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Bischofssynode Sonderversammlung für Europa
Erklärung 
"Damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat"

13.12.1991

Erschienen in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 103 / 
hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn: 1991.

 

Vorwort

Während das dritte Jahrtausend nunmehr naht, erlebt Europa außergewöhnliche Ereignisse, in welchen wir gleichsam die Hände der Liebe und Barmherzigkeit Gottes des Vaters zu allen Menschen, seinen Töchtern und Söhnen, berühren. Der Hl. Vater Johannes Paul II. wollte deshalb diese besondere Bischofssynode über Europa zusammenrufen, damit die Bischöfe Ost-, Mittel- und Westeuropas in kollegialer Gemeinschaft mit ihm und untereinander nach so vielen Jahren gewaltsamer Trennung über die Bedeutung und Folgen dieser für Europa und die Kirche historischen Stunde nachdenken können1.

Dankbar für diese Aufgabe und voll Freude sind wir beim Nachfolger Petri zusammengekommen, um Gott die Ehre zu geben und die Großtaten zu erzählen, die er selbst, der stets in der Geschichte gegenwärtig und wirksam ist, für uns vollbracht hat. Im Namen der Kirche Europas, die reich ist an so vielen neuen Märtyrern und Bekennern, von denen einige unter uns gegenwärtig waren, haben wir Gott dem Vater Dank gesagt für die Macht und Weisheit des gekreuzigten Herrn (vgl. 1 Kor 1,24), der uns während dieser Jahre in den Prüfungen der Verfolgung durch den Trost und Beistand des Heiligen Geistes aufrechterhalten hat und für den neuen Freiheitsraum, den jetzt viele Völker in Europa genießen. Wir haben uns auch über die Anwesenheit der "brüderlichen Delegierten" anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften gefreut, die an unserem Gebet und unserer Arbeit teilgenommen haben. Für die synodale Versammlung war auch das Symposion über Christentum und Kultur sehr nützlich2.

Wir sind auch hierhergekommen, um von Gott und unseren Brüdern Verzeihung für unsere Schuld und unsere Fehler zu erbitten, zugleich sind wir bereit, unsererseits Vergebung zu gewähren. In dieser Eintracht und wechselseitigen Gemeinschaft, die aus dem Leben der allerheiligsten Dreifaltigkeit hervorgehen, konnten wir uns gegenseitig sehr viele Schätze der Weisheit und Erfahrung darbieten, durch welche Gott unsere Teilkirchen bereichern wollte, damit sie diese in der einzigen und allumfassenden Kirche Jesu Christi allen anderen schenken. Nach so vielen Jahren des auferlegten Schweigens konnten die Kirchen des Ostens endlich ihr häufig tapferes Lebenszeugnis darbieten. Die Kirchen des Westens aber haben den Samen einer erneuerten Lebendigkeit und neue Erfahrungen beigebracht, die in den Erprobungen gewachsen sind, deren auch sie nicht entbehrten. Deswegen haben wir das Ereignis der Synode als Frucht des Heiligen Geistes erfahren.

In Christi Namen vereint (vgl. Mt 18, 20), haben wir darum gebetet, daß wir hören können, was der Geist heute den Kirchen Europas sagt (vgl. Offb 2, 7.11.17), und daß die Kirchen es verstehen, die Wege für die Neu-Evangelisierung unseres Kontinents zu erkennen. Wir sind uns der ungeheuren Herausforderungen der gegenwärtigen Stunde bewußt, aber auch ihrer großen Chancen, und wir wollen im Dialog und in herzlicher Zusammenarbeit mit unseren Schwestern und Brüdern in Europa und in der Welt unseren Beitrag zum Aufbau eines neuen Europas leisten, "damit wir Zeugen Christi sind, der uns befreit hat" (vgl. Apg 1,8; Gal 5,1). Wir verstehen unsere Synode als ersten Schritt auf einem Weg, den wir unermüdlich weitergehen wollen.

 

I. Die Bedeutung der gegenwärtigen Stunde für den christlichen Glauben und die Geschichte Europas

1. Die gegenwärtige historische Stunde Europas

Unsere Sonder-Versammlung der Bischofssynode hat zwei Jahre nach dem Beginn des so plötzlichen und in der Tat außerordentlichen Zusammenbruchs des kommunistischen Systems stattgefunden, an dem das mutige Zeugnis der christlichen Kirchen einen großen Anteil hatte. Auch zahlreiche Nichtglaubende haben diese Ereignisse als ein "Wunder" betrachtet. Im Licht des Glaubens und unter dem Antrieb des Heiligen Geistes wollen wir in dieser Stunde wahre Zeichen der Gegenwart Gottes und seine Ratschlüsse erkennen3. Für die Christen offenbart sich in diesen Ereignissen ein echter "Kairos" der Heilsgeschichte und eine ungeheure Herausforderung zur Fortsetzung des Erneuerungswerkes Gottes, von dem schließlich das Schicksal der Nationen abhängt.

Zweifelsohne hatte der Untergang der totalitären Herrschaftssysteme Mittel- und Osteuropas ökonomische, soziale und politische Ursachen. Gleichwohl besaß er von innen her einen ethischen, anthropologischen und schließlich spirituellen Grund. Denn dem ganzen Marxismus liegt ein Irrtum "anthropologischer Art"4 zugrunde, insofern nämlich in diesem System der Mensch auf den rein materiellen und ökonomischen Gesichtspunkt verkürzt wird. Aus einer solch falschen und verkürzten Anthropologie ergaben sich notwendigerweise ökonomische und politische Konsequenzen, die ganz und gar ungerecht, mit dem Menschen unvereinbar und deshalb folgerichtig zum Untergang bestimmt sind. Das eigentliche, ja sogar innere Element dieser Lehre und deshalb auch des ganzen kommunistischen Systems war der verordnete Zwangs-Atheismus im täglichen Leben.

Heute ist in Europa der Kommunismus als System untergegangen, doch seine Wunden und sein Erbe verbleiben in den Herzen der Menschen und in den neu entstehenden Gesellschaften. Die Menschen stehen vor Schwierigkeiten im rechten Gebrauch der Freiheit und der Demokratie; die zuinnerst verdorbenen sittlichen Werte müssen erneuert werden. Zugleich hat die Kirche, arm geworden an Strukturen und Mitteln, tiefer gelernt, auf Gott allein zu vertrauen.

Der Zusammenbruch des Kommunismus ruft zu einem kritischen Nachdenken über den ganzen kulturellen, sozialen und politischen Weg des europäischen Humanismus auf, soweit er durch den Atheismus, nicht nur im Blick auf das Ergebnis des Marxismus, gekennzeichnet ist, und beweist, daß es faktisch, und nicht nur prinzipiell, nicht angeht, die Sache Gottes von der Sache der Menschen zu trennen.

Bei der Betrachtung der religiösen, sozialen und kulturellen Situation der demokratischen Nationen Westeuropas können Licht und Schatten wahrgenommen werden. Innerhalb des politischen und institutionellen Bereichs der Demokratie und der Freiheit haben sich viele Früchte des wissenschaftlichen, technischen, sozialen und ökonomischen Fortschritts ergeben. Die Kirche selbst zeigt eine erneuerte Lebendigkeit, besonders in der biblischen und liturgischen Erneuerung sowie in der aktiven Teilnahme der Gläubigen am Leben der Pfarrei, in neuen gemeinschaftlichen Erfahrungen, in der wiederentdeckten Bedeutung des Gebets und des kontemplativen Lebens sowie in vielfältigen Formen selbstlosen Dienstes an Armen und Ausgegrenzten.

Auf der anderen Seite verbreiten sich eine gewisse Gesinnung und ein gewisser Lebensstil, die nur darauf achten, daß die nächstliegenden Wünsche eines jeden befriedigt und ebenso die wirtschaftlichen Vorteile gefördert werden; zugleich wird in falscher Weise die Freiheit der einzelnen zu etwas Absolutem und jeder Vergleich mit der Wahrheit und den Gütern geleugnet, die den eigenen Horizont und Bereich des einzelnen oder einer Gruppe überschreiten. Obwohl der gewaltsam aufgezwungene Marxismus zusammengebrochen ist, ist der praktische Materialismus in ganz Europa sehr verbreitet. Wenn dieser auch nicht gewaltsam aufgezwungen wird, ja auch nicht ausdrücklich empfohlen wird, führt er dennoch die Menschen dazu, daß sie denken und handeln, "als ob es Gott nicht gäbe".

Zugleich bleibt die Sehnsucht nach religiöser Erfahrung, mag sie auch in einer Fülle von Formen da sein, die schwerlich miteinander vereinbar sind und häufig vom echten christlichen Glauben weit weg führen. Besonders die Jugendlichen suchen ihr Glück in vielen Zeichen, Bildern und auch vagen Entwürfen und neigen so leichter zu neuen religiösen Formen und Sekten verschiedenen Ursprungs. In der Tat befindet sich ganz Europa heute vor der Herausforderung, eine neue Entscheidung für Gott zu treffen.

 

2. Der christliche Glaube und die kulturellen sowie geistigen Grundlagen Europas

Die europäische Kultur ist aus vielen Wurzeln zusammengewachsen.  Der Geist Griechenlands und die Romanitas, die Errungenschaften der lateinischen, keltischen, germanischen, slawischen und ugro-finnischen Völker, die hebräische Kultur und die islamischen Einflüsse gehören zu diesem komplexen Ganzen. Niemand kann aber leugnen, daß der christliche Glaube entscheidend zum beständigen und grundlegenden Fundament Europas gehört. In diesem Sinne sprechen wir von den "christlichen Wurzeln Europas", nicht aber um damit unterschwellig zu behaupten, daß Europa und das Christentum schlechthin zusammenfielen.

Man kann sagen, daß die christliche Religion Europa ein eigenes Gesicht gegeben hat, indem sie in das gemeinsame europäische Bewußtsein einige fundamentale Prinzipien der Humanität einfügte: besonders den Begriff des transzendenten Gottes, der in höchster Weise frei ist und für immer aus Liebe in das Leben der Menschen eingetreten ist durch die Menschwerdung und das Paschageheimnis seines Sohnes; eine neue und besondere Kennzeichnung der Person und der menschlichen Würde; eine ursprüngliche Geschwisterlichkeit der Menschen als Prinzip solidarischen Zusammenlebens in der Verschiedenheit der Menschen und Völker.

Dieses gemeinsame Erbe menschlicher Kultur Europas hat im Laufe der Zeit schwere Wunden und Veränderungen erlitten. Was die westlichen und mittleren Teile Europas betrifft, so hat es sich seit den Religionskriegen nach der zerbrochenen Einheit der Kirche im 16./17. Jahrhundert ergeben, daß besonders das öffentliche und soziale Leben anders verstanden oder ausschließlich von der menschlichen Vernunft allein her begriffen wurde. Dennoch sind nicht alle Werte direkt in Zweifel gezogen worden, die ihren Ursprung im christlichen Glauben hatten; ja, man hat sich sogar Mühe gegeben, sie zu bewahren, so daß sie auf einem neuen und eigenen Fundament gründen. Die Schwäche eines solchen Fundamentes ist erst in diesem Jahrhundert wirklich deutlich geworden, und daraus folgte, daß sowohl im allgemeinen Bewußtsein vieler als auch in den zivilen Gesetzgebungen jene Werte umstritten waren.

Europa kann heute nicht schlechthin auf sein vorgegebenes christliches Erbe hinweisen: Es geht nämlich darum, zu der Fähigkeit zu gelangen, erneut über die Zukunft Europas zu entscheiden in der Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi.

 

II. Die lebendige Mitte und die vielen Wege der Neu-Evangelisierung

3. Die Bedeutung der Neu-Evangelisierung Europas

In einer solchen Lage hängt sehr viel vom glaubwürdigen Zeugnis des verkündeten und gelebten Evangeliums ab. Die Situation ist sicher in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich: In einigen Teilen des Kontinents, besonders aber in den neuen Staaten, ist der christliche Glaube fast unbekannt wegen der andauernden Verbreitung des Atheismus, oder der Prozeß der Säkularisierung ist schon so weit fortgeschritten, daß die Evangelisierung fast "von neuem" wieder beginnen muß. Wo die Kirche bisher zwar noch stark vertreten ist, nimmt dennoch nur ein geringerer Teil voll am kirchlichen Leben teil, während ein tiefes Auseinanderklaffen - allgemein gesprochen - zwischen Glaube und Kultur, Glaube und Leben festgestellt werden kann.

In dieser Situation ist es eine drängende Aufgabe für die Kirche, die befreiende Botschaft des Evangeliums erneut den Menschen Europas zu bringen. Nichts anderes war auch die Absicht des II. Vatikanischen Konzils und aller folgenden Versuche einer Erneuerung, nämlich "daß die Kirche des 20. Jahrhunderts immer mehr fähig wird, den Menschen eben dieses Jahrhunderts das Evangelium zu verkünden"5. Die Neu-Evangelisierung ist kein Programm zu einer sogenannten "Restauration" einer vergangenen Zeit Europas, sondern sie verhilft dazu, die eigenen christlichen Wurzeln zu entdecken und eine tiefere Zivilisation zu begründen, die zugleich christlicher und so auch menschlich reicher ist. Diese "Neu-Evangelisierung" lebt aus dem unerschöpflichen Schatz der ein für allemal in Jesus Christus erfolgten Offenbarung. Es gibt kein "anderes Evangelium". Mit Bedacht wird sie Neu-Evangelisierung genannt, weil der Heilige Geist stets die Neuheit des Wortes Gottes hervorbringt und beständig die Menschen geistig und geistlich aufweckt6. Diese Evangelisierung ist auch deshalb neu, weil sie nicht unabänderlich an eine bestimmte Zivilisation gebunden ist, da das Evangelium Jesu Christi in allen Kulturen aufleuchten kann7.

Der Kern dieser Evangelisierung lautet: "Gott liebt dich. Christus ist für dich gekommen."8 Wenn die Kirche diesen Gott verkündet, dann spricht sie nicht von irgendeinem unbekannten Gott, sondern von dem Gott, der uns so geliebt hat, daß sein Sohn für uns Mensch geworden ist. Gott, der uns nahekommt, sich uns mitteilt, sich mit uns vereinigt, ist der wahre "Emmanuel" (Mt 1,23). Diese Gemeinschaft hat der Herr nicht nur für dieses Leben verheißen (vgl. Mt 28,20), sondern besonders als Sieg über Sünde und Tod durch die Teilnahme an seiner Auferstehung (vgl. Röm 6,5; 1 Kor 15,22) und als Freundschaft ohne Ende mit Gott von Angesicht zu Angesicht (1 Kor 13,12). Ohne diese Hoffnung auf das ewige Leben, in dem alle Schmerzen und Mängel überwunden werden, ist der Mensch schwer verstümmelt. Die dem Menschen geschenkte Gewißheit der Hoffnung, daß er in Ewigkeit mit Gott leben wird, mindert nicht die Verpflichtung zu seinen irdischen Aufgaben, sondern verleiht ihm ihre wahre Kraft und Bedeutung. Deshalb müssen wir mit großer Zuversicht von der unsterblichen Seele und der Auferstehung des Fleisches sprechen. Diese Freude darf niemals bei der Neu-Evangelisierung fehlen.

Für eine wahre Evangelisierung genügt es also nicht, sich um die Verbreitung der "Werte des Evangeliums" wie Gerechtigkeit und Frieden zu bemühen. Wir kommen nur dann zu einer wirklich christlichen Evangelisierung, wenn die Person Jesu Christi verkündet wird9. Denn die Werte des Evangeliums können nicht getrennt werden von Christus selbst, der ihre Quelle, ihr Fundament sowie die Mitte der ganzen Botschaft des Evangeliums ist. Ihrem Wesen nach strebt die Evangelisierung zur Gründung der Kirche, welche in der Verkündigung des Wortes und in den Sakramenten der Initiation ihren Anfang nimmt. Denn sie ist ursprünglich begründet im Auftrag des Herrn, der gesagt hat: "Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" (Mt 28,19).

Wer den lebendigen und wahren Gott nicht kennt, kennt deshalb auch den Menschen nicht wirklich. In diesem Sinn sagt der hl. Irenäus: "Die Glorie Gottes ist der lebendige Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes"10. Denn der heutige Mensch meint bisweilen, der Glaube erhöhe nur die Herrlichkeit und Ehre Gottes, erniedrige aber das Bild vom Menschen. Die Sache Gottes steht hingegen keineswegs im Gegensatz zur Sache des Menschen. Es sind vielmehr die rein irdischen Versprechungen, welche - wie die jüngste Geschichte gezeigt hat - schließlich die Menschen auf totalitäre Weise unterjochen.

Die Erneuerung Europas muß ihren Ausgangspunkt nehmen vom Dialog mit dem Evangelium. Dieser Dialog, der vom II. Vatikanischen Konzil gefördert worden ist, darf die Klarheit der Positionen nicht schmälern und muß zugleich in gegenseitiger Achtung unter den Jüngern Christi und ihren Schwestern und Brüdern geführt werden, die anderen Überzeugungen anhängen11. So wird es möglich sein, zu einer "wahren Begegnung zwischen dem Wort des Lebens und den Kulturen Europas"12 zu gelangen. Denn die Evangelisierung soll nicht nur einzelne Menschen, sondern auch die Kulturen erreichen. Die Evangelisierung der Kultur bedeutet aber die "Inkulturation" des Evangeliums. Die Aufgabe der Inkulturation des Evangeliums in einer neuen kulturellen Situation Europas, die nicht nur von der Moderne, sondern auch von der sogenannten "Postmoderne" geprägt ist, beinhaltet eine Herausforderung, der wir nach Kräften entsprechen müssen: Dazu ist der Beitrag von Menschen, die sich in der Kultur auskennen, erforderlich und von Theologen, die von Herzen mit der Kirche übereinstimmen.

 

4. Die Früchte des Evangeliums: Wahrheit, Freiheit und Gemeinschaft

Christus, der menschgewordene Gott, ist selbst die Wahrheit (vgl. Joh 14,6), die uns frei macht (vgl. Joh 8,32) durch die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. 2 Kor 3,17; Röm 5,5; Gal 4,6) und zur vollen Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen führt (vgl. Joh 17,21; 1 Joh 1,3). In der Tat ist das Suchen nach Freiheit, Wahrheit und Gemeinschaft das höchste, älteste und dauerhafteste Verlangen des europäischen Humanismus, welches auch in der gegenwärtigen Zeit weiterwirkt. Deswegen steht das Vorhaben einer Neu-Evangelisierung keineswegs dem Verlangen dieses Humanismus im Weg, vielmehr reinigt und kräftigt er ihn, da er - besonders in unserer Zeit - in der Gefahr steht, seine Identität und seine Zukunftshoffnung infolge irrationaler Einflüsse und eines Neuheidentums zu verlieren.

Deshalb scheint die Frage nach der Verbindung von Freiheit und Wahrheit besonders wichtig zu sein, welche die moderne europäische Kultur sehr häufig als Gegensätze aufgefaßt hat, während in der Tat Freiheit und Wahrheit in einer solchen Weise aufeinander hingeordnet sind, daß das eine ohne das andere nicht erreicht werden kann. Ebenfalls ist es von höchster Bedeutung, einen anderen Gegensatz zu überwinden, der übrigens mit dem vorhergehenden verbunden ist, nämlich von Freiheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität, Freiheit und wechselseitiger Gemeinschaft. Denn die Person, deren höchste Würde in der Freiheit besteht, vollendet sich nicht dadurch, daß sie sich auf sich selbst zurückzieht, sondern sich schenkt (vgl. Lk 17,33)13.

Während der Unterdrückung durch den Totalitarismus konnten nur jene die Freiheit des Herzens und des Bekenntnisses bewahren, die sich intensiver mit Gott verbunden hatten. Glaube, Anbetung und Liebe stehen in tiefer Beziehung zur menschlichen Freiheit. Auf seine Weise gibt es auch in den "freien Gesellschaften" subtile Zwänge, die, gleichsam als geheime Verführer, unseren Geist besetzen, unser Fühlen manipulieren und unser Verhalten lenken wollen. Wer im Geist der Anbetung des einzigen wahren Gottes allein vor diesem Herrn seine Knie beugt, kann leichter die vielfältigen, faszinierenden Idole zurückweisen.

Kreuz und Auferstehung Jesu Christi offenbaren und schenken durch die Gnade des Heiligen Geistes jene Freiheit, die in Wahrheit diesen Namen verdient. In der Geschichte des Lebens und des Todes des Herrn wird offenbar, daß der Gipfel der Freiheit in der vollkommen freien Hingabe an den Willen des Vaters und für das Leben der Welt besteht. Im Vergleich mit dem Vollmaß dieser Hingabe wird erst offenkundig, wie sehr der Mensch Knecht seiner selbst werden und sich Mächten ausliefern kann, die ihn versklaven.

Da die Freiheit sich nicht im "Haben" erschöpft, sind Besitz und dessen Genuß keine letzten Werte (vgl. 1 Kor 7,29-31). Wenn nämlich der Christ das Eigentum, welches stets in seiner Verpflichtung zum Gemeinwohl zu betrachten ist, und die Freude an den Gütern dieser Welt bejaht, so weiß er dennoch, daß sie nicht zu den letzten Dingen gehören. Der von der Liebe geprägte evangeliumsgemäße Verzicht nimmt uns die Güter nicht, sondern gibt sie uns in ihrer Ursprünglichkeit erst. Das ist zur Wahrung der Freiheit in einer vom Konsumismus geprägten Gesellschaft von hoher Bedeutung.

Hier kommt nunmehr zur Sprache, wie wahre Gemeinschaft gefunden werden kann. Sie ist nur möglich, wenn jeder die personale und menschliche Würde der anderen respektiert. Es gibt keine Gemeinschaft, wenn die Menschen durch Zwang zu einem Kollektiv gemacht werden. Eine wahre Verpflichtung den anderen gegenüber kommt aber auch nicht zustande, wenn die einen gleichgültig neben den anderen leben und nur ihren eigenen Vorteil suchen. Wahre Gemeinschaft entsteht nur dann, wenn ein jeder die dem Nächsten eigene Würde und die Unterschiede als Reichtum wahrnimmt, ihm dieselbe Würde ohne Gleichmacherei zuerkennt und bereit ist, die eigenen Fähigkeiten und Gaben mitzuteilen.

Um uns des göttlichen Lebens teilhaftig zu machen (vgl. 2 Petr 1,4), hat Christus Jesus sich selbst entäußert, indem er bei der Menschwerdung die Gestalt eines Sklaven annahm und gehorsam wurde bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7 f.). Das göttliche Leben besteht in der Gemeinschaft von drei Personen. Von Ewigkeit her zeugt der Vater den Sohn, der gleichen Wesens ist, und die gegenseitige Liebe beider ist der Heilige Geist. Deshalb ist der christliche Gott kein einsamer Gott, sondern ein Gott, der in der Gemeinschaft der Liebe von Vater und Sohn und Heiligem Geist lebt. Diese Liebe hat sich auf höchste Weise in der Entäußerung des Sohnes geoffenbart. Deswegen gehören Gemeinschaft der Liebe und Entäußerung zum Kern des Evangeliums, das Europa und der ganzen Welt verkündet werden muß, damit eine neue Begegnung zwischen dem Wort des Lebens und den verschiedenen Kulturen geschehen kann.

Diese Synthese von Wahrheit, Freiheit und Gemeinschaft, geschöpft aus dem Zeugnis des Lebens und des Paschageheimnisses Jesu Christi, wo der eine und dreifaltige Gott uns geoffenbart wird, bildet Sinn und Fundament des ganzen christlichen Lebens und des christlichen Ethos, welches entgegen einer weitverbreiteten Meinung der Freiheit nicht entgegengesetzt ist - da das neue Gesetz die Gnade des Heiligen Geistes ist14 -, sondern zugleich ihre Bedingung und ihre Frucht ist. Aus diesen Quellen kann eine Kultur gegenseitigen Schenkens und wechselseitiger Gemeinschaft entstehen, die auch im Opfer und in der täglichen Bemühung für das Gemeinwohl vollendet wird.

 

5. Die Träger der Evangelisierung und die vielen Wege einer Neu-Evangelisierung

Die Neu-Evangelisierung Europas ist nur möglich, wenn wir alle Christen aufrufen, ihrer prophetischen Berufung entsprechend diese Aufgabe in Angriff zu nehmen. Mit den Bischöfen sind freilich zunächst die Priester und Diakone die Träger der Evangelisierung. Sie tragen die Last der täglichen Pastoral in den christlichen Gemeinden. Die Ordensleute, denen zu einem großen Teil die Erst-Evangelisierung zu verdanken ist, und ihre Kommunitäten können in ganz Europa das Zeugnis eines radikalen Lebens nach dem Evangelium ablegen, wenn sie ein stärkeres Augenmerk auf das richten, was für das geweihte Leben wesentlich ist. Von ihnen können einige Aufgaben mit besonderer Wirksamkeit übernommen werden, etwa im Bereich der Erziehung oder der inspirierenden Begleitung und Belebung verschiedener Gruppen. Wie das Schreiben Christifideles laici nachhaltig herausgestellt hat, müssen auf jeden Fall auch die Laien zum Einsatz für die Neu-Evangelisierung Europas aufgerufen werden. Sie, die über eine eigene Berufung verfügen, nehmen auf eigene Weise am prophetischen Amt Jesu Christi teil15 und haben Zugang zu Bereichen, in welche Bischöfe und Priester nicht gelangen können: Nur durch sie können die Evangelisierung und der Aufbau des neuen Europas konkret möglich werden. Auf besondere Weise ruft diese Synode die jungen Menschen auf, Träger einer Evangelisierung der künftigen Generation Europas zu werden.

Um wirkliche Apostel zu werden, brauchen wir selbst eine beständige Evangelisierung: durch beharrliches Gebet und die Betrachtung des Wortes Gottes, die uns zur persönlichen Begegnung mit dem lebendigen Gott führen, wie auch durch den täglichen Versuch, all dies in die Praxis umzusetzen. Dafür hat uns die selige Jungfrau Maria ein einzigartiges Beispiel gegeben. Nur durch die Nahrung mit dem Worte Gottes, dem eucharistischen Brot und dem häufigen Empfang des Bußsakramentes vollziehen sich in uns die ständige Umkehr und persönliche Umwandlung, durch die das Phänomen einer subjektiven Engführung des Glaubens überwunden werden kann. Diese besteht darin, daß das Wort Christi und der Kirche nur soweit aufgenommen wird, als es den persönlichen Bedürfnissen und Erwartungen entspricht. Zugleich findet sich hier auch der Weg, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die es - auch in der Kirche selbst - mit der kirchlichen Lehre besonders im Bereich der Moraltheologie gibt. Je tiefer nämlich in den Menschen die Erfahrung der Liebe Gottes verwurzelt ist, die durch das Wort vermittelt und in geschwisterlicher Gemeinschaft empfangen wurde, desto mehr wächst in ihnen die Fähigkeit und die Bereitschaft, alle Forderungen der Botschaft Christi anzunehmen.

Um der Kirche vitale Kraft zu verleihen, kommt den Pfarrgemeinden besondere Bedeutung zu. Sie bleiben die grundlegenden Instanzen des Lebens und der Mission der Kirche, die der Erneuerung und Stärkung durch das Licht des Evangeliums bedürfen. Besondere Bedeutung haben aber auch die Verbände und die neuen Gemeinschaften von Laien16, die besonders seit dem Konzil aufblühen. Großes Vertrauen setzen wir auf eine neue Pastoral der Familie als "Hauskirche"17 wie auch auf die Vermehrung kleiner Gemeinschaften, die in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft ein christliches Leben führen. Eine Katechese, die zur Ausprägung des christlichen Lebens geeignet ist, muß nicht nur Kindern und Heranwachsenden, sondern auch jungen Leuten und Erwachsenen ständig angeboten werden18. Der künftige Allgemeine Katechismus wird mit großer Hoffnung erwartet: Eine zusammenhängende Darstellung der gesamten katholischen Lehre im wahren Geist des II. Vatikanischen Konzils wird eine Hilfe im Blick auf die Sorge sein, zu der gewisse theologische Tendenzen Anlaß geben. Da nämlich eine Theologie, die im Wort Gottes verwurzelt und dem Lehramt der Kirche verbunden ist, einen großen Nutzen für die Aufgabe der Evangelisierung hat, muß man einen theologischen "Dissens" als Hindernis für die Durchführung der Evangelisierung betrachten - besonders jener Evangelisierung, die in der Kirche selbst ständig vollzogen werden muß19.

Alle Menschen sind eingeladen, das Evangelium Jesu Christi anzunehmen. Die Neu-Evangelisierung muß deshalb zutiefst missionarisch sein, so daß sie nicht nur die Personen und Personenkreise erreicht, die schon im Herzen der Kirche verwurzelt sind, sondern auch jene, die eher von ferne auf sie schauen - und dies nicht selten mit Skepsis oder gar Verachtung.

Damit die Europäer von heute, die besonders allem, was man sehen und mit den Händen greifen kann, einen Wert beimessen, das Evangelium annehmen, muß das Zeugnis einzelner und der Gemeinden die Verkündigung des Wortes Gottes ständig begleiten und bestärken, indem es seine Wahrheit und göttliche Kraft offenbar macht. Dieses Zeugnis muß - aus Gründen der Treue zu so vielen neuen Märtyrern unserer Zeit - durch sichtbare Heiligkeit hervorstechen und das Geheimnis der Einheit mit Gott und unter den Menschen, das die Kirche in der Eucharistie begeht, im Leben vollziehen.

Außerordentlich wichtig ist das Zeugnis der kirchlichen Diakonie, d.h. der Liebe zu allen, besonders aber zu denen, die materiell oder geistlich die jeweils Bedürftigeren sind. Ein solches Zeugnis macht, wenn es von allen verstanden wird, die Liebe Gottes zu den Menschen sichtbar und öffnet diese für das Hören des Evangeliums.

Im Erfahrungsaustausch unserer Kirchen haben wir erkannt, wie nötig es für die Evangelisierung ist, den einzelnen gesellschaftlichen Bereichen einen Wert beizumessen, die unserem Zugang offenstehen. Hier sind vor allem der Religionsunterricht auch an öffentlichen Schulen, die Erwachsenenbildung, die Pastoral in der Welt der Arbeit, der Wissenschaft, der Kultur und der Kunst sowie in allen Kommunikationsmedien zu nennen. Letztere formen immer stärker das moderne Leben und verdienen eine größere Aufmerksamkeit der Kirche. In den Nationen, die vor kurzem vom Kommunismus befreit wurden, herrscht eine dringende Notwendigkeit, katholische Universitäten und Schulen zu gründen. Aber auch in all diesen Bereichen sind - heute wie immer - das persönliche Zeugnis und die großherzige Beziehung von Mensch zu Mensch sehr wichtig.

Besonders in unserer Zeit gibt es einen Weg der Evangelisierung, der unter allen herausragt: Die Zeugnisse aus den Kirchen, die jüngst vom Kommunismus befreit wurden, haben uns die Fruchtbarkeit des Geheimnisses von Kreuz und Auferstehung Jesu Christi fast mit den Händen greifen lassen. Wenn wir uns um eine Neu-Evangelisierung Europas bemühen - in Gemeinschaft mit allen christlichen Schwestern und Brüdern -, dann spüren wir die Notwendigkeit wieder neu, Ihn zu wählen, mit dem wir in der Taufe gestorben und zu neuem Leben auferstanden sind (vgl. Röm 6,3-5; Gal 2,19-20): In Ihm verankert und gegründet, wollen wir Europa Zeugen des Glaubens sein.

 

6. Kirchliche Gemeinschaft und Sendung im Austausch der Gaben

Alle Evangelisierung entspringt der Person und dem Werk Jesu Christi und führt wieder hin zu Ihm. In Ihm ist die Kirche ein Leib aus vielen Gliedern (vgl. 1 Kor 12,12), "das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Einigung mit Gott wie für die Einheit des ganzen Menschengeschlechts"20. Aus diesem Geheimnis strömen Einheit und Katholizität der Kirche Gottes, die als ein einziges Volk, das "von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes"21 geeint ist, unter allen Völkern der Erde Wohnung nimmt und den Reichtum der Nationen zum wechselseitigen Austausch führt22.

Diese Synode hat die Verschiedenheit und Einheit unserer Teilkirchen und den Austausch ihrer Gaben täglich erfahren: im brüderlichen Anhören, das die wahren Erfahrungen der anderen Kirchen mit Freude und herzlicher Anteilnahme in sich aufnahm. Die Kirche in der Unterdrückung hat vom Herrn Gaben empfangen, von denen nun alle auf besondere Weise Kenntnis erlangen: das Zeugnis lebendigen Glaubens, Treue in Schmerzen und im Leiden, einträchtige Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhl. Heute bringt eine große Anzahl von Berufungen zum Priestertum oder zum Ordensleben in vielen dieser Gebiete einen geistlichen Reichtum zutage, der bisher verborgen war.

Infolge der Freiheit, deren sie sich über lange Zeit erfreut haben, sind die westlichen Teilkirchen zu einer pastoralen Praxis unter den Bedingungen einer komplexen und säkularisierten Gesellschaft gelangt. Sie vermochten viele Konsequenzen des II. Vatikanischen Konzils zu entwickeln, die nun in Demut und in kluger Unterscheidung der Werte mitgeteilt werden können. Wir müssen die Zusammenarbeit unserer Kirchen wirklich verstärken, vor allem im Blick auf die Neu-Evangelisierung Europas. Dazu sind materielle Mittel wie auch personelle Hilfen nötig, die zum Aufbau des Leibes Christi dienen und den Prioritäten der Empfängerkirchen entsprechend geleistet werden müssen.

Die kollegiale Verbundenheit der Bischöfe mit dem Nachfolger Petri und untereinander, die während dieser Synode noch erstarkte, sollte durch persönliche Besuche und Freundschaft gefördert werden. In voller Beachtung des Bandes der Einheit mit dem Hl. Stuhl und der Aufgaben der einzelnen Bischöfe und Bischofskonferenzen aus den verschiedenen Nationen legt es die pastorale Sorge auf unserem Kontinent, der den Weg zur Einheit beschreitet, nahe, daß mit Hilfe des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen eine Abstimmung und gemeinsame Anstrengung für die Evangelisierung und den Ökumenismus unternommen und Wege für andere Formen der Zusammenarbeit zwischen den Teilkirchen des Kontinents gesucht werden. Darüber hinaus verlangt es die Notwendigkeit einer Präsenz der Kirche bei den europäischen Institutionen, daß - in Einheit mit dem Hl. Stuhl und seinem Gesandten - die Tätigkeiten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE) gestärkt und enger miteinander verbunden werden. Beide haben sich in den vergangenen Jahren schon sehr verdient gemacht.

In Einheit mit dem Apostolischen Stuhl müssen die Kirchen Europas auch die eigene Zusammenarbeit mit den Teilkirchen der übrigen Kontinente verstärken. Anlässe, die besonders wichtig sind, wie die 500-Jahr-Feier der Evangelisierung Amerikas, die bevorstehende Vollversammlung des lateinamerikanischen Bischofsrates und die Spezialversammlungen der Bischofssynode für Afrika und für den Libanon bilden günstige Gelegenheiten zum Austausch von Gaben und schließlich dazu, den gemeinsamen Heilsdienst aller Kirchen der ganzen Welt zu erweitern.

In diesem Dienst ist besonders der missionarische Impuls "zu den Völkern" enthalten, der in der Tat zur Geschichte und zur christlichen Gestalt Europas gehört und in dessen Identität enthalten ist. Auch wenn sich das Werk der Missionare bisweilen nicht losgelöst von der kolonialen Erweiterung der europäischen Nationen und mit dem Stachel der Trennung zwischen den Christen vollzogen hat, haben doch die Teilkirchen Europas mit der Gnade Gottes bei der Verkündigung des Heils Christi an die Völker und bei der Einpflanzung der Kirche an allen Orten eine sehr gute Rolle gespielt. Auch heute darf sich die Kirche in keiner Region in sich selbst verschließen, selbst wenn sie von Schwierigkeiten und inneren Nöten bedrängt wird, zu denen besonders die Verminderung der Priester- und Ordensberufe gehört. Vielmehr ist es nötig, daß sie ihren Horizont erweitert und auf die Verheißung des Herrn vertraut: "Gebt, dann wird auch euch gegeben" (Lk 6,38). Denn "der Glaube wird im Geben gestärkt. Die Neu-Evangelisierung der christlichen Völker wird ihren Antrieb und ihre Stütze finden im Dienst der universalen Missionierung"23. Deshalb muß der Missionseifer den Dienst in Seelsorge und Bildung nähren und durchdringen, so daß die Priester, Ordensleute und Laien mehr und mehr bereit sind zum täglichen Neuaufbruch, wo auch immer die Kirche ihren Einsatz für die Evangelisierung und den menschlichen Fortschritt nötig hat. Voller Vertrauen bitten wir den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seinen Weinberg sendet, indem er vor allem junge Menschen zu Priestertum und Ordensleben beruft.

 

III. Die Notwendigkeit des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den anderen Christen, 
mit den Juden und mit allen, die an Gott glauben

7. Die enge Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften

In der Synode haben wir erfahren, wie sehr die Neu-Evangelisierung Europas das gemeinsame Werk aller Christen ist und wie sehr davon die Glaubwürdigkeit der Kirche im neuen Europa abhängt.

Immer wieder haben wir entdeckt, wie reich Europa durch die einander sich ergänzenden, im Wesentlichen gleichen Traditionen des Christentums ist, nämlich die westliche und die östliche Überlieferung mit ihren entsprechenden theologischen, liturgischen, geistlichen und kanonischen Besonderheiten. Immer wieder wurde das Bild von "der einen Seele, die mit zwei Lungen atmet", genannt, das diese kirchliche Wirklichkeit beschreiben will. Auch hier haben wir gesehen, wie die besonderen Gaben der jeweiligen Tradition die andere Überlieferung bereichern und auch korrigieren können24. Genauso haben wir erfahren, wie auch heute noch die Trennungen unter den Christen leidvolle Wirkungen haben.

Auf die Forderungen des Evangeliums nach Wahrheit und Liebe wollen wir antworten, wie es vom Nachfolger Petri im Ökumenischen Gebetsgottesdienst am 7. Dezember 1991 dargelegt wurde: "Diese Anforderungen setzen die treue Anerkennung der Fakten, die Bereitschaft zur Vergebung und zur Wiedergutmachung der vergangenen eigenen Fehler voraus. Sie verhindern, daß man sich in Vorurteilen verschließt, die oft Quelle von Bitterkeit und sterilen gegenseitigen Vorwürfen sind; sie führen dazu, daß man keine unbegründeten Beschuldigungen gegen den Bruder erhebt und ihm Absichten und Vorsätze unterstellt, die er nicht hat. Wenn man so vom Wunsch erfüllt ist, die Positionen der anderen wirklich zu verstehen, gleichen sich die Widersprüche durch einen aufrichtigen Dialog unter der Führung des Heiligen Geistes, des Trösters, aus"25.

Im Blick auf die Ostkirchen müssen wir uns fragen, ob der seit dem II. Vatikanischen Konzil geführte Dialog der Liebe gerade angesichts der neuerdings wieder aufgebrochenen Schwierigkeiten wirklich immer gut geführt wird. Es hat uns leid getan, daß einige orthodoxe Kirchen glaubten, die Einladung zu unserer Versammlung nicht annehmen zu können. Wir haben bei unseren Überlegungen und im Gespräch mit den anwesenden "brüderlichen Delegierten" die Überzeugung gewonnen, daß der bisher schon so fruchtbare Dialog, allein schon wegen des Gebotes des Herrn, mit allen Kräften fortgesetzt und vertieft werden muß. Wir möchten unsere orthodoxen Schwesterkirchen zu einem solchen Dialog von Herzen einladen und sie an unsere gemeinsame Verantwortung für das Zeugnis des Evangeliums vor der Welt und besonders vor dem Herrn der Kirche erinnern: Das Ziel dieses Dialogs ist es, uns zur Einheit zu führen (vgl. Joh 17,21). Wir wissen, daß es dabei viel Geduld und viel Verständnis braucht. Diejenigen unter uns, die zu den katholischen Ostkirchen gehören, befinden sich in dieser Hinsicht in einer ganz besonderen Schwierigkeit. Doch sehen wir alle in ihnen ein konstruktives Element zu Förderung des ökumenischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche. Wir können auch nicht übersehen, daß gerade diese Kirchen in der Bedrängnis des Kommunismus für uns alle ein eindringliches Zeugnis standfesten Glaubens gegeben haben und heute noch geben. Ebensowenig wollen wir das mutige Glaubenszeugnis vergessen, das Orthodoxe und Protestanten gegeben haben. Die gemeinsame Erfahrung der Verfolgung möge zur neuen Basis eines tieferen ökumenischen Verständnisses und eines gerechten Friedens werden.

Mit den Kirchen aus den reformatorischen Traditionen haben wir in den vielfältigen Dialogen seit dem II. Vatikanischen Konzil und in vielen geglückten Anstrengungen zu gemeinsamem Bekenntnis und christlichem Dienst viele Mißverständnisse ausräumen und große Annäherungen erzielen können. Wir wissen aber auch, daß uns nicht zuletzt im Verständnis der Kirche, besonders auch des geistlichen Amtes, noch manches schmerzlich trennt. Man darf nicht von den Problemen der Lehre absehen, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, das Evangelium widersprüchlich zu verkünden. Da wir aber wissen und wieder erfahren haben, wie viele Menschen an dieser noch fortbestehenden Trennung Anstoß nehmen, wollen wir diesen so fruchtbar geführten Dialog mit allen Kräften fortsetzen.

Auf der Grundlage der gemeinsamen Ehrfurcht vor der Hl. Schrift hat das Bibelapostolat zur Förderung des Ökumenismus eine große Bedeutung. Zur Aufgabe der Ökumene gehört auch die Sorge für die Menschen und Völker, vor allem für die Bedürftigen, und besonders in unseren Tagen das gemeinsame Bemühen für den Aufbau einer wahrhaften Gemeinschaft der Völker Europas.

 

8. Die besondere Beziehung zum Judentum

Beim Aufbau einer neuen Ordnung in Europa und in der Welt ist das Gespräch zwischen den Religionen von größter Bedeutung, besonders mit den "älteren Brüdern", den Juden, deren Glaube und Kultur ein konstitutiver Teil der Entwicklung der europäischen Humanität sind.

Nach dem schrecklichen Holocaust in unserem Jahrhundert, den die Kirche aus tiefstem Herzen bedauert, sind neue Anstrengungen zu einem tieferen Kennenlernen des Judentums zu unternehmen und alle Formen des Antisemitismus, die sämtlich entweder im Gegensatz zum Evangelium oder zum Naturrecht stehen, zurückzuweisen. Auch werden jene Hilfen besonders empfohlen, die im Geist des II. Vatikanischen Konzils26 die guten Beziehungen mit dem jüdischen Volk in der Verkündigung und durch den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Kirche angemessen unterstützen.

Die gemeinsamen Wurzeln von Christentum und jüdischem Volk sind besonders zu würdigen: Jesus selbst hat im Rahmen der israelitischen Religion die Anfänge seiner Kirche gelegt. Eingedenk des geistigen Vermächtnisses, besonders der Heiligen Schrift, die sie mit dem Judentum verbindet, möchte die Kirche in der gegenwärtigen Lage in Europa dazu beitragen, daß in den gegenseitigen Beziehungen ein neuer Frühling aufbricht. Denn die gemeinsame Bemühung von Christen und Juden in verschiedenen Bereichen, unter Beachtung der Unterschiede und eigenen Lehren beider Religionen, kann höchste Bedeutung haben, die für die religiöse und gesellschaftliche Zukunft Europas und für Europas Aufgabe im Blick auf den übrigen Teil der Welt zu beachten ist.

 

9. Die gemeinsame Verantwortung aller, die an Gott glauben

Auch die Beziehungen zu den Muslimen sind sehr wichtig für das Christentum und die europäische Kultur, nicht nur wegen vergangener Ereignisse, sondern auch im Blick auf unsere Zukunft, zumal eine starke Wanderungsbewegung aus den islamischen Nationen stattfindet und auch sonst enge Beziehungen mit ihnen bestehen. Trotz der bekannten Schwierigkeiten hat sich der Dialog mit ihnen als besonders notwendig erwiesen; er muß jedoch auf kluge Weise geführt werden, mit klaren Vorstellungen im Blick auf seine Möglichkeiten und Grenzen sowie mit Vertrauen in den Heilsratschluß Gottes für alle. Um einer aufrichtigen gegenseitigen Solidarität willen ist die Wechselseitigkeit der Beziehungen notwendig, besonders was den Umfang der Religionsfreiheit anbelangt: Sie ist ein in der Würde der menschlichen Person selbst begründetes Recht27 und muß überall auf der Erde herrschen.

Die anwachsenden Wanderungsbewegungen in unserer Zeit erfordern es, daß wir die anderen Religionen besser kennen, daß wir ein brüderliches Gespräch mit jenen Menschen beginnen, die sich zu diesen Religionen bekennen und die unter uns leben. Wir wollen mit ihnen in gleicher Weise die soziale Gerechtigkeit, gute Verhaltensweisen und gewiß auch Frieden und Freiheit für alle schützen und fördern; gemeinsam müssen wir auch die Schöpfung, die Gott allen Menschen, zumal unseren Nachkommen geschenkt hat, erhalten.

Auf der anderen Seite freilich darf die Beachtung der Freiheit und das rechte Bewußtsein der Werte, die in anderen Religionen zu finden sind, nicht zum Relativismus führen und auch nicht das Bewußtsein von der Notwendigkeit und Dringlichkeit des Auftrags Christi zur Verkündigung mindern. Im Kontext des Pluralismus wünscht die Kirche nicht den Relativismus, sondern den aufrichtigen und klugen Dialog, der "den Glauben nicht schwächt, sondern ihn vielmehr stärkt"28. Die Neu-Evangelisierung erfordert in der Tat eine Ausbildung der Priester, Ordensleute und Laien, die tief im Boden des Glaubens verwurzelt und darum fähig sind, in einen vielgestaltigen Dialog einzutreten.

 

IV. Die Aufgabe der Kirche beim Aufbau eines zu universaler Solidarität offenen Europas

10. Die Aufgabe der Kirche beim Aufbau eines neuen Europas

In der Neu-Evangelisierung liegt nicht nur eine Herausforderung für die einzelnen Christen und Gemeinden, sondern auch für die Staaten, die auf humanere Weise aufgebaut werden müssen. Die Kirche hat nämlich die Sendung, das in Jesus Christus zum Heil geoffenbarte Geheimnis zu enthüllen, das alle Dimensionen des menschlichen Lebens betrifft. Wenn also die Kirche das Evangelium verkündet und lebt, dient sie der Menschheit29. Wenn auch diese Sendung allen Christen zukommt, so haben die Laien - Männer wie Frauen, Erwachsene wie Jugendliche - und ihre verschiedenen Zusammenschlüsse aufgrund ihres "Weltcharakters" eine besondere Sendung. Das Apostolische Schreiben Christifideles laici hat diese Sendung, zu der die Laien auch in besonderer Weise auszubilden sind, genauer beschrieben. Für den Beitrag der Laien zum Aufbau eines neuen Europas sind besonders wichtig: Förderung der Würde des Menschen, Ehrfurcht vor dem unantastbaren Recht auf Leben, Recht auf Gewissens- und Religionsfreiheit, Ehe und Familie als primärer Ort des sozialen Engagements und der "Humanisierung", caritativer Dienst der Liebe und Werke der Barmherzigkeit, Sorge um das Gemeinwohl und Engagement in der Politik, Verantwortung in der Wirtschaft, Sorge um die Bewahrung der Schöpfung, Evangelisierung im Bereich der Kultur, der Bildung und Erziehung sowie der Kommunikationsmittel30.

Die Kirche darf also auf die Wahrnehmung eines eigenen öffentlichen Auftrags nicht verzichten. Sie muß sich auch hüten, bei der Erfüllung ihres Grundauftrages an frühere überholte Formen anzuknüpfen, die heute für die Kirche schädlich wären. Durch den Anstoß der christlichen Offenbarung und durch langfristige geschichtliche Veränderungen hat die Zivilisation Europas die Unterscheidung, wenn auch nicht die Trennung von religiöser und politischer Ordnung entdeckt, die sehr zum menschlichen Fortschritt beiträgt. Die Kirche fördert durchaus eine recht verstandene Demokratie31, ist jedoch an kein politisches System gebunden32. Sie hat aber ihre eigene Verantwortung für die Gestaltung der Gesellschaft, die sie nicht zurückweisen kann und die sie besonders in ihrer Soziallehre, die sich auf die Aufgabe der Neu-Evangelisierung erstreckt33, erfüllt.

Die Prinzipien der Würde der menschlichen Person, die ihr als Fundamentalrechte vor jeder sozialen Anerkennung zukommen und nicht - nicht einmal durch Mehrheitsbeschlüsse - verneint oder aufgehoben werden können, wie auch der Subsidiarität, welche die Rechte und Zuständigkeiten aller Gemeinschaften auf allen Ebenen berücksichtigt sowie der Solidarität, welche ein Gleichgewicht zwischen Bedürftigen und Stärkeren fordert, können gleichsam die Säulen einer neuen Gesellschaft beim Aufbau Europas bilden. Deshalb ist die Kenntnis der Soziallehre für alle, die in christlichem Geist an der Erbauung des neuen Europas teilnehmen wollen, notwendig. Die Studienordnung in den theologischen Hochschulen muß die Ausbildung in der Soziallehre und der caritativen Diakonie berücksichtigen34.

Die Erprobung der Nützlichkeit der Marktwirtschaft sowie des freien Handels und ihre Einführung auch bei den Nationen Mittel- und Osteuropas müssen nach einem klaren und klugen Konzept erfolgen. Man muß sie auf das Gemeinwohl hin ausrichten und die berechtigten Bemühungen der Arbeitnehmer unterstützen, eine volle Respektierung ihrer Würde und eine größere Partizipation an den Wirtschaftsunternehmen zu erlangen, in denen sie arbeiten35. Der Beginn des "Gemeinsamen Europäischen Marktes" ist für uns ein Anruf und eine Herausforderung: Besonders dringlich ist eine Kultur der Solidarität, damit für die alten und neuen Formen der Armut gerechte Lösungswege gefunden werden.

In der gegenwärtigen europäischen Situation hat die Frauenfrage eine große Bedeutung36. Nur ein neues Verhältnis von Mann und Frau, das den Veränderungen Rechnung trägt, kann die legitimen Anliegen der Frauen auf den rechten Weg bringen. Wir appellieren an die Bürger und die politisch Verantwortlichen, daß sie von der immer wieder zum Ausdruck gebrachten und notwendigen rechtlichen Gleichstellung auch zu ihrer tatsächlichen Verwirklichung gelangen. Die Eingliederung der Frauen in das Berufsleben darf nicht von der Alternative Beruf oder Familie bestimmt sein, sondern bedarf einer geordneten Verbindung mit ihrer eigenen Aufgabe in der Familie und bei der Weitergabe des Lebens. Unter diesen Bedingungen könnten die Frauen ihre ganze Kraft dem kulturellen Aufbau und einer Sozialordnung widmen, die eher mit der vollständigen, personalen und sozialen Wahrheit über den Menschen übereinstimmt.

Weil das Recht auf Leben in vielen Nationen des heutigen Europas sowohl im Westen als auch im Osten sehr mit Füßen getreten wird, besonders im Fall der Abtreibung und der Euthanasie, empfiehlt unsere Synode den einzelnen Kirchen und besonders den Bischofskonferenzen, jährlich einen "Tag _" oder eine "Woche für das Leben" in allen Gemeinschaften und Pfarreien zu begehen und im Lauf der Zeit diesen Tag oder diese Woche auch gemeinsam festzulegen.

Das Recht auf Erhaltung der Gesundheit oder nach Möglichkeit auf ihre Wiederherstellung muß ganz und gar geschützt werden; die Bemühung der ganzen Gesellschaft und die pastorale Sorge der Kirche müssen sich auf alle erstrecken, die an Krankheiten leiden, besonders an den Krankheiten dieser Zeit. Alle, die im Dienst an der Gesundheit stehen, sollen eine Ausbildung in Ethik und in Bioethik erhalten.

Die Kirche hat Hochachtung vor dem beständigen Wert der Familie, die in der Ehe gegründet ist, denn sie ist eine Einrichtung des Schöpfers und ein Baustein für Kirche und Gesellschaft. Sie bittet deshalb alle, besonders jene, die in der Gesellschaft, im politischen und gesetzgeberischen, im administrativen, sozialen und ökonomischen Bereich Verantwortung tragen, die Familie zu schützen und in ihren Rechten zu fördern. So legt die Synode noch einmal den Regierungen die Charta über die Rechte der Familie zur Beachtung vor, die der Hl. Stuhl 1983 vorbereitet hat, auch im Blick auf das kommende Weltjahr der Familie (1994). Die Sozialpolitik, die auf die schwächeren Teile der Bevölkerung ausgerichtet sein soll, muß konzentriert und verstärkt werden, auch durch eine aktive und verantwortliche Teilnahme der Familien selbst und der Familienverbände. Große Bedeutung haben nämlich die Organisationen und Verbände für die Familien in Europa von seiten der Laien. Wer sich um den Schutz und die Förderung von Ehe und Familie bemüht, erwirbt sich sehr große Verdienste um das künftige Schicksal Europas.

In einer gemeinsamen konzertierten Aktion mit Unterstützung der Regierung sollte all das beseitigt werden, was der menschlichen Würde widerspricht und in der Tat auch schädlich ist, wie z.B. Pornographie, Handel mit Drogen und ihr Gebrauch sowie organisierte Gewalt.

Der Einigungsprozeß in Europa und in besonderer Weise die europäischen Einrichtungen sowie die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bringen eine große Verantwortung der Kirchen mit sich. Denn das gemeinsame europäische Haus wird auf sicheren Fundamenten erbaut, wenn es nicht nur aus ökonomischen Gründen entsteht. Das neue Europa setzt bei seinem Aufbau stets den Konsens und die Anerkennung fundamentaler Werte voraus und fordert ein wirkliches Ideal. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Beitrag der Kirche für das neue Europa keineswegs etwas Zweitrangiges; er muß die Bemühungen der christlichen Laien, die im sozialen und politischen Bereich tätig sind, begleiten.

Während der Weg zur europäischen Einheit beschritten wird, stellt sich jetzt wiederum in mehreren Teilen Europas akut das Problem der Beziehungen zwischen den Nationen. Die Nationen sind lebendige kulturelle Ausformungen, die den Reichtum Europas zum Ausdruck bringen. Die nationalen Differenzierungen sollen also nicht verschwinden, sondern vielmehr beibehalten und gepflegt werden als historisch gewachsenes Fundament der europäischen Solidarität. Nachdem aber das marxistische Herrschaftssystem zugrunde gegangen ist, welches mit erzwungener Gleichförmigkeit der Völker und Unterdrückung kleiner Nationen gekoppelt war, taucht nun nicht selten die Gefahr auf, daß die Völker Europas in Ost und West wiederum zu alten nationalistischen Konstellationen zurückkehren.

Die nationale Identität wird aber nur in der Öffnung auf andere Völker hin und in Solidarität mit ihnen vollendet. Konflikte müssen durch Gespräche und Verhandlungen gelöst werden, nicht aber durch den Gebrauch von Gewalt, in welcher Form auch immer, zur Unterdrückung des anderen. Nach dem Zeugnis der kroatischen Bischöfe hört auch während der Synode diese Gewalt nicht auf, ihr Vaterland zu zerstören. Man darf die Rechte von Minderheiten nicht vergessen, vielmehr müssen die Traditionen eines jeden Volkes gewahrt und gefördert werden. Die katholische Kirche anerkennt und bejaht den Wert der Nationen. Als eine Gemeinschaft aus mehreren Völkern übersteigt sie zugleich alle Partikularismen. Die enge Verbindung mit der Gesamtkirche - mit und unter Petrus - hat die Teilkirchen oft auf wunderbare Weise davor bewahrt, von den einzelnen Systemen einer nationalen Herrschaft aufgesogen zu werden. Auch in der heutigen Situation behält dieses Prinzip der Katholizität ganz und gar seine Geltung.

 

11. Notwendigkeit einer Öffnung Europas zu weltweiter Solidarität

Allen Teilen der Welt hat Europa zahlreiche kulturelle und technische Güter mitgeteilt, die heute das Erbe der weltweiten Zivilisation bilden. Die Geschichte Europas hat aber auch viele Schattenseiten, unter denen man den Imperialismus und die Unterdrückung vieler Völker, verbunden mit der Ausbeutung ihrer Güter, nennen muß. Ein gewisser "Eurozentrismus", dessen Folgen wir heute besser wahrnehmen können, muß zurückgewiesen werden.

In Folge der Überwindung des Konfliktes zwischen Ost und West ist heutzutage die Zukunft Europas derart offen, wie sie es seit langer Zeit nicht gewesen ist. Mag auch der Aufbau neuer Staaten in vielen Gebieten Mittel- und Osteuropas sich schwieriger gestalten, als man erwarten konnte, und das Zusammenspiel aller Kräfte erfordern, so ergibt sich für Europa die dringende Notwendigkeit, über die eigenen Grenzen und das eigene Interesse hinauszublicken. Der Schrei des leidenden Christus erreicht uns heute mit besonderer Stärke aus den südlichen Weltteilen, wo die ärmsten Völker wagnisbereite und wirksame Solidarität fordern gegen Hunger, vielfältige Schwierigkeiten und Unrecht, die sie bedrängen. Diesen Schrei muß man mit konkreten Entscheidungen beantworten, die sich auf die Unterbindung des Waffenhandels, die Öffnung unserer Märkte, eine gerechtere Lösung der internationalen Verschuldung beziehen; zugleich geht es um alles, was in diesen Regionen das Wachstum der Kultur und der Wirtschaft zugleich mit demokratischen Lebensformen fördern kann. Im übrigen schöpft Europa selbst aus den Schätzen anderer Völker und Kulturen großen Reichtum.

Notlagen zeigen sich nicht nur in den Armutsregionen, sondern sie betreffen auch mit dem Anwachsen der Migration mehr und mehr das Gebiet Europas. Gerechtigkeit und Liebe drängen dazu, daß möglichst viele Menschen in ihren eigenen Ländern Brot, Arbeit und die Achtung ihrer menschlichen Würde finden können und nicht aus ihrer Heimat in ein unbekanntes Exil fliehen müssen. Zugleich muß man an die Notwendigkeit einer größeren Aufnahmebereitschaft erinnern; dazu muß eine geeignete Geisteshaltung gefördert werden, zusammen mit konkreten und frühzeitigen Plänen. Sie sollen die Schwierigkeiten verringern und die Möglichkeit zur Integration - unter Beibehaltung der legitimen eigenen Identität - jener fördern, die durch die Migration zu uns kommen. Im übrigen kann man nicht ganz mit Schweigen übergehen, daß häufig die Nationen, die Zuwanderer aufnehmen, sie für ihren eigenen Fortschritt notwendig haben.

Die vielfältige Not und das große Leid der Welt rufen uns die endzeitlichen Verheißungen Gottes ins Gedächtnis, die in dieser Welt nicht verwirklicht werden können. Durch Solidarität und Liebe können wir jedoch inmitten einer gespaltenen und zerrissenen Menschheit Anstöße geben und Samenkörner pflanzen für die zukünftige Erfüllung der ewigen Vollendung.

 

Schluß

Der heilige Paulus kam während seiner zweiten Missionsreise (vgl. Apg 15,36-18,22) zum ersten Mal nach Europa. In Troas hatte er in der Nacht eine Zukunftsvision: "Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, daß uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden" (Apg 16,9-10). So vollzog sich der Übergang nach Europa: Der Geist Gottes selbst hat den Weg des Evangeliums nach Europa geöffnet.

Es ist bemerkenswert, daß bereits an diesem ersten Beginn des Glaubens in Europa jenes Wort vorkommt, nämlich Evangelisierung, das für uns heute zu einem Schlüsselwort für unser christliches Leben und unsere Sendung geworden ist. Durch den Mazedonier erklärte sich Europa bereit, das Evangelium aufzunehmen. Wir wissen freilich auch, wie mühsam die Verkündigung des Evangeliums durch Paulus besonders in Athen und Korinth geworden ist (vgl. Apg 17,16-34; 18,1-17). Das Beispiel und der unbesiegbare Glaube des Apostels ermutigen uns, das Wagnis einer Neu-Evangelisierung anzugehen.

In diesen Tagen des Advents, in denen wir uns darauf vorbereiten, den Herrn aufzunehmen, bitten wir Gott den Vater auf die Fürsprache der heiligen Benedikt, Cyrill und Methodius, daß die Menschen in Europa ihre wahre, tiefere Bedürftigkeit wahrnehmen, daß sie um jene Hilfe bitten, die wirklich rettet, und - wie der Mazedonier - Jesus Christus selbst und seine Boten einladen mit den Worten: "Komm herüber _, und hilf uns!"

Maria, die Mutter des Herrn und Ursache unserer Hoffnung, lehrt uns, offen zu sein für die Winke Gottes und das Heil demütig zu erwarten, indem wir das Wort Gottes in uns aufnehmen und es mit ganzem Herzen umfassen: "Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen" (Lk 2,51). So hat sie an der Seite ihres Sohnes von Anfang an die Evangelisierung begleitet. Auch heute bleibt sie "einmütig im Gebet", wie vor Pfingsten (vgl. Apg 1,14), inmitten der Kirche und bittet mit uns um das Kommen des Heiligen Geistes. "Möge sie der Leitstern einer sich selbst stets erneuernden Evangelisierung sein!"37 Sie geht uns voran als Wegführerin, die den Weg weist zu Jesus Christus und zur vollen Einheit unter seinen Jüngern, "damit die Welt glaube" (Joh 17,21). So wird sie uns auch in diesen Tagen als gütige Mutter an die Hand nehmen und zu dem Kind an der Krippe führen, das zugleich der Herr und der Erlöser der Welt ist, während das große himmlische Heer Gott lobt (vgl. Lk 2,14):

"Ehre sei Gott in der Höhe,
und auf Erden Friede

den Menschen seiner Gnade."

Anmerkungen 

1 Vgl. die erste Ankündigung der Synode am 22. April 1990 in der Stadt Velehrad (CSFR), wo das Begräbnis des hl. Methodius stattfand.
2 Vgl.
Cristianesimo e Cultura in Europa. Memoria, coscienza, progetto. Atti del simposio presinodale (Vatikan, 28.-31. Oktober), Forlì 1991.

3 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 11.

4 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 13.

5 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi (8. Dezember 1975), Nr. 2.

6 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 41; Johannes Paul II., Homilie bei der Eröffnung der Synode (28.
November 1991), in: L'Osservatore Romano, 29. November 1991, S.4-5.

7 Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 19.
8 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 34.
9 Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 22; Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 5-6; 17-19.

10 Adv. Haer. IV, 20,7.

11 Vgl. Johannes Paul II., Ansprache beim Präsynodalen Symposion, Nr. 3 (31.
Oktober 1991), in: L'Osservatore Romano, 1. November 1991, S. 4.

12 Ebd., Nr. 5.
13 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 24.

14 Vgl. Thomas v. Aquin, STh I-II, 106, 1.

15 II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 35.
16 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 29.
17 II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 11; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio, Nr. 53-76.
18 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae, Nr. 19f.
19 Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen, Nr. 21-44, bes. 32.
20 II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 1.
21 Vgl. ebd., Nr. 4.
22 Vgl. ebd., Nr. 13.
23 Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio, Nr. 2.
24 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, Nr. 4.

25 Johannes Paul II., Ansprache während des Ökumenischen Gottesdienstes (7.
Dezember 1991), in: L'Osservatore Romano, 9./10. Dezember 1991, S. 6.

26 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, Nr. 4.
27 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 2.
28 Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog - Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Dialog und Verkündigung, Nr. 50.
29 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 40 und 42; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 36.
30 Vgl. Johannes Paul II.,  Apostolisches Schreiben Christifideles laici, Nr. 37-44.

31 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 46-47.

32 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 76.

33 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 5.

34 Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Leitlinien für das Studium und den Unterricht der Soziallehre der Kirche in der Priesterausbildung.

35 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, Nr. 42-43.

36 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem.
37 Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 82.

 

 

DIE LATEINISCHE FASSUNG

Synodus Episcoporum
Coetus specialis pro Europa: Declaratio
Ut Testes Simus Christi qui nos Liberavit.
13.12.1991

Erschienen in: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 103 
/ hg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. Bonn: 1991. S. 35-59.

Prooemium

Tertio millennio iam adventante, Europa eventus extraor-dinarios vivit, per quos manibus amorem et misericordiam Dei Patris erga omnes homines, suos filios, quasi tangimus. Beatissimus Pater Ioannes Paulus II hunc propterea specialem Coetum Episcoporum Synodi pro Europa convocare voluit, ut post tot annos separationis vi impositae, Episcopi Orientis, Centri et Occidentis Europae in communione collegiali cum eo et inter se de momento et consequentiis huius historicae horae pro Europa et pro Ecclesia deliberare possent1.

De hoc inceptu grati et gaudio pleni apud Petri Successorem convenimus ut gloriam Deo daremus et magnalia enarraremus quae pro nobis Ipse, semper in historia praesens et operans, fecit. Nomine Ecclesiae quae est in Europa, tot novis martyribus et confessoribus ditata, ex quibus quidam inter nos praesentes erant, gratias reddidimus Deo Patri propter Domini crucifixi potentiam et sapientiam (cf. 1 Cor 1,24), qui nos his annis in persecutionis probationibus per Spiritus Sancti consolationem et assistentiam sustinuit, atque propter novum libertatis spatium quo nunc multi populi in Europa fruuntur. Gavisi etiam sumus de "Delegatorum fraternorum" aliarum christianarum Ecclesiarum et communitatum inter nos praesentia, qui in nostra oratione et in nostris laboribus participaverunt. Pro Coetu synodali etiam Symposium de christianismo et cultura vere utile fuit2.

Huc etiam convenimus ut a Deo et a nostris fratribus veniam pro nostris culpis et defectibus imploremus, simul parati ad veniam ex parte nostra concedendam. In hac concordia et mutua communione, quae ex ipsa Sanctissimae Trinitatis vita procedunt, nobis mutuo plurimos offerre potuimus sapientiae et experientiae thesauros, quibus Deus nostras ditare voluit Ecclesias particulares, ut eos aliis omnibus donarent in unica et universali Christi Ecclesia. Post tot impositi silentii annos, Orientis Ecclesiae tandem testimonium vitae saepe heroicae libere omnibus offerre potuerunt. Ecclesiae vero Occidentis semina obtulerunt renovatae vitalitatis novasque experientias quae in probationibus floruerunt quibus neque illae caruerunt: quapropter eventum ipsum synodalem veluti fructum Spiritus Sancti experti sumus.

In nomine Christi uniti (cf. Mt 18,20) oravimus ut audire possemus quid Spiritus hodie Ecclesiis Europae dicit (cf. Apoc 2,7.11.17) et ut ipsae sciant vias pro nova evangelizatione nostrae continentis discernere. Horae praesentis ingentium provocationum conscii, sed etiam magnarum eius opportunitatum, atque in dialogo cordialique collaboratione cum nostris fratribus et sororibus Europae et mundi, nostram contributionem pro nova Europa aedificanda offerre volumus, "ut testes simus Christi qui nos liberavit" (cf. Act 1,8; Gal 5,1). Synodum nostram uti primum gressum consideramus viae a nobis indesinenter persequendae.

 

I. De horae praesentis significatione intuitu fidei christianae et historiae Europae

1. De hac praesenti historica Europae hora

Noster specialis Coetus Synodi Episcoporum locum habuit duobus annis transactis post initium collapsus tam repentini et vere extraordinarii systematis communistici, in quo heroicum testimonium Ecclesiarum christianarum magnas partes habuit. Etiam plures non credentes hos eventus "miraculum" considerabant. Lumine fidei et impulsu Spiritus Sancti, in hac hora vera signa praesentiae et consilia Dei discernere volumus3. Pro christianis in his factis authenticus "kairós" historiae salutis manifestatur et ingens provocatio ad operam renovatricem Dei continuandam, a quo tandem nationum fata pendent.

Sine dubitatione interitus regiminum totalitariorum Europae mediae-orientalis causas habuit indolis oeconomicae ac socialis et politicae. Attamen interius rationem suam habuit ethicam et anthropologicam ac denique spiritalem. Subest enim toti marxismo error "generis anthropologici"4, videlicet quatenus in eo redigitur homo ad aspectum dumtaxat materialem et oeconomicum. De tali falsa ac reductiva anthropologia necessario profluxerunt oeconomicae ac politicae rationes omnino iniustae hominique contrariae et propterea ad interitum fataliter destinatae. Elementum vero proprium, quin immo intrinsecum, eiusdem huius doctrinae proindeque etiam universae rationis communisticae in usu vitae fuit progammaticus et obligatus atheismus.

Hodie autem in Europa communismus tamquam systema interiit sed vulnera eius et hereditas remanent in cordibus hominum et in novis surgentibus societatibus. Homines difficultates inveniunt in recto libertatis regiminisque democratici usu; valores morales ab imis pessumdati renovandi sunt. Simul, pauper facta structuris et mediis, Ecclesia profundius didicit in solo Deo confidere.

Collapsus communismi in disceptationem revocat totum iter culturale, sociale et politicum humanismi europaei, quatenus signatur atheismo non solum suo in exitu marxistico, ac demonstrat, factis ipsis non tantum principiis, non licere causam Dei segregari a causa hominum.

In consideratione condicionis religiosae et socialis et culturalis nationum democraticarum Europae occidentalis percipi possunt et luces et tenebrae. Intra politicum et institutionalem ambitum democratiae et libertatis magni fructus collecti sunt progressionis scientificae et technicae, socialis et oeconomicae. Ecclesia ipsa renovatam vitalitatem ostendit, praesertim in restitutione biblica et liturgica, in actuosa participatione fidelium vitae paroeciali, in novis experientiis communitariis et in iterum detecto momento orationis vitaeque contemplativae, necnon in multiplicibus formis gratuiti ministerii erga pauperes et exclusos.

Ex alia vero parte, mens quaedam et agendi consuetudo disseminantur quae eo dumtaxat spectant ut impleantur cuiusque optata proxima et procurentur pariter commoda oeconomica; simul falso libertas singulorum fit aliquid absolutum ac negatur omnis comparatio cum veritate et bonis, quae excedunt singularem cuiusque ambitum aut coetum. Quamvis marxismus vi impositus collapsus sit, materialismus et atheismus practicus in tota Europa valde diffusi sunt: etsi illi vi non imponuntur nec explicite quidem proponuntur, homines tamen inducunt ut cogitent seseque gerant "etsi Deus non daretur".

Simul perseverat desiderium experientiae religiosae, licet in multitudine formarum quae difficulter inter se consentiunt et saepe ab authentica christiana fide longe ducunt. Imprimis iuvenes felicitatem suam multis in signis, imaginibus et etiam umbris quaerunt et ita facile inclinantur ad novas formas religiositatis et ad variae originis sectas. Revera tota Europa hodie ante provocationem invenitur novam decisionem pro Deo assumendi.

 

2. De religione christiana et de culturalibus spiritualibusque Europae radicibus

Cultura europaea ex multis radicibus crevit. Spiritus Graeciae et romanitas, obtenta a populis latinis, celticis, germanicis, slavis et ugro-finnicis, cultura hebraica et influxus islamici ad hanc complexam pertinent totalitatem. Nemo autem negare potest christianam fidem ad permanens et radicale fundamentum Europae decisive pertinere. Hoc sensu loquimur de "christianis Europae radicibus", non autem ad insinuandum Europam et christianismum simpliciter coincidere.

Religio christiana dici potest dedisse Europae propriam imaginem, in ipsius conscientiam communem inserendo fundamentalia quaedam humanitatis principia: praesertim conceptum Dei transcendentis quam maxime liberi at in sempiternum ingressi ex amore vitam hominum per incarnationem ac Pascha Filii sui; notionem novam et praecipuam personae dignitatisque humanae; primariam hominum fraternitatem uti principium convictus solidalis in ipsa varietate hominum ac populorum.

Hoc quidem Europae commune humani cultus patrimonium gravia passum est vulnera et permutationes progredientibus temporibus. Quoad Europae occidentales atque centrales partes, initio sumpto a bellis religionis post fractam Ecclesiae unitatem saeculis XVI-XVII, factum est ut vita, praesertim publice ac socialiter agenda, alia intelligeretur seu in sola ratiocinandi facultate consistens. Non omnes tamen valores in dubium directe revocati sunt, qui a christiana fide ortum sumpserunt; quin potius eis servandis data est opera, ita ut in novo eodemque immanenti consisterent fundamento. Huiusmodi fundamenti infirmitas nonnisi hoc saeculo re quoque apparuit factumque est ut et in communi multorum conscientia et in civilium legum lationibus valores illi in controversiam adducti sint.

Europa non debet hodie simpliciter ad suam praecedentem christianam hereditatem appellare; pervenire enim oportet ad capacitatem iterum decidendi circa suum futurum in occursu cum persona et nuntio Iesu Christi.

 

II. De vitali centro et multis viis novae evangelizationis

3. De novae evangelizationis Europae significatione

In tali rerum statu permulta a testimonio credibili Evangelii praedicati et in vitam deducti pendent. Condicio rerum est certo diversa in diversis regionibus: nonnullis in partibus continentis, praesertim autem inter novas suboles, christiana fides est prope ignota propter constantem propagationem atheismi, vel quoquo modo processus saecularizationis ita progressus est ut evangelizatio fere "ex novo" iterum incipienda sit. Sed etiam ubi praesentia Ecclesiae adhuc fortis est, minor pars tantum plene vitam ecclesialem communicat, dum discrepantia profunda adnotari potest - modo generaliore - inter fidem et culturam, fidem et vitam.

Sic stantibus rebus, officium urgens pro Ecclesia est nuntium liberantem Evangelii de novo hominibus Europae afferre. Non alia autem erat intentio Concilii Vaticani II et omnium sequentium conatuum renovationis, scilicet, "ut Ecclesia XX saeculi evadat magis usque idonea Evangelio nuntiando hominibus eiusdem saeculi"5. Nova evangelizatio non est programma ad sic dictam "restaurationem" Europae temporis praeteriti, sed iuvat ad detegendas proprias radices christianas et ad instaurandam civilizationem profundiorem, nempe plus christianam et proinde etiam divitius humanam. Haec "nova evangelizatio" vivit ex inexhauribili thesauro revelationis semel pro semper in Iesu Christo peractae. Non datur "aliud evangelium". Conscie nova evangelizatio nominatur, quia Spiritus Sanctus semper novitatem verbi Dei producit et continuo homines spiritualiter excitat6. Est etiam nova haec evangelizatio, quia non immutabiliter ligata est determinatae civilizationi, cum Evangelium Iesu Christi in omnibus culturis resplendere possit7.

Nucleus huius evangelizationis est: "Deus amat te. Christus pro te venit"8. Si Ecclesia hunc Deum praedicat, non de Deo quodam ignoto loquitur, sed de Deo qui sic dilexit nos ut eius Filius carnem pro nobis assumpserit. Est Deus sese appropinquans ad nos, sese communicans nobis, sese uniens nobiscum, verus "Emmanuel" (Mt 1,23). Hanc communionem Dominus promisit non tantum pro hac vita (cf. Mt 28,20), sed praesertim ut victoriam super peccatum et mortem per participationem in resurrectione sua (cf. Rom 6,5; 1 Cor 15,22) et ut amicitiam interminabilem facie ad faciem cum Deo (1 Cor 13,12). Sine hac spe vitae aeternae, in qua omnes dolores et defectus superantur, homo graviter mutilatus est. Certitudo spei homini data se in aeternum cum Deo vivere, non minuit obligationem operis terreni, sed ei veram suam vim et pondus attribuit. Qua de causa tam de immortali anima quam de resurrectione carnis magna cum fiducia loqui debemus. Hoc gaudium in nova evangelizatione nunquam deesse debet.

Pro vera evangelizatione non sufficit ergo "valoribus evangelicis" sicut iustitiae et pacis diffundendis operam dare. Solummodo veram christianam evangelizationem attingimus, si persona Iesu Christi annuntietur9. Valores enim evangelici non possunt ab ipso Christo separari, qui illorum fons est atque fundamentum necnon totius nuntii evangelici centrum. Evangelizatio natura sua tendit ad Ecclesiae plantationem, quae oriri incipit per verbi praedicationem et per sacramenta initiationis. Ipsa enim ex mandato Domini originem trahit, qui dixit: "Euntes ergo docete omnes gentes, baptizantes eos in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti" (Mt 28,19).

Ideo qui Deum vivum et verum non cognoscit, hominem non vere cognoscit. Hoc sensu dicit S. Irenaeus: "Gloria Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei"10. Homo nempe hodiernus interdum opinatur fidem gloriam et honorem Dei extollere, sed imaginem hominis humiliare. E contra, causa Dei nullo modo in oppositione ad causam est hominis. Sunt potius promissiones pure terrestres quae - sicut recens historia ostendit - ad finem homines totalitariter in servitutem reducunt.

Revera renovatio Europae a dialogo cum Evangelio proficisci debet. Hic dialogus, Concilii Vaticani II impulsu promotus, positionum claritatem debilitare non debet et simul conducendus est in mutua observantia inter discipulos Christi eorumque sorores et fratres qui aliis persuasionibus adhaerent11. Ita possibile erit ad "verum occursum inter Verbum Vitae et culturas Europae"12 pervenire. Evangelizatio enim non solum homines singulos, sed etiam culturas attingere debet. Culturae vero evangelizatio secum fert Evangelii "inculturationem", quod munus in novo statu culturali Europae, non solum modernitate signato, sed etiam sic dicta postmodernitate, provocationem implicat cui pro viribus respondere debemus: ad hoc perficiendum contributio virorum in cultura peritorum requiritur, necnon theologorum ex corde cum Ecclesia sentientium.

 

4. De fructibus Evangelii: de veritate, libertate et communione

Christus, Deus factus homo, ipsa veritas est (cf. Io 14,6), quae nos liberat (cf. Io 8,32) per donum Spiritus Sancti (cf. 2 Cor 3,17; Rom 5,5; Gal 4,6)  et in plenam cum Deo et inter homines communionem introducit (cf. Io 17,21; 1 Io 1,3). Revera inquisitio libertatis, veritatis et communionis optatus est altissimus, antiquissimus et diuturnissimus humanismi europaei, qui etiam recenti et hodierno tempore pergit operari. Quapropter novae evangelizationis propositum, nedum huius humanismi optatui obstet, potius ipsum purificat et roborat, nostris diebus, quando in periculo versatur suam identitatem et suam spem futuri amittendi, impulsionum irrationalismi ac nascentis novi paganismi causa.

Proinde maximi momenti esse videtur quaestio de ratione libertatis cum veritate, quas moderna cultura europaea saepius ut inter se oppositas concipit, cum revera libertas et veritas tali modo ad invicem ordinentur, ut una sine altera obtineri nequeat. Item maxime refert aliam superare oppositionem, ceterum cum praecedenti connexam: libertatis et iustitiae, libertatis et solidaritatis, libertatis et mutuae communionis. Persona enim, cuius libertas maxima dignitas est, perficitur non se retrahendo sed se donando (cf. Lc 17,33)13.

Sub totalitarismi oppressione libertatem cordis et confessionis illi solummodo servare poterant, qui modo intensiore se Deo ligaverant. Fides, adoratio et amor profundam relationem cum humana habent libertate. Suo modo etiam in "liberis societatibus" subtiles habentur impositiones, quae, tamquam secreti seductores, nostram mentem occupant, nostram sensibilitatem deflectunt et nostrum modum procedendi dirigere volunt. Qui, in spiritu adorationis unici veri Dei, solummodo coram hoc Domino sua flectit genua, facilius multiplicata et attrahentia idola reicere potest.

Re vera, Iesu Christi crux et resurrectio revelant et per gratiam Spiritus Sancti illam libertatem donant quae vere hoc meretur nomen. In historia vitae et mortis Domini manifestatur culmen libertatis in donatione plene libera ad voluntatem Patris et pro vita mundi consistere. In comparatione cum plena mensura huius donationis perspicuum fit quantopere homo possit servus sui ipsius fieri et se potentiis tradere quae illum in servitutem redigunt.

Quia libertas non exhauritur in "habendo", possessio eiusque fruitio valores ultimi non sunt (cf. 1 Cor 7,29-31). Christianus etiam cum proprietatem, quae utique semper in sua obligatione pro bono communi consideranda est, atque gaudium de bonis huius mundi affirmat, scit tamen ipsa ad res ultimas non pertinere. Renuntiatio evangelica, caritate formata, nobis bona non tollit, sed ea nobis in sua originalitate praebet et sic proprie primo donat: hoc ad libertatem in societate consumismo affecta servandam magni momenti est.

Ita iam de vera communione invenienda sermo introducitur. Ipsa solum possibilis est si unusquisque personalem et humanam dignitatem aliorum observat. Communio non habetur, cum hominibus collectivitas imponitur. Sed neque vera obligatio relate ad alios oritur, si alii iuxta alios, modo indifferenti, coexsistunt et solum propria commoda quaerunt. Vera communio tunc solum oritur, si unusquisque dignitatem proximi propriam atque differentiam tamquam divitias percipit, illi eamdem dignitatem sine uniformitate agnoscit et paratus est ad proprias capacitates et dona communicanda.

Ad vitam divinam nobis participandam (cf. 2 Petr 1,4) Christus Iesus semetipsum exinanivit formam servi in incarnatione accipiens et oboediens factus usque ad mortem crucis (cf. Phil 2,7 sq). Quae vita divina est communio trium Personarum. Pater ab aeterno generat Filium consubstantialem et amborum amor mutuus est Spiritus Sanctus. Ideo Deus christianorum non est Deus solitarius, sed Deus in communione caritatis Patris et Filii et Spiritus Sancti vivens. Quae caritas in exinanitione Filii sese eximio modo revelavit. Quapropter communio caritatis et exinanitio ad nucleum Evangelii pertinent, quod Europae et toti mundo praedicandum est, ut novus occursus inter verbum vitae et varias culturas fieri possit.

Haec synthesis veritatis, libertatis et communionis, ex testimonio vitae et mysterii paschalis Christi hausta, in quo Deus unus et trinus nobis revelatur, sensum et fundamentum constituit totius christianae vitae et moralitatis, quae, contra opinionem diffusam, non opponitur libertati - cum lex nova sit gratia Spiritus Sancti14 -, sed eius simul conditio et fructus est. Ex his fontibus oriri potest cultura mutuae donationis et communionis, quae etiam in sacrificio et labore cotidiano pro bono communi perficitur.

 

5. De evangelizatoribus et de multis viis novae evangelizationis

Revera, nova evangelizatio Europae possibilis non est nisi omnes christianos eorum vocationis propheticae conscios ad hoc opus vocemus peragendum. Primarii cum Episcopis evangelizatores sunt sane presbyteri et diaconi, qui pondus cotidiani operis pastoralis in christianis communitatibus ferunt. Religiosi, quibus magna ex parte prima debetur Europae evangelizatio, et eorum communitates poterunt testimonium vitae radicalismi evangelici toti Europae praebere, si ad id quod essentiale in vita consecrata est intensior fiat appellatio. Opera nonnulla, sive educativa, sive diversas consociationes animantia, ab illis peculiari cum efficacia suscipi possunt. Ut fortiter monuit Adhortatio Christifideles laici, laici quoque in hunc laborem novae evangelizationis Europae omnino vocandi sunt. Ipsi, qui propriam habent vocationem, munus propheticum Christi suo modo participantes15, campos ingredi possunt, ad quos Episcopi et presbyteri nequeunt pervenire: per ipsos tantum evangelizatio et aedificatio novae Europae concrete possibiles fient. Speciali modo hic Coetus synodalis iuvenes interpellat ut ipsi imprimis novarum generationum Europae evangelizatores sint.

Ut veri apostoli efficiamur, continua evangelizatione egemus, per assiduam orationem et meditationem verbi Dei, quae nos ad occursum personalem cum Deo vivo conducunt, necnon per cotidianum conatum has in praxim deducendi secundum exemplum singulare a Beata Virgine Maria nobis datum. Solummodo per verbi Dei et Panis Eucharistici nutrimentum, necnon per frequentem sacramenti reconciliationis usum, continua conversio et transformatio personalis in nobis operatur, qua superari potest phaenomenon diffusum cuiusdam subiectivae reductionis fidei, propter quam verbum Christi et Ecclesiae recipitur solum quatenus respondet cuiuslibet hominis necessitatibus et exspectationibus. Haec quoque est via ad difficultates vincendas quae excitantur, etiam in communitate ecclesiali, quoad Ecclesiae doctrinam praesertim in regione moralis disciplinae. Quo enim magis radicitus defixa est in hominibus experientia amoris Dei, verbo transmissa et in communione fraterna percepta, eo magis augescent in eis facultas et facilitas ad accipienda omnia Christi nuntii postulata.

Ad vires vitales reddendas Ecclesiae specialis momenti sunt  paroeciae, quae manent instrumenta fundamentalia vitae et missionis Ecclesiae renovanda et fortificanda lumine Evangelii, necnon associationes et novae aggregationes apud christifideles laicos16, quae florent praesertim a tempore eventus conciliaris. Magnam fiduciam reponimus in nova pastorali familiae tamquam "ecclesiae domesticae"17, necnon in multiplicatione, intra diversos societatis ambitus, parvarum communitatum vitam christianam colentium. Catechesis non solum pueris et adulescentibus, sed etiam prorsus iuvenibus et adultis constanter proponenda est ad christianam vitam in eis formandam apta18. Futurus catechismus universalis magna cum spe exspectatur. Utpote synthetica expositio totius doctrinae catholicae secundum verum spiritum Concilii Vaticani II, iuvamini esse poterit relate ad sollicitudinem erga quasdam tendentias theologicas. Dum enim theologia in verbo Dei radicata et Ecclesiae magisterio adhaerens pro munere evangelizationis perutilis est, agnosci debet "dissensum" theologicum pro evangelizatione peragenda obstaculum constituere, imprimis pro illa quae intra Ecclesiam ipsam continuo facienda est19.

Omnes homines ad Evangelium Iesu Christi recipiendum invitandi sunt. Nova evangelizatio igitur profunde missionaria esse debet, ita ut non solum personas vel coetus attingat qui iam in corde radicantur in Ecclesia, sed etiam qui ipsam a longe respiciunt, non raro cum scepticismo vel etiam cum fastidio.

Ut europaei nostrae aetatis, qui praesertim rebus quae videntur et manibus palpantur valorem tribuunt, Evangelium accipiant, oportet testimonium singulorum et communitatum continuo comitetur et confirmet annuntiationem verbi Dei, eius veritatem et vim divinam manifestando. Hoc testimonium, fidelitatis causa erga tot novos nostri temporis martyres, sanctitate pollere debet visibile in vita reddendo illud mysterium communionis cum Deo et inter homines quod Ecclesia in Eucharistia celebrat.

Maximi momenti est testimonium diaconiae Ecclesiae, id est caritatis, erga omnes, sed praesertim erga eos qui sive materialiter s