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Wo das „Herz“ Europas schlägt... 
...dort braucht Europa seine Identität und seine Bürger!

Das Robert-Schuman-Seminar 2004 vom 25. - 27. 11. 2004 in Berlin

Von Agata Szyszko, Berlin  

 „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Jahrzehntelang haben sich die Brüsseler Exponenten Europas Argumentationen wie die der zitierten Aussage des luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Junker – mehr oder weniger bewusst – zu Eigen gemacht. Heute setzen sich Politiker in Führungspositionen, Wirtschafts- und Kulturexperten, Wissenschaftler, Studenten und an der Zukunft der europäischen Integration interessierte EU-Bürger an einen Tisch, diskutieren über die EU-Verfassung und lassen sich gerne beraten, wie man das europäische ’Herz’ zum Schlagen bringen und Europa eine ’Seele’ geben kann.

Die Begrüßung der Teilnehmer des Robert-Schuman-Seminars vom „Wirt“ des ’Europahauses’ in Berlin, dem Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Deutschland, Dr. Gerhard Sabathil enthielt bereits eine klare Botschaft: „Die Europäische Union darf nicht länger ein Eliteprojekt bleiben!“ Nach 50 Jahren Integrationsgeschichte – hieß es – sei es an der Zeit, die Philosophie des gemeinsamen Regierens in Europa umzudenken und das strukturlähmende Demokratiedefizit der EU abzubauen. Auf uns alle, die das große europäische Einigungswerk heute im Bau erleben, komme es an, so Sabathil, den Teufelskreis zu durchbrechen und der Europa-Idee Breitenwirkung zu verleihen. Wenn „der europäische Traum“ – so idealistisch ihn der US-amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin in seinem Buch unter dem gleichnamigen Titel geschildert hat – Wirklichkeit werden sollte, wird Europa seine Identität und seine Bürger brauchen. Ohne öffentliche Zustimmung zum Integrationsprozess, ohne explizite Förderung der „Einheit in der Vielfalt“ dürfte es auf Dauer schwer möglich sein, die Europäische Union zu einer Erfolgsgeschichte werden zu lassen.

Nun drängt sich die Frage auf, wie die europäische Bevölkerung für das Zukunftsprojekt Europa zu gewinnen ist? Wie sind die EU-Bürger in die politischen Prozesse auf der Unionsebene einzubinden? Anfang des 21. Jahrhunderts – dessen ist sich der EP-Abgeordnete Elmar Brok sicher – steht die auf 25 Mitgliedstaaten erweiterte Gemeinschaft vor einer großen Chance. Die mühsamen Versuche, durch die Einführung der direkten Europawahlen (ab 1979) und die konsequente Erweiterung der Kompetenzen des Parlaments durch die Verträge von Maastricht (1992), Amsterdam (1997) und Nizza (2001) das politische System der EG/EU demokratisch zu legitimieren, haben – zugegebenermaßen – nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Demgegenüber, glaubt Brok, ist der Verfassungsvertrag (vom Europäischen Konvent am 18. Juli 2003 vorgelegt, im zweiten Anlauf der Verhandlungen am 17./18. Juni 2004 von den 25 EU-Staats- und Regierungschefs angenommen und am 29. Oktober 2004 auf dem Gipfel des Europäischen Rates in Rom unterzeichnet – A.Sz.) als ein wahrer Durchbruch im Prozess der Demokratisierung der Europäischen Union zu betrachten.

Mit den institutionellen Reformen, die auf eine größere Transparenz, Effizienz und Bürgernähe der supranationalen Entscheidungen der EU-Organe sowie auf eine verstärkte Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten zielen, wird nicht nur der politischen Union ein besonderer Status – nach innen wie nach außen – eingeräumt. Durch den Einbezug der ’Charta der Grundrechte’ in die Bestimmungen der EU-Verfassung (nach der nicht zuletzt die europäische Gesetzgebung künftig überprüfbar und beim Europäischen Gerichtshof einklagbar sein wird – E.B.) gewinnt die Union eine neue Qualität als europäische Wertegemeinschaft. All dies, so E. Brok, macht das Dokument – sollten die Bürger bzw. Nationalparlamente der einzelnen EU-Länder die Verfassung ratifizieren – zu einer epochalen Leistung ohnegleichen.

Was kann nun getan werden, damit die Europäer die große Chance erkennen und die Bemühungen der EU-Reformer ein glückliches Ende finden? In erster Linie gilt es zu informieren, welche Änderungen der Verfassungsvertrag enthält und was dabei für die Unionsbürger von größter Relevanz ist. Diesen Fragen ging eine im Rahmen des Robert-Schuman-Seminars im Auftrag vom Informationsbüro des Europäischen Parlaments und dem „Tagesspiegel“ veranstaltete, durch zahlreich angezogene auswärtige Gäste verstärkte Verfassungsdebatte nach.

Während der Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen EP-Präsidenten Dr. Klaus Hänsch, dem MdEP Elmar Brok und dem Redaktionsleiter des „Tagesspiegel“ Gerd Appenzeller hatten die Teilnehmer, zuvor mit der aktuellsten Version der Verfassung versorgt, beste Gelegenheit – sei es durch den Hinweis auf einen bestimmten Artikel –, den Sachverständigen Fragen zu stellen bzw. ihre Kritik und Anmerkungen zu den anstehenden Reformen zu äußern.

Dominiert wurde die Debatte von den Kontroversen über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik; denn gerade in diesem Bereich verspricht die Verfassung künftig eine noch stärkere Kooperation der Mitgliedstaaten. Das angestrebte Ziel: die EU zu einem weltpolitischen Akteur werden zu lassen, der nach außen mit einer Stimme spricht und seine Interessen in der internationalen Politik besser durchsetzen kann. Mit dem Posten des EU-Außenministers, der über die Wechsel im jeweiligen Vorsitz des Ministerrates hinaus Kontinuität verbürgen und zugleich als einer der Vizepräsidenten der EU-Kommission fungieren soll, wird die Verfassung, so Klaus Hänsch, eine vorrangige Orientierung an Personen, nicht an Institutionen zur Folge haben. „Die EU braucht mehr Gesichter!“, appellierte in diesem Zusammenhang Elmar Brok. In einer Mediengesellschaft ist die Personifizierung der Politik ein entscheidendes Kriterium der Popularität der politischen Formen und Inhalte.

Zu weiteren Fragen hinsichtlich der anstehenden EU-Reformen, vor allem aber im Blick auf die staatsrechtlichen Änderungen, die sich mit dem Inkrafttreten des Verfassungsvertrags für die Bundes- und Landesebene ergeben würden, hat die Referentin der Arbeitsgemeinschaft Angelegenheiten der Europäischen Union der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Susanne Szech-Koundouros, den Seminarteilnehmern Rede und Antwort gestanden. Wie groß der Einfluss des gemeinschaftlichen auf das nationale Recht künftig sein wird, erstaunt sicherlich weniger, wenn man bedenkt, so die Referentin, dass bereits jetzt 60 Prozent aller geltenden Gesetze nicht in Berlin, sondern in Brüssel geprägt werden.

Dieser Gedanke veranlasst zur Reflexion: Die Europäische Union ist vielerorts präsent, ihre wirtschaftlich-politische Dimension durchdringt – ohne, dass wir es überhaupt merken – unseren Alltag. Sie bietet viele Chancen und Möglichkeiten, stößt dabei aber meist auf Desinteresse und Ignoranz ihrer Bürger (dies bewies nicht zuletzt eine unerwartet geringe Beteiligung an den Europawahlen 2004). Die mangelnde Partizipation der Gesellschaften an den politischen Prozessen auf der Unionsebene ist nach wie vor auf das Nicht-Vorhandensein einer europäischen Öffentlichkeit zurückzuführen. Wohlgemerkt, es ist kaum möglich, eine Demokratie aufzubauen, wo es keinen Demos, kein europäisches Volk gibt, das seine demokratischen Rechte und Pflichten in Bezug auf eine supranationale Gemeinschaft wahrnehmen könnte.

Daher geht es in erster Linie darum, wie der Bundestagsabgeordnete Peter Altmaier in seinem kurzen, aber erfrischenden Vortrag postulierte, die Europamüdigkeit zu überwinden und das Vertrauen der Bevölkerung in die EU-Institutionen (zurück-) zu gewinnen. Allein ein EU-Grundgesetz, wie es aus der Verfassungsdebatte hervorgegangen ist, vermag nicht, Gemeinsamkeiten zu stiften. Eine europäische Identität im Sinne eines amerikanischen Verfassungspatriotismus wird nicht dank der Identifikation mit einem „juristischen Meisterwerk“, sondern durch die Erfahrung gemeinsamen Handelns zustande kommen.

Hoffnung für die wachsende Legitimierung eines solchen Handelns sieht P. Altmaier in den neuen Entscheidungsprozessen der projektierten Verfassungsordnung, v.a. im Blick auf das Prinzip der doppelten Mehrheit bei Abstimmungen im Ministerrat, mit der eine größere Berücksichtigung der Interessen von kleineren EU-Ländern und eine größere Gerechtigkeit für alle gesichert werden sollen. Nicht ohne Einfluss auf die Europawähler – wie der Referent behauptete – dürfte ebenfalls die Tatsache bleiben, dass gemäß der Verfassung das Europäische Parlament künftig noch mehr Mitentscheidungsrechte erlangt und selbst über die Wahl des EU-Kommissionspräsidenten abstimmen wird. In Bezug auf die Mitgliedstaaten wäre es dabei nach wie vor wünschenswert, so Altmaier, die Europa-Themen auf den innerpolitischen Bühnen stärker zu diskutieren und den europäischen Belangen in der Arbeit der Nationalparlamente mehr Ausdruck zu verleihen; dafür müssten die Europa-Ausschüsse eine größere Rolle spielen.

Doch mittlerweile wissen auch Politiker sehr wohl, dass Europa, ein ’Herz’ und eine ’Seele’ braucht, ja dass eine europäische Öffentlichkeit nicht zwangsläufig, auf Grund der Interessen und realpolitischen Gemeinsamkeiten entsteht. Eine europäische Identität, die sich als Zugehörigkeit zu einer übergreifenden Körperschaft versteht, beruht nicht zuletzt auf kulturhistorischen Erfahrungen und den mit ihnen verbundenen gemeinsamen Werten, die die Europäer in der Vergangenheit zusammengehalten haben und die sie auch in der Zukunft zusammenhalten werden.

Es sind zum großen Teil die christlichen Kirchen, so der stellvertretende Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der EG in Paris, Stefan Lunte, die im Laufe der Geschichte zu Brückenbauern Europas geworden sind und so für die Präsenz der humanistisch-aufklärerischen Ideale in weiten Teilen des Kontinents einen großen Beitrag leisteten. Dank der „Ost-West-Brücke“ haben die 40 Jahre lang durch den sowjetischen Kommunismus unterdrückten Völker trotz des Eisernen Vorhangs den europäischen Gemeinsinn für die freiheitlichen Werte, Menschen- und Bürgerrechte aufrechterhalten, ja um seiner Durchsetzung willen oft ihre eigene Existenz aufs Spiel gesetzt. Diese Gemeinsamkeiten der europäischen Gesellschaften wurden ersichtlicher, seitdem die Völker Ost- und Mitteleuropas in demokratischen Systemen leben. Doch mit der Entgrenzung der Staaten seit den 90er Jahren wurde ebenfalls deutlich, dass Europa überall mit demselben Problem konfrontiert ist: dem Defizit des Dialogs zwischen Staat, Naturwissenschaft und Religion. Daher gilt gegenwärtig für die christlichen Kirchen, so S. Lunte, Brücken innerhalb der Europäischen Union – nicht nur im Blick auf die Vielfalt der Völker und Kulturen, sondern auch in Bezug auf die Partnerschaft zwischen Kirche und Staat – zu schlagen. Nur auf diese Weise, wie der Referent versicherte, wird es gelingen, die „Nord-Süd-Brücke“ zu festigen und damit die Achse Oriens-Occidens zu erneuern.

Welch entscheidende Rolle für den inner- und außereuropäischen Dialog das christliche Kulturerbe Osteuropas spielen kann, hat die ungarische Initiatorin und Leiterin des „Kulturjahrs der 10“, Dr. Zsuzsanna Breier, in ihrem Vortrag ausgeführt. Der Glaube an die drei Prinzipien: Gerechtigkeit, Freiheit und Kommunion, als wichtige Konstituenten einer christlichen Gemeinschaft hatte in der Geschichte der ost- und mitteleuropäischen Gesellschaften, so Breier, einen entscheidenden Einfluss auf ihre Selbstverortung in Europa und prägte jahrhundertelang ihr bis heute in der abendländischen Kultur stark verwurzeltes Selbstverständnis. Diesen traditionsbezogenen Europavorstellungen haben Staaten wie Polen oder Ungarn in den Debatten um die Verfassungspräambel Ausdruck gegeben, in denen sie die Relevanz des Gottesbezugs, nicht zuletzt im christlichen Kontext, betonten. Trotz dieses in der unterzeichneten Verfassung nun fehlenden Verweises kann man dem Christentum – wie die Referentin mit Recht feststellte – seine wesentliche Rolle als einigender Faktor in der Geschichte des Kontinents nicht absprechen.

Dass die europäischen Gemeinsamkeiten heutzutage auch durch die wirtschaftliche Zusammenarbeit zustande kommen, dies versuchten Finanzsenator a.D. Peter Kurth, Vorstandsmitglied der ALBA AG, und Michał Jonczyński, Mitglied der Geschäftsleitung des polnischen Mineralölunternehmens ORLEN Deutschland AG, aufzuzeigen. Während der deutsche Wirtschaftsexperte in respektvollen Worten von der fachlichen Kompetenz der polnischen Arbeitnehmer Zeugnis ablegte, lobte der polnische Geschäftsleiter Deutschland als einen hervorragenden Standort für ausländische Investitionen

Aus der Diskussion um den regen wirtschaftlichen Austausch der beiden nachbarschaftlichen Unternehmen ließ sich nicht zuletzt schließen, dass die Osterweiterung neben vielen Chancen auch eine Menge Herausforderungen mit sich bringt. Die Bürger der alten EU-Länder, so P. Kurth, müssten sich bewusst werden, welchem Wettbewerb der Bildungs- und Fachpotenziale sie seitens ihrer ostmitteleuropäischen Kollegen ausgesetzt sind. Die neuen Mitgliedstaaten dürfen sich dagegen vom hohen Steuerniveau der westlichen Märkte nicht abschrecken lassen, denn auch die hiesigen Wirtschaftsstandards, so M. Jonczyński, eignen sich bestens für rentable Geschäfte und laden dazu ein, Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Perspektiven für ein identitätsbewussteres Nebeneinander in einer großen europäischen Familie erscheinen umso realistischer, wenn man neben der Chance, dank solchen Begegnungen wie die in Berlin seine Europakenntnisse zu vertiefen, gleichzeitig dazu veranlasst wird, einige Stereotypen in Bezug auf seine Nachbarn abzubauen. Im Anschluss an das Robert-Schuman-Seminar musste ich an eine Karikatur des polnischen Satyrikers Zbigniew Januszewski aus der Zeit der EU-Beitrittsverhandlungen meines Heimatlandes denken; dort reicht der polnische Staatspräsident dem deutschen Bundeskanzler die Hand und sagt: „Schlag ein, ihr gebt uns die Kasse, wir euch die Moral!“ Nach den Vorträgen und Diskussionen des letzten Tages und auf Grund der persönlichen Kontakte und Gespräche mit den Unitariern konnte ich feststellen, dass weder der klischeehaft besetzte Begriff der „polnischen Wirtschaft“ den ökonomischen Bedingungen des Standorts Polen entspricht, noch es um die deutsche, sprich westeuropäische Moral so schlecht steht, wie man es sich im Osten gewöhnlich vorstellen würde.

Fazit: Solange man sich in Europa auf Bürger verlassen kann, die die traditionellen europäischen Werte als fundamentale Elemente ihrer Identität betrachten, kann das Zukunftsprojekt EU auf mehr Gemeinsamkeiten hoffen als nur auf die ökonomischen Profite des Binnenmarkts oder aber ein Zustandekommen einer EU-Verfassung. Vielleicht wird dadurch „der europäische Traum“ einmal wahr, auch wenn das europäische Herz noch sehr leise schlägt und die europäische Seele – möge sie unsterblich sein – nur wenigen Augen sichtbar werden dürfte.