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Wissenschaftlicher Katholischer Studentenverein
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Europaprogramm 
des Europäischen Kartellverbandes 1999

Als Arbeitsgrundlage auf der  25.KVV einstimmig angenommen.
17. Oktober 1999

Auf Antrag des EKV-Präsidiums und der Präsidien des ÖCV-Studentenverbandes 1998/99 und 1999/2000 K.a.V. Austro-Danubia und K.a.V. Rheno-Danubia

 

Einleitung: Ausgangslage und Vision

Der Europäische Kartellverband erhebt den Anspruch, eine wesentliche Stimme in Europa zu sein. Tatsächlich stimmt es, daß die europäische Integration zwar nicht unmittelbar auf Farbstudenten aus unserem Lager zurückgeht, aber doch ganz wesentliche Persönlichkeiten Christdemokraten waren (zum Beispiel Alcide DeGasperi, Konrad Adenauer und Robert Schumann).

Umso mehr verwundert es, daß kein aktuelles Programm des EKV für Europa besteht.

Das Präsidium des ÖCV 1998/99, e.v. K.a.V. Austro-Danubia gab zur KVV 1998 den Anstoß zur Erarbeitung eines solchen Programms. Der damalige Antrag, auf der KVV 1999 ein solches Programm zu präsentieren, wurde einstimmig angenommen. Beim Europaforum von 23.-25. April in Linz (Ö) diskutierten Vertreter einiger EKV-Verbände über einen Grundtext, den der Vorort Austro-Danubia ausgearbeitet hatte. Das Arbeitsklima war dermaßen konstruktiv, daß bereits beim Europakongreß am 25. April ein Vorschlag für das Europaprogramm präsentiert werden konnte, der ausdrückliches Lob von Persönlichkeiten wie EU-Kommissar Franz Fischler oder MdEP Otto von Habsburg erfuhr.

Nunmehr liegt das überarbeitete Programm in seiner akutellen Fassung vor. Es ist sicherlich kein Programm für die Ewigkeit, sondern soll die Visionen des EKV im Jahr 1999 festschreiben. Es bedarf ständiger Weiterentwicklung - eine Aufgabe für das EKV-Präsidium aber auch für die Verbände des EKV.

Wir bedanken uns bei allen, die an diesem Programm mitgearbeitet haben. Es lebe der EKV!

Mag. Alexander Wagner                        Janklaas Gillis               Mag. Christian Gehrer

 ÖCV-VOP 1998/99                                EKV-Präsident               ÖCV-VOP 1999/2000

 

Europäische Identität

Europa bedeutet Vielfalt genauso wie gemeinsame Werte.

Die europäischen Völker und Staaten weisen unterschiedliche geschichtliche Entwicklungen sowie differenzierte gewachsene Kulturen und Merkmale auf. Andererseits liegen drei wesentliche gemeinsame Ursprünge Europas in der christlichen Religion, in der hochentwickelten antiken Kultur der Griechen (Demokratie) und im Römischen Recht. Wir wollen als begeisterte Europäer ein einiges Europa mit gemeinsamer Wertebasis (Achtung des Individuums (Personalität), soziale Verantwortung (Solidarität), abgestufte Handlungskompetenzen (Subsidiarität) aber auch mit einer großen Vielfalt von Traditionen, die in Frieden miteinander leben. Die Vielfalt ist eine große Chance, sie fordert aber Toleranz und die Fähigkeit und den Willen, voneinander zu lernen. 

Erweiterung der EU

Europa ist mehr als die EU.

Die EU stellt aus unserer Sicht die beste institutionelle Möglichkeit dar, eine europäische Einigung voranzutreiben und auf diesem Weg den Frieden in Europa zu sichern. Wir bekennen uns darüberhinaus zu der Vision eines vereinten Europas, dessen Grundlagen nicht nur geographisch sondern nach gemeinsamen Werten zu bestimmen sind. Alle Menschen, die in diesem Gebiet leben, haben ein Recht auf Mitgestaltung Europas. Allerdings gibt es zu Recht gewisse Voraussetzungen in wirtschaftlicher und rechtsstaatlicher Hinsicht (gefestigte demokratische Ordnung mit effektivem Grundrechtsschutz), die für einen Beitritt zur EU erfüllt werden müssen. Die Länder, die schon Mitglied der EU sind, haben ihren Teil dazu beizutragen, daß auch die Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes diese Voraussetzungen erfüllen können – dies freilich nur, wenn und soweit die Beitrittsländer und ihre Bürger dies wollen. Die Bürger der Beitrittskandidaten trifft die Verantwortung, sich über die Bedeutung eines Beitritts zur EU klar zu sein, der eben sehr viel mehr als den Beitritt zu einer Wirtschaftsgemeinschaft bedeutet. Ein Bekenntnis zur – eventuell bestehenden – Europäischen Verfassung ist ebenfalls notwendig. Auf diese Weise kann sich die EU langfristig zu einer Werte- und Wirtschaftsunion entwickeln.

Die Rolle der Wirtschafts- und Währungsunion

Politische und ökonomische Union sollen Hand in Hand gehen.

Auf lange Sicht können politische und ökonomische Union nicht ohne das jeweils andere Element bestehen. Dies ist nicht nur eine plausible Überlegung sondern zeigt sich auch bei einem Blick auf die Geschichte. Wirtschaftlicher Wohlstand (nicht Reichtum oder gar Luxus) ist Grundvoraussetzung für sozialen Frieden, sozialer Frieden wiederum erleichtert die Schaffung und Erhaltung wirtschaftlichen Wohlstands. Wir erachten daher Ansichten, daß die Europäische Union ein rein wirtschaftliches Projekt sei, als vollkommen verfehlt. Die WWU soll nicht nur die positive Wirtschaftsentwicklung garantieren, sondern auch die EU als global Player etablieren. Der Wirtschafts- und Währungsunion kommt neben der Rolle eines Garanten für die weitere positive wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedstaaten der EU auch die Funktion eines Verstärkers des Europabewußtseins zu. Die Stabilität der Wirtschaft ist damit nicht Selbstzweck sondern wesentliches Element eines in Frieden geeinten Europa. Der Euro als gemeinsame Währung ist ein wichtiges Instrument. Im Rahmen einer ganzheitlichen Konzeption des Projekts WWU sollten die politischen Institutionen im Hinblick auf Außenvertretung und Osterweiterung ausgebaut werden.

Europäische Verfassung

Eine Europäische Verfassung, die von allen Unionsbürgern beschlossen wird, soll dazu dienen, unsere gemeinsamen Werte und die Europäische Identität zu vertiefen, bewußter zu machen und zu dokumentieren.

Unsere Idee einer Europäischen Verfassung basiert auf den Werten der Europäischen Sozialcharta und der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Werte, die in der Verfassung festgehalten werden sollen, sind christlich-humanistisch. Es bietet sich auch die Gelegenheit, dort das Bekenntnis zu den Grundwerten von Freiheit, Frieden, Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaat sowie Ökosozialer Marktwirtschaft und Schutz der Umwelt und des Lebens allgemein zu bekräftigen. In dieser Verfassung sollten ein weiteres Mal die Prinzipien der Subsidiarität und des Föderalismus für die Verteilung von Kompetenzen in der EU festgeschrieben werden, die in geschichtlicher wie auch ökonomischer Hinsicht für Europa ideal geeignet sind. Weiters gilt es, den europäischen Einigungsprozeß wieder stärker an den Bürgern zu orientieren. Elemente der demokratischen Beteiligung der EU-Bürger müssen daher verstärkt eingesetzt werden.

Schließlich ist ganz wesentlich, daß jeder Unionsbürger über diese Verfassung abstimmen kann. Damit wird er/sie ganz persönlich in den Integrationsprozeß miteinbezogen. Auch wenn vielleicht nicht sogleich eine solche Verfassung beschlossen werden kann, wird schon durch den Diskussionsprozeß darüber die Europäischen Identität und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt.

Europäische Verwaltung

Wir wollen ein Europa, dessen Verwaltung sich nicht als Selbstzweck sondern als Organisation mit dem Ziel der Dienstleistung an der europäischen Gesellschaft versteht.

Die Verwaltung ist ausführendes Organ der Regierenden und ist dem Dienst am Bürger verpflichtet. Dem Subsidiaritätsprinzip folgend müssen Kompetenzen auf der möglichst niedrigen Stelle angesiedelt werden. Die Bürokratie ist auf ein Mindestmaß zu beschränken und der ganze Apparat so schlank und einfach wie möglich zu halten. Damit wird auch die Transparenz des Rechtsstaates für die Bürger gewährleistet.

Menschenpflichten

Ein gelebtes Bekenntnis zu christlichen Werten ist für uns ein wesentliches Fundament für ein erfülltes Menschsein – auch und gerade in Europa. Außerdem ist es Zeit, von den Pflichten zu sprechen, die unsere Menschenrechte ergänzen müssen.

Das (potentiell) schlimmste Defizit der Europäischen Union und ganz Europas besteht nicht an materiellen sondern an geistigen Werten (vgl. auch den Artikel von Kardinal Schönborn). Dies ist umso dramatischer, als es letztlich die Einstellung der Menschen und nicht die Konzeption von Institutionen ist, die Europa zu Leben erweckt. Personalitätsprinzip, Gemeinwohlprinzip und Erkenntnis von der Schöpfungsgehilfenschaft (der Mensch als verantwortlicher Bestandteil der Schöpfung) sind die drei grundlegenden Pfeiler der Orientierung, zu denen wir uns bekennen.

Ebenfalls auf der christlichen Lehre – konkret dem Dekalog – fußt die Idee der Menschenpflichten. Diese Forderung betrifft letztlich die ganze Menschheit, doch könnte Europa – so wie schon bei der Europäischen Menschenrechtskonvention – den Anfang machen. Wir bekennen uns dazu, daß wir, die Bürger, auch verstärkt an unsere Pflichten denken und entsprechend handeln müssen. Es geht nicht an, immer mehr Leistungen vom Staat zu verlangen und davon auszugehen, daß einem alles in den Schoß gelegt wird. Die Grundsätze von „Leistung und Verantwortung“ könnten eine Leitlinie für einige prinzipielle Menschenpflichten sein. Darüber hinaus sollten in diesem „Katalog von Pflichten“ auch solche enthalten sein wie „Achtung allen Lebens“, „Schutz der Umwelt“, „Toleranz anderen Meinungen gegenüber“, „individuelle Freiräume ohne staatliche Intervention“, „Schaffung einer verantwortungsbewußten Bürgergesellschaft“. Aufgabe der Staaten und der Staatengemeinschaft ist die Schaffung der gesetzlichen Rahmenbedingungen.

Die Rolle der Bürger

Der einzelne Bürger soll sich am europäischen Integrationsprozeß besser beteiligen. Dies gelingt insbesondere durch Elemente der direkten Demokratie und eine Aufwertung des Europäischen Parlaments.

Wesentliche Akzente der europäischen Einigung wurden von engagierten Politikern gesetzt, die erkannt haben, daß die Zukunft Europas in einer intensiven Zusammenarbeit der Länder liegt. Die demokratischen Elementen sollen nun stärkere Bedeutung erhalten. Um Entscheidungen bewußter zu machen, bedarf es einer aktiveren Informationspolitik seitens der europäischen Organe.

·         NGOs und betroffene Interessensgemeinschaften sollten in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

·         Einführung von obligatorischen Referenden für bedeutende Angelegenheiten. Dabei soll sowohl eine Mehrheit der Stimmen als auch eine Mehrheit der Mitgliedstaaten für die Annahme eines Vorschlages stimmen müssen, um kleinere Mitgliedstaaten zu schützen.

·         Das Europäische Parlament soll zu einem echten Zwei-Kammern-System fortentwickelt werden.

Bildung und Jugend in Europa

Bildung gestaltet Zukunft. Wir bekennen uns zum Leistungsprinzip, zur Vielfalt statt Einheitlichkeit, zur Internationalität der Bildung und zur Rolle der Familie in der Erziehung.

Wir sehen in einem hervorragenden Bildungssystem eine wichtige Grundlage für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen. Unsere staatlichen Bildungssysteme müssen auf wissenschaftlich gerechtfertigte Anerkennungstoleranz und gesamteuropäische Kompatibilität ausgerichtet sein. Gleichzeitig darf es aber nicht zu einer Nivellierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und auf ein geringes Ausbildungsniveau kommen. Wichtige Grundsätze der Bildungssysteme müssen sein:

·         Vielfalt statt Einfalt

·         Sprachen und internationale Ausrichtung als Grundlagen des Friedens

·         Möglichkeiten der Berücksichtigung individueller Begabungen. Es muß erlaubt sein, mehr zu können und zu wissen.

Bei Beachtung dieser Grundsätze und notwendigen Rahmenbedingungen fordern wir weitestgehende Autonomie von Schulen und Universitäten, Erziehung zu Verantwortung, Eigeninitiativen und Problemlösungsfähigkeit.

Ein wichtiger Teil der Erziehung ist die Familie als Wertevermittler. Eine Jugend, die im Sinne dieser Grundsätze erzogen wird, ist auch weniger anfällig für Drogen, Jugendkriminalität und Sekten.

Arbeit und Beschäftigung

Die Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen hat höchste Priorität. Diese Thematik kann nur in Zusammenhang mit allen Bereichen der Wirtschaftspolitik gesehen werden.

Ein zentrales Problem, das ein weiteres Fortschreiten der Integration und den Frieden in Europa erschweren kann, ist die Beschäftigungsproblematik. Arbeitslosigkeit bedeutet für jeden Menschen persönliches Leid, das oft weitaus schwerer wiegt als der Verlust der Wertschöpfung für sein Land und die Kosten, die (in einigen Ländern) in der Arbeitslosenversicherung entstehen. Eine leistungsorientierte und -bereite Wirtschaft ist der beste Garant für Arbeitsplätze. Daher müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Letztlich geht es um die überaus schwierige, aber mindestens genauso wichtige Aufgabe, Arbeitsmarkt, Budgetpolitik, Geldpolitik und andere Bereiche einem Ziel unterzuordnen: dem langfristigen wirtschaftlichen Erfolg eines Landes und der EU. Dabei dürfen menschliche Schicksale niemals kühlen Kalkulationen untergeordnet werden. Dies gebietet uns unsere christlich-soziale Orientierung. 

Umwelt

Wir bekennen uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und allem Leben.

Die Bedrohung einer globalen und rapiden Verschlechterung der Umwelt- und Lebensqualität ist real – Beschönigungen nützen nichts. In unserer Zeit des wirtschaftliche Wachstums soll der Schutz der Umwelt und des Lebens an Bedeutung zunehmen. Wenig bringen Pauschalaussagen wie „Die Natur ist unbezahlbar“, da wir nicht von heute auf morgen unseren Lebensstil ändern können und wollen. Umgekehrt darf es aber nicht bei Lippenbekenntnissen (etwa zu einem sogenannten „nachhaltigen Wachstum“) bleiben. In einem volkswirtschaftlichen Zusammenhang wünschen wir uns eine explizite Berücksichtigung des Wertes der Natur und der verwendeten Ressourcen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Und auch jeder einzelne Bürger kann durch einfache, sehr wichtige Aktionen wie Mülltrennung, Auswahl von umweltfreundlichen Produkten u.ä. seinen Teil zu einer lebenswerten Zukunft beitragen.