen wirkte und unter dessen Schriftleitung das Verbandsblatt „unitas“ seinen Namen erhielt. 

Noch sei die „unitarische Geschichte“ der Stadt zu wenig erforscht, betonten Wessendorf und Beckmann: In ihr wirkten der spätere Kölner Kardinal Antonius Fischer, Karl Joseph Kuckhoff, der erste Geschichtsschreiber des Verbandes, und Dr. Peter Kreutzer, der „zweite Gründer“ der UNITAS und erste Essener Stadtdechant. Aus der Altenessener Pfarrei Kreutzers, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 65. Mal jährt, ging auch der vor zwei Jahren verstorbene Bundesbruder Dr. Carl Klinkhammer hervor. Der als erster Priester von den Nazis verhaftete „rote Ruhrkaplan“ und spätere „Bunkerpfarrer“ von Düsseldorf hatte 1955 den Antrag ausgeschlagen, Bischof des neugegründeten Bistums Essen zu werden. Dass bis heute eine enge Verbindung der UNITAS mit dem Ruhrbistum bestehe, zeigten auch die Bundesbrüder Prälat Prof. Dr. Gerhard Fittkau, durch sein in zehn Sprachen übersetztes Buch „Mein 33.Jahr“ bekannt, und Prälat Dr. Paul Aufderbeck, Emeritus des Essener Domkapitels. 

Für 140 Semester Treue zur UNITAS ehrten die Ruhranen auf ihrem Ludgerus-Kommers Anneliese Serno. Als Couleur-Dame bei Sigfridia-UNITAS in Breslau hatte sie im Wintersemester 1928/29 die UNITAS kennengelernt. Solange die Unitarier aus Bochum-Essen-Dortmund in ihrer Nachbarschaft muntere Feste feiern, gab es keine festliche Veranstaltung, auf der sie fehlen dufte. Aus gutem Grund wurde sie nach dem Kommers mit Blumen und Fahnenspalier nach Hause begleitet. 

Dass die reisefreudigen Revier-Unitarier von der A 40 wirklich feiern können, bewies der donnernde und „flözesprengende Ruhr-Salamander“, den die Bundesbrüder auf das 110jährige Jubiläum des Essener Altherrenzirkels, den neurezipierten Fuxen Christoph Eberz und auf das Gelingen des Ludgerus-Festjahres in Potthoffs Heimatstadt rieben. In der festen Aussicht, dass weitere Spe-Füxe an der Ruhr noch in diesem Semester aufgenommen werden können: Denn trotz mancher fremd klingender Kommandos zeigten sich eine Reihe von studierenden Gästen vom spät verklungenen Werdener Ludgerus-Kommers recht angetan - der laut, wohltönend und fröhlich singenden Corona sei Dank.
CB


16. Januar 1999:
Studentenverein UNITAS feiert Ludgerus-Kommers

ESSEN. Mit einem traditionellen Festkommers feiert am Samstag, 16.Januar, der wissenschaftliche katholische Studentenverein UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund den heiligen Ludgerus als Gründer von Werden. Festredner in den Dom-Stuben an der Brückstraße ist Propst Dr. Heinrich Engel. Er stellt Ludgerus als modernen europäischen Heiligen vor.

Bereits um 18 Uhr gedenken die unitarischen Bundesbrüder ihres aus Werden stammenden Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff vor dessen Geburtshaus in der Hufergasse 15. Ihr Vereinsfest zu Ehren ihres Verbandspatrons Thomas von Aquin feiern die UNITAS-Mitglieder anschließend mit dem gemeinsamen Besuch der Messe um 18.30 Uhr in der Ludgeruskirche. Zu dem Kommers, mit dem sich die UNITAS in die Veranstaltungen zur 1200-Jahr-Feier Werdens einreiht, werden neben „Alten Herren“ aus Essen und den benachbarten Ruhrgebietsstädten auch Gäste von mehreren anderen Universitäten erwartet, darunter eine Delegation des amtierenden Verbandsvorstandes, UNITAS Assindia (Essen) zu Aachen. 

Aktiv im Ruhrgebiet ist der 1911 in Münster ins Leben gerufene katholische Studentenverein W.K.St.V. UNITAS Ruhrania seit 1991. Nach seiner Verlegung an die Revier-Universitäten führt er in Essen auch die Tradition der in den 1960er Jahren gegründeten UNITAS St.Liudger fort. Er zählt Studenten aller Fakultäten an den Universitäten Essen, Bochum und Dortmund, die sich regelmäßig zu wissenschaftlichen, religiösen und geselligen Veranstaltungen treffen.

1847 hatten Studenten aus dem heutigen Ruhrgebiet bereits den ersten Verein des UNITAS-Verbandes in Bonn gegründet und nach dem Fluss ihrer Heimat benannt. Vor genau 150 Jahren entwickelte sich der von Werdenern, Heisingern, Borbeckern und Schönebeckern ins Leben gerufene landsmannschaftlich ausgerichtete Theologenverein unter besonderer Initiative des jungen Hermann Ludger Potthoff zum heute noch bundesweit tätigen UNITAS-Verband. Potthoff, der lange Zeit als Königlicher Oberhofprediger in Sachsen tätig war, setzte mit dem späteren Essener Stadtdechanten Dr. Peter Kreutzer auch die Öffnung des Theologenverbandes für Studenten aller Fachrichtungen durch. 

Essener Gründung heute bundesweit

Der seit 1855 bestehende und damit älteste katholische Studenten- und Akademikerverband in Deutschland zählt nach letzten Gründungen von Ortsvereinen in Magdeburg/Erfurt, Prag und Kasachstan über 50 Mitgliedsvereine. Sie sehen sich besonders sozialer Tat verpflichtet und helfen zur Zeit beim Wiederaufbau eines Kinderheims in Sarajevo. Als einziger der traditionellen Studentenverbände hat die UNITAS bislang auch fünf UNITAS-Studentinnenvereine in Bonn, Marburg, Frankfurt, Gießen und Freiburg aufgenommen. Zu den Ehrenmitgliedern gehören u.a. der Vorsitzende der Europäischen Bischofskonferenz, Kardinal Miroslav Vlk, Kölns Kardinal Joachim Meisner und der durch Besuche in Essen bekannte Bischof Franjo Komarica aus Banja Luka.

Kontakt für weitere Informationen:
W.K.St.V. UNITAS Ruhrania, c/o Beckmann, Hülsmannstraße 74, 45355 Essen, 0201-66 47 57.



UNITAS RUHRANIA GOES RADIO -
„UNITAS AufRuhr“ - das Studi-Magazin“
im Bürgerfunk bei Radio Essen und bei der Ruhrwelle Bochum.


von Christof Beckmann

Rotlicht - Band ab: „Also sprach Zarathustra“ vorweg - und auf den stampfenden Beat von „Porcupine Juice“ meldet sich Marc: „Was sind das eigentlich für Burschen? Kaum sind Semesterferien, schmeißen sie ihre Bücher in die Ecke und stürzen ins Studio, um heute wieder auf Sendung zu sein? Heute dazu mehr bei der UNITAS Ruhrania. Wer das ist? Wer sie sind? Gleich dazu mehr! Heute im Studio viele Gäste, am Mikrophon Marc Schmidt!“ 


Gestern noch in der Vorlesung - heute auf der Showbühne.... Ganz einfach: Das nordrhein-westfälische Rundfunkgesetz macht´s möglich: In Deutschlands größtem Bundesland dürfen auch Radioamateure ran. Im „Bürgerfunk“ auf den Frequenzen der 46 lokalen NRW-Hörfunksender sind interessante und kontroverse Themen aus der Nachbarschaft immer gefragt. Warum als Studentenverein nicht einmal selbst gegen die landläufig sattsam bekannten Klischees über „Verbindungen“ angehen?

RADIO - AKTIV

Seit 1992 sind die Radio-Aktiven der UNITAS Ruhrania Essen-Bochum-Dortmund „on air“. Gestartet haben sie ihre Radiopräsenz mit einer Live-Sendung bei der „Ruhrwelle Bochum“. Inzwischen sind dort und vor allem über „Radio Essen“ mehr als ein gutes Dutzend Ausgaben ihres „UNITAS AufRuhr-Magazins“ gelaufen, die nicht nur für die studierten Spätaufsteher gedachte Sendung hat sich schon lange zum festen Bestandteil des eigenen Semesterprogramms gemausert. 

Allerdings: Wenn sich die UNITAS-Funker an der Ruhr in die Fußgängerzone aufmachen, um mit dem Mikrophon in der Hand die üblichen Vorurteile zu „akademischem Traditionsklüngel“ zu sammeln, dann wollen sie nicht krampfhaft missionieren und mit unverständlichem Verbindungs-Chinesisch um sich werfen. Sie wollen einfach „nur“ unterhalten und fröhlich sagen, wer sie wirklich sind. 

Wenn das Band und der erste Titel läuft, wird die vorangegangene detaillierte Planung zur kompletten Abend-Show: Fünf Takes à ca. 3 Minuten sind vorbereitet und natürlich - jede Menge Musik. Die Gästerunde im Studio wird vorgestellt, die aus der Passantenbefragung zusammengeschnittenen üblichen Klischees werden abgehandelt. Kurz und knapp erläutert der Senior die Themen „Wissenschaftlich“ und „Lebensbund“. Provozierend wird gefragt, allgemeinverständlich geantwortet. In der Sprecherkabine erörtern sie das Verhältnis zu den „Alten Herren“, philosophieren zwischen „Ghostbusters“ und „Hanson“ über „Vitamin B“ im Verein, werfen einen Blick ins nächste Semesterprogramm und unterstreichen vor der neuen Nummer der Rolling Stones: „Wir sind Teil der Kirche. Das ist unser Fundament!“ 

Aber nicht nur Selbstdarstellung oder Locker-Flockiges stehen auf dem Programm: So ging es in den „Auf Ruhr-Magazinen“ auch etwa um die „Heidelberger Erklärung“ des Verbandes gegen Radikalismus, um die Resolutionen von Generalversammlungen oder die Situation von Flüchtlingen und Aussiedlern in der Ruhrmetropole, der in Gesprächen mit Caritas-Beratungsstellen nachgegangen wurde. Ein besonderes Projekt aus den letzten Jahren: Die Ruhrania machte sich mit Umfragen in der Mensa und Expertengesprächen stark für die Benennung der Uni/GHS Essen nach dem „Vater Europas“, Robert Schuman. „Schade, das nichts daraus wurde“, so der langjährige Senior, Helmut Wiechmann, „aber bis heute werden wir auf solche Aktionen immer wieder angesprochen.“

In ihrem Medienengagement, dem auch Bundesbrüder in Münster und Bonn inzwischen gefolgt sind, verbinden die Revier-Unitarier das Angenehme mit dem Nützlichen. Kosten fallen nicht an, denn Material, Aufnahmeeinheiten und Technikservice für das komplett selbst vorproduzierte und später ins normale Programm eingespielte Band wird von der örtlichen katholischen Radiowerkstatt gestellt. Dass die Produktion Zeit kostet, nehmen die „Ruhries“ in Kauf. Denn: „Es ist schon etwas Besonderes, wenn einem dämmert, gerade zu Zehntausenden von Menschen zu sprechen“, meint Benedikt Kisters und schmunzelt: „Dafür muss ein Pastor lange predigen.“ Selbst wenn auf die in der „Outro“ der Sendungen angegebene Adresse das Telefon nicht gleich Sturm läutet - der Imagezuwachs für den Verein ist kaum zu messen.

Gemeinsam einmal etwas ganz anderes zu machen - auf das Vereinsleben wirkt es sich positiv aus. Spontane Reaktionen, vor allem aus der Studentenschaft, erwarten die Radiomacher nicht. Sie haben - ohne Angst vor Versprechern - vor allem Spaß an der Sache. Marc Schmidt: „Das ist schon für sich eine Menge wert. Es ist ein attraktiver Punkt im Semesterprogramm und man kann eine Menge lernen.“ Umso mehr, wenn man überzeugt ist, etwas zu vertreten, das Sinn macht.

Mehr Infos: W.K.St.V. UNITAS RUHRANIA Bochum-Essen-Dortmund, c/o Marc Schmidt, Luppostraße 2, 45277Essen, Tel. 0201 - 58 61 64, Mailto: Marc-Schmidt-2@ruhr-uni-bochum.de


 

16. Januar 1999
1200 Jahre Essen-Werden
Ruhrania lädt in die Heimat von Hermann Ludger Potthoff

Die Ruhranen laden im Januar an die Ruhr: Ein umfangreiches Festprogramm wartet 1999 auf die Heimatstadt von Hermann Ludger Potthoff, des Gründers des UNITAS-Verbandes. Die ehemalige Bürgermeisterei Werden im Essener Süden bereitet sich auf ihre 1200-Jahr-Feier vor. 

Urzelle Werdens ist die 799 durch den Hl. Ludgerus gegründete Benediktinerabtei. Herzstück der nach der Säkularisierung der reichsunmittelbaren Abtei und der von den Preußen als Zuchthaus zweckentfremdeten Anlage ist die Propsteikirche und Basilika St. Ludgerus. Berühmt ist die Schatzkammer, die Schaustücke von europäischem und Weltruf besitzt.
Die UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund reiht sich in die Feierlichkeiten ein: Nicht nur zur jährlichen Ludgerus-Schreinprozession treten im kommenden Jahr die Revier-Unitarier in Werden an. Mit einem Festkommers am Samstag, 16. Januar 1999, um 20 Uhr im Werdener Kolping-Haus machen sie den Auftakt für die Feiern. Festredner ist der Propst an St. Ludgerus, Dr. Heinrich Engel, bekannt als Hörfunk- und Buchautor. Er wird im Schatten der Grablege des als Apostel Nordwest-Europas verehrten Hl. Ludgerus über dessen Bedeutung, Zeugnis und Vermächtnis sprechen.

Genau 150 Jahre sind vergangen, seitdem der junge Bautechniker Hermann Ludger zum ersten Mal seinen in der damaligen „Ruhrania“ aktiven Brüder August und Johannes Joseph in Bonn einen längeren Besuch abstatte und so mit der späteren UNITAS in Berührung kam. Aus diesem Grunde wollen die Aktiven und Alten Herren vor seinem in der Hufergasse erhaltenen Geburtshaus seiner gedenken.

Bundesbrüder, die die alte Abteistadt und den Kommers am 16.Januar besuchen wollen, sind herzlich eingeladen. Anmeldung bei Ruhr-Senior Christoph Kinzelt, Essen, Tel. 0201-78 91 55.




14.
November 1998
17. Ruhranentreffen im Heimathaus Münster-Sprakel

Rund 50 Bundesbrüder, Alte Herren, begleitet von ihren Ehefrauen, und Aktive, trafen sich am Samstag, 14. November, im heimeligen „Heimathaus“ in Münster-Sprakel. Für das jährliche Treffen aller Generationen unter dem traditionsreichen Dach hatte AHV-Senior OStD Jörg Lahme neben lukullischen Köstlichkeiten ein anspruchsvolles Programm angekündigt: Ein Liederabend lockte mit mundartlichen Liedern aus Westfalen, Erbaulichem aus der Klassik mit Beethoven, Brahms, Schubert und anderen. Viel Applaus erntete für seine leidenschaftlichen Interpretationen Bundesbruder Rainer van Husen, dessen lyrischer Tenor den zumeist weniger bekannten Stücken Farbe und Leben einhauchte. üngster Teilnehmer war der anderthalbjährige Tim Lammert: Bei den Liedern um Lust und Liebe, die aus der Feder eher durch „seriöse“ Kompositionen bekannter Autoren stammten, war er um Kommentare nicht verlegen.



25. Oktober 1998
Diakonenweihe im Ruhrgebiet 

Helmut Wiechmann, mehrfacher Senior der UNITAS Ruhrania Bochum-Essen-Dortmund, empfing am 25. Oktober 1998 mit fünf weiteren Kandidaten aus der Hand des Essener Weihbischofs Franz Vorrath die Weihe zum Diakon. Drei Chargenabordnungen von UNITAS Ruhrania und UNITAS Salia waren in der fast überfüllten Propsteikirche St.Urbanus in Gelsenkirchen-Buer dabei. 

Der strahlende Wiederbegründungssenior konnte beim anschließenden Empfang viele Freunde und Bundesbrüder begrüßen. Auch die Altherrenzirkel im Ruhrgebiet gratulierten dem neuen Diakon, mit dessen Weihe ein langer Wunsch in Erfüllung geht. Der gelernte Maler und Lackierer machte eine Krankenpflegeausbildung und arbeitete viele Jahre als Anästhesiepfleger. Er baute sein Abitur am Ruhr-Kolleg, übernahm eine große Zahl von Vormundschaften und verdiente sich sein zielstrebig verfolgtes Theologiestudium selbst. 

Helmut, seit Jahren ständig brummender Motor der Aktivitas, hat den Ruhranen in die Hand versprochen, dass er gerade in seiner neuen Tätigkeit für die UNITAS immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand haben wird. Dem „Chef-Keiler“ der Revier-Unitarier wünschen die Bundesbrüder für seinen Lebensweg „im Auftrag des Herrn“ von Herzen Gottes Segen. Möge er sein unnachahmliches Talent im Umgang mit den Mitmenschen, das e