Die folgende Miszelle zu Biografien aus der Gründerzeit der Unitas Ruhrania ist gewidmet dem Ehrenvorsitzenden des AHV Unitas Ruhrania, OStD Jörg Lahme, der am 20. Februar 2026 im Alter von 85 Jahren in Rheine-Mesum gestorben ist. Der langjährige Direktor des Emsland-Gymnasiums in Rheine war ein tatkräftiger Sachwalter des 1911 in Münster gegründeten studentischen Vereins, für dessen lange und bewegte Geschichte auch sein persönliches Leben und Engagement in 133 Semestern gestanden hat. RIP.
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ESSEN / HARSEWINKEL. Wer seit 1911 durch die Geschichte wandert, der kann etwas erzählen – so auch der Wissenschaftliche katholische Studentenverein Unitas Ruhrania im Unitas-Verband, einst in Münster, seit Anfang der 1990er Jahre an den Ruhr-Universitäten aktiv. Viele Generationen haben den heute mit seinem Haus in Essen ansässigen Verein geprägt und sind von ihm geprägt worden, haben miteinander gesungen und gerungen, in seinem Kreis nachhaltige Begegnungen gemacht und Erlebnisse geteilt. Und immer wieder kommt es vor, dass auch heute noch überraschende Spuren der Vergangenheit ans Licht treten, die lange und manchmal sehr weit zurückreichen.
So auch in diesem Fall, der Ausgang für diese Untersuchung wurde: Denn am Nikolaustag des Jahres 2025 erreichte die Unitas Ruhrania ein 105 Jahre altes Zeugnis lebendigen Vereinslebens, das bis in das erste Jahrzehnt der studentischen Gemeinschaft zurückreicht. Anfang September 2025 hatte Dirk Holtkamp aus Harsewinkel dazu ersten Kontakt mit dem AHV aufgenommen: Im Nachlass des Großonkels seiner Frau fand sich ein Bierzipfel, der im WS 1920/21 von dem damaligen Student Josef Plate getauscht wurde. Der mit in den Unitas-Farben blau-weiß-gold versehene schlichte Zipfel mit schön geschwungenem Ruhranen-Zirkel trägt die Gravur „Liborius Valpertz s. lb. Lbf. Josef Plate WS 1920/21“.

An der Wiege der Republik
Kurze Nachforschungen ergaben erste Anhaltspunkte zur Vita der beiden, die beide etwa gleich alt waren und der Unitas Ruhrania in einer außergewöhnlich intensiven Zeit angehörten. Denn fast alle der 40 aktiven Mitglieder des Studentenvereins waren im Ersten Weltkrieg als Soldat eingezogen, die Gründergeneration war an der Front geblieben. Erst ab 1919 konnte wieder mit sechs Mann den Betrieb aufgenommen, ein Altherrenverein gegründet und eine Konstante in der „Kreuzschanze“ aufgeschlagen werden. Sofort stießen mehr als ein Dutzend Neumitglieder dazu. Die Chargen arbeiten im ASTA und vor allem im Münsterschen UV mit, dessen Vorsitz auch der Ruhrania zufallen sollte.
Das zweite Nachkriegssemester im Sommer verstärkte den Verein durch weitere 11 Neofüchse. Trotz Abgängen war damit jetzt die Mitgliederzahl schon größer als bei Beginn des Krieges und die Korporation wechselte für ihre Treffen in den „Deutschen Kaiser” in der Jüdefelder Straße. 1920 zählte die Ruhrania 58 Mitglieder – darunter 20 Auswärtige, als das Semester im März durch die politischen Wirren im Kapp-Lüttwitz-Putsch jäh abbrach. Die Universität stellte ihre Arbeit ein, eine „Akademische Wehr” aus ehemaligen Soldaten wurde zusammengestellt und sie rückte an der Seite der Reichswehr zum Feldzug gegen die „Spartakisten” aus. Mitglieder der Unitas aus Münster, vor allem der Ruhrania, übernahmen u.a. die Wache im Bahnwärterhäuschen von Mecklenbeck an der Straße nach Dülmen, in den Kar- und Ostertagen marschierten sie dann über Ottmarsbocholt, Lüdinghausen und Selm ins Ruhrgebiet und kehren nach ihrem Einsatz alle wohlbehalten zurück.

Im Sommer 1920 aber begann für den Verein eine ungestörte Blütezeit, die bis zum Sommer 1923 andauern sollte. Mit einer Mitgliederzahl von fast 50 Mann zog man nach „Timpte“ zur Münzstraße um und 1921 wurde die Buchhandlung an dem zur Dompfarre gehörenden „Spiegelturm” zur Zentrale der Ruhrania und des Münsterschen UV. Auf einem erworbenen Grundstück bei „Nobiskrug” an der Werse östlich von Münster entstand zudem in Eigenarbeit ein eigenes Bootshaus, das Ende Juli 1922 eingeweiht und mit eigenen Booten zum Mittelpunkt von vielen Veranstaltungen wurde.

Josef Plate aus Ahaus/Westfalen
- In dieser Zeit schloss sich ein junger Münsterländer der Gemeinschaft an, der wie alle seine Kommilitonen in früher Jugend bereits harte Lebenserfahrungen als Soldat machen musste. »Deus, docuisti me a iuventute mea: et usque nunc pronuntiabo mirabilia tua". Psalm 70 - Gott, von Jugend an hast Du mich belehrt, und bis jetzt will ich Deine Wunderwerke preisen – das sollte Josef Plate trotz allem später zum Ende seines Lebens über den Totenzettel schreiben, der 1981 eine ausführliche Bilanz seines Lebens zog. (1) Da dieses ihn auf ganz sicher außergewöhnliche Bahnen führte, wird seiner Vita hier ausführlicher nachgegangen.
Geboren am 7. Februar 1898 als Sohn des Bäckermeisters Josef Plate und seiner Ehefrau Maria, geb. Rickersfeld, in Ahaus/Westfalen, hatte er nach Volksschule und Rektoratsschule in Ahaus (1907-12) im Jahr 1913 sein Einjähriges am Gymnasium Burgsteinfurt gemacht und das Gymnasium in Coesfeld 1916 mit dem Reifezeugnis abgeschlossen. (2) 1916 nahm er das Studium der Mathematik, Physik und Geographie an der Universität Münster auf – jedoch nur für eine kurze Zeit: Denn zum 1. Juni 1916 wurde der 18-Jährige zum Militärdienst eingezogen und geriet im Mai 1918 in den Kämpfen um Amiens in französische Gefangenschaft. Dort arbeitete er auf einer Ferme in der Nähe von Sens eine Zeit lang als Schäfer, was er nie vergessen konnte. (3)
Erst vier Jahre später, im März 1920 und fast anderthalb Jahre nach dem Friedenschluss, kehrte Josef Plate aus französischer Kriegsgefangenschaft wieder nach Hause zurück – seine französischen Sprachkenntnisse bezeichnete er später als „ziemlich geläufig“.
1920 setzte Plate sein Studium mit den Fächern Germanistik, Französisch und Erdkunde zunächst für ein Semester in Kiel, anschließend aber wieder in Münster fort, wo er sich spätestens dem Unitas-Verband anschloss. Die Unitas Ruhrania vermerkte für das WS 21/22: „Ein gut verlaufenes Semester (…) Fortschritt nach innen und außen“. (4) In diesem Semester wählte er auch seinen Leibburschen, mit dem er seinen Zipfel tauschte und der Verein machte Josef Plate zum Pressevertreter. Im SS 22 heißt es: „Den Festvortrag am Vereinsfest hielt Plate über den Wahlspruch In omnibus caritas.”
Im März 1923 schloss Josef Plate sein Studium in Münster mit Staatsexamen und Promotion ab. Seine mit „magna cum laude“ bewertete Dissertation „Fritz Stavenhagen als niederdeutscher Dramatiker“ (Univ. Diss. Münster 1923) beschäftigte sich mit dem Hamburger Dramatiker und Erzähler Fritz Ernst August Stavenhagen (1876-1906), dessen Werk mit den naturalistischen Dramen Gerhart Hauptmanns verglichen wurde. Stavenhagens volkstümliches Stück Mudder Mews (1904) gehört bis heute zum Repertoire niederdeutscher Bühnen.
Der Promotion folgte die wissenschaftliche Staatsprüfung (Referendar) für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Deutsch, Französisch und Erdkunde für die Oberstufe, die Josef Plate am 6. November 1923 „mit Auszeichnung“ bestand, die pädagogische Prüfung (Assessor) zum 2. Staatsexamen legte der 26-Jährige am 22. September 1924 mit „gut“ ab. Darauf trat er sogleich in den Vorbereitungsdienst in Münster und Coesfeld ein. Ab Ostern 1924 wurde ihm eine volle Vertretung am Gymnasium in Lüdenscheid übertragen. lm September des gleichen Jahres legte er in Münster vor der Kommission an der damaligen Oberrealschule, dem späteren Schlaun-Gymnasium, seine pädagogische Prüfung ab.
Ab dieser Zeit folgten für Bbr. Josef Plate berufliche Tätigkeiten an verschiedenen höheren Schulen in Recklinghausen, Witten, Unna, Ahlen und ab 1931 am Realgymnasium in Essen-Katernberg. Besonderes Interesse scheint Plate in dieser Zeit für den Alpenverein gehabt zu haben, denn 1926 und 1927 hielt er in Witten bei der dortigen Sektion Vorträge. Erdkundliche Studienfahrten führten ihn von 1928 bis 1939 in alle europäischen Länder außer Polen und Russland.

Abenteuer in Indonesien
Ab Ostern 1934 war Josef Plate Studienrat am Humboldt-Gymnasium in Essen-Steele und von 1936-1939 aktiv in der „Arbeitsgemeinschaft für Sprecherziehung“. Nun nahm er ein außergewöhnliches Angebot (5) an: Bereits 1937 hatte ihn eine Studienreise nach Nordafrika geführt, jetzt folgte er einer Einladung seines Freundes Otto Hopmann, ließ sich im Juni 1939 für einen Studienaufenthalt in Niederländisch-Indien, im heutigen Indonesien beurlauben, lebte in Badoeng auf der Insel Java und bekam Gelegenheit, erdkundliche Studien an den Vulkanen Javas und am Krakatau zu machen.
Der Ausbruch des 2. Weltkriegs schnitt ihm allerdings die Rückkehr ab. Er fand großzügige Hilfe durch den deutschen Konsul Schneewind in Sumatra, der ihn zum Erzieher und Lehrer seiner Kinder lnge, Horst und Rolf nach Padang berief. Diese waren auch durch den Ausbruch des Krieges an der Rückkehr in ihre deutschen Schulen gehindert worden. Doch als die deutsche Reichswehr in Holland einfiel, wurde er aus dieser Tätigkeit am 10. Mai 1940 jählings herausgerissen und zunächst in der holländischen Festungsstadt Fort de Kock, heute Boekit Tinggi, interniert.
Interniert am Fuß des Himalaya
Nächste Station wurde das große Lager Allas Vallei mitten im Urwald von Nord-Sumatra, wo rund 2.500 deutsche Internierte zusammengezogen waren. Doch als die Japaner ab Dezember 1940 ganz Niederländisch-Indien angriffen, wurden alle deutschen lnternierten verlegt. Über das Internierungslager Camp Kota in Tjane/Sumatra (6) und den Hafen Sibolga ging es für sie nach Britisch-lndien. (7) Als eines der drei Transportschiffe durch japanische Flieger versenkt wurde, kamen fast alle Kameraden kamen ums Leben. (8) Nur wenige konnten sich auf einem behelfsmäßigen Floß retten. Plate hatte Glück, da in letzter Stunde von diesen getrennt worden war und erreichte im Januar 1941 den indischen Hafen Bombay. Von dort aus ging es in tagelanger Bahnfahrt in ein Lager in Ramgarh bei Kalkutta, von dort wiederum in das Lager Deoli in der Wüste Thar in Rajastan, wie der Totenzettel ausführt:
- „Hier durfte er weite Wanderungen in der Wüste machen, die ihm kostbare erdkundliche Erfahrungen vermittelten. Nach einem Jahre wurden endlich alle deutschen lnternierten von Süd- und Ostasien in dem Central-lnternment-Camp Dehra Dun zusammengezogen. Dort durfte er wieder weite Spaziergänge machen, die ihm ein ganz anderes lndien offenbarten. Unter der Anleitung der Kameraden von der ebenfalls internierten deutschen Nanga-Parbat-Expedition, zu der auch der bekannte, später nach Tibet entwichene Professor Harrer gehörte (9), begannen nun einige jüngere Freunde auch in die Berge des Himalaya vorzudringen. Einigen gelang es sogar, den Padraj und den Cloud-End bei der Hillstation Moussoori zu erreichen.
Auch ihm gelang es trotz langer schwerer Krankheit später, durch vorsichtiges Training vorbereitet, am 6. April 1942 am Padraj-Gipfel zum ersten Mal eine Stelle zu erreichen, wo er die gewaltige Schneekette des Central-Himalaya sehen konnte (The everlasting snows). Er stand tränenüberströmt vor diesem höchsten Wunderwerk unserer Erde und konnte ergriffen nur wiederholen: Omnes montes laudant Dominum! Es war ihm danach vergönnt, mit höchstem körperlichem Einsatz noch beinahe 20 Male dieses oder ähnliche hohe Ziele zu gewinnen und bewundernd vor den leuchtenden, glorreichen Bergzügen zu stehen und inmitten einer Pracht herrlicher Steinbrechblüten diesen Anblick zu genießen.“

Lager Dehra Dun 1941 (10)
Neben „diesen kostbaren Ereignissen“ habe es stets „zu den unvergeßlichen Gewinnen dieser eingeschlossenen Jahre“ gehört, dass er siebenmal eine Reifeprüfung leiten durfte, berichtet sein Nachruf: „Mehr als einem halben Hundert junger Kameraden wurden so diese harten Jahre zu einem echten Gewinn. So wollte er nie diese Jahre auf der Verlustseite buchen, als er um die Jahreswende 1946/47 endlich nach Deutschland und in die vernichtete Heimat zurückkehren konnte.“
Heimkehr nach sieben Jahren
Nach mehr als sechs Jahren in Gefangenschaft startete am 11. November 1946 der Heimtransport aus Britisch-Indien nach Deutschland, eine Reise, die mehr als zwei Wochen dauerte: Erst am 4. Dezember 1946 traf Plate wieder in der Heimat ein und wurde in das von den Briten übernommene Lager Hamburg-Neuengamme interniert, wo er am 12. Dezember 1946 entlassen wurde. Hier mussten sich alle aus der Haft Entlassenen erstmals einem Entnazifizierungsverfahren stellen, zu dem sich die Akten heute im Staatsarchiv Hamburg befinden.
Zu Hause angekommen, „traf ihn bald einer der härtesten Schläge seines Lebens: seine alte Mutter, die alle die Jahre auf ihn gewartet hatte, legte sich nun bald zum Sterben nieder“, so der Nachruf. 1947 nahm Bbr. Josef Plate wieder seine Lehrtätigkeit am damals nach Steele evakuierten Humboldt-Gymnasium der Stadt Essen auf und wohnte dort im Laurentiusweg 54.

Auch in Essen musste sich Josef Plate im März 1947 erneut einem Entnazifizierungsverfahren stellen. (11) In seinen Notizen gab der inzwischen 49-Jährige seine Haarfarbe mit „grau“ an, seine Größe mit 1,72 m und sein Gewicht mit 68 kg. Und er antwortet auf die entscheidenden Fragen nach seiner Rolle in den Jahren der Nazi-Diktatur: Danach hatte er im Februar 1937 zwar an einer Landwehrübung als Gefreiter bei Major von Einem teilgenommen, war aber nach seinen Angaben weder vom Militärdienst zurückgestellt oder hatte in einem Truppenteil gedient. Auf die Frage nach Mitgliedschaft in 53 aufgeführten NS-Parteigliederungen oder -organisationen kennzeichnete er für die Jahre 1936-39 lediglich die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), den NS-Lehrerbund, den NS-Reichsbund für Leibesübungen, den Reichskolonialbund, den Reichsluftschutzbund und den Volksbund für das Deutschtum im Ausland (VDA).
Vor 1933 sei er unter den nach 1933 aufgelösten Verbänden nur Mitglied des Philologenvereins gewesen – von der 1938 verbotenen Unitas ist hier nicht die Rede. Er war nach eigenen Angaben nie Mitglied einer Partei, habe jedoch bei den letzten freien Wahlen 1932/33 für die Zentrumspartei gestimmt. Entlassen worden sei er wegen aktiven oder passiven Widerstandes nicht, jedoch in seiner Berufsausübung beschränkt worden. Dazu, dass er sich 1933 am Realgymnasium Essen-Katerberg einem Verfahren aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums” habe stellen müssen, benannte er zwei Zeugen namentlich. Am 18. März 1947 vermerkte die Kommission, Plate sei „unbelastet”.
Schulleiter am Schlaun-Gymnasium in Münster
Zum 1. April 1950 ging Dr. Josef Plate ins Münsterland und in seine Studienstadt zurück und trat die Stelle als Schulleiter am 1899 gegründeten Johann-Conrad-Schlaun-Gymnasium an. Zu Ostern des Jahres wurde der Name in „Städtisches Konrad-Schlaun-Gymnasium, mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium mit neusprachlichem Zweig“ geändert. Jetzt nahm der Wiederaufbau und Ausbau unter Oberstudiendirektor Plates Leitung nach und nach Gestalt an: 1953 und 1954 wurden weitere Flügel, eine Aula und ein Ehrenmal fertiggestellt, Ende 1956 der Mittelteil des Schulgebäudes und 1960 der Wiederaufbau beendet.
Sicher könnten viele weitere Quellen seine Persönlichkeit noch deutlicher charakterisieren, doch 1958 berichtet die Schulzeitung von einer von ihm gehaltenen Ansprache, „die an lebendigen Beispielen eben so reich war wie an gütigem Humor aus einer Weisheit des Herzens, wie sie wohl nur dem erfahrenen Alter eigen ist. Die Schulgemeinde dankte mit sehr herzlichem Beifall.“ (12) Ein Jahr später erinnerte sie: „Am 1. Dezember war der Leiter unserer Schule, Herr Oberstudiendirektor Dr. Plate, 40 Jahre im höheren Schuldienst tätig. Wir gratulieren dem Jubilar und möchten ihm und uns von Herzen wünschen, daß seine Hand noch lange unsere Schule leitet und seine Gaben uns erfreuen.“ (13)
Am 31. März 1963 trat Dr. Josef Plate nach 13 Jahren als Schulleiter in den Ruhestand und kehrte nach Ahaus zurück. Wie die Ruhranen-Chronik vermerkt, trat er mit dem Wechsel in seine Heimat 1963 aus der Unitas aus und lebte seit dem Sommer 1964 zurückgezogen in seinem kleinen Häuschen in Wessum. der am 5. August 1981 gestorben ist. Hier ging er vielen seiner Interessen nach und rief u.a. 1967 mit 10 weiteren Mitgliedern als Mitgründer den Heimatvereins Wessum e.V. ins Leben. Doch so sehr er sich auch seiner alten Heimat verbunden fühlte – mit über 70 Jahren brach er noch einmal zu einer Reise an die Orte seiner Jahre der Internierung in Asien auf, die in seiner Lebensrückschau auf dem Totenzettel einen großen Platz einnahmen:
- „So wurde das Heimweh seines Lebens, das immer wieder in ein unruhiges Fernweh abzugleiten drohte, endlich, soweit irdische Verhältnisse das vermögen, doch noch gestillt. Der Verstorbene schließt diesen, von ihm selbst für seinen Totenzettel verfaßten Lebensbericht mit dem Satz: Aus unerklärlichem Grund in einem Mal niederzuschreiben veranlaßt am Karfreitag 1974. Der Herrgott, auf dessen Fügungen er unentwegt vertraut hat, sei seiner Seele gnädig und schenke seinem unrastigen Herzen ewige Ruhe!“

Der Leibbursche: Bbr. Liborius Valpertz
Während Bbr. Plate auf einen sehr bewegten Lebenslauf zurückschauen konnte, der ihn um die halbe Welt führte, ist seinem Leibburschen Bbr. Liborius Valpertz, mit dem er den Zipfel tauschte, nur ein kurzes Leben beschieden gewesen. Valpertz, geboren am 8. August 1899, war nach Aufnahme seines Studiums in Münster bei der Unitas Ruhrania eine offensichtlich sehr prägende Figur. Im Verein übernahm er die Charge des Seniors im SS 1921. In einem Lebensbild beschrieb ihn der Ruhranen-Historiker Dr. Bernhard Meinersmann:
- „Sein Elternhaus war das eines Bauern im kleinen Wormberg bei Drolshagen. Hier in der sauerländischen Bergwelt war er zu einem an Leib und Seele gesunden jungen Mann herangewachsen und hatte sich harmonisch weitergebildet; sein tiefreligiöser Sinn ließ ihn das Studium der Theologie ergreifen. Als er 1920 der Ruhrania beitrat, war er schon eine fest in sich geschlossene Persönlichkeit; er wusste, was er wollte, ging dabei klug und besonnen zu Werke, und man prophezeite ihm oft, halb im Scherz, halb im Ernst, wenn er als Senior wirkte oder z.B. als Sankt Nikolaus auftrat, er werde einmal Bischof werden. –
Er war auf dem besten Wege dazu: Lange Jahre war er in der Großstadt Hagen tätig, zuletzt seit 1935 als Pfarrvikar, seit 1939 als Pastor in der Gartenvorstadt Emst; dort wirkte er, nicht am wenigsten mit seinem besonderen – in München weiter gepflegten – Sinn für kirchliche Kunst und Liturgie, offenkundig recht segensreich, auch im Katholiken-Ausschuss, im Caritas-Verband und als Standort-, Gefangenen- und Lazarettpfarrer. Nach menschlichem Ermessen viel zu früh, berief ihn der Herr am 26. März 1952 ab. Den ganzen gnadenvollen Reichtum seiner priesterlichen Seele, aber auch seine mit kluger Besonnenheit gepaarte Festigkeit in der Zeit der „braunen” Herrschaft zeigt das schöne Heft „25 Jahre Gemeinde zum Heiligen Geist in Hagen-Ernst”. (Vgl. auch den Nachruf in der „Unitas”, Juli 1952)
Valpertz war am 20. März 1926 im Hohen Dom zu Paderborn zum Priester geweiht worden und wirkte in seinen ersten Priesterjahre als Vikar der großen Hagener Muttergemeinde St. Marien. 1935 wurde er als zweiter Pfarrvikar der Heilig-Geist-Gemeinde in die damals kleinen Hagener Vorstadtsiedlungen Emst, Bissingheim und Eppenhausen in Hagen-Emst berufen und 1939 ihr erster Pastor. Ab 1947 war er Pfarrer der Heilig-Geist-Gemeinde und 1947-1951 Vorsitzender der dortigen Caritas. „Es gibt wenig Pfarrgemeinden, die ein solches inneres Aufblühen erleben können, wie es diesem Lebenswerk unseres Bundesbruders vergönnt war“, hieß es 1952 im Nachruf der Unitas:
- „Er war ein Vorkämpfer der liturgischen Erneuerungsbewegung in der Kirche und lehrte seine Gemeinde vorbildlich das Lob Gottes singen und beten“, schrieb Wilhelm Kronfuß. „Als Lehrer der Wahrheit trat er furchtlos auf in dieser Zeit des Unglaubens und der Verwirrung. In der Volksschule und ehemaligen Realschule lehrte er die Jugend in Kursen, Arbeitsgemeinschaften und als Bezirkskatechet die werdenden und wirkenden Lehrer. Im Schulausschuß arbeitete er verantwortungsbewußt mit am inneren und äußeren Ausbau der Schulstadt Hagen. Als Schriftleiter der Hagener Ausgabe der Essener Katholischen Kirchenzeitung und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften wirkte er nachhaltig auch weit über Hagen hinaus. Begeistert folgte ihm die Jugend des Jungmännervereins und der DJK. Als Dekanatsjugendseelsorger schuf er in schwerer Zeit mit der Katholischen Jugend Hagen die organisatorische Form. Die interessierten und verantwortungsbewußten Laien rief er zur Mitarbeit. Im Ausschuß für Bildungsfragen, aus dem die Albertus Magnus-Vereinigung hervorging und im Katholikenausschuß arbeitete und sorgte er sich mit ihnen um die Verwirklichung des Reiches Gottes in der Oeffentlichkeit. (…) Er wirkte im Jugendamts- und Fürsorge-Ausschuß der Stadt mit und trug sich mit großen Plänen, von denen der Bau des Don Bosco- und Engelbertheimes ausgeführt werden konnten.“ (14)

Besonders hervorgehoben wird im Nachruf sein Sensus für die Künste: „Liborius Valpertz war ein feinsinniger Kunstkenner und großer Förderer der kirchlichen Kunst. Seine Liebe zur Kunst führte ihn als Student nach München, wo seine starke Persönlichkeit im Leben der Unitas Guelfia tiefe Eindrücke hinterlassen hat.“
Tatsächlich nahm er nach dem Krieg in seiner Gemeinde ein großes Projekt in Angriff: Um die rund 20 Jahre zuvor erbaute Behelfskirche zu ersetzen, nahm Valpertz 1946 Kontakt mit dem Architekten Dominikus Böhm auf, der im Mai des folgenden Jahres erste Pläne und eine ausführliche Beschreibung seiner Idee an die Gemeinde schickte.
Zwar kam es erst 1953 zu einem konkreten Auftrag, doch entstand zuletzt eine außergewöhnliche moderne Kirche, die 1955 eingeweiht werden konnte. Der 47 Meter hohe runde und weithin sichtbare Glockenturm mit seiner kegelförmigen und verschieferten Dachspitze trägt im Volksmund den Beinamen „Bleistift“, außen ist das schlichte Kirchenschiff mit rötlichem Klinker verkleidet und die 15 Meter hohe Stuckdecke zeigt die Feuerzungen des Heiligen Geistes. Seit der Renovierung im Jahr 2008 erstrahlt die Kirche Heilig-Geist in neuem Glanz, deren Gemeinde gemeinsam mit den Kirchengemeinden St. Elisabeth, Heilig Kreuz Halden und St. Bonifatius Hohenlimburg zum Pastoralen Raum am Hagener Kreuz im Erzbistum Paderborn gehört.
Prägend wurde für Liborius Valpertz seine Zeit in München mit dem Wechsel zur Unitas Guelfia, auch blieb er nach den Berichten „dem bayerischen Wesen sein Leben lang stark verbunden“. Im Jahr der Rekonstituierung der Unitas Ruhrania 1950 tagte die 73. Generalversammlung in der Stadt an der Isar, die er als „dankbar erlebten Höhepunkt auf seinem Lebensweg“ erfuhr, so Wilhelm Kronfuß. „Das andere Ziel seiner begabten Seele war Spanien. Es war ihm vergönnt, dieses Land, dessen Sprache er beherrschte, auch persönlich kennenzulernen.“
Einer zunächst erfolgreichen Blinddarmoperation 1952 folgte ein Fieber, dem er am 26. März nach Empfang der hl. Sterbesakramente nicht gewachsen war: „Seine kraftvolle, eigenwillige Persönlichkeit hat auf jeden, der ihm begegnet ist, imponierend gewirkt. Daß sie auch ebenso rasch Vertrauen zu erwecken vermochte, das habe ich bei meinen eigenen Kindern erlebt. Gebe Gott, daß wir viele solche Priester und Bundesbrüder haben!“
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Ob und wie die beiden Kontakt auf ihren sehr unterschiedlichen Lebenswegen gehalten haben, kann heute kaum gesagt werden. Josef Plate, der Leibsohn, der zwei Kriege überstand, überlebte seinen Leibburschen Liborius Valpertz um fast 30 Jahre. Mit den beiden so unterschiedlich verlaufenen Biografien aber weitet sich der Blick auf die Erfahrungswelten einer ganzen Generation, die maßgeblich von den Jahren zwischen dem Ende des Kaiserreichs und dem Wiederaufbau nach dem II. Weltkrieg geprägt war. Es waren Zeiten voller Unsicherheiten, der ganz direkten Erfahrung von Krieg, existentieller Lebensgefahr, aber auch voller Lebenslust und Neugierde auf die Welt. Es waren Jahre zwischen Beharrung und Extremen, zwischen Sicherheit im kleinen Umfeld und der Sehnsucht nach Ferne, in denen sich unterschiedliche Talente entfalten und beweisen mussten.
Dafür steht auch zeichenhaft der Zipfel, den die Unitas Ruhrania von heute jetzt zu ihren Devotionalien zählt – eine Erinnerung an zwei ganz konkrete Menschen, die wie viele den Weg der Gemeinschaft auf ihre je eigene Weise in all den Jahrzehnten begleitet und mitgeprägt haben.
Dr. Christof Beckmann
Anmerkungen:
(1) Totenzettel, „Gedenket im Gebete und beim hl. Meßopfer des Dr. phil. JOSEF PLATE Oberstudiendirektor i. R., der am 5. August 1981 gestorben ist…“, Verfasser ist der Schwiegervater von Dirk Holtkamp, Urmitglied bei Austria Innsbruck im ÖCV und Bandmitglied bei Alsatia Münster im CV, der einen sehr engen Kontakt zu Dr. Plate pflegte und mit ihm in den 70iger Jahren eine Reise zu den Orten dessen Asienaufenthaltes und seiner dortigen Internierung unternahm.
(2) Angaben zum Lebenslauf aus eigener Hand in: (1766) Entnazifizierung Josef Plate, geb. 07.02.1898 (Studienrat), Verzeichnungseinheit: Abt. Rheinland, NW_1005-G.33 (SBE Hauptausschuss Stadtkreis Essen), Nr. 1766, Anzahl Bilddateien: 11, in: https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_dd303c2b-bca4-4017-b7df-af29d8d75009
(3) Der Totenzettel vermerkt: „40 Jahre später besuchte er die Stätte dieser Tätigkeit wieder. Er traf auch seinen damaligen Posten, dessen Tochter nun Pächterin des Hofes war. Es gab ein wahrhaft triumphales Wiedersehen der einstigen Gegner.“
(4) Dies und im Folgenden s.: Bbr. Bernhard Meinersmann (Warendorf), „UNITAS Ruhrania 1911 bis 1938, Geschichte und Lebensbilder“, erschienen als Teil I–V in den „Unitas”-Heften 8/52, 5/53, 2/54, 7/62 und 1/63, unter Mitarbeit von Studienrat Karl Pricking, Münster (Teil IV), damals Vorsitzender des AHV, sowie der AHAH Althoff, Gründfeld, Woltmann (Teil V), in: unitas 103. Jg. 1963, H. 1, S. 15ff., Bbr. Helmut Führer (Münster): Die Ruhrania – 1950-1990, Manuskript 1992
(5) „Er ist auf Grund seiner kritischen Einstellung zum nationalsozialistischen Regime nach Niederländisch-Indien gegangen, um dort als Lehrer zu arbeiten“, so die Information der Familie.
(6) Mehr zu diesem Lager auf https://indischekamparchieven.nl/
(7) Mehr zu internierten Deutschen in Britisch-Indien: Germans in British India, Nationalism: Case and Crisis in Missions, von Paul von Tucher, Extracts, 1980 Selbstverlag Paul H. von Tucher, in: https://gaebler.info/politik/tucher.htm
(8) Davon berichtet auch Dr. Erich Voigt: Als Internierter in Ostasien im zweiten Weltkrieg, https://www.jarts.info/former/jahrgang-52-nr1/5.pdf; Rolf Benkert: Internierter in Indien ab Kriegsbeginn 1939. Von Kalkutta über Fort William, Ahmednagar, Deolali, Dehra Dun, Neuengamme nach Bevensen, https://www.gaebler.info/2013/06/benkert/
(9) SS-Mitglied Heinrich Harrer und Teilnehmern der deutschen Nanga-Parbat-Expedition von 1939 gelang es Ende April 1944, aus dem im September 1941 eröffneten Lager Dehra Dun nach Tibet zu flüchten.
(10) Aus: Paul von Tucher, German Missions in British India. Nationalism: Case and Crisis in Missions, XI CAMPUS TEUTONICUS AT DEHRA DUN, https://www.gaebler.info/politik/tucher-11.htm
(11) (1766) Entnazifizierung Josef Plate, geb. 07.02.1898 (Studienrat), Verzeichnungseinheit: Abt. Rheinland, NW_1005-G.33 (SBE Hauptausschuss Stadtkreis Essen), Nr. 1766, Anzahl Bilddateien: 11, in: https://www.archive.nrw.de/archivsuche?link=VERZEICHUNGSEINHEIT-Vz_dd303c2b-bca4-4017-b7df-af29d8d75009
(12) Das Schlaun-Gymnasium, Schulzeitung für die Schüler, Lehrer, Eltern, Ehemaligen und Freunde des Schlaun-Gymnasiums zu Münster (Westf.), Nr. 17, Ostern 1959, „Elternabend am Schlaun-Gymnasium“, 5-10.
(13) Das Schlaun-Gymnasium, Schulzeitung für die Schüler, Lehrer, Eltern, Ehemaligen und Freunde des Schlaun-Gymnasiums zu Münster (Westf.), Weihnachten 1960, 11.
(14) Wilhelm Kronfuß: Liborius Valpertz, Pastor der Heilig-Geist-Gemeinde Hagen-Emst, in: UNITAS, Monatsschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine Unitas, Hg. Oberstudienrat Dr. Karl Rüdinger, München, 92. Jahrgang Juli 1952 Heft 7, S. 20f.