Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
Politische
Wegmarken zu Rechtsstaat
und Demokratie, Europa und Weltfrieden
Buchtipp: In der Spur bleiben
Seiters,
Rudolf: In der Spur bleiben. Politische Wegmarken zu Rechtsstaat und Demokratie,
Europa und Weltfrieden, bürgerliche Verantwortung und Solidarität. Olzog
Verlag, 2005, Paperback, 160 Seiten, ISBN 3-7892-8174-3, EUR 14,90
Es
ist ein programmatischer Titel, den unser Bundesbruder Dr. Rudolf Seiters seinem
aktuellen und bei aller Nüchternheit spannenden und lesenswerten Buch
voranstellt. „In der Spur bleiben“ ist Rückschau auf eigene politische
Erfahrungen und ein programmatisches, persönliches Bekenntnis zugleich.
„Dreiunddreißig Jahre im Deutschen Bundestag, von 1969 bis 2002: Eine Zeit
voller Umbrüche, im Inneren wie im Äußeren. Ich habe erfahren, wie wichtig
– auch – im politischen Handeln ist: Ein innerer Kompass, ein
Wertefundament, Bürgernähe, das gegebene und gehaltene Wort, Verlässlichkeit.
Und was in die Irre führt: Haltlose Versprechungen, das Verfangensein in
Ideologien, Geschichtslosigkeit“, schickt Rudolf Seiters den 160 Seiten im
Vorwort voraus.
Seine bei Olzog verlegte und Ende November veröffentlichte Sammlung von Vorträgen,
Ansprachen, Zeitungsartikeln, Reden und Tagebuchnotizen aus knapp zwei
Jahrzehnten sind mehr als ein Protokoll erlebter Geschichte aus der Perspektive
eines Beteiligten.Vorgetragen wurden sie in Kirchengemeinden, bei Ausstellungen,
vor der Konrad-Adenauer-Stiftung, im Hohen Dom zu Münster, Berlin, Papenburg,
in der Friedrich-Schiller-Universität zu Jena, der Bundeswehr-Hochschule in München,
vor der Genfer Flüchtlingskonferenz, beim Osnabrücker Friedensgespräch, der
Deutschen Botschaft beim Vatikan und dem Club zu Bremen. Die Zusammenstellung
ist eine lebendige Erinnerung an beklemmende Situationen in den Tagen, in denen
sich das „Wunder der Deutschen Einigung“ ereignete, an internationale
Irritationen und ein Blick hinter die Kulissen und in die Mechanik der Macht in
historischen Zeiten. Sachlich, bar jeden Pathos, beschreibt Bbr. Seiters ein Stück
deutscher Geschichte, an der er selbst entscheidend mitwirkte.
Das und sein erfolgreiches Vermittlungsgeschick in wichtigen Verhandlungen mit
allen Beteiligten bis zum Zustandekommen des Einigungsvertrages dokumentiert ein
wesentlicher Zeitzeuge: „In den dramatischen Monaten des Umbruchs war mir im
Kanzleramt Rudolf Seiters – neben dem Leiter der außenpolitischen Abteilung,
Horst Teltschik – ein wertvoller Berater und treuer Weggefährte“, erinnert
Bundeskanzler a. D. Dr. Helmut Kohl im Klappentext. „Ich schätzte Rudolf
Seiters von Anfang an wegen seiner großen Zuverlässigkeit, seiner Fachkenntnis
und seiner Weitsicht in Fragen der Deutschlandpolitik.“
Vorbilder
für eine neue Weltinnenpolitik
Den Blick in die jüngere deutsche Geschichte ergänzt der Autor mit der
weiteren und wichtigen Perspektive auf das europäische Einigungswerk und eine
neuen Weltinnenpolitik zur Sicherung eines friedlichen Zusammenlebens der
Weltgemeinschaft. Eine eigene politische Wegmarke, der sich der ehemalige Chef
des Bundeskanzleramtes, Bundesminister für besondere Aufgaben, Bundesminister
des Innern, Stellvertretende Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und
Erste Vizepräsident des Deutschen Bundestages nach seinem Ausscheiden aus der
politischen Arbeit seit genau zwei Jahren als Präsident des Deutschen Roten
Kreuzes weiter zur Verfügung stellt. Die dort thematisierte bürgerschaftliche
Verantwortung, die Notwendigkeit der Stärkung des Ehrenamts in einer lebendigen
Bürgergesellschaft, führen auf die grundlegenden Eingangskapitel zurück, in
denen er die „Spur“ bezeichnet, in der er die christliche Verantwortung für
das demokratische Gemeinwesen als sein eigenes Movens bekennt: „Der
Rechtsstaat, in dem wir leben ... ist wohl der freiheitlichste und sozialste,
den es jemals auf deutschem Boden gab. Und deshalb werbe ich dafür, dass möglichst
viele Bürger, gerade auch möglichst viele Christen, bereit sind, über das
private Leben hinaus Verantwortung zu übernehmen – in der Gesellschaft
insgesamt, im Ehrenamt und auch in der Politik.“ (S. 16f.) Es gehöre, dem
Dienst am Menschen und Gemeinwohl verpflichtet, „immer Mut dazu, den
christlichen Gestaltungsauftrag gegen den Strom eines unbequemen Zeitgeistes
wahrzunehmen und in die Tat umzusetzen“ (S. 30). Auch durch unzeitgemäße
Charakterfestigkeit, die sich in besonderer Weise in einer von Einschaltquoten
bestimmten Mediengesellschaft und kaum noch steigerungsfähigen
Betroffenheitskultur beweise. (ebd., S. 31)
Das unabdingbare Eintreten für Gerechtigkeit, Solidarität und die unantastbare
Würde des menschlichen Lebens unterstreicht er deutlich auch im Vorwort, wenn
er feststellt: „Heute stehen wir vor einem Generationenwechsel in Politik und
Gesellschaft mit gravierenden Folgen. Zum einen wird die Generation mit
Wiederaufbauerfahrung von einer Generation mit Wohlstandserfahrung in der
Verantwortung abgelöst. Zum anderen gilt es, alte und neue Lasten für die
Schultern einer schwindenden Nachfolgegeneration tragbar zu machen. Unser Land,
Staat und Bürger gleichermaßen, sind gefordert, den beschleunigten
Strukturwandel hin zu einer globalen Wissensgesellschaft zu meistern. Der Staat
allein kann dies nicht schaffen. Wir brauchen Politik und Gesellschaft,
Wirtschaft und Arbeitnehmer, die Wissenschaft, vor allem aber brauchen wir die Bürger
– mit mehr Freiheit und mehr Verantwortung für den Einzelnen.“
UNITAS-Mitglieder verwundert nicht, dass Bbr. Dr. Rudolf Seiters, der seit 1969
über 33 Jahre lang den Wahlkreis nördliches Emsland/Grafschaft Bentheim und
den Landkreis Leer im Deutschen Bundestag vertrat, in besonderer Weise auf das
Beispiel des leidenschaftlichen Parlamentariers Ludwig Windthorst verweist.
Grundüberzeugungen und Vorbild unseres seiner Heimat entstammenden
Ehrenmitglieds haben ihn ebenso geprägt wie sein universitärer Lehrer Joseph Höffner.
„Von Höffner lernen, heißt für Politiker, beharrlich für die rechte Sache
kämpfen und auch im Sieg bescheiden bleiben“, so sein persönliches
Bekenntnis. Für unitarische Bundesgeschwister ist zweifellos eine besondere
Freude, dass die Ausführungen zu den mutigen Thesen des späteren Kardinals von
Köln – wie auch eigens vermerkt – auf den Festvortrag zurückgehen, den
Rudolf Seiters zum 100-jährigen Bestehen der UNITAS Winfridia in Münster
gehalten hat.
Christof Beckmann
Aus: unitas 4/2005, S. 231
Christlich-soziale
Grundsätze
sind der Kompass für unser Land
Im Interview: Bbr. Dr. Rudolf Seiters
Mit
den letzten Bundestagswahlen ist Bbr. Dr. Rudolf Seiters aus der aktiven Politik
ausgeschieden. Für neun Legislaturperioden war er von seinem Wahlkreis Unterems
in den Deutschen Bundestag gewählt worden - so lange wie kein anderer hat er in
Bonn und Berlin die deutsche Politik als Abgeordneter miterlebt und in vielen
Funktionen mitgestaltet.
Am Rande des
100. Stiftungsfestes der UNITAS Winfridia in Münster, bei dem er den
Festvortrag über Joseph Kardinal Höffner hielt, nutzten wir die Gelegenheit zu
einem Gespräch über Vorbilder und christlich-soziale Verantwortung in der
Politik.
Wie
hast Du den Weg in die Politik gefunden und wer zählte zu den Leitfiguren, die
diesen Weg mitbestimmt haben?
"Ich
war am Ende des Krieges sieben Jahre alt, meine Eltern haben mich christlich
erzogen, hatten Zentrum gewählt und nach dem Kriege ging es um die Frage, wie
orientieren wir uns politisch neu. Angesichts der Erfahrungen der Weimarer
Republik und des Dritten Reiches, der Verfolgung von Christen aller Konfessionen
war für meine Eltern eigentlich ganz klar: Die CDU war ihre politische Heimat -
und ich war davon später auch überzeugt. Konrad Adenauer verwirklichte und
repräsentierte diese Ideen aus meiner Sicht sehr gut, außerdem haben mich
seine Ziele, nämlich die deutsch-französische Aussöhnung und die
Partnerschaft mit Israel motiviert. Ludwig Windthorst, mit dessen Vita ich mich
sehr beschäftigt habe, wurde nur wenige Kilometer von meinem Elternhaus in
Osterkappeln geboren. Auch Adolf Kolping muss man in diesem Zusammenhang nennen
und im Studium war es eben auch Josef Kardinal Höffner."
Welche
Prinzipien sind es, mit denen sich "Staat" machen lässt - worauf ist
er begründet?
"Bundespräsident
Karl Carstens hat in seiner Abschiedsrede im deutschen Bundestag einmal
formuliert, der demokratische Rechtsstaat in Deutschland werde dann ein Zukunft
haben, wenn er drei ganz einfache Wahrheiten berücksichtigt: Wer frei ist, trägt
Verantwortung. Wer Rechte hat, hat auch Pflichten. Und wer Ansprüche stellt vor
allem an den Staat -, muss auch bereit sein, Leistungen zu erbringen. Das drückt
im Grunde die Prinzipien der christlichen Soziallehre von Solidarität und
Subsidiarität sehr gut aus. Die gegenwärtige, mit der demografischen
Entwicklung zusammenhängende Renten- und Gesundheitsdiskussion zeigt, dass wir
zwar auf der einen Seite Solidarität mit denen üben müssen, die sich aus
eigener Kraft nicht helfen können, aber dass wir auf der anderen Seite auch
alles tun müssen, um die Eigeninitiative, die Eigenverantwortung und die persönliche
Gestaltungskraft der Menschen zu stärken."
Was
fehlt der heutigen Politik - in Zeiten einer offensichtlich greifbaren Krise des
Vertrauens in Institutionen und die Zukunft?
"Ich
will nicht in die Tagespolitik abschweifen. Aber es hat selten eine Regierung
gegeben, bei der die Handhabung der politischen Führung bei Umfragen unter den
Bürgern die Werte für Glaubwürdigkeit, Problemlösungsfähigkeit und
Gemeinwohlorientierung von Politikern so kontinuierlich haben sinken lassen.
Speziell bei der gegenwärtigen Bundesregierung können viele Bürger nicht
erkennen, welchen Kornpass sie hat und welche Perspektiven sie den Menschen
aufzeigt, die ja durchaus bereit wären, Opfer zu bringen, wenn das Vorbild, die
Perspektive und die Führung erkennbar wären. Ich bin fest davon überzeugt,
dass wir die Probleme unseres nach wie vor starken Landes mit einer gefestigten
Demokratie lösen können, wenn wir die Rolle des Staates, der Gemeinschaft und
des Individuums aus christlich-sozialer Einstellung richtig definieren und
danach handeln."
...
liegt hier auch eine besondere Verpflichtung der Kirchen, sich in die
politischen Diskussionen einzuschalten?
"...
die Kirche kann nicht bestimmen, was die Politik macht, der Staat kann nicht
vorgeben, was die Kirche zu tun hat. Aber der Dialog zwischen Kirche und Staat
ist unabdingbar notwendig, und das Wort der Kirchen hat nach wie vor Gewicht,
wenn es gilt, für eine Politik aus christlicher Verantwortung einzutreten, für
den Schutz des Lebens, für seine Unverfügbarkeit in allen Phasen der
menschlichen Entwicklung, für den Vorrang der Familie, für Frieden und
Gerechtigkeit im nationalen wie im internationalen Bereich."
Zurück
zu persönlichen Vorbildern wer hat dieses Ziel Deiner Meinung nach besonders
verkörpert?
"In
meinem Büro hängt seit 1969 ein Porträt von Herrmann Ehlers. Er war
evangelischer Christ, Oberkirchenrat aus Oldenburg, ein sehr glaubwürdiger
Mann, grundsatztreu und gleichzeitig pragmatisch. Robert Schuman steht mir natürlich
nahe als Mitglied des UNITAS-Verbandes, als überzeugter Europäer und als Mann
der deutschfranzösischen Aussöhnung. Er hat unglaublich viel geleistet für
das, was wir in Europa gegenwärtig erleben: Das Zusammenwachsen Europas als ein
Friedenswerk. Er hatte Visionen, was man nicht von allen Politikern heute sagen
kann. Diese Visionen sind alle Realität geworden, und es ist völlig richtig,
dass man heute seine politische und gesellschaftspolitische Arbeit würdigt.
Auch in seinem Seligsprechungsprozess - denn er ist ein Vorbild, nicht im
engeren kirchlichen Bereich, wohl aber in der Politik bei seinem erfolgreichen
und segensreichen Eintreten für christliche Prinzipien."
Gibt
es ein Glaubenswort, das Dir selbst viel bedeutet, nach dem Du Dich selbst
ausrichtest?
"An
Gottes Segen ist alles gelegen."
Vielen
Dank für das Gespräch.
Interview:
Dr. Christof Beckmann
(aus:
unitas 1/2003 (Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen
katholischen Studentenvereine UNITAS, 143. Jahrgang), S. 14)
Joseph
Kardinal Höffner
und sein Wirken für Staat und Gesellschaft
Festvortrag von Bbr. Seiters zum 100-Jährigen Bestehen
des W.K.St.V. UNITAS Winfridia Münster
|
|
"Nicht
nur als Mann der Kirche hat Joseph Kardinal Höffner auf theologischen und
pastoralen Arbeitsfeldern über nahezu vier Dekaden hinweg die
Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland mit geprägt, sondern auch
als Mann des politischen Dialogs zwischen Kirche und Staat." Mit diesen
Worten rief Bbr. Dr. Rudolf Seiters in seinem Festvortrag beim Kommers zum 100-jährigen
Bestehen von UNITAS Winfridia am 30. November 2002 das Wirken eines bedeutenden
Kirchenmannes und Wissenschaftlers in Erinnerung, dessen Wirken heute wohl sehr
zu Unrecht nur noch wenigen so präsent ist wie seinen vielen Schülern, die in
Politik und Gesellschaft an vielen Stellen hohe Verantwortung übernommen haben.
Bbr. Seiters, der sich Anfang der 60er Jahre der UNITAS angeschlossen hatte, ist
einer von ihnen. Mit seinem mit großem Applaus bedachten Vortrag im Münsteraner
Kolpinghaus verband er den Appell, die richtungweisenden Grundzüge von Höffners
Überzeugungen auch in den gegenwärtigen Debatten nutzbar und wirksam zu
machen. Wir dokumentieren hier seine Rede im Wortlaut.
|
Joseph Höffner,
am 24.12.1906 in Horhausen/Westerwald geboren, studierte zunächst
1926-1934 an der Gregoriana in Rom, war anschließend in der Seelsorge tätig
und studierte 1937-1939 Volkswirtschaftslehre in Freiburg. 1944/45
habilitierte er zum Thema "Christentum und Menschenwürde. Das
Anliegen der spanischen Kolonialethik im Goldenen Zeitalter" und übernahm
1945 die Professur für Pastoraltheologie und christliche Soziallehre am
Priesterseminar in Freiburg. 1951 wurde er zum Professor für
Pastoraltheologie und christliche Soziallehre an der Theologischen Fakultät
Trier berufen, im gleichen Jahr folgte er dem Ruf auf die Professur für
Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Münster. Sein Werk
war dort vor allem durch aktuelle wirtschaftspolitische, aber auch
sozialpolitische Fragestellungen geprägt. Als geistlicher Beirat des
Bundes Katholischer Unternehmer und Berater auf dem Gebiet der
Sozialpolitik war er in den wissenschaftlichen Beiräten verschiedener
Bundesministerien tätig (u. a. Bundesministerium für Arbeit und
Sozialordnung).
Bis 1962 leitete er das 1951 gegründete Institut für Christliche
Sozialwissenschaften, war Herausgeber einer eigenen Schriftenreihe, seit
1960 Herausgeber des "Jahrbuchs für Christliche
Sozialwissenschaften" und wurde 1962 in Münster zum Bischof geweiht.
1968 bereits Koadjutor, wurde er 1969 Erzbischof von Köln und zum
Kardinal ernannt. Von 1976-1987 war er Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz. Joseph Kardinal Höffner starb am 16.10.1987 in Köln.
·
Helmut
Zenz: Joseph Kardinal Höffner im Internet
·
Geschichte
und Entwicklung des in der Mehrheit von Mitgliedern des UNITAS-Verbandes
geleiteten Instituts für Christliche Sozialwissenschaften an der WWU Münster
|
I.
"Ich hatte das Glück, Professor Höffner schon während meiner Studienzeit
zu begegnen. Joseph Höffner hatte Anfang der 60er Jahre den Lehrstuhl für
christliche Sozialwissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster
inne, ehe er dann 1962 Bischof von Münster und 1969 Erzbischof von Köln und
Kardinal wurde. Ich habe ihn damals bei Vorlesungen und Vorträgen erlebt, auch
bei Diskussionen in katholischen Studentenverbindungen. Höffner verstand es
meisterhaft, seinen Zuhörern in einfacher und fast unakademischer Sprache
selbst komplizierte Sachzusammenhänge verständlich zu machen. Er liebte seine
Vorträge streng zu gliedern und seine Analysen - in Thesen - zuzuspitzen, was
ihm den gut gemeinten Spitznamen "Papst Theseus I." eingebracht hat.
Der Breite seines Wissens und der Vielschichtigkeit seiner Interessen entsprach
die Vielfältigkeit seines Wirkens - wissenschaftlich, gesellschaftspolitisch,
theologisch, pastoral. Das ist oftmals umfassend und fachmännisch gewürdigt
worden. Ich muss mich heute Abend bescheiden mit dem mehr politischen Part, vor
allem mit drei Wirkungskreisen, die bis auf den heutigen Tag nichts an Relevanz
und Aktualität eingebüßt haben und daher in die gegenwärtig geführte
politische Debatte einbezogen zu werden verdienen. Da ist erstens die Frage nach
der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der "Sozialen Marktwirtschaft", da
ist zweitens die Frage nach der Not und Notwendigkeit einer an christlichen
Werten orientierten Politik und da ist schließlich die Frage nach der Beziehung
und Beziehungslosigkeit von Staat und Kirche.
II.
Kardinal Höffner war Schüler von Walter Eucken, dem Begründer der
"Freiburger Schule" und einer der geistigen Väter der "Sozialen
Marktwirtschaft". Er beliebte in Diskussionen seine Ausführungen oftmals
mit den Worten einzuleiten: "Ich als studierter Volkswirt ..." Damit
wollte er vor allem klar machen, dass sein Eintreten für die "Soziale
Marktwirtschaft" nicht nur auf dem Boden christlicher Weltsicht, sondern
auch und insbesondere auf dem Boden volkswirtschaftlicher Argumente fußte. Der
Staat durfte seinem Verständnis nach schon aus ökonomischen Gründen nicht die
Rolle eines Nachtwächterstaates spielen. Er hatte eine Wirtschaftsverfassung
vorzugeben, für eine Rahmenordnung zu sorgen, die fairen Wettbewerb und sozial
ausgleichende Gerechtigkeit sicherte. Ordnungspolitische Interventionen seien
deshalb notwendig, weil die klassische Grundannahme des Ökonomischen
Liberalismus, der von einer so genannten "prästabilen Harmonie"
ausging, wonach der reine Wettbewerb alleine die angestrebte
Verteilungsgerechtigkeit garantiert, in der Praxis nicht funktionierte. Daher
die Forderung nach Solidarität als Bauprinzip wechselseitiger Verpflichtungen
jenseits von Individualismus und Kollektivismus, als Weg einer Aussöhnung von
sozialer Gerechtigkeit mit freiheitlicher Marktordnung.
Neben dem Prinzip der Solidarität stand für Kardinal Höffner als zweite Säule
der Christlichen Soziallehre das Prinzip der Subsidiarität - ausgehend von der
Erstverantwortlichkeit des Individuums. Höffner hat in diesem Zusammenhang sehr
früh und immer wieder neu vor einem Unterlaufen dieses Grundprinzips gewarnt.
In den Gesellschaftspolitischen Kommentaren hat er 1987 nachdrücklich für das
Primat der Eigenverantwortung plädiert und kritisch angemerkt: "Bedenklich
ist es jedoch, dass weite Kreise der Bevölkerung von einem auffallenden
Bestreben nach staatlicher Versorgung erfüllt sind, so dass man von den Grenzen
des Sozialstaates' spricht. Der Sozialstaat wird besonders sorgsam das Prinzip
der Subsidiarität beachten müssen". Und an anderer Stelle sagt er, es wäre
unverantwortlich, wenn die heute Erwerbstätigen durch Staatsverschuldung ihren
Lebensstandard erhöhen, über ihre Verhältnisse leben und der jungen
Generation zusätzlich zur Versorgung der alten Menschen auch noch eine
gewaltige Schuldenlast aufbürden würden", denn Schulden, so wäre zu ergänzen,
sind volkswirtschaftlich gesehen nur aufgeschobene Steuererhöhungen.
III.
Wie recht Höffner mit seinen Warnungen hatte, dazu zwei konkrete Beispiele aus
der aktuellen Sozialpolitik:
1. Als Mitautor des so genannten "Vier-Professoren-Gutachtens" von
1955 zur "Neuordnung der sozialen Leistungen" und damit maßgeblich an
der Rentenreform von 1957 beteiligt - mit dem Kernstück der Einführung der
Dynamischen Rente - hatte Kardinal Höffner bereits in seinem Gutachten über
die "Sozialpolitik im deutschen Bergbau" 1954 weitsichtig auf das
demographische Problem Deutschlands hingewiesen: "Die Schrumpfung der
Kinderzahl und der mittleren Jahrgänge, besonders die Zunahme der alten Leute
gibt Anlass zu ernsten Erwägungen, denen unser Sozialversicherungssystem eines
Tages wird begegnen müssen." Und an anderer Stelle warnte Höffner
eindringlich: "Die Vergreisung Deutschlands wird sich wie eine schleichende
Revolution auswirken."
Höffners Prognosen haben sich heute mehr als erfüllt und sind zu einer großen
politischen Herausforderung für unser Sozialsystem geworden. Wir Deutschen
werden immer älter, es werden immer weniger und die Lebenserwartung steigt. Der
uns so vertraut gewordene demographische Tannenbaum verwandelt sich allmählich
in einen demographischen Pilz. Wenn das Rentensystem bezahlbar bleiben soll,
wenn der Generationenvertrag gerecht ausgestaltet bleiben soll zwischen der älteren
und der jüngeren Generation, dann müssen wir Vorsorge treffen und durch vernünftige
Rahmenbedingungen die notwendige Eigenverantwortung des Einzelnen einfordern -
dieser Erkenntnis haben sich viele in Politik und Wirtschaft lange verweigert,
bis heute, wie die aktuelle Diskussion zeigt.
Als kleine historische Reminiszenz sei im Übrigen daran erinnert, dass 1889 das
Zentrum unter Führung von Bbr. Ludwig Windthorst gegen durch Staatszuschüsse
finanzierte Grundbeiträge bei der Einführung der Rentenversicherung stimmte,
weil man damals verhindern wollte, dass bereits im Anfangsstadium das
Versicherungsprinzip durchbrochen und vom Versorgungsprinzip verdrängt werde
und so ein allzu mächtiger Staat seinen Fuß in der Tür des Hauses der
Eigenverantwortung habe.
2. Nicht weniger dramatisch stellt sich die Situation unseres Gesundheitswesens
dar. Die Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung sind von 25
Milliarden DM im Jahre 1966 auf rund 300 Milliarden DM heute gestiegen. Gründe
hierfür sind die immens steigenden Kosten für die High-Tech-Medizin und die höhere
Lebenserwartung. Die Pro-Kopf-Behandlungsausgaben pro Jahr liegen bei den bis zu
40-Jährigen heute zwischen 2.000 und 2.500 DM, danach steigen sie rasant auf
fast 7.000 DM bei den über 80-jährigen an. Von daher war es verhängnisvoll,
dass wir in den letzten Jahren Stillstand der Gesetzgebung erleben mussten, ohne
die notwendige Vorsorge zu treffen, um ein menschenwürdiges Gesundheitswesen
bezahlbar zu halten.
Ich vertrete ganz auf der Linie von Höffner den Standpunkt: Wer immer in
Deutschland regiert, er muss den Mut aufbringen, in diesem sozialen
Sicherungssystem neben dem Prinzip der Solidarität der Gemeinschaft gegenüber
den Schwächeren stärker als bisher die Eigenverantwortung als zweite tragende
Säule dieses Sozialsystems einzubauen. Das System der sozialen Sicherung -
Markenzeichen unserer von der "Christlichen Soziallehre" geprägten
"Sozialen Marktwirtschaft" - muss ein Sicherheitsnetz bleiben gegen
die großen Lebensrisiken - wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit
- und Schutz bieten gegen Armut im Alter. Alles was darüber hinausgeht, darf
der Solidargemeinschaft nicht aufgeladen werden, sondern muss wieder der
individuellen Vorsorge vorbehalten bleiben; alles andere ist auf Dauer nicht
bezahlbar.
|
Stichwort:
Kardinal-Höffner-Gesellschaft
Fast 15 Jahre nach dem Tod des früheren Kölner Erzbischofs Kardinal
Joseph Höffner wurde 2002 die "Joseph-Höffner-Gesellschaft" (JHG)
gegründet. Eingeladen dazu hatten der langjährige Sekretär von Kardinal
Höffner, Weihbischof Manfred Melzer, und der Sozialethiker, Prälat und
Bbr. Professor Dr. Lothar Roos. Die Schirmherrschaft hat der Kölner
Erzbischof Bbr. Kardinal Joachim Meisner übernommen.
Die Joseph-Höffner-Gesellschaft hat das Ziel, "die Soziallehre der
Kirche im Sinne des wissenschaftlichen, sozialen und pastoralen
Lebenswerkes von Joseph Kardinal Höffner zu pflegen, durch
wissenschaftliche Forschung zu vertiefen, zu verbreiten und im Kontext
aktueller Fragestellungen und Anwendungen zu vermitteln", so heißt
es in der Satzung der Gesellschaft. Zum Vorsitzenden der JHG wurde Bbr.
Lothar Roos gewählt. Sein Stellvertreter ist Martin Lohmann,
Chefredakteur der Koblenzer "Rhein-Zeitung".
|
IV.
Damit komme ich zur zweiten Frage - nach der Not und Notwendigkeit einer an
christlichen Werten orientierten Politik. So engagiert Kardinal Höffner für
die Soziale Marktwirtschaft eintrat, so nachdrücklich hat er auch vor falschen
Heilserwartungen eines Ökonomismus und dem Glauben an ein unbegrenztes Wachstum
gewarnt. "Auch die größten sozialen Reformen", so schreibt er ganz
im christlichen Bewusstsein der Begrenztheit und Endlichkeit des Menschen,
"vermögen die Sehnsucht des Menschen nach dauerndem Leben, bleibendem Glück
und nie endender Liebe nicht zu stillen." Sinn und Heil des Menschen liegen
nicht darin, sich in der Welt, in der Ökonomie, in der Politik, in der Arbeit
oder in der Freizeit zu verlieren. Bei aller Bejahung der Welt solle und müsse
sich der Mensch immer wieder bewusst machen, dass die Ökonomie selbst keine
Ziele setzt und keinen Sinn stiftet. Was also gerade heute ' wo der Primat der
Ökonomie den Sieg davonzutragen droht, von uns mit Höffner in Zukunft zu
fordern sein wird, das ist zugespitzt gesagt eine Kehre von der "ICH-AG"
zur "WIR-Gesellschaft". Und hierfür tragen Staat und Gesellschaft
gleichermaßen Verantwortung. Der freiheitliche Rechtsstaat und die offene
Gesellschaft dürfen im eigenen Interesse das Prinzip des Pluralismus nicht mit
Beliebigkeit verwechseln. Höffner insistierte zu Recht darauf: "Ein Staat,
der keine sittlichen Grundwerte anerkennen, sondern sich mit einer irgendwie
funktionierenden äußeren Ordnung begnügen wollte, würde zerfallen."
Diese Einsicht gilt im besonderen Maße für eine Europäische Union, die sich
in den kommenden Jahren in erheblichem Ausmaße erweitern und vertiefen wird.
Europa ist nicht nur eine Gemeinschaft der militärischen Sicherheit, der ökonomischen
Freiheit und der rechtsstaatlichen Demokratie, sondern in erster Linie auch eine
Gemeinschaft der Werte, wie sie in den 53 Artikeln der Grundrechte-Charta auf
dem EU-Gipfel in Nizza im vergangenen Jahr proklamiert worden sind. Diese Charta
muss aber mit Leben erfüllt werden, wofür Höffner ein sehr schönes Bild
gefunden hat: In der römischen Campagna sind die Pfeiler der antiken
Wasserleitungen nicht selten stehen geblieben, während die Bogen eingestürzt
sind: ein Sinnbild des gegenwärtigen Zustands Europas. Es gilt, die
verbindenden Bogen wieder herzustellen, damit das lebensspendende Wasser
zwischen den Völkern und Kulturen Europas erneut fließen kann." Das ist
weit entfernt von einer Politik der großen Gleichmacherei. Auch künftig muss
Europa von Eigenverantwortung, Wettbewerb und Vielfalt geprägt sein. Auch hier
hat uns Höffner den Weg gezeigt und auf den großen Europäer Thomas von Aquin
hingewiesen, wonach gerade eine nivellierende Gleichschaltung die angestrebte
Einheit zerstört, genauso wie Musik und Symphonie aufhören, wenn alle
denselben Ton singen. Europa ist voller Vielfalt und viele Kräfte haben an
Europa mitgebaut.
Für mich steht im Übrigen außer Zweifel, dass der christliche Glaube die
identitäts- und einheitsstiftende Kraft Europas ausmacht. Es ist der Glaube an
die Einmaligkeit jedes Menschen und seine unveräußerbare Menschenwürde. Weil
von Gott geschenkt, steht der Mensch jenseits wissenschaftlicher, ökonomischer
oder politischer Verfügbar- und Machbarkeit. Auf das Feld der Politik übertragen
bedeutet dies eine hohe Verantwortung.
Höffner hat sich mehrfach mit Fragen der Forschung und der Technik - in der
Bewertungspolarität von Dämonisierung und Humanisierung - befasst. Für ihn
stellte die wissenschaftliche Erforschung und die technische Bewältigung der
Naturkräfte keineswegs einen Widerspruch zum christlichen Weltbild dar, aber
ihm war wichtig, dass die Technik ihr Ethos in der dienenden Ehrfurcht vor der
Rangordnung der Werte findet und nicht in technische Besessenheit und in
Materialismus ausartet. 1988 hat er sich in einer Stellungnahme zur künstlichen
Befruchtung klar und unmissverständlich gegen das Vorhaben von "Kinder aus
der Retorte" ausgesprochen. Heute - nach der Entschlüsselung des
DANN-Codes, den sich abzeichnenden Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik
sowie einer weit fortgeschrittenen Klonierungstechnologie - stehen wir in Staat
und Gesellschaft am Scheideweg, ob wir uns noch als Geschöpfe Gottes betrachten
oder uns zum Schöpfer von uns selbst machen wollen - machen dürfen? Das
Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat bereits im vergangenen Jahr zu einem
gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die ethischen Herausforderungen der
Biomedizin aufgefordert - in vorausschauender Sorge, "dass die
Vorstellungen vom perfekten, vitalen, stets jugendlichen und gesunden Menschen
zunehmend Haltungen und Handlungen in unserer Gesellschaft bestimmen." Wir
müssen diesen Diskurs ohne zeitlichen Entscheidungsdruck und mit der mutigen
Entschlossenheit in dem Bewusstsein führen, dass das Fundament unserer
Werteordnung auf dem Spiel steht, und dabei geben uns auch die Worte der
Deutschen Bischofskonferenz eine wichtige Wegweisung.
V.
Ich komme zum dritten Punkt, zum Verhältnis zwischen Staat und Kirche. Die
Verquickung von Politik und Religion, von absolutem Wahrheitsanspruch und
gemeinschaftsbildendem Sendungsbewusstsein kennzeichnet gerade die explosive
Mischung des Fundamentalismus. Insofern ist die Eigengesetzlichkeit von Kirche,
Staat und Gesellschaft unverzichtbar für den Bestand und das Funktionieren
einer freiheitlichen Demokratie. Andererseits macht staatliche Macht nur Sinn,
worauf Kardinal Höffner nicht müde wurde, hinzuweisen, wenn sie im Dienste der
Ordnung und für das Gemeinwohl beansprucht wird. Dieses artikuliert sich aber
nicht in einem werte- und sinnfreien Raum; mit unserem Grundgesetz haben wir
keinen laizistischen Staat konstituiert.
Den Schock der Barbarei des Nationalsozialismus tief im Bewusstsein verankert,
war für die Menschen der frühen Nachkriegszeit eine auf christlichen Werten fußende
Politik, waren kirchliche Bindungen geradezu selbstverständlich. Mit wachsendem
Abstand und wachsendem Wohlstand säkularisierten sich die gesellschaftlichen
Verhältnisse und lockerte sich auch das enge Band zwischen Politik und Kirche.
Höffner selbst hat nie einen Gegensatz zwischen Christsein und politischem
Engagement gesehen; spricht doch die Präambel unseres Grundgesetzes unmissverständlich
von der "Verantwortung vor Gott und den Menschen". Gegenüber
katholischen Journalisten hat er einmal gesagt: "Der Christ darf nicht mürrisch
am Zaun der Welt von heute stehen und ärgerlich zusehen, was da drinnen
geschieht. Er muss über den Zaun steigen und handelnd und helfend mitten in der
Welt von heute gegenwärtig sein, als Salz und Sauerteig." Er selbst hat
sich auch nie hinter diesem Zaun versteckt oder aus seinem Herzen eine
diplomatische Mördergrube gemacht. Immer dann, wenn er die christlichen Werte
in Gefahr sah, hat er sich mit klaren und eindeutigen Worten engagiert in die
Politik eingemischt, was ihm in einem Bundestagswahlkampf einmal harsche Kritik
von Bundeskanzler Helmut Schmidt eingebracht hat. Den formalen Spielregeln eines
religiös-weltanschaulich neutralen Staates folgend, war Höffner auch in
verschiedenen öffentlichen Funktionen beratend tätig, so etwa für den Bund
Katholischer Unternehmer, für das Ministerium für Arbeits- und Sozialordnung,
das Ministerium für Jugend und Familie und das Ministerium für Städtebau und
Raumordnung. Bundespräsident Karl Carstens hat über Höffner einmal gesagt, in
ihm zeichne sich ein Mann der Kirche aus, "der Staat und Kirche nicht als
Gegner, sondern als einander zugeordnet sieht. Beide sind aufgerufen, das "bonum
commune", das Gemeinwohl, zu verwirklichen im Dienste der Menschen."
VI.
Man mag heute sagen, Höffner habe es damals viel leichter gehabt - ich teile
diese Auffassung nicht, denn es gehört immer Mut dazu, den christlichen
Gestaltungsauftrag gegen den starken Strom eines bequemen Zeitgeistes
wahrzunehmen und in die Tat umzusetzen. Dem Dienst am Menschen verpflichtet, das
war es, was Kardinal Höffner auszeichnete. Kardinal Höffner, am Heiligen Abend
zur Welt gekommen, hatte zu seinem Geburtstag einen ganz persönlichen Bezug. Für
Höffner war sein Namenspatron, der Heilige Joseph, ein Mann, den wir schweigend
an der Krippe stehen sehen. Liebe und Bescheidenheit sind auch die Persönlichkeitsmerkmale
von Kardinal Höffner gewesen und waren auch Ausdruck einer tiefen Prägung
durch seine Heimat, in der ein hartes, aber herzliches bäuerliches Leben die
Lebenswelt bestimmte, in der Beharrlichkeit und Geduld geradezu natürliche
Tugenden waren. So war er auch im Diskurs immer hart in der Sache, aber liebenswürdig
und voller Respekt gegenüber der Person; seine Schwester Maria hat einmal
gesagt: "Mein Bruder schlägt immer mit Güte zurück."
Den Politikern hielt er mutig den "Spiegel" vor und forderte als
Grundtugend Charakterfestigkeit, das heißt, auch gegen Widerstände seinen
Grundsätzen treu zu bleiben und nicht dem flüchtigen Zeitgeist nachzulaufen.
"Mehrheit", so Höffner, "ist kein Beweis für die Richtigkeit,
und die Bundesrepublik Deutschland ist keine Fernseh-Demokratie." Wie wahr,
so möchte man heute in einer von Einschaltquoten bestimmten Mediengesellschaft
sagen. Von Höffner lernen heißt für Politiker, beharrlich für die rechte
Sache kämpfen und auch im Sieg bescheiden bleiben - wissend, dass jeder Mensch
Fehler macht und verführbar ist. Seinem Namenspatron, so Kardinal Höffner am
Schluss eines Pontifikalamtes am 28. Dezember 1986, habe er viele Einsichten zu
verdanken. Eine Grundwahrheit, so denke ich, ist eine Lehre, die wir auch und
gerade in der Politik beherzigen sollten, sie lautet: "Richtig ist fast
immer das Unzeitgemäße, nicht der Konformismus." In diesem Sinne ist und
bleibt Joseph Kardinal Höffner ganz zeitgemäß - und ein Vorbild!"
(aus:
unitas 1/2003 (Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen
Studentenvereine UNITAS, 143. Jahrgang), S. 10-13)
Bbr.
Seiters neuer Präsident des DRK
Mitteilungen
der UNITAS-Verbandsgeschäftsstelle
24. November 2003
Neuer
Präsident des Deutschen Roten Kreuzes ist der
Unitarier und frühere Bundesinnenminister Dr. Rudolf Seiters. Die Delegierten
aus den 20 DRK-Mitgliedsverbänden wählten ihn auf der 53. Bundes-Versammlung
in das höchste Amt des Verbandes.
„Ich werde meinen Beitrag leisten
zur Stärkung des Ehrenamtes, zur qualitativen und wirtschaftlichen
Weiterentwicklung der einzelnen Geschäftsfelder, zur Werbung für das humanitäre
Anliegen des Roten Kreuzes und dafür, dass unsere Mitbürger in ihrer
Spendenbereitschaft nicht nachlassen“, sagte Rudolf Seiters nach der Wahl.
Bundesbruder
Rudolf Seiters, Jahrgang 1937, war 33 Jahre CDU-Abgeordneter im Deutschen
Bundestag. Als Kanzleramtsminister hat er im Prozess der Wiedervereinigung
beider deutscher Staaten eine zentrale Rolle gespielt. Von 1991 bis 1993 war er
Bundesinnenminister und von 1998 bis 2002 Bundestagsvizepräsident.