METZ. Die Delegation aus dem Revier ist aus Frankreich zurück: Vom 26.-29. September war die Ruhr-Unitas zu Gast bei der letzten Station der Pastoralreise von Papst Leo XIV. durch das europäische Nachbarland. Hier besuchte er die lothringische Hauptstadt Metz, den Wohnort unseres Bbr. Robert Schuman. Die beiden frisch überholten Fahnen der Unitas Liudger und der Unitas Ruhrania im Gepäck machte sich die dreiköpfige Chargia am Samstag auf den Weg, um bei diesem besonderen Ereignis dabei zu sein.



An den Wurzeln Europas
Erste Station für die insgesamt gut 20 Pilger, die sich auf Initiative des Unitas-Altherrenbunds-Vorsitzenden Bbr. Christian Poplutz in Metz versammelten, war am Sonntag ein hochsymbolischer Ort Europas. Im alten Winzerort Scy-Chazelles trafen sie sich hoch über den sanften Moselhängen auf dem einsamen Platz an der Rue Robert Schuman: Unter ihnen Vertreter der Unitas-Vereine aus Bonn, Aachen, Düsseldorf, aus Essen und Osnabrück, aus Würzburg, Eichstätt, Freiburg und sogar eigens aus Chicago angereist.
„An diesem Ort beginnen wir ganz bewusst unsere geistliche Wallfahrt”, betonte Bbr. Poplutz, als sich zum Einzug die Fahnen über dem Grab von Bbr. Robert Schuman in der uralten Wehrkirche St. Quentin senkten. In seiner Ansprache ließ der AHB-X dessen persönlichen und politischen Lebensstationen Schumans Revue passieren. Stellvertretend für die ganze Unitas betete die unitarische Gemeinschaft in der Andacht des stillen Kirchenraums das Gebet um seine Seligsprechung mit dem Vaterunser und stimmte zum Gruppenbild das Bundeslied an – ein für alle sehr bewegender Moment.



Das „Maison de Robert Schuman“
So still und leise die Grabeskirche des „Vaters Europas” in der Sonne lag, so geradezu meditativ wirkte auch sein gegenüberliegendes Wohnhaus mit seinem großen liebevoll gepflegten Garten: Genau vor 100 Jahren erwarb Bbr. Schuman hier am Tal des Pays Messin seinen aus dem späten 18. Jahrhundert stammenden Wohnsitz, der bis heute den Zustand seiner damaligen Lebensumgebung bewahrt. Das bescheidene „Maison de Robert Schuman“, in dem er die Vision eines in Frieden geeinten Europas entwarf, zeigt neben seiner großen Bibliothek auch sein Arbeitszimmer mit dem Schreibtisch, an dem er seine große Rede 1950 redigierte. Die außergewöhnliche Atmosphäre des durch einen modernen Anbau ergänzten Gedenkorts nahm auch die Unitas-Pilger gefangen - durch den genius loci inspiriert, fanden sie hier den idealen Ort für bundesbrüderliche Gespräche und beendeten Tag mit der Abendmesse in der übervollen Kirche des ehemaligen Jesuitenkollegs Notre Dame de l'Assomption an der Rue de la Chèvre und einem gemeinsamen Abendessen.









Festlicher Montag in Metz
Am Montag präsentierte sich Metz als Stadt im Belagerungszustand. Bereits in den Vortagen waren 5.000 Sicherheitskräfte aus dem ganzen Land zusammengezogen worden, dazu Militär und Sprengstoffspezialisten. Blinkende Gabelstapler hatten die ganze Nacht hindurch Lastwagen voller Metallbarrikaden entladen. Ein problemloses Bewegen in der verwinkelten alten Römerstadt war kaum noch möglich, ebenso sinnlos waren Debatten mit den schwerbewaffneten Polizisten.
Zum Glück für die Delegation der Ruhr-Unitas kam unbürokratische „Schützenhilfe“ von ganz unerwarteter Seite: Abkommandierte bundesdeutsche „Verbindungspolizistinnen“ aus Rheinland-Pfalz übernahmen „comme il faut“ überaus gerne das persönliche private Begleitkommando für die unitarischen Bannerträger bis zum Unitas-Treffpunkt auf der Place Jean Paul II., wo Papst Leo vor dem Hauptportal der Kathedrale zur Messe aus dem Papamobil steigen sollte. Hier herrschte zeitweise eine Atmosphäre wie in der Nordkurve von Schalke: Sprechchöre der vielen französischen Jugendgruppen, Fahnen vieler Organisationen und Pfarreien, neugierige Fragen: „Sie kommen aus Deutschland? Warum?“ - „Weil der Papst da ist und weil Robert Schuman einer von uns war.“ Es ist ein jedes Mal Begeisterung auslösender Satz, der an diesem Tag zahllose Male wiederholt werden sollte.









Der Papst zu Europa und Schuman
Er sei nach Metz gekommen, um Bbr. Robert Schuman besondere Ehre zu erweisen. Dies erklärte Papst Leo XIV. bereits am Morgen bei einem Europa-Kongress im Robert-Schuman-Kongresszentrum. In hoher Wertschätzung für die europäische Idee und die Europäer erklärte er, Europa könne der Abwärtsspirale der politischen Kultur ein Ende setzen. Robert Schuman habe sich für Frieden zwischen den Völkern eingesetzt, diesen Auftrag auch der Welt von heute hinterlassen und den Grundstein für ein Europa gelegt, „das sich der Dringlichkeit bewusst war, die Mauern einzureißen, die es zerriss. Seine christliche Bildung vermittelte ihm den Wert der Gleichheit, ohne Unterschied von Rasse oder sozialer Klasse, und lehrte ihn die Würde der Arbeit. Die Aufeinanderfolge verschiedener nationaler Souveränität prägte in ihm das Bewusstsein für die Bedeutung des Völkerrechts und den Wert eines gegebenen Wortes. Aufgewachsen in einem Umfeld, in dem Stolz und Rachegefühle vorherrschend zu sein schienen, setzte sich Schuman für Frieden und Brüderlichkeit unter den Völkern ein, die – nachdem sie sich lange Zeit bekämpft hatten – endlich erkannten, dass sie einander brauchten.“
Europa selbst habe in den letzten achtzig Jahren „eindrucksvoll bewiesen, dass es möglich ist, unterschiedliche Meinungen, Forderungen und Interessen geltend zu machen, indem man sich begegnet, anstatt sich zu bekämpfen." Dafür brauche es Realismus und Mut, für den schon Schuman geworben habe: „Die Worte Schumans sind aktueller denn je: ,Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.' Man muss sich jedoch vor der Illusion der Wiederaufrüstung hüten", warnte der Papst und richtete nicht zuletzt einen eindringlichen Appell an die Jugend – denn sie sei berufen, das Europa von heute und morgen zu gestalten.


„Wie Schuman bereits feststellte: `Möge diese Idee eines versöhnten, geeinten und starken Europas fortan das Leitmotiv für die jungen Generationen sein, die einer Menschheit dienen wollen, die endlich von Hass und Angst befreit ist und die nach allzu langen Konflikten die christliche Brüderlichkeit wiederentdeckt.´” Den jungen Menschen sagte der Papst: „Habt den Mut, die Mission des Friedenstiftens verantwortungsbewusst zu erfüllen, in eurem Herzen, in euren Beziehungen, in eurer Familie, in den Schulen und Universitäten, im Leben eurer Städte, eurer Länder und ganz Europas. Unterwerft euch nicht der Logik der Gewalt und der Unterdrückung. Liebt das Leben in jedem Augenblick und habt keine Angst vor der Zukunft! Habt keine Angst davor, eine Familie zu gründen, Kinder zur Welt zu bringen und die Würde jedes Menschen zu verteidigen – vom ersten Augenblick im Mutterleib bis zu seinem letzten Atemzug. Habt keine Angst, euch unermüdlich für das Wohl eurer Gemeinschaften einzusetzen, auch durch politisches Engagement. Stiftet Gemeinschaft! Und mit euch wird Europa, fest verwurzelt, weiter gedeihen und die ganze Welt inspirieren. Möge Gott euch bei diesen Entscheidungen beistehen und möge er ganz Europa segnen und beschützen!"


Predigt in der Kathedrale von Metz
Diese Botschaft des Morgens prägt nun auch seine mit Spannung erwartete Predigt: Metz und die ganze Region bezeugten der Welt, „dass Versöhnung nur möglich ist, wenn man den Mut hat, die Kette des Grolls zu durchbrechen", erklärt Papst Leo bei seinem letzten öffentlichen Auftritt in der alten Römerstadt. Die Zukunft Europas liege nicht in Einheitlichkeit, sondern in der Harmonie der Unterschiede, unterstrich er und verwies auf das vom heiligen Augustinus definierte Bild der der himmlischen Stadt. Diese Werte des Evangeliums seien das geistlichen und moralische Erbe Europas: „Prinzipien wie die Vorrangstellung der Person und die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens in all seinen Stadien und Bedingungen; der Schutz der Freiheit des Einzelnen; die primäre Bedeutung der Familie als Grundlage der Gesellschaft; Aufmerksamkeit für die Armen und am stärksten Benachteiligten; die Akzeptanz des Fremden, Respekt für die Alten. Ihre örtliche Kirche, die aufgrund ihres besonderen Status das einzigartige Erbe eines fruchtbaren Dialogs zwischen Zivilgesellschaft und Glauben bewahrt, trägt die Verantwortung, ein lebendiges Labor dieser Treue zu sein. Diesen Säulen treu zu bleiben, war selbst für diejenigen, die vor uns gegangen sind, nicht einfach. Und doch haben unsere Vorfahren sie uns mit Treue und Ausdauer als Schätze vermacht, die wir wiederum an zukünftige Generationen weitergeben können, bereichert durch unsere Erfahrung, den Wert unserer Bemühungen und unsere Geschichten“, erklärt Papst Leo und dankt zuletzt: „Liebe Freunde, lasst uns gemeinsam weitergehen, vereint in der Heiligen Mutter Kirche, zur Ehre Gottes und im Dienst ihres Reiches der Liebe, Gerechtigkeit und des Friedens.“
Mit der Messe ging die Reise für die 30 Pilger der Verbands-Delegation an die Wurzeln Europas dem Ende zu. Sie sind dankbar für das Erlebte und für die Initiative zu dieser Expedition an die Quellen eines Erbes, dem sich die Unitas in der Nachfolge Robert Schumans verpflichtet weiß. Eine Reise, die ganz sicher nicht so schnell vergessen werden wird.
CB





Zu Besuch im Maison Robert Schuman ...




