Prof. Thomas Söding: Kirche bewegt sich

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ESSEN. „Das I. Vaticanum hat den Papst gestärkt, das II. die Bischöfe, jetzt geht es um die Laien“. Prof. Dr. Thomas Söding, Vizepräsident des Synodalen Wegs, beließ es beim diesjährigen Albertus Magnus-Tag des Katholischen Akademikerverbands (KAR) nicht bei zugespitzten Thesen. Sein Festvortrag und die Debatte im großen Saal des Essener Franz-Sales-Hauses gaben am Mittwoch, 15.11.2023, breiten Raum für die Erörterung der Situation von Kirche und Gesellschaft, die Notwendigkeit von Aufbrüchen und der Notwendigkeit des christlichen Zeugnisses in dieser Welt.

Der in vielen Verantwortungen tätige Theologe skizzierte den Beginn und die Gründe für den in Deutschland begonnenen „Synodalen Weg“, warf den Blick auf den Stand der Debatte in den Kontinenten und die laufende Weltsynode, an der er in Rom jüngst noch teilnahm, aber auch auf den am letzten Wochenende in Essen gebildeten neuen „Synodalen Ausschuss“, der die Bildung eines Synodalen Rats aus Bischöfen und Laien vorbereiten soll. „In unglaublicher und unerwarteter Geschwindigkeit“ seien sehr grundlegende Schritte erfolgt, erklärte Söding vor rund 80 Gästen. Dass damit aber auch ein Trend zur Polarisierung – wie überall in Krisen- und Umbruchszeiten - verstärkt zu beobachten sei, betreffe auch die katholische Kirche in Deutschlands, räumte der Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ein. Die aktuell vorgelegte Kirchenmitgliedschaftsstudie jedoch könne niemanden neutral bleiben lassen: „Da muss man sich aufregen, da muss man sich engagieren, aber am besten auch den Verstand einschalten und fragen, also was sind die wirklichen Probleme, wie kann man sie verändern und sich mit Kraft einsetzen.“

Durch Reformen in Fragen der Partizipation, der Rolle der Frau und einer stark fixierten Sexuallehre etwa allein sei keine kurzfristige Trendwende zu erwarten. Doch gehe auf Dauer an einer „Verheutigung“ der Gestalt von Kirche kein Weg vorbei. Verlustängste seien in Zeiten, in denen Vertrautes und bislang Selbstverständliches auf den Prüfstand gestellt würden, aber auch sehr ernst zu nehmen: „Es sind ganz starke Veränderungen, nicht nur in unserer Gesellschaft, auch in der Kirche. Es gibt eine gewisse Gruppe von Leuten, die sagen, also wenigstens die Kirche soll bleiben, wie sie immer war. Aber ich sage, das geht nicht: Dann wird sie ins Abseits geraten.“

Die Kirche bleibe nach wie vor in vielen Fragen präsent, erhebe neben ihrem großen sozialen und kulturellen Engagement nach wie vor ihr Wort in Themen des Friedens, der Umwelt oder der Armut, so Thomas Söding: „Aber auf all diesen wichtigen Gebieten ist sie nicht stark genug, weil sie zu viel interne Probleme hat. Und deswegen sage ich: Dieses Engagement für eine innere Kirchenreform ist die Voraussetzung dafür, dass auch wieder dieses Evangelium, diese frohe Botschaft von Gott besser vermittelt werden kann und dass auch die gesellschaftliche Relevanz dieses christlichen Menschenbildes, des christlichen Weltbildes, wieder deutlicher wird.“

Vor allem müsse die Kirche die Gottesfrage wachhalten – allein sie gebe auch ihr selbst Auftrieb. Bei allem zähen und viel Geduld fordernden Schritten, mit denen die Kirche in die Zukunft gehe, sei somit aktives Mittun weiter gefragt: „Ich bin der Meinung, es ist gut, sich zu engagieren, es ist auch nicht vergeblich, sich zu engagieren. Es bewegt sich was in der katholischen Kirche und es bewegt sich auch viel mit der katholischen Kirche“, erklärte er: „Wir brauchen die Kirche und die Kirche braucht Menschen von heute.“ Södings Bitte an alle, die sich von ihr abwenden: „Bleiben Sie drin, denn wir bleiben dran!“

Der Gedenktag des Hl. Albertus Magnus begann mit der von Weihbischof Ludger Schepers gefeierten Messe. Sie und der Festakt im Stadthotel Franz wurden von Heinz-Jacob Spelmanns (Klavier) und Johannes Kohlhaus (Querflöte) virtuos begleitet. Prof. Dr. Hans-Georg Krengel, Vorsitzender des KAR, dankte allen Beteiligten für einen sehr gelungenen Abend und bat um das Gebet für den kurz zuvor, am 12. November verstorbenen KAR-Ehrenvorsitzenden, Prof. Dr. Hans Waldenfels SJ.