OBERHAUSEN. „Wenigstens eine durchschnittliche Phantasie würde nicht ausreichen, die Geschehnisse hinter den Stacheldrahtzäunen des dritten Reiches einfachhin zu erfinden“, so schrieb er rückblickend auf seine eigene Haft im KZ Dachau: „Wollte aber einer ihre Einzelheiten schildern, ohne ihr Zeuge gewesen zu sein, so müsste man schon eine Erfindungsgabe von wahrhaft krankhaften Ausmaßen voraussetzen." Jetzt war das Schicksal von Bbr. Matthias Mertens ganz in der Nähe Gegenstand intensiver Nachforschungen. Am 1. Februar 2026 eröffnet in nur 10 Kilometer Luftlinie vom Essener Unitas-Haus eine Gedenkausstellung über sein Leben und Wirken, die bis zum 1. März in der Kirche St. Josef in Oberhausen-Schmachtendorf gezeigt wird.
Vor einem knappen Jahr hatte der dortige Förderverein Kontakt mit dem Altherrenverein der Unitas Ruhrania in Essen-Borbeck aufgenommen: Erste Recherchen über die Homepage der Ruhr-Unitas hatten auf grundlegende Texte und Quellen zu Bbr. Mertens (* 5. Dezember 1906 in Straelen; † 1. Februar 1970 in Gaesdonck) verwiesen, die bereits um die Jahrtausendwende von den Bundesbrüdern Günther Ganz und Lambert Klinke für das Unitas-Handbuch zusammengetragen und bearbeitet worden waren (hg. von. Wolfgang Burr, Bd. IV., Bonn 2000, Band 15 der Unitas-Schriftenreihe, Neue Folge, 374-396). Der aus Castrop-Rauxel gebürtige Historiker Bbr. Klinke konnte zudem auf zahlreiche mündliche Informationen von damals noch lebenden Zeitzeugen zurückgreifen. Die wechselseitigen Kontakte waren schnell hergestellt, Material ausgetauscht und über einen digitalen Pool allen an der Vorbereitung der Ausstellung Beteiligten zugänglich gemacht, um das Leben und die Haltung des von den Nationalsozialisten verfolgten Seelsorgers nachzuzeichnen.
Bbr. Matthias Mertens
Der Niederrheiner aus Straelen hatte sich nach Abitur an der Gaesdonk mit 21 Jahren im Sommersemester 1927 an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster eingeschrieben und schloss sich während seines Freisemesters 1929/30 an der Universität Bonn der Unitas-Salia Bonn an. Zurück in Münster, war er bei Unitas Sugambria aktiv und wurde am 17. Dezember 1932 im Dom zu Münster zum Priester geweiht. Als Kaplan an St. Anna in Materborn (heute Kleve-Materborn) wurde er von der NSDAP bespitzelt, 1935 in einem Sondergerichtsprozess in Düsseldorf wegen Verstoß gegen das „Heimtückegesetz“ angeklagt, aber freigesprochen. Er wurde versetzt und ging als Kaplan an der Pfarrei St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf, heute Oberhausen. Auch hier wurden seine Predigten mitgeschrieben, es folgten Anzeigen wegen „verbotener Vereinstätigkeit“ und „aggressiver Predigten“. Er verlas 1941 die Bischofsworte seines Bischofs Clemens August von Galen, wurde bei der Gestapo-Leitstelle Düsseldorf vernommen, verbrachte zwei Monate im Polizeigefängnis Oberhausen und war ab 17. April 1942 im Priesterblock des Konzentrationslagers Dachau. Hier traf er Karl Leisner wieder, den er aus Materborn kannte und war bei dessen Priesterweihe 1944 einer der anwesenden Mitfeiernden. Beim Anrücken der Amerikaner im April 1945 lungenkrank entlassen, kehrte er nach Wachtendonk zurück und wurde von Bischof Clemens August Graf von Galen in Münster empfangen.
Matthias Mertens trat wieder seine Stelle als Kaplan in St. Josef in Sterkarde-Schmachtendorf an, doch er blieb von der Haft gezeichnet: 1947 musste er wegen Lungentuberkulose in stationäre Behandlung, war ab 1948 mit der Seelsorge am Prosper-Hospital in Recklinghausen beauftragt, wurde jedoch bis 1949 in einer Spezialklinik in Arosa (Schweiz) behandelt. Ab 1953 kehrte Matthias Mertens als Spiritual und Prokurator an sein altes Gymnasium, das Collegium Augustinianum an der „Gaesdonk“ zurück. Als er am 1. Februar 1970 an Leberkrebs starb, wurde er dort unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen. Beim Requiem konzelebrierten nahezu 100 Mitbrüder, darunter fast alle noch lebenden Dachauer Mithäftlinge aus der Diözese Münster.
Gedenken in Schmachtendorf
In Oberhausen-Schmachtendorf blieb Bbr. Mertens nicht vergessen: 1986 wurde die Gregorstraße in „Kaplan-Mertens-Weg" umbenannt und 1987 auf dem Vorplatz der Pfarrkirche St. Josef Schmachtendorf an der Hiesfelderstraße eine Gedenkstele für Kaplan Matthias Mertens errichtet. Er trägt die Inschrift „Matthias Mertens / 1906-1970 / Kaplan in der Pfarrei St. Josef /1935-1947 / NS-Verfolgter / Konzentrationslager Dachau / 1942-1945".
Die in der Kirche St. Josef Oberhausen-Schmachtendorf gezeigte Ausstellung „Kaplan Mertens – Standhaft in bewegter Zeit“ wird am Sonntag, 1. Februar 2026 mit einer Messe um 11.15 Uhr eröffnet (Öffnungszeiten Di-Sa 9.00-17.00, So 12.30-15 Uhr). Kooperationspartner für die Ausstellung des Fördervereins St. Josef Schmachtendorf unter Vorsitz von Thorsten Engler sind der Heimatverein Schmachtendorf, die Heinrich-Böll-Gesamtschule, die Gedenkhalle Oberhausen und das Bischöfliche Internatsgymnasium Collegium Augustinianum Gaesdonk, unterstützt durch die Christliche Stiftung Zukunft Mensch, die Sparkassen-Bürgerstiftung und den Pfarrgemeinderat St. Clemens. Zur Stolperstein-Verlegung am Dienstag, 10. Februar 2026 wird um 9 Uhr am gleichen Ort ebenfalls herzlich eingeladen.
Für Unitas Ruhrania ist es zuletzt eine schöne Fügung, dass dieser erneute Kontakt nach Schmachtendorf daran erinnert, dass der vereinte Kirchenchor der dortigen Pfarrei im Jahr 2011 die musikalische Gestaltung der Festmesse zum 100. Stiftungsfest der Ruhrania in St. Dionysius Essen-Borbeck übernommen hatte.

Bbr. Matthias Mertens als Mitglied der UNITAS Sugambria in Münster. Rechts: Das im KZ Dachau entstandene Gedenkbildchen von der Priesterweihe Karl Leisners verzeichnet unter dem Wappen des späteren Münsteraner Kardinals von Galen die anwesenden Geistlichen, unter ihnen außer Mathias Mertens noch drei weitere unitarische Bundesbrüder: Pfarrer Heinrich Fresenborg (M), geb. 02. Mai 1900, gest. 21. März 1986, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 28. März 1945; Generalvikariatsrat Geistl. Rat Heinrich Hennen (I2, M3), geb. 13. Januar 1907, gest. 02. November 1967, im KZ Dachau vom 30. Januar 1942 bis zum 05. April 1945; Pfarrer Heinrich Koetter (I2), geb. 28. Oktober 1910, gest. 15. Juni 1973, im KZ Dachau vom 28. November 1941 bis zum 27. März 1945.