OBERHAUSEN / ESSEN. Das Beste kam eigentlich fast zuletzt: Gerade als die Unitas-Delegation das Pfarrheim verließ, kam ihnen Organisator Thorsten Engler entgegen. Der Vorsitzende des Fördervereins St. Josef Schmachtendorf e.V. hatte gerade die Nachfahren aus der Familie von Kaplan Mertens verabschiedet und zu seiner großen Überraschung zwei originale Fotoalben erhalten. Darin auch eine ganze Reihe von bislang nie öffentlich gezeigten originalen Bildern aus der Studentenzeit von Matthias Mertens, von denen eine ganze Reihe natürlich gleich schnell in aller Eile abfotografiert wurden. Denn in Bonn und Münster war er bei Unitas-Salia und Unitas Sugambria aktiv gewesen – Grund genug für die Unitas Ruhrania, am Sonntag 1. Februar 2026, auch im Namen des Unitas-Verbandes zur Ausstellungseröffnung in den Norden von Sterkrade nach Oberhausen-Schmachtendorf zu reisen.
Sturköpfiger Niederrheiner: Keine Kompromisse
Vor einem guten Jahr hatten in der ehemaligen Bauerschaft und Bergbaugemeinde Nachforschungen begonnen, um dem Schicksal des dort ehemals tätigen Kaplans nachzugehen. Thorsten Engler und viele Kooperationspartner erinnern nun an einen Geistlichen, der bereits zu früheren Gelegenheiten in der Gemeinde geehrt wurde. U.a. wurde eine Straße nach ihm benannt und ein Gedenkstein vor der Kirche der Gemeinde aufgestellt. Denn in ihr blieb er durch sein Lebenszeugnis nicht vergessen: Kompromisslos legte sich der 1906 in Wachtendonk geborene sturköpfige Niederheiner hier schon früh mit den lokalen und regionalen Nazi-Führern und Organisationen an, ließ sich in seinen Gemeinden und auf der Kanzel nicht den Mund verbieten. Mit rechtlichen Mitteln und Eingaben nahm er in zahlreichen Fällen Stellung, wusste sich dabei beflügelt durch die Schriften und Predigten seines Münsteraner Bischofs von Galen, die er in der Kirche las und zitierte.
„Von ganzem Herzen Unitarier" ...
Prägend war für Bbr. Matthias Mertens dabei seine 1927 begonnene Studienzeit, die ihn von Münster nach Bonn und wieder zurück nach Westfalen führte. Begeistert stürzte er sich in das bundesbrüderliche Vereinsleben seines Unitas-Studentenverbandes und schloss dort Freundschaften, an denen er zeitlebens festhielt. Wie viele aktive Studenten der Unitas-Vereine, ausgeprägt besonders in Münster, folgte er damals auch dem Beispiel des „Berliner Großstadtapostels“ Carl Sonnenschein, dessen Vorbild er im sozialen Einsatz und in klaren Worten persönlich lebenslang sehr verbunden blieb. Um ganz frei für seine Priesterberufung zu sein, bat Mertens 1931 um Entlassung aus der Unitas und erklärte seinen Bundesbrüdern: „Ich war und bin von ganzem Herzen Unitarier. Aber ich bin auch Priester. Und während Familienväter an die Folgen für ihre Familie denken müssen, werde ich an die Zeiten, die vor uns liegen, Unrecht anprangern können. Und auf keinen Fall will ich Euch dabei gefährden.“

Dass Mertens später zu seinen unitarischen Freunden wieder zurückfinden sollte, war nicht vorgezeichnet: Wie die seit heute gezeigte Ausstellung aus 26 Rollups, Akten und weiteren Exponaten deutlich macht, ging er der frontalen Kriegserklärung der Nazis gegen das eigene Volk nicht aus dem Weg. Gegen die Gleichschaltung der Verbände, die brutale Flurbereinigung im vorpolitischen Raum, rohe Gewalt, sozialen Druck und Einschüchterung ging er bereits in Kleve-Materborn mit verschiedenen Mitteln vor, musste von seinem Bischof schließlich aus der Schusslinie genommen werden. Doch auch in Sterkrade-Nord blieb er dabei. Mit großer Unterstützung seiner Pfarrei und seines Pfarrers legte sich der populäre Kaplan und findige Doppelkopfspieler in vielfacher Weise quer zu den zahlreichen Schikanen gegen Kirche und Gläubige.
„System der Unmenschlichkeit“ im KZ Dachau
Trotz dreimonatiger „Schutzhaft“ blieb er darin ungebrochen. Dabei zog er seine Kraft aus der Familie, dem Glauben und dem Widerstand in seiner Umgebung, skizziert das lesenswerte 32-seitige Begleitheft zur Ausstellung. Das illustriert seine Deportation mit dem Viehwaggon ins KZ Dachau, bei der seine Unterstützer offen Gesicht zeigten: „Zahlreiche Mitglieder der Schmachtendorfer Gemeinde und enge Freunde versammelten sich am Bahnhof, um ihrem Kaplan beizustehen.“ Was ihn im dortigen Pfarrerblock erwartete, in dem er zahlreiche Kurskollegen und auch den ihm aus Materborn bekannten Karl Leisner wiedersehen sollte, war ein „System der Unmenschlichkeit“ und „Modell des Terrors“: Zwangsarbeit, Hunger, Krankheit, Isolation, Gewalt und Bestrafung, Erniedrigung und Mord – all dies konnte durch die dokumentierten Briefe kaum nach außen offen berichtet werden. Auch nicht, dass man seinem Freund Karl Leisner im KZ selbst in aller Heimlichkeit die Priesterweihe spendete – ein Akt des Widerstands, der drei weitere Mitglieder der Unitas auf den selbstgefertigten Erinnerungsbildchen verzeichnet. Mertens besuchte den bereits vom Tod gezeichneten Leisner nach seiner Entlassung 1945 als erster im Sanatorium – es wurde ihr letztes Wiedersehen.
Auch die nach dem Kriegsende folgenden Jahrzehnte werden in der Ausstellung deutlich: Die schwierige Rückkehr in ein geregeltes Leben, das Trauma von Unrecht, Entbehrungen und Haft, der Kampf gegen Tuberkulose, der körperliche Verfall und diec Wesensveränderungen bis zu seinem Tod 1970. Sein Erbe aber benennt das akribisch arbeitende Team ausdrücklich: „Ein Bekenner bis zuletzt” heißt es in der Schrift „Kaplan Mertens. Standhaft in bewegter Zeit”, die als Begleiter zur Ausstellung erschien:
- „Matthias Mertens war kein leiser Verfolger des Zeitgeistes. Er war ein Bekenner der Wahrheit, der das Risiko für das eigene Leben kannte und denn für seinen Glauben eintrat. Seine Geschichte mahnt uns heute:
- Mut – er stand auf gegen ein Unrechtsregime auf;
- Treue – er blieb seinen Idealen auch hinter Stacheldraht treu;
- Menschlichkeit – er transformierte sein Leiden in Dienst an der Gemeinschaft.”
Und es dürfte kein Zufall sein, dass dies wie eine Auslegung der Unitas-Prinzipien „virtus – scientia – amicitia” klingen mag.
Aktive, AHV-Vorsitz und HBV-Vorsitz, die auch im Namen ihrer Mutter- und Schwestervereine Unitas Salia und Sugambria ihren Respekt für die große Arbeit in der Erstellung der Ausstellung überbrachten, fühlten sich in Schmachtendorf mehr als wohl. Alle Strophen des Steigerlieds zum Blasiussegen, Suppen, Waffeln mit Kirsche und Sahne und manches mehr im Pfarrheim, überraschende Gespräche mit interessierten Gemeindemitgliedern und eine musikalisch wunderschön gestaltete gemeinsame Messe mit Propst André Müller von der Propstei St. Clemens: Er hatte vor der Eröffnung das Wirken von Matthias Mertens in eindringlicher Predigt in den Horizont ganz aktueller Zeitentwicklungen gestellt. In der Messe nannte er die Seligpreisungen als Vorbild für das Lebenszeugnis des unvergessenen Seelsorgers, dem auch mit dieser Ausstellung eine große Wirkung auch heute zu wünschen ist.
Die Gedenkausstellung über das Leben und Wirken von Bbr. Matthias Mertens ist bis zum 1. März in der Kirche St. Josef in Oberhausen-Schmachtendorf zu sehen. Öffnungszeiten: Di-Sa 9.00-17.00, So 12.30-15 Uhr. Zur Stolperstein-Verlegung am Dienstag, 10. Februar 2026, wird um 9 Uhr am gleichen Ort ebenfalls herzlich eingeladen.

Ein Video vom Tag in Oberhausen auf https://www.youtube.com/watch?v=WINHi5Vfahc