ESSEN. Wer zum Datum 29.06.1886 im Netz sucht, darf sicher sein: Ganz oben wird ihm der Geburtstag eines der bedeutendsten Politiker des vergangenen Jahrhunderts angezeigt - Jean-Baptiste Nicolas Robert Schuman, der in Clausen, einem heutigen Stadtteil von Luxemburg, das Licht der Welt erblickte. Heute vor 140 Jahren war damit aber längst nicht entschieden, welche Rolle Robert Schuman später zufallen sollte – vielleicht aber eben doch.
Leben an der Grenze
Welche Wechselfälle der Geschichte auf sein Leben einwirkten, lässt sich in einer Zeit mehr oder weniger offener Grenzen im Europa von heute kaum nachspüren. In seiner Heimat herrschte bei seiner Geburt seit 15 Jahren der deutsche Kaiser. Ihm hatten nach dem Deutsch-Französischen Krieg die deutschen Fürsten im Spiegelsaal von Versailles - mehr oder weniger freiwillig - die Kaiserkrone angetragen. Der Sieg gegen den „Erbfeind“ auf dem fernen Schlachtfeld sorgte für die von Reichskanzler Bismarck energisch verfolgte deutsche Einigung unter preußischer Dominanz. Gleichwohl blieben die aus dem annektierten Lothringen und aus Luxemburg stammenden „reichsdeutschen“ Schumans das, was sie waren: Zuhause wurde stets moselfränkisches Deutsch gesprochen, Französisch lernte der junge Robert erst in der Schule. Das Interesse für die politischen Dinge war in der Familie präsent: Der Onkel Fernand Schuman war Abgeordneter im Landtag des Reichslandes Elsaß-Lothringen.

Semper in unitate
Nach dem Abitur am Athenäum in Luxemburg folgten das Abitur am kaiserlichen Gymnasium in Metz und das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften. Robert wählte dazu 1904 die Universität Bonn, ging dann nach München, Berlin und Straßburg. Unter den studentischen Vereinigungen, war es der Unitas-Verband, dessen Vereinen er sich an den Universitäten anschloss und sein Leben lang treu blieb. Auch als Referendar in Metz gehörte er nach dem Staatsexamen 1908 dem dortigen Unitas-Zirkel an und machte 1910 seinen Dr. iur. in Straßburg mit summa cum laude.
Politik als Weltgestaltung
Nach dem Tod seiner Mutter 1911 verwarf er den zwischenzeitlich aufgekommenen Wunsch, Priester zu werden. Und es folgten letzte Jahre in einer Welt, die sich durch den I. Weltkrieg dramatisch ändern sollte. Nach dem zweiten Staatsexamen und der Eröffnung einer Rechtsanwaltskanzlei 1912 wurde er Vorsitzender des Organisationskomitees für den Katholikentag in Metz 1913. Doch nach dem Kriegsausbruch beschimpfte man ihn immer wieder als „Boche“, obwohl er seit der Annexion Elsaß-Lothringens 1919 durch Frankreich Franzose wurde.
Mit großer Energie ging er jetzt ganz offensiv in die Politik – bis zur Verantwortung als Finanzminister, Ministerpräsident, Außenminister und Justizminister in vielen Kabinetten Frankreichs. Seinem Wirken in vielen Ämtern verdankt sich, wie bekannt, nicht zuletzt die Gründung einer europäischen Friedensordnung, wie es sie seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat. 1958 wurde er zum ersten Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt, die Versammlung gab ihm den einzigartigen Ehrentitel „Vater Europas“. Man mag damit ohne Übertreibung sagen, dass sich das 869/870 untergegangene karolingische Lothringen in der Mitte Europas zuletzt in seiner Person als einende Kraft des Kontinents erwiesen hat.

Autorität aus Prinzip
Der begeisterte Historiker und Bücherfreund, der zeitlebens Junggeselle blieb, war ganz sicher bereits für seine Zeitgenossen damals eine Herausforderung: Der tägliche Messbesuch, das Milieu, aus dem der Verehrer des Hl. Bernhard von Clairvaux stammte, seine in den öffentlichen Dingen nüchterne, abgeklärte und auf klare Fundamente gegründete Haltung entsprachen den eher machtorientierten politischen Usancen in keiner Weise. Völlig skandalfrei, galt er bisweilen gar als „heiligmäßiger Sonderling“.
Mag also sein, dass sich seine Autorität gerade auf diese besondere Prägung stützte, mit der dieser Mann mit dem großen Horizont allein durch sein Beispiel beständig zum Gebrauch der Grundtugenden aufrief. Verlässlichkeit und Treue, Beharrlichkeit, Wahrheit und Fleiß, Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein entsprechen vor allem dem Prinzip, das die Unitas in der „Virtus“ ihren Mitgliedern abverlangt. Und dazu gehört nicht zuletzt auch die Geduld – denn zu ihr rief er immer wieder auf, wenn es um das „Projekt Europa“ ging. Ganz im Sinne des unitarischen Wahlspruchs: „In neccessariis unitas – in dubiis libertas – in omnibus caritas."
Nicht zuletzt verlieh er dem neben der Scientia dritten Prinzip der Unitas eine neue, weitgefasste Bedeutung: „Meine besondere Erwartung ist gerichtet auf die Förderung der gegenseitigen Verständigung und geistigen Annäherung von Nation zu Nation, besonders in der studierenden Jugend: amicitia über die nationalen Grenzen hinaus soll nunmehr das Losungswort sein für die Unitas!“, schrieb er 1955 eigenhändig zum 96. Stiftungsfest des Unitas-Ortsverbandes Münster (03.-05.06.1955). Auch heute ist eine solche klare Orientierung gefragt, umso mehr, als sich der Kontinent in einer der schwierigsten Phasen nach dem II. Weltkrieg befindet.

Dass Papst Franziskus 2021 den besonderen Tugendgrad Robert Schumans im Seligsprechungsprozess bereits approbierte – er ist seit 2004 im Vatikan anhängig, könnte sich als Meilenstein seines Pontifikates erweisen. An den für Ende September 2026 bevorstehenden Besuch seines Nachfolgers Papst Leo XIV. in Lothringen knüpfen sich heute große Hoffnungen, dass das Vorbild dieses christlichen Ausnahmepolitikers bald in ganz besonderer Weise gewürdigt wird. Herzlichen Glückwunsch zum 140. Geburtstag, Bbr. Robert Schuman.
CB

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