Wissenschaftlicher
Katholischer Studentenverein
UNITAS RUHRANIA BOCHUM-ESSEN-DORTMUND
„Ich
wünsche mir einen Gottesbezug in der Europäischen Verfassung“
Dr. Annette Schavan
zur Identität
des europäischen Kontinents
Am
Rande des Sozialpolitischen Aschermittwochs im Bistum Essen
am 21.Februar 2007
äußerte sich Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan über die
Identität des Kontinents.
Die Fragen stellte Christof Beckmann:
Beckmann:
..... „Die Berliner Erklärung steht ja ins Haus. Können Sie zu den
Grundlagen des zukünftigen Europas in dieser Hinsicht schon etwas sagen - was wäre
Ihrer Meinung nach wichtig als Grundlage für ein Europa, dass seine Identität
findet, eben auf dem Hintergrund der christlich-abendländischen Prägung?“
Schavan:
„Zunächst bedeuten 50
Jahre Römische Verträge 50 Jahre Frieden, 50 Jahre einer ungewöhnlichen
Wohlstandsgeschichte, die Generationen zuvor in Europa nicht einmal sich hätten
vorstellen können. Das ist Grund zum Feiern. Wenn wir jetzt die nächsten
Dekaden vorbereiten, dann werden wir schon in der nächsten Woche in Berlin ein
großes Ereignis haben, nämlich die konstituierende Sitzung des europäischen
Forschungsrates. Und damit ist verbunden, dass jetzt wichtig wird Europa als
einen attraktiven Standort für
Forschung und Entwicklung, als einen Standort der der innovativ wird, also für
seine Talente weltweit ein attraktiver Standort wird.
Europa muss noch stärker jetzt sein Potenzial entdecken. Das ist das die
Grundlage der Lissabon-Strategie. Europa muss entdecken, dass in diesem
weltweiten Innovationswettbewerb es etwas tun muss, damit Talente ihren Platz in
Europa sehen und ich glaube und wünsche mir auch, dass Europa das
wiederentdeckt, was die Kraft von kultureller Identität ausmacht: Es ist der
große Kontinent der Vielfalt. Theodor Heuss hat einmal gesagt, an der Wiege
Europas standen geistig drei Hügel: Die Akropolis, das Kapitol und Golgatha - griechische
Philosophie, römisches Recht, das Christentum. Aus diesen Wurzeln - und es
waren immer mehrere - hat sich Europa entfaltet, ist durch viele Irrungen und
Wirrungen, viele Auseinandersetzungen gegangen. Hat sich weiterentwickelt vor
allem immer auch in der Auseinandersetzung mit dem Fremden, mit dem Anderen.
Und jetzt sind wir in einer Situation, wo alle sagen, wir brauchen die
Vertiefung der europäischen Union und d.h. für mich: Vertiefung der europäischen
Union, Vertiefung der Vergewisserung über kulturelle Kraft, über kulturelle
Entwicklungen. Benedikt XVI. hat gesagt, auf dem Höhepunkt des Wohlstandes ist
Europa wie im Zustand des Kreislaufkollaps. Und Jean Monnet
hat gesagt: „Wenn ich noch einmal anfangen müsste, würde ich mit
Kultur beginnen.“ Und das ist jetzt unsere Chance für die nächsten 50 Jahre:
Diese Prozesse, die mit auch geistiger und übrigens auch spiritueller
Ausstrahlungskraft Europas zu tun haben, zu stärken, uns um die Seele Europas
zu kümmern.“
Beckmann:
„Welche Möglichkeiten räumen Sie in der jetzigen Verfassungskrise einem
Gottesbezug in der Präambel ein?“
Schavan:
„Ich wünsche mir diesen
Gottesbezug sehr. Er gehört für mich zu einem europäischen
Verfassungsvertrag. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass es Mitgliedsländer,
große Mitgliedsländer wie Frankreich gibt, die dezidiert sich für den
Laizismus entschieden haben und deshalb da ganz schwer zu begeistern sind. Ich
schließe das nicht aus, wir werden das thematisieren, weil wir es für wichtig
halten und dann wird sich zeigen, ob wir ein kleines Stück weiterkommen.“
ZUR
PERSON:
Annette
Schavan, geboren im Jahr 1955, ist im nordrhein-westfälischen Neuss am Rhein
aufgewachsen und hat dort am Nelly-Sachs-Gymnasium im Jahr 1974 ihr Abitur
gemacht. Von 1974 bis 1980 hat sie Erziehungswissenschaften, Philosophie und
katholische Theologie studiert und im Jahr 1980 mit einer Arbeit über
Gewissensbildung zum Dr. phil. promoviert.
Sie war von 1980 bis 1984 als wissenschaftliche Referentin bei der Bischöflichen
Studienförderung Cusanuswerk tätig, von 1984 bis 1987 als Abteilungsleiterin für
außerschulische Bildung im Generalvikariat in Aachen und hat zwei Jahre die
Aufgaben einer Bundesgeschäftsführerin der Frauen Union der CDU wahrgenommen.
Sie war danach bis 1995 sieben Jahre Leiterin des Cusanuswerks, eines bundesweit
tätigen Instituts der Begabtenförderung.
"Kommunalpolitik ist nicht die unterste Stufe der Politik. Kommunalpolitik
ist das Fundament der politischen Kultur." Diese Überzeugung prägt auch
ihr heutiges politisches Selbstverständnis, nachdem sie von Mitte der 1970er
bis Mitte der 1980er Jahre in der Kommunalpolitik in Neuss tätig war.
Von 1995-2005 war sie Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg.
Sie führte u.a. die Fremdsprache ab der 1. Klasse, das achtjährige Gymnasium,
die neue Oberstufe mit der Betonung der Kernkompetenzen sowie die neuen
Bildungspläne für alle Schularten ein, die erstmals Bildungsstandards
definieren und den Schulen weitere Freiräume in der Gestaltung des Unterrichts
geben. "Das gegliederte baden-württembergische Schulwesen ist
Voraussetzung dafür, jedes Kind und jeden Jugendlichen nach seinen jeweiligen
Begabungen zu fördern und zu fordern. Zugleich ist das System so offen, dass es
eine Vielzahl individueller Bildungswege ermöglicht und jederzeit einen
Anschluss an einen nächst höheren Bildungsabschluss ermöglicht."
Informationen zu den Reformen sowie den einzelnen Schularten bieten die
Internet-Seiten des baden-württembergischen Kultusministeriums. Seit dem 22.
November 2005 ist sie Bundesministerin für Bildung und Forschung.
Annette Schavan gehört dem Landesvorstand der baden-württembergischen CDU an.
Seit 2003 hat sie den Vorsitz einer Kommission, die unter dem Titel
"Baden-Württemberg 2012" ein neues Grundsatzprogramm der CDU Baden-Württemberg
erarbeitet. Annette Schavan wurde im November 1998 beim Bundesparteitag zur
stellv. Vorsitzenden der CDU Deutschlands gewählt und im November 2002 in
diesem Amt bestätigt. 2001 war sie Präsidentin der Kultusministerkonferenz
(KMK). Im Juli 2002 wurde Annette Schavan für Ihre Verdienste um die französische
Sprache mit dem Orden eines Offiziers der Ehrenlegion ausgezeichnet.
(Quelle
Text und Bild: www.annette.schavan.de)