Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Vatikan
eröffnet Untersuchungen
zur
Seligsprechung von Robert Schuman
von Dr. Christof Beckmann
VATIKAN.
Am 23. Juni 2004 wurde das Seligsprechungsverfahren für den französischen Politiker
und Bundesbruder Robert Schuman (1886-1963) im Vatikan aufgenommen. Nach 14-jähriger
Arbeit waren die diözesanen Untersuchungen in Metz, der Heimatdiözese Schumans,
am 29. Mai abgeschlossen worden. Das Dossier – nach einem Bericht der
„Gesellschaft zur Förderung der Einigung Europas aus christlicher
Verantwortung e.V.“ etwa 6.000 Dokumente – erreichen Rom in einer Zeit der
Enttäuschung, da sich die neue europäische Verfassung nicht auf die
christlichen Wurzeln Europas bezieht. Der „L’Osservatore Romano“ schreibt,
dass der Fall des französischen Politikers Europa an sein „verlorenes Gedächtnis“
erinnern könnte.
Der
Kongregation für Heilig- und Seligsprechungsverfahren liegen nun Stellungnahmen
von Domkapitular Dr. Josef Jost sowie Berichte des Präsidenten der
Theologischen Kommission Dr. Guy Villaros und der Historischen Kommission unter
Prof. Jean Moes vor. Dazu kommen etwa 700 Seiten umfassende Vernehmungen von 230
Zeugen, die Schuman noch kannten. Den größten Teil steuerte Hans August Lücker,
Vizepräsident des EP, Parlamentskollege und Freund Schumans, mit seiner
„profanen“ Dokumentation von etwa 4.000 Dokumenten bei.
Pater
Bernard Ardura, Sekretär des päpstlichen Rates für Kultur ist Postulator für
das Seligsprechungsverfahren auf Ebene der Kongregation. Sie will jetzt Bbr.
Schumans „heroischen Tugendgrad“ bestätigen, ebenso das medizinische
Wunder, das für die Seligsprechung nötig ist. Die „Congregatio dei Sancti“
unter Vorsitz Kardinals José Saraiva Martins wird nun eine Positio erarbeiten,
die dem Papst als Grundlage seiner Entscheidung dient. Finanzielle Unterstützung
für die Vorantreibung des Falles kommt vom „Institute Saint Benoit“, gegründet
1988 von René Lejeune, Privatsekretär Robert Schumans 1945-1958 und engem
Vertrauten des französischen Politikers, der als „Architekt Europas“ gilt.
Aktiv
in der UNITAS
Nach
dem frühen Tod seiner Eltern hatte der am 29. Juni Clausen (Luxemburg) als
Jean-Baptiste Nicolas Robert geborene Schuman eigentlich Priester werden wollen.
Er besuchte Gymnasien in Luxemburg und Metz, doch Freunde überzeugten ihn, dass
die Welt tüchtige Laien brauche und dass „die Heiligen dieses Jahrhunderts
Straßenanzüge tragen“ würden. So schlug der umfassend gebildete und im persönlichen
Umgang gewinnende Schuman eine Karriere als Jurist und aktiver Laienkatholik
ein.
Für
sein Jurastudium in Deutschland schrieb er sich 1904 an der Universität Bonn
ein. Hier trat er dem Verband der Wissenschaftlichen Katholischen
Studentenvereine UNITAS bei, dem er zeitlebens eng verbunden blieb. Er setzte
das Studium der Rechtswissenschaft, Volks-, Welt- und Finanzwirtschaften 1905 in
München, 1905/06 in Berlin und 1906-08 in Straßburg fort und ließ sich als
Rechtsanwalt in Metz nieder.
Im
Ersten Weltkrieg diente er noch als Reservist im deutschen Heer. Nach der
Abtrennung Elsass-Lothringens jedoch wurde der Grenzgänger Franzose und schon
1919 Abgeordneter der Pariser Nationalversammlung. Bereits in den 20-er Jahren
knüpfte Schuman mit christlich-demokratisch gesinnten Politikern aus ganz
Europa wie Konrad Adenauer oder dem Italiener Alcide de Gasperi ein dichtes Netz
von Kontakten. Diese Beziehungen sollten später, nach 1945, zur Keimzelle der
europäischen Einigung werden.
1940
geriet Schuman als Unterstaatssekretär für das Flüchtlingswesen in Gegensatz
zur Vichy-Regierung Petains; im Herbst wurde er als erster prominenter französischer
Politiker verhaftet. Nach seiner Flucht aus Gestapo-Haft im August 1942
versteckte er sich bei Benediktinern, mit denen ihn seit seiner Studienzeit enge
Freundschaften verbanden. Er arbeitete fortan in der Resistance. 1945 gründete
er die Christlich-Demokratische Partei.
Nach
dem Krieg Schuman gehörte der Junggeselle allen schnell wechselnden französischen
Regierungen an - zunächst 1946 als Finanzminister, dann 1947-1948 als
Ministerpräsident und 1948-1952 als Außenminister in acht Kabinetten der
„politischen Mitte“. Unter immer stärkerer Anfeindung der Gaullisten
betrieb er mit großer Umsicht und Energie seine Idee der europäischen Einigung
und einer deutsch-französischen Annäherung.
Vater
der europäischen
Einigung
Als
Außenminister trug er am 9. Mai 1950 den „Schumanplan“ einer europäischen
Montanunion vor (s. unten rechts das Originalmanuskript). Seine „historische Erklärung“ für die neue Struktur
Europas sah vor, die Grundindustrien Deutschlands und Frankreichs Kohle und
Stahl als ersten Baustein einer europäischen Föderation zusammenzulegen. Die
gemeinsame Bewirtschaftung der zentralen Grundstoffe der Rüstungsindustrie
durch die einstigen Erbfeinde war für den brillanten Denker im Kern aktive
Friedenspolitik. Zwar wurden die wesentlich von ihm mit vorbereiteten Verträge
zur „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ und zur „Europäischen
Gemeinschaft“ von der Nationalversammlung verworfen, doch gilt der 9. Mai 1950
als Geburtsstunde der europäischen Einigung und wird deshalb von den
EU-Institutionen als Europatag begangen.
1953
trat die von Schuhmann beeinflusste „Straßburger Konvention für
Menschenrechte und bürgerliche Grundfreiheiten“ in Kraft. 1953-1958 wirkte er
in allen europäischen Ländern in zahllosen Vorträgen als „Pilger Europas“
und warb für seine politische Vision Europas. 1958 wurde er
zum ersten Präsidenten
des neu geschaffenen Europaparlaments gewählt und 1960 zu dessen Ehrenpräsident.
Für seine Verdienste erhielt er 1958 den Internationalen Karlspreis der Stadt
Aachen. In mehreren Funktionen verfolgte Schuman das Werden „seines“ Europa.
Im Winter 1961 erlitt der Junggeselle bei einem Abendspaziergang einen
Herzinfarkt. Eine ganze Nacht blieb er hilflos in Eiseskälte liegen - und
erholte sich nie mehr vollständig. Am 4. September 1963 starb er 77-jährig in
seinem Landhaus in Scy-Chazelles bei Metz – die Fahne der UNITAS und die französische
Trikolore gaben ihm das letzte Geleit.
Die
Vision einer „Gemeinschaft der Völker“, wie sie von Schuman vertreten
wurde, stand im Zentrum der Debatte um die christlichen Wurzeln Europas. Papst
Johannes Paul II. hat in der Vergangenheit mehrmals sein ganz persönliches
Interesse für die Seligsprechung bekundet und bezog sich oft auf Schuman als
einen Mann, der „von einem tiefen christlichen Glauben inspiriert war“. Er
sah in Schuman ein Beispiel eines christlichen Politikers – dies unterstrich
er vor allem 1988 bei seiner Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg.
Er würdigte Bbr. Schuman als einen „authentischen Christen, „außergewöhnlich
fähigen Staatsmann“ und „ewiges Vorbild“ für alle Verantwortlichen am
Aufbau Europas.
Wenn
es eines Wunders für die Seligsprechung bedürfte: Das Verdienst, die Vision
eines geeinten Europa aus Zeiten des „totalen Kriegs“ in die politische
Realität umgesetzt zu haben, gilt vielen als Wunder genug.
Gebet
für die Seligsprechung des Dieners Gottes Robert Schuman
und
für die Gnade seiner Erhöhung durch seine Fürsprache;
Herr,
Du hast gewollt, dass Deine Kreaturen widerspiegeln Deine Liebe,
und dass die Völker unter sich Bande des Friedens und der Solidarität knüpfen.
Dein Diener Robert Schuman war ein treuer Diener des Friedens,
er hat sein weltliches Handeln ausgeübt wie ein Apostolat.
Er hat gearbeitet an dem Aufbau der ersten Gemeinschaft der Nationen,
in denen er den Wunsch ausdrückte,
dass „Europa die universelle Solidarität der Zukunft vollendet".
'
Durch alle seine Handlungen, hat er schlüssig gezeigt,
dass die Politik Weg zur Heiligkeit sein kann.
Im Angesicht Deines Sohnes
'war er „sanftmütig und demütig von Herzen" (Mt 11,29).
Würdige uns bald
zu sehen,
dass Deine Kirche das Andenken an Robert Schuman,
als Schüler und Nachahmer Jesu Christi anerkennt.
Dass er den Gesetzgebern und den Regierenden als Modell diene,
in dem womit sie sich befassen,
damit auch sie Diener ihrer Völker werden, Werke des Friedens schaffen
und Gerechtigkeit unter den Nationen bringen.
Durch die Erhöhung Deines Dieners Robert Schumann,
lass uns der Gnade teilhaftig werden: ... (hier Fürbitte einfügen)
Gib, uns, geliebter Vater,
die Kraft, Instrumente Deines heiligen Willens zu sein,
alle Tage auf unserer Pilgerreise auf dieser Erde,
um schließlich zu erlangen,
nachdem wir den guten Kampf des Glaubens gekämpft haben,
das ewige Leben, zu welchen wir berufen sind. (1 Tim 6, 12 aus)
und dass das Beispiel von Robert Schuman uns immer mehr stärke,
Deiner Liebe gleichförmig zu werden.
Amen.