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Robert Schuman und das neue Europa

Von Jean Seitlinger

Am 4. September 1963 verstarb Bbr. Robert Schuman in seinem Haus in Scy-Chazelles bei Metz. Europa und die europäische Einigung, nach 1945 untrennbar mit Robert Schuman verbunden, tritt im Jahre 2004 in eine neue Phase: Staaten Mittel- und Osteuropas werden Mitglieder der Europäischen Union und die Verhandlungen über eine gemeinsame europäische Verfassung treten in ein entscheidendes Stadium. Anlässlich des 40. Todestages Robert Schumans gab es verschiedene Gedenkveranstaltungen, die sich mit der Zukunft Europas und dem Erbe des großen Europäers befasst haben. Auf einer Soirée der Katholischen Akademie Trier kam Jean Seitlinger, ein Zeitzeuge und Weggefährte Schumans, mit einem sehr persönlich gehaltenen Vortrag zu Wort, den die unitas in einer leicht gekürzten und redaktionell überarbeiteten Fassung nachstehend dokumentiert.

„... Ich schulde Robert Schuman sehr viel. Er war mein Wegweiser. Ich verdanke ihm, dass ich 1956 auf seiner Wahlliste in die französische Nationalversammlung gewählt wurde. Daraus ergab sich für mich seit vier Jahrzehnten die Pflicht, jede Gelegenheit wahrzunehmen, mich dem Lebenswerk von Robert Schuman zu widmen: Die Schaffung eines geeinigten Europa.

Robert Schuman zu beschreiben ist - man merkt es auf dem halben Wege - ein fast unmöglicher Versuch. Dieser Staatsmann ist gegen seinen Willen berühmt geworden. Er war bescheiden und kühn zugleich, hatte feste Überzeugungen, war loyal, immer höflich und geduldig, aber standhaft und beharrlich. Von Robert Schuman sprechen, wie er es sich gewünscht hätte, heißt, jedem Lob Einhalt zu gebieten.

Robert Schuman hatte eine starke Heimatbindung zu Lothringen. 1924 erwarb er in dem Wehrdorf Scy-Chazelles in der Nähe von Metz am Hang des Mont Saint Quentin ein niedriges, unauffälliges, von Mauern geschütztes Haus, das aber nach hinten über einen großen Garten verfügt mit Blick zum Tal, wo die Mosel sich träge dahin schlängelt. Die Straße hinauf zu dem Anwesen ist mühsam. Man gerät außer Atem und verlangsamt den Schritt. Robert Schuman hat diesen Weg oft zu Fuß zurückgelegt. Selbst als Minister reiste er mit der Bahn von Paris nach Metz, um dann vom Bahnhof nach Scy-Chazelles mit dem Bus zu fahren - zum großen Missfallen der Polizeibeamten.

Robert Schumans Bescheidenheit, seine Güte und seine Fähigkeit zuzuhören verliehen ihm allgemein Respekt. In den Wahlversammlungen bewies er immer intellektuelle Ehrlichkeit. Er war kein Volksredner; dennoch hatten seine eigene Art zu reden und seine leise Stimme hohe Überzeugungskraft. Er bewirkte einen Kontakt von Geist zu Geist und pflegte eine gewisse Qualität des Schweigens. Er verstand es, den Widerstreit der Argumente abzudämpfen, um einen echten Dialog herzustellen.

Gleich nach meiner ersten Wahl zum Abgeordneten vertraute er mir an, dass die Wähler allzu oft glauben, dass ein Rechtsanwalt - unser beider Beruf - sehr beredt sein müsse. Wichtiger und wesentlich für den Volksvertreter sei aber die Fähigkeit, dem Wähler geduldig zuhören zu können. Robert Schumans Denkweise, sein tiefer Glaube, die Prägung seines Charakters und das Beispiel seiner Lebensführung werden weiterhin unser Handeln leiten.

Jacques Fauvet, der Direktor der Zeitung „Le Monde“ schrieb folgendes Zeugnis über Robert Schuman: „Luxemburger von Geburt, Deutscher durch die Erziehung, Lothringer von je und Franzose mit dem Herzen“. Er war weder Gauleiter, noch Hauptmann der deutschen Armee, wie die Kommunisten und einige Gaullisten ihn beschimpften. Im ersten Weltkrieg war Robert Schuman seit 1908 aus Gesundheitsgründen vom Wehrdienst ausgemustert und als Kanzleischreiber der Kreisbehörde von Boulay im Département Moselle zugeteilt worden. Doch diese Anklage haftet weiter an der Person von Robert Schumann. So schrieb noch vor einigen Monaten der Publizist Lambroschini in der Zeitung „Le Figaro“, dass Schuman Elsässer und Hauptmann der Wehrmacht gewesen sei. Er schrieb dies in gutem Glauben, den eigentlich ist er ein Verfechter der Politik Robert Schumans.

Ganz im Gegenteil: Robert Schuman war der erste französische Parlamentarier, der von der Gestapo verhaftet wurde - bereits am 14. September 1940. Nach sieben Monaten Einzelhaft wurde er dank der Hilfe des saarländischen Staatsanwaltes Heinrich Welsch, damals im Amt in Metz, nicht der Gestapo ausgeliefert, sondern mit Hausarrest nach Neustadt an der Weinstraße umgesiedelt. Gauleiter Joseph Bürckel wollte Robert Schuman zum Pressesprecher der Westmark ernennen mit der Aufgabe, die Lothringer für die deutsche Volksgemeinschaft zu gewinnen. Doch Schuman lehnte diesen Vorschlag und floh im August 1942 über die Grenze in das damals noch unbesetzte Südfrankreich.

Robert Schuman verkörpert den deutsch-französischen Zwiespalt, das europäische Leiden. Wenn auch von zwei Kulturen geprägt, war er doch in erster Linie Lothringer, Katholik und Europäer. Für ihn war Politik keine Bühne, auf der jeder eine Rolle spielt; sie war Berufung und Aufgabe, die er mit Leib und Seele erfüllt hat. Anlässlich der Überreichung des Robert-Schuman-Preises in Montigny les Metz an Bundeskanzler Konrad Adenauer, sagte dieser: „Robert Schuman war nicht nur ein kluger Politiker, sondern auch ein ehrlicher Politiker. Dies sind Eigenschaften, die selten Hand in Hand gehen“. Laut Antoine Pinay besaß Robert Schuman die beiden entscheidenden Eigenschaften, die einen Staatsmann ausmachen: „Er dachte in großen Dimensionen und hatte Weitblick; er war ein Zukunftsgestalter“ Er träumte nicht von Europa, er hat es geschaffen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir seinen Ideen und seinem Werk treu bleiben

Mit gutem Gewissen haben die verantwortlichen Personen der politischen Familie von Robert Schuman dem Vorschlag von Präsident Francois Mitterand nicht stattgegeben, Robert Schuman aus der Wehrkirche gegenüber seinem Haus in Scy-Chazelles umzubetten in das Pantheon in Paris - eine Art französische Wallhalla. Der Pantheon, zuerst als Kirche gedacht, ist seit der Beerdigung von Victor Hugo 1885 durch die Dritte Republik zum laizistischen Tempel geworden, in dem berühmte Männer aus Politik, Kunst und Literatur ihre letzte Ruhe finden. Ich bin sicher, dass die lothringische Erde von Scy-Chazelles der Person von Robert Schuman besser gerecht wird.

Ein Freundeskreis aus den Reihen der Europäischen Volkspartei hat die Initiative ergriffen, die Seligsprechung von Robert Schuman einzuleiten. Ein Trägerverein unter dem Namen „Institut Saint Benoit“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Prozessunterlagen zu sammeln und zu erstellen. Bischof Raffin von Metz wird demnächst die Vorbereitungen abschließen und noch vor Jahresende die Akte an die zuständige Kongregation beim Heiligen Stuhl in Rom weiterleiten. Ich zitiere Hans August Lücker, Exekutivpräsident des deutschen Komitees für die Seligsprechung von Robert Schuman, der sich mit viel Wissen und Energie für die Sache einsetzt: „In der dreifachen Charakterisierung von Robert Schuman: ‚authentischer Katholik, außerordentlich fähiger Staatsmann, ewiges Vorbild’ ist die Absicht seiner Seligsprechung begründet“. Alle Freunde von Robert Schuman - europaweit - sind voller Hoffnung. Unser politisches Leben braucht solche Vorbilder. In Scy-Chazelles ist Europa geboren. 50 Jahre nach der historischen Erklärung von Robert Schuman am 9. Mai 1950 und 40 Jahre nach seinem Tod ist diese Initiative von großer Aktualität. Sie hat in der Geschichte der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, die so oft durch blutige Tragödien befleckt wurde, eine neue Ära eröffnet.

Das erste Ziel Robert Schumans war die Vergebung und die Versöhnung mit Deutschland. Er wollte einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell und institutionell durch die Montan-Union unmöglich machen. Der lothringische Minister ging ein großes politisches Risiko ein. Zum Glück fand Schuman in Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Joseph Bech Partner gleichen Geistes. Zunächst zweifelnd, dann mit Überzeugung hat General de Gaulle mit Bundeskanzler Konrad Adenauer ein Verhältnis gepflegt, das auf Vertrauen und Redlichkeit aufgebaut war. Auch Helmut Schmidt und Valery Giscard d‘Estaing sind durch eine Freundschaft verbunden, die bis heute andauert. Nicht zuletzt haben Helmut Kohl und Francois Mitterand durch den Händedruck in Verdun eine volle Übereinstimmung und ein heimliches Einverständnis besiegelt, allerdings sehr getrübt durch die deutsche Wiedervereinigung.

Derzeit schleichen sich Missverständnisse in die Debatte ein, weil unser Worte sich zwar kreuzen, aber nicht berühren. Wir verstehen uns gut, aber wir achten nicht aufeinander. Die Regierungen unterliegen der Versuchung, der Innenpolitik Vorrang zu geben. Wir dürfen jedoch nicht glauben, das Ziel sei bereits erreicht. Krisen erzwingen rasche Entscheidungen. Im Dezember 2001 hat der Europäische Rat in Laeken den Entwurf einer Verfassung in Auftrag gegeben. Unter dem Vorsitz von Valery Giscard d‘Estaing ist es dem Konvent im Juli dieses Jahres gelungen, im Konsensverfahren einen Vorschlag anzunehmen. Der Europäische Rat wird in den nächsten Monaten diesen Vorschlag überprüfen und einen definitiven Text ausarbeiten, der die Verfassung Europas werden soll.

Es gab längere und schwierige Diskussionen über den Inhalt der Präambel. Nicht nur die Delegation aus Polen, sondern auch die „Gesellschaft zur Förderung der Europäischen Einigung aus christlicher Verantwortung“ unter dem Vorsitz von Hans August Lücker, meinem langjährigen Freund, haben vergebens versucht zu erreichen, dass der neue Verfassungsvertrag mit einer Anrufung Gottes beginnt. Gemäß unserer 2000-jährigen Kultur wollen wir die Bereitschaft unserer Völker und ihrer Regierungen sichtbar machen, dass wir unsere Herrschaft über die Erde und die Schöpfung in Verantwortung vor Gott ausüben, wie alle großen Religionen und Kulturen das absolut höchste Wesen nennen. Die Präambel hält fest, dass der Kontinent Europa ein Träger der Zivilisation ist und dass seine Bewohner die Werte entwickelt haben, die den Humanismus begründen: Gleichheit der Menschen, Freiheit, Geltung der Vernunft. „Schöpfend aus den kulturellen, religiösen und humanistischen Überlieferungen Europas“ heißt es weiter, soll Europa in „ Vielfalt geeint“ dieses große Abenteuer fortsetzen. Es ist jedoch alles andere als ein Abenteuer. Ich befürchte aber, dass der Europäische Rat sich ebenfalls mit solchen neutralen Formulierungen begnügen wird.

Diese Debatte wird seit Jahrzehnten in den eigenen Reihen unserer politischen Parteien und der Gewerkschaften geführt. Die CDU/CSU ist de facto in Europa die einzige große Volkspartei die das „C“ in ihrem Namen beibehalten hat. In Italien ist die Democrazia Christiana in der Forza Italia untergegangen. In Mittel- und Lateinamerika, hauptsächlich in Venezuela und noch deutlicher in Chile - unter den Präsidenten Frei, Vater und Sohn -, gibt es starke christliche demokratische Parteien. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine internationale Vereinigung der Christlich-Demokratischen Parteien ins Leben gerufen - unter der Abkürzung NEI, die „Nouvelles Equipes Internationales“, deren Generalsekretär ich von 1958 bis 1964 war. Als dann 1976 in Luxemburg die EVP, die „Europäische Volkspartei“ gegründet wurde, unter dem Vorsitz von Leo TINDEMANS und mit mir selbst als Generalsekretär von 1976 bis 1984, gab es die gleichen Vorbehalte gegen das C.

Die christliche Gewerkschaft in Frankreich, die CFTC, hat sich vor 30 Jahren gespalten in CFTC und CFDT, aber letztere ist inzwischen bei weitem die stärkste geworden.

Elsass-Lothringen ist in Frankreich eine Ausnahme. Als das von Napoleon Bonaparte mit Papst Pius VII. im Jahre 1801 unterzeichnete Konkordat mit Bestimmungen für Kirche und Schulen durch ein Gesetz von 1905 durch Minister Combe gebrochen wurde, gehörten die beiden Provinzen zu Deutschland. Es war den Siegern von 1918 nicht möglich, dem Kirchenvertrag die Anerkennung zu verweigern, nachdem der deutsche protestantische Kaiser ihn in Kraft ließ. Spätere Versuche französischer antiklerikaler Politiker, das Konkordat zu sprengen, sind am Willen der Bevölkerung und ihrer Abgeordneten gescheitert. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, war es für die französischen Behörden undenkbar, das Konkordat nicht wieder anzuerkennen. Spätere Versuche von Edouard Herriot und einige Überlegungen von Francois Mitterand im Jahre 1981 wurden schon im Keim erstickt. Das Konkordat zählt heute zum unantastbaren Erbgut Elsass-Lothringens.

Die laizistische zentralistische Republik ist inzwischen auf nationaler Ebene toleranter geworden. Der Laizismus, der weltliche, konfessionslose Charakter ist heute weniger aggressiv, sondern mehr duldsam. Selbst Robert Schuman schreibt in seinem Buch „Für Europa“: „Das Christentum darf nicht von einem politischen Regime in Anspruch genommen oder mit einer Regierungsform - und sei sie demokratisch - identifiziert werden. Man muss einen Unterschied zwischen dem Reich Caesars und dem Gottes machen. Diese beiden Gewalten haben jede ihre eigenen Verantwortlichkeiten.“ Frankreich ist ein laizistisches Land mit katholischer Kultur. (...) In ihrer großen Mehrheit wollen die Franzosen das christliche Erbe nicht verleugnen, aber sie fordern, dass die religiöse Freiheit und der Laizismus anerkannt bleiben. Dies erklärt, dass im Artikel II -10 des Entwurfs nur die Rede ist von Gedanken, Gewissens- und Religionsfreiheit. Die Verfassung verfolgt eigentlich drei Ziele:

1.       Europa dem Bürger näher zu bringen;

2.       Europa mit der Erweiterung neue Strukturen zu geben;

3.       Europa zum Stabilitätsfaktor und Vorbild zu machen.

Ich werde die technischen, institutionellen Fragen nicht näher behandeln, sondern auf die Eingliederung der 10 neuen Länder eingehen. Jedoch ist es unumgänglich, auf einige Besonderheiten aufmerksam zu machen:

Das Wort „Föderalismus“ erscheint kein einziges Mal in der Verfassung. Der Verweis auf die Charta für „Menschenrechte und Bürgerliche Grundfreiheiten“ von 1951, die seit 1953 in allen Mitgliedsstaaten des Europarates in Kraft getreten ist, wird nur sehr lau und zurückhaltend erwähnt. Wir wollen, dass Europa eine echte, stabile und demokratische Regierung erhält. Dies ist nicht völlig gewährleistet. Es wird ein Europa mit zwei Köpfen geben. Statt alle sechs Monate die Präsidentschaft zu wechseln, wird der zukünftige Präsident durch den Europäischen Rat für zweieinhalb Jahre gewählt. Dies bejahen wir. Aber der Präsident der Europäischen Kommission wird vom Parlament gewählt.

Ein solches Verfahren schließt nicht aus, dass diese beiden hohen Funktionen zu einer Art „Kohabitation“ führen, die lähmend wirkt. Der Europäische Rat vertritt die Interessen der Staaten. Die Europäische Kommission vertritt die allgemeinen Interessen. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Kommission das Monopol des Vorschlagrechts weiter behält. Dies ist von anderer Bedeutung als der semantische Streit über die „Vereinigten Staaten von Europa“ ohne ein „Vereinigtes Europa der Nationen.“ Jedoch ist die Reform der Institutionen dringend notwendig, damit die Aufnahme der neuen Länder etappenweise erfolgen kann. Selbst unterschiedliche Geschwindigkeiten sind besser als keine Bewegung.

Ich werde oft gefragt, was Robert Schuman wohl zu dieser Erweiterung sagen würde. Diese Frage ist fast immer mit der Hoffnung verbunden, eine verneinende Antwort zu erhalten. Ich muss meine Gesprächspartner immer enttäuschen. Bereits 1962 hat Robert Schuman hierzu in klarer Weise seine Meinung niedergeschrieben: „Wir müssen das geeinte Europa nicht nur im Interesse der freien Völker errichten, sondern auch, um die Völker Osteuropas in die Gemeinschaft aufnehmen zu können, wenn sie von dem Zwang, unter dem sie leiden, befreit, um ihren Beitritt und unsere moralische Unterstützung nachsuchen werden. Seit langen Jahren verspüren wir schmerzhaft die ideologische Demarkationslinie, die Europa in zwei teilt. Gewalt hat sie erzwungen, möge die Freiheit sie auslöschen. Wir schulden ihnen das Vorbild eines vereinten brüderlichen Europa. Jeder Schritt, den wir auf diesem Weg zurücklegen, wird für sie eine neue Chance darstellen. Sie brauchen unsere Hilfe bei der ungeheuren Aufgabe der Umstellung, die sie zu bewerkstelligen haben. Unsere Pflicht ist es, dafür bereit zu sein“.

Ich bin allerdings nicht sicher, ob wir alle und überall so bereit waren. Wie dem auch sei, ich werde das Wort „Erweiterung“ nicht anwenden. Es ist eine Erschließung neuer Räume. Es ist nicht die Gründung eines Kolonialreiches, sondern es ist die Wiedervereinigung des historischen und geographischen Europa. Die Rückkehr der Staaten Mittel- und Osteuropas ist die heutige große Baustelle.

Wir müssen vermeiden, dass sich eine neue Trennung, ja gar eine neue Kluft auf unserem Kontinent bildet. Diese 10 Staaten vom Baltikum bis zur Adria haben fast ein halbes Jahrhundert unter dem Stalinismus und dem Kommunismus schwer gelitten. Wir haben sie zum Widerstand aufgerufen, obwohl wir Ihnen keine Hilfe leisten konnten. Nachdem Wytautas Landsbergis, Lech Walesa, Vaclav Havel und viele andere entscheidend dabei mitgewirkt haben, dass die Mauer in Berlin und die Sowjetunion zusammenbrachen, dürfen wir diese Völker nicht länger an der Tür klopfen lassen, zumal die Wiedervereinigung ein Gewinn für alle ist.

Die politischen Gewinne sind schwer zu bemessen, aber die Sicherheit auf unserem Kontinent und weltweit wird dadurch erheblich gestärkt. Die ethnischen, konfessionellen und nationalen Spannungen werden abgebaut. Wir setzen der Enttäuschung dieser Völker ein Ende und geben ihnen durch die Aufnahme die wirksamste Stütze für Reformen und Demokratie. Ich erinnere mich, dass ich 1994 in Russland in der Nähe von Pskov an der Grenze mit Estland im Auftrag des Europarates eine Delegation empfing mit Bürgermeister und Pope an der Spitze, die eine Korrektur der Grenze forderten. Ich musste Sie leider enttäuschen: Wir wollen Grenzen abbauen, aber keine Grenzsteine versetzen und neue einpflanzen.

Robert Schuman hat uns gelehrt, uns unermüdlich für das, was eint, einzusetzen und ebenso unermüdlich alles, was teilt, zu verneinen. Die Wiedervereinigung verlangt große Anstrengungen von allen Partnern; sie verlangt auch Geduld und Zeit mit Übergangsmaßnahmen. Aber das Ziel muss klar gesetzt und angestrebt werden. Robert Schuman hat in seinem Buch „Für Europa“ mehrmals den großen christlichen Philosophen Jacques Maritain, ehemaliger Botschafter Frankreichs im Vatikan, zitiert, indem er die Parallelität zwischen der Entwicklung der christlichen Idee und der Demokratie hervorragend herausgestellt hat. Das Christentum hat uns gelehrt, Gleichheit zwischen allen Menschen, die Würde der Arbeit, den Vorrang der inneren Werte, das Gesetz der Nächstenliebe zu respektieren. Aber wir dürfen uns nicht damit begnügen, die Erben zu sein, die Flamme hüten. Wir müssen bereit sein, die Glut zu schüren und mit Eifer an der unvollendeten Baustelle weiter zu arbeiten.

Redaktionelle Bearbeitung: H.-J. Großimlinghaus

 

Am 8. September 2003 in der Katholischen Akademie Trier: (v.l.) Jean Seitlinger, der Luxemburger Erzbischof Fernand Franck; Hans August Lücker, Exekutivpräsident des deutschen Komitees für die Seligsprechung Robert Schumans; Dr. Karl-Heinz Gorges, Mitglied im deutschen und französischen Komitee für die Seligsprechung Robert Schumans. Foto: Daniel Karman.
Auch am ehemaligen Wohnort von Robert Schuman in Scy-Chazelles bei Metz fand zum 40. Todestag als Gedenkveranstaltung ein Symposium über die Aktualität des Erbes von Robert Schuman statt. Das Foto zeigt den ehemaligen Luxemburger Ministerpräsidenten Jacques Santer (links) und Jean Seitlinger.
Am Grab von Robert Schuman in der Wehrkirche St. Quentin in Scy-Chazelles: (v. links) Heinz Hermann Elting de Labarre, Vizepräsident des französischen Komitees für die Seligsprechung Robert Schumans, seine Gattin und Bbr. Dr. Karl-Heinz Gorges.

 

Lebenslauf von Jean Seitlinger

·          Jahrgang 1924
·          1956 Wahl in die französische Assemblée nationale in Paris
·          1959-1966 Generalsekretär der Internationalen Union Christlicher Demokraten (NEI)
·          1973-1979 Vizepräsident des Außenpolitischen Ausschusses der französischen Assemblée nationale
·          1976-1983 Generalsekretär der Europäischen Volkspartei (EVP)
·          1979-1984 Mitglied des Europäischen Parlaments
·          1985-1997 Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, Präsident des Ausschusses für den Beitritt der mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder