Vereinsgeschichte

Von Münster ins Revier -
110 Jahre Unitas Ruhrania

Die Unitas Ruhrania entstammt der stolzen Unitas-Tradition in Münster: Dort gab es mit der 1857 gegründeten Unitas Frisia, der Sugambria (1899), Winfridia (1902) und Rolandia (1910) bereits vier Unitas-Vereine, als sich erneuter Nachwuchs ankündigte. Nach der Gründung von Unitas Winfridia war es zum zweiten Mal die Unitas Sugambria, die den unitarischen Stammbaum weiter verzweigte. Den ausscheidenden Sugambern schließen sich damals Bundesbrüder von Unitas Frisia an und der neue Verein erblickt am 12. Januar 1911 das Licht der Welt - als fünftes Kind in der unitarischen Familie an der Universitas Monasteriensis. Sein Name ist Programm: Er benennt sich nach der 1847 durch Theologen von der Ruhr gegründeten alten Bonner „Ruhrania”, aus der 1853 die „Unitas” hervorging – eine bewusste Erinnerung an die Ur-Wurzel des ältesten katholischen Studentenverbands.

Die neue Ruhrania - „M5”, so das Kürzel im Verband - beweist schnell, dass sie lebenskräftig ist. Verkehrslokal wird der „Zentralhof” mit Vereinszimmer an der Rothenburg. Zum Publikationsfest im glanzvollen altstudentischen Rahmen der Wilhelminischen Ära fahren am 23.2.1911 die Chargierten der erschienenen Bundeskorporationen mit Kutschen auf – alle vier Münsteraner sind dabei, die zwei von Bonn, die von Göttingen, Berlin und Kiel sind vertreten – mit vorausreitenden Militär-Fanfarenbläsern, musikalischem Frühschoppen, Festessen im Verkehrslokal, Festmesse mit Fahnenweihe in der Martinikirche und abendlichem Festkommers im Zoo-Saal „mit zündender Papst- und Kaiser-Rede“. Den Festvortrag hält Bbr. Carl Josef Kuckhoff aus Essen.

Erster Senior der Ruhrania ist der von der holländischen Grenze des Emslandes stammende cand. phil. Engelbert Schlömer. Und die Hoffnungen für das erste Sommersemester 1911 sollen sich bald in vollem Maß erfüllen: Zu den ersten sechs Burschen und zwei Füxen stößt ein weiteres Dutzend Füxe, durch Zuzug aus dem Verband erhöht sich die Zahl der Aktiven schnell auf 20. Themen aus Religion und Wissenschaft prägen das Semesterprogramm und zeigen eine lebendige Verwirklichung der unitarischen Prinzipien. Die Aufnahme in den Verband bei der 52. Generalversammlung am 6. Juni 1911 in Fulda bleibt nicht aus und in den folgenden Semestern setzt sich das Wachstum des Vereins fort. Große Unterstützung erfahren die Bemühungen durch AH Beigeordneten Dr. Krüsmann, de facto „Ehrensenior” des Vereins. Zum Ende des zweiten Semesters zählt die Ruhrania 29 Studierende und einen Alten Herrn. Neben den Prinzipien und der gesellschaftlichen Schulung pflegt man jetzt auch den Sport: Mit einer Bootshauskasse entstehen Pläne für ein eigenes Bootshaus - als „Keilmittel” gerade in Münster wichtig. Seitdem dort die katholischen Korporationen Rudersport betrieben, gingen die anderen Verbände stark zurück: 1908 gab es neben 14 katholischen 13 andere Korporationen, 1912 betrug das Verhältnis 16 : 8.

Im WS 1912/13 führt Ruhrania bereits den Vorsitz im Gesamtausschuss aller Münsterischen Studentenkorporationen. Höhepunkt in jedem Programm ist das Vereinsfest, das die Münsteraner Vereinen gemeinsam begehen. Aber auch die Teilnahme an der „Großen Prozession” und viele Mitgliedschaften in der Congregatio Mariana Academica zeugen vom echt religiösen Leben. Den regelmäßigen wöchentlichen wissenschaftlichen Sitzungen folgt nach damaliger Sitte eine „Kneipe”, die Vorträge wechseln in bunter Mischung aus den verschiedensten Fachgebieten. Freundschaftlich ist das Verhältnis zu den Bundesvereinen: Nach eigenen Veranstaltungen besucht man oft die Frisia im Hansahof, die Sugambria an der Hammer-Straße, Winfridia in der Kaiser-Friedrich-Halle oder die Burgundia im Gesellschaftshaus „Union”. Amicitia im Sinne sozialer Arbeit wird im Rahmen des von Carl Sonnenschein gegründeten SSS (Sekretariat Sozialer Studentenarbeit) praktisch verwirklicht.

Turnen, Tennis, Schwimmen, Rudern beim Ruderverein Münster und Kegel-Nachmittage vor dem Neubrückentor werden großgeschrieben, man lockt mit Maifeiern, Kaiser-Jubiläum mit Kommers, regelmäßigen wissenschaftlichen Vorträgen, einem Tanzkurs, mit Gesellschaftsabenden im „Neuen Krug”, Ausflügen nach Hiltrup oder Mecklenbeck. Im siebten Semester ist die Mitgliederzahl im Sommer 1914 bereits auf 40 gewachsen, Ruhrania hat den Vorsitz im UV Münster. Die Füxe schenken der Korporation prächtige Schabracken mit Zubehör, so dass die Korporation bei Auffahrten mit Pferdekutschen ordentlich „Furore” machen kann - all dies zeugt von schönster Studentenromantik. Doch als man sich auch schon in der Unitas auf den für Münster vorgesehenen Deutschen Katholikentag vorbereitet, zieht gegen Ende des SS 1914 das Gewitter des Ersten Weltkrieges auf.

1914–1919: Die Kriegszeit

Am 28. Juni 1914 fallen die Schüsse von Sarajewo. Wie ihre Alten Herren treten auch die studierenden Ruhranen großenteils kriegsfreiwillig unter die Fahnen. Die Abgänge werden zunächst noch wettgemacht: Zu den 40 Mitgliedern des SS 1914 kommen im WS 14/15 zehn Neofüxe. Im Dezember 1914 gibt es noch 20 ortsanwesende Studenten, zwei sind bereits gefallen. Dem Ernst der Zeit entsprechend verzichtet man auf Kneipen und hält nur wissenschaftliche Sitzungen, Exkneipen und Konvente. Weil das Vereinslokal vom Militär beschlagnahmt ist, müssen die Vereinsabende auf den „Buden” einzelner Mitglieder stattfinden. Zahlreiche „Liebesgaben”, besonders Lesestoff, werden den Mitgliedern ins Feld geschickt.

Im Sommer 1915 ist das Vereinsleben durch weitere Einberufungen fast ganz lahmgelegt. Die „Kriegsnachrichten der Ruhrania” vom Juni berichten: „Wir sind zu 6 (sechs!) Mann hier“ - aber auch diese Zahl sollte sich bald lichten. Dafür entwickelt sich unitarisches Leben jetzt im Feld: Berichte über „Unitarisches Leben im Schützengraben vor Reims” zeigen, dass auch dort das Vereinsfest mit Kommunion im Feldgottesdienst und Morgensitzung gefeiert wird. Die für alle Mitglieder regelmäßig gedruckten Kriegsnachrichten vermelden zahlreiche Auszeichnungen, das Eiserne Kreuz I. Klasse oder Beförderungen bis zum Leutnant (Zugführer, Kompanieführer, Adjutant). Doch immer mehr vermelden sie auch, dass ein Mitglied gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft geraten ist. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Opfer fordert er: In Ypern, vor Verdun, in Russland, in der Somme-Schlacht, an der Marne. 17 Vereinsbrüder fallen oder gelten als vermisst. Jetzt werden auch die neu gewonnenen Füxe zum Militär einberufen.

Seit 1916 finden nur noch gelegentliche Exkneipen, Sonntagsspaziergänge, Zusammenkünfte des „UV Münster” statt, an den Vereinsfest nehmen auch feldgraue Vereinsbrüder auf Heimaturlaub teil. Nach dem Vereinsbericht vom Dezember 1915 sind von 38 Mitgliedern 32 „unter den Fahnen” und noch drei „Zivilisten” ortsanwesend, im April 1917 sind 29 von 33 beim Militär und fast sämtliche Mitglieder durch Einberufung in alle Winde zerstreut. Nun ergreifen einige Alte Herren die Initiative: Mitten in den Kämpfen in Flandern beschließen sie die Gründung eines Altherrenvereins, um die junge Korporation zusammenzuhalten. 15 Mann zählt der Kreis. Der im „Kriegsgedenkblatt” abgedruckten „Satzungsentwurf” vertagt die offizielle Approbation auf eine Generalversammlung „spätestens ein Jahr nach Friedensschluss“.

1919–1924: Die ersten Nachkriegsjahre

Als man im Februar 1919 daran geht, die Ruhrania wieder aufleben zu lassen, bietet der neue Altherrenverein einen starken Rückhalt. Noch ist mancher der 27 Mitglieder auf der Liste in Gefangenschaft oder im Lazarett, die meisten „Vorkriegssemester” überhaupt fehlen. Ganze sechs Mann versammeln sich zum ersten Konvent am 6. Februar 1919. Doch schon im 1. Zwischensemester 1919 können mehr als ein gutes Dutzend Füchse gewonnen werden, der Verein findet eine Bleibe in der „Kreuzschanze”. Die Chargen arbeiten im ASTA und vor allem im Münsterschen UV mit, dessen Vorsitz bald der Ruhrania zufallen soll. Das zweite Nachkriegssemester im Sommer verstärkt den Verein durch 11 Neofüxe - trotz Abgängen ist jetzt die Mitgliederzahl größer als bei Beginn des Krieges. Neues Vereinslokal wird der „Deutsche Kaiser” in der Jüdefelder Straße.

1920 zählt die Ruhrania 58 Mitglieder – darunter 20 Auswärtige – und ist nach innen und außen gefestigt. Der Zusammenhalt verstärkt sich noch, als das Semester im März durch die politischen Wirren jäh abbricht: Eine „Akademische Wehr” alter Soldaten wird zusammengestellt und rückt an der Seite der Reichswehr zum Feldzug gegen die „Spartakisten” aus. Eine fast nur aus Ruhranen bestehende Wache im Bahnwärterhäuschen von Mecklenbeck an der Straße nach Dülmen soll für eine Nacht die einzige Sicherung Münsters nach Südwesten gewesen sein. Für sie geht in den Kar- und Ostertagen der Marsch über Ottmarsbocholt, Lüdinghausen und Selm ins Ruhrgebiet - alle kehren wohlbehalten zurück. Mit dem Sommer 1920 beginnt für Ruhrania eine ungestörte Blütezeit bis zum Sommer 1923.

Man zieht nach „Timpte“ zur Münzstraße um, die Mitgliederzahl hält sich bei 45 bis 50. 1921 stößt Bbr. Hermann Wulle zum Verein und sein Elternhaus mit der Buchhandlung an dem zur Dompfarre gehörenden „Spiegelturm” wird zur Zentrale der Ruhrania und des Münsterschen UV - bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Er ist auch am wohl wichtigsten Ereignis der Zeit maßgeblich beteiligt: Dem Bau eines eigenen Ruhranen-Bootshauses an der Werse östlich von Münster, für das schließlich ein Grundstück bei „Nobiskrug” erworben werden kann. Der Bau wird in Eigenarbeit aufgeführt und am 29. Juli 1922 eingeweiht. Ständig gibt es nun hier viel zu tun: Als das Bootshaus 1923 mit zwei Booten, der „Ruhrnixe” und der „Rheinnymphe” ausgestattet ist, wird es immer stärker zum Anziehungspunkt für alle Ruhranen und ihre Damen, die viel zur gemütlichen Gestaltung des „Heimes” beitragen.

1924 – 1930: Fruchtbare Semester

Die Schuldenlast wirkt sich für das Vereinsleben zunächst kritisch aus, die Mitgliederzahl sinkt auf 37. Auch im Verhältnis zwischen Alten Herren und Aktiven treten Probleme auf. Es geht vor allem um die Frage studentischer Formen - ein Thema, das die „feudalen“ Ruhranen immer wieder begleitet. Nach hitzigen Auseinandersetzungen und zahllosen Konventen stellt sich die Mehrheit der Aktiven auf die Seite der altstudentischen Tradition. 17 neue Mitglieder können gewonnen werden, Fahrten zum Benediktinerkloster in Gerleve und anspruchsvolle Semesterprogramme bewirken die Wende. Auch einige Theologen des Collegium Borromaeum treten ein.

Wichtig bleibt der gemeinsame Sport, Turnen und Schwimmen: Ein Ruhrane wird als erster von zwei Vertretern zum Universitäts-Wett-Turnen nach Halle entsandt, eine eigene Handballmannschaft erringt beachtliche Erfolge und für ihre Arbeiten erreichen eine Reihe von Mitgliedern wissenschaftliche Preise. Im Sommer 1925 beläuft sich die Zahl der ortsanwesenden Ruhranen auf 32 - trotz zahlreicher Philistrierungen. Das Vereinslokal, 1924/25 schon von „Appels” zum „Coerdehof” und etwa ein Jahr später nach „Köchling“ verlegt, wird „Haus Hülsmann“ an der Überwasserkirche. Der häufigen Wechsel lässt bereits den Gedanken an den Bau oder Erwerb eines eigenen Hauses aufkommen. Die Statistik im Winter 1927/28 weist nach Fakultäten über 60 Mitglieder aus (theol. 18, jur. und rer. pol. 15, med. (dent.) 2, phil. 13, math. 12, rer. merc. 2). Anfang 1930 wird mit Dr. Freiburg-Rüter ein Ruhrane Gründungssenior der neuen Unitas in Greifswald und die Korporation schaut mit 66 Mitgliedern (10 aktive Burschen, 16 Neufüchse) getrost in die Zukunft. Sinnbild dafür wird die damals vom AHV gestiftete Fahne.

1930 bis 1938: In Frontstellung

Eine starke Aktivitas, äußerst reges Vereinslebenund beachtliche Fuxenställe schaffen großes Selbstbewusstsein. Dabei herrscht gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus völlige Einmütigkeit: Für Mitglieder der Nazis ist grundsätzlich kein Platz in der Korporation, lautet der Beschluss. Stattdessen bekundet man Treue zur demokratischen Verfassung und entsendet Chargen zu den Verfassungsfeiern, an denen die schlagenden Verbindungen schon nicht mehr teilnehmen. Vereinslokal ist inzwischen die „Ratsschänke” am Drubbel: Man tagt gewöhnlich im hinteren Zimmer des ersten Stocks und für größere Veranstaltungen steht ein Saal zur Verfügung. Dort gibt es lebhafte Konvente, zünftige Kneipen und schneidige Kommerse, gehaltvolle wissenschaftliche Sitzungen und die Vereinsfeste der Münsteraner Unitas-Vereine finden im „Liebfrauenstift” am „Wegesende” statt. Das Bootshaus ist häufiger Treffpunkt für Exbummel und wird gut in Stand gehalten. Doch der wieder aufgetauchte Plan eines eigenen Korporationshauses scheitert an den zunehmend schwieriger werdenden Verhältnissen. Wie Unitas Ruhrania zu Adolf Hitler und seiner Partei stand, illustriert damals eine kleine Geschichte, die zumindest jedenfalls gut erfunden ist: Bbr. Adolf Szczesniak, später Pfarrer in der DDR, stellte einen Antrag auf Namensänderung. Und die NS-Funktionäre hatten großes Verständnis dafür, dass er seinen polnischen Namen ablegen wollte. Auf die Frage, welchen Namen er denn stattdessen gewählt habe, antwortete er: Statt „Adolf” wolle er „August” heißen...

Als man die Korporationen geschlossen in die NS-Studentenbund überführen will und allgemein das „Führerprinzip” zur Pflicht macht, wird auch die Ruhrania einem der neuen „Kameradschaftshäuser” zugewiesen. Das Haus für den Verein und andere Unitarier liegt an der Ecke Aegidiistraße/Grüne Gasse. Ab November 1933 werden Studenten-Kompanien der SA aufgestellt. „Alles, was studierte”, wird eingegliedert und allen nahegelegt, aus den noch existierenden Korporationen auszutreten. Doch bei Unitas Ruhrania herrscht weiter reges Leben bei Kneipen, Kommersen, Gesellschaftsabenden und am Bootshaus, wissenschaftliche Sitzungen widmen sich Themen wie „Germanentum und Christentum”. Die Grenzen zum Nationalsozialismus sind abgesteckt und das öffentliche Bekenntnis wie bei Kundgebungen für Bischof Clemens August auf dem Domplatz geht sogar nicht ohne handgreifliche Auseinandersetzungen ab. Im Januar 1936 wird unter großer Beteiligung das 25. Stiftungsfest mit glanzvollem Kommers in der „Union” auf der Krummen Straße gefeiert. Auch 1936/37, als sich manche Korporation auch in Münster schon aufgelöst hat, geht das Vereinsleben weiter: Die Unitas hält sich bis 1938 und muss dann doch das Verbot über sich ergehen lassen. Das Vereinsvermögen, bei Ruhrania namentlich das Bootshaus, wird beschlagnahmt.

Einer der aktivsten Vereinsbrüder ab 1933/34 ist damals Bbr. Johannes Prassek v/o „Knirps”: Am 13. August 1911 in Hamburg geboren, wird er am 13. März 1937 zum Priester geweiht, 1939 Kaplan in Lübeck und am 28. Mai 1942 von der Gestapo verhaftet. Erst am 23. Juni 1943 finden die Verhandlungen vor dem Lübecker sog. „Volksgerichtshof” statt. Das Urteil lautet „Tod durch das Fallbeil.” Mit Bbr. Eduard Müller, ebenfalls Ruhrane, Kaplan Hermann Lange und dem evangelischen Pastor Friedrich Stellbrink wird Bbr. Prassek am 10. November 1943 in seiner Heimatstadt Hamburg unter dem Fallbeil hingerichtet. Auch Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies, geboren am 24. November 1909 in Heckfeld im badischen Frankenland und nach dem Theologiestudium im Münsteraner Collegium Borromaeum 1935 zum Priester geweiht, kommt 1943 im KZ Dachau ums Leben. Die Unitas Ruhrania selbst führt von 1938 bis zur Neugründung 1950 ein Katakombenleben. Im Stillen wird der unitarische Geist aber lebendig gehalten: In der Sakristei der Magdalenenkirche finden weiter Fuxenstunden und Zusammenkünfte statt.

Ab 1950: Die neue Ruhrania

Die offizielle Neupublikation nach dem Krieg wird am 5. Februar 1950 in der damals noch existierenden Ratsschänke am Roggenmarkt gefeiert. Wieder kommen die sieben Gründungsmitglieder aus der Unitas Sugambria – unter ihnen theol. Arnold Benning, rer.nat. Helmut Führer, jur. Karl-Heinz Lohmann, jur. Walter Loskant, jur. Hermann Ossig und jur. Karl-Adolf Loskant aus der Unitas Burgundia. Sie werden im Dezember 1949 aus ihren Korporationen freundschaftlich entlassen. Nach vorbereitenden Konventen im Januar 1950 überreicht AH Hermann Wulle als ältester Ruhrane dem Senior die Fahne. Sie war während der Verbotszeit nicht von der Gestapo beschlagnahmt worden, sondern in der Obhut eines Alten Herren: Der geistliche Religionslehrer Bbr. Cohors-Fresenborg hatte sie unter Paramenten und Kirchenfahnen in der Magdalenenkirche versteckt und später, als die Sakristei im Krieg zerstört war, in seiner Wohnung aufbewahrt.

Der Neubeginn verläuft sehr erfolgreich und die junge Aktivitas entwickelt sich nun erneut zum über Jahre mitgliederstärksten Unitas-Verein in Münster. Zu den aktiven Stützen zählt unter anderem der langjährige Ehrensenior Bbr. Prälat Dr. Heinrich Portmann (1905-30. April 1961), der Kardinal Clemens August von Galen lange Jahre als Geheimsekretär diente. Sechs Jahre später zählt der AC 33 Ruhranen, die sich darum streiten, wie viele Füchse eine Verbindung überhaupt aufnehmen kann. Zum Stiftungsfest ein Jahr darauf zählt man 56 Bundesbrüder - 32 Aktive, 13 Füchse und 6 Neofüchse -, vier Wochen später wird bereits eine Teilung und eigene Neugründung geplant.

1957/58: Vorort des Unitas-Verbandes

Am 1.8.1957 übernimmt Unitas Ruhrania auch erstmals den Vorort im Verband: Bbr. Werner Niester amtiert als VOP, mehrere Bundesbrüder unterstützen ihn als Schriftführer. Das Bootshaus wird wiedergewonnen, Exbummel mit anschließendem „Laubhüttenfest“ an der Werse bei Handorf und gemeinsame praktische Arbeit fördern den Zusammenhalt. Beim 47. Stiftungsfest im Hotel Überwasserhof wird am 15. Februar 1957 aus der Ruhrania heraus gar die Unitas Fürstenberg (M8) gegründet, die sich nach Franz von Fürstenberg (1729-1810), dem Gründer der Akademie Münster benennt. Die auf Büttenpapier gedruckte Einladung zeichnen Senior stud. phil. Paul Limper und Studienrat Karl Pricking für die Altherrenschaft, von der Unitas-Fürstenberg laden Senior stud. jur. Franz-Josef Bals und Oberregierungs- und Vermessungsrat Ferdinand Determeyer für die Altherrenschaft ein.

Trotz Teilung hält die stürmische Entwicklung an: In das SS 1958 geht der Verein unter Senior Laurenz Bösing, Consenior Norbert Klinke, Fuxmajor Winfrid Jantos, Schriftführer Clemens Wissing und Quaestor Hermann Höwing mit 49 Aktiven und sechs Füxen. Vereinslokal ist „Hemesath“ an der Königstraße, Theo Büldt ist Senior des UV-Ortsverbandes. Unter ihm richtet die Ruhrania als präsidierende Korporation des Unitas-Ortsverbandes Anfang Juni 1958 das 99. Stiftungsfest des UV Münster aus, unter Senior Norbert Klinke im SS 1959 wird das 100-Jährige gefeiert. Das aus heutiger Sicht stramme wissenschaftliche und religiöse Veranstaltungsprogramm, aber auch die geselligen und sportlichen Aktivitäten wirken sich positiv aus: Mit 41 Aktiven und 12 Füxen geht der Studentenverein im Sommersemester 1959 in die Ferien. Das gedruckte Gesamtverzeichnis des Vereins zählt 226 Alte Herren auf, unter ihnen über 50 Pfarrer und Ordensgeistliche, zahlreiche Juristen, Mediziner und Ärzte bis zum Bundestagsabgeordneten und Bauunternehmer. Im Wintersemester 1960 wird eine neue Fahne geweiht und die äußerst niveauvollen Semesterprogramme der folgenden Jahre zeugen von intensiven Auseinandersetzungen mit den aktuell diskutierten Zeitfragen in Politik, Kirche und Wissenschaft. Zum 50. Stiftungsfest im Festsaal der Bahnhofsgaststätten entsenden 26 Korporationen ihre Chargen, Unitas-Schriftleiter Dr. Peter-Josef Hasenberg hält den Festvortrag zum Thema „Individualismus und Gemeinschaft in Korporation, Verband und Kirche“, das Hochamt in der Petri-Kirche zelebriert Ehrensenior Msgr. Dr. Portmann, zum Gesellschaftsabend bei Pröbsting geben rund 350 Gäste der Unitas Ruhrania die Ehre.

Doch ab dem WS 1965 deuten sich Veränderungen an. Die Semesterprogramme verzichten auf Vereinsfarben oder Zirkel, gestrichen sind die jahrelang verpflichtenden morgendlichen religiösen Fuxenstunden im Marianum. Erneut kommt in dieser Zeit ein altes Thema auf: Die Convente werden immer mehr beherrscht von Debatten um Äußerlichkeiten, von Kritik an Formen, altstudentischen Traditionen und von Disziplinfragen. Nicht nur die Teilnahme von Damen scheint ein Streitpunkt: Für Kneipen wird im Juni 1957 „eine lockere Form, ohne Wichs, mit aufgefrischtem Liedgut und eine Gitarrengruppe als Begleitung“ beantragt. Der Bruch mit der Tradition und altstudentischer Formen, denen sich gerade die Unitas Ruhrania seit ihrer Gründung besonders verpflichtet sah, macht vor allem für die Altherrenschaft die Auflösung unausweichlich. Man erwägt, mit einem kleinen Rest einen Neuanfang zu wagen. Stattdessen folgt jetzt im „Schicksalsjahr“ 1968 – 57 Jahre nach der Gründung und einer wechselvollen Geschichte - die Suspendierung und die Auflösung der Aktivitas. Der Altherren-Verein bleibt bestehen, auch wenn der Kreis der Alten-Herren aus der Vorkriegszeit langsam schwindet. 1973 wird der Pachtvertrag für das Bootshaus aufgelöst und 1977 vereinbart die Altherrenschaft in der Hoffnung auf eine Neugründung aus den Reihen der Unitas Rolandia unterstützende Kontakte.

1982 ist schließlich der letzte Optimismus geschwunden. Auf den 26. Juni wird eine Mitgliederversammlung einberufen, zu der 15 Ruhranen erscheinen. Hier ergreift Dr. Ludwig Freibüter als Vorsitzender des Unitas-Altherrenbundes das Wort. Sein inständiger Appell gegen die Auflösung des AH-Vereins hat Erfolg: Gewählt werden die BbrBbr. Jörg Lahme (Vorsitzender), Helmut Führer (Schriftführer) und der Stv. Vorsitzende Dr. Ernst Steinmann übernimmt nach dem Tod von Dr. Georg Krüsmann auch dessen Amt als Quaestor. Einige Zeit später schmückt das Titelblatt der Verbandszeitung ein großes Foto von einem „Westfälischen Abend zu Münster“: „Es häufen sich Berichte über die Wiederbelebung schon verloren geglaubter unitarischer Vereine. Auch bei der Ruhrania in Münster, die Anfang der 60er Jahre der stärkste Münstersche Verein war, tut sich einiges.“ Doch die Wiederbelebung betrifft nur den Altherren-Verein, der unter AHV-X Jörg Lahme in den kommenden Jahren zusammenhält: Er organisiert jeweils Anfang November aufwändige „Westfälische Abende“ mit Mimmi Frenke und Vertretern der „Niederdeutschen Bühne“, erst im Mühlenhof, dann im Heimathaus in Sprakel. Hier werden im November 1990 – über 40 Semester nach der Suspendierung des Vereins – auch die Beschlüsse zur Neugründung im Ruhrgebiet gefasst.

1988: Neustart für aktives Leben an der Ruhr

Seit rund zwei Jahren gibt es an der Ruhr dafür unerwartete Voraussetzungen. Grundlage war auch hier eine Intervention des damaligen AHB-Vorsitzenden: Dr. Ludwig Maria Freibüter und der Essener Zirkelvorsitzende Wilm Böcker vereinbarten, zum 100-jährigen Bestehen des ältesten Unitas-Zirkels die Vorortsübergabe des Jahres im Oktober 1988 an die Ruhr zu legen. Beim Jubel-Festkommers im bis zum letzten Platz besetzten Saalbau wechselt der Verbandsvorsitz von Unitas Winfridia Münster zu Unitas Freiburg. Das Präsidium unter Bbr. Christof Beckmann (Unitas Winfridia) und StR Dr. Nikolaus Mantel (Unitas-Salia Bonn) erinnert an die ehemals aktiven Unitas-Vereine in Essen und Bochum und plädiert für neues aktives unitarisches Leben in der Heimat der Unitas-Gründer um Hermann Josef Potthoff – ein Vorsatz, der bald auch ganz praktisch wird. „Wir wollen an die Ruhr!“, heißt die Schlagzeile am 28.6.1989 in der Verbandszeitschrift: „Auch im Ruhrbistum brauchen wir die UNITAS!“

1989/1990: Die Unitas Essen/Bochum

Ende Mai 1989 stellen sie dem AHZ Essen Vorschläge für ein Unitas-Jahresprogramm im Ruhrgebiet vor - ohne die örtliche Altherrenschaft kann es nicht gehen: Das Strategiepapier zur Gründung einer Aktivitas an der Ruhr unterzeichnen ebenfalls die BbrBbr. Andreas Beckmann (Unitas Sugambria Osnabrück) und Andreas Hackert, Priesteramtskandidat des Bistums Essen (Unitas Hathumar Paderborn). Der Essener Zirkel sagt zu, die Reaktivierungsbemühungen ad experimentum mit voranzutreiben, Wilm Böcker übernimmt das Amt des Ehrenseniors und stattet die ersten Aktiven mit der noch erhaltenen Wix und Fahne der Unitas Liudger aus. Zwei Füxe können gekeilt werden, erste Kontakte zur KSG Bochum mit dem dortigen Studentenpfarrer machen Mut. An der Ruhr-Universität Bochum hat das erste Wintersemesterprogramm der „Unitas Essen/Bochum“ für 1989/90 auch seinen Schwerpunkt: Im November zieht eine Podiumsdiskussion zu „Neuer Armut“ mit Bbr. Dr. Reinhard Marx, damals Geistlicher Rektor der Kommende in Dortmund, über 100 Besucher an. Er ermuntert, „dranzubleiben“ und die junge Initiative auf feste Beine zu stellen. Es beginnt eine intensive Pressearbeit, gemeinsame Wissenschaftliche Sitzungen und Vereinsfeste führen zu den Unitas-Zirkeln in Bochum, Essen und Dortmund. Weitere Zugänge lassen die Aktivitas auf den Stand von 11 aktiven Unitariern anwachsen, die Qualität des Semesterprogramms findet bei der Verbandsspitze große Anerkennung.

Der Convent denkt groß: Er beschließt, sich nach und nach auf alle Ruhrgebiets-Universitäten auszubreiten und sich langfristig zu einer „Unitas-Ruhr“ zu entwickeln. Unter diesem Namen wird er bei der 113. Generalversammlung vom 24.-27.5.1990 in Aachen in den Verband aufgenommen. Die Aktiven sehen sich in der Tradition der an der damaligen PH Essen (Kupferdreh) gegründeten Unitas Liudger (Es, 10. Mai 1960, susp. 26.4.1976) und der Unitas Robert Schuman an der Ruhr-Universität Bochum (Bo, 24.6.1966; susp. 1968). Deren AHAH sagen dem jungen Coetus ihre Unterstützung für die Fortführung der Tradition zu. Noch entscheidender aber wird für die Unitas Ruhr im Sommer 1990 der Kontakt zum letzten Ehrensenior der Unitas Ruhrania: AH OStR Norbert Klinke vom AHZ Castrop macht den Vorschlag, sich beim AHV Unitas Ruhrania für die Übernahme einer Patenschaft zu verwenden.

Das Projekt „Unitas A 40“

Aus Essen kommt im Wintersemester 1990 Helmut Wiechmann, Student der Theologie in Bochum, als weiterer Gast zum Verein. Vereinsfeste werden in Verbindung mit den Zirkeln Essen und Bochum gefeiert und statt eines festen Chargenteams arbeitet der Verein mit einem Modell von „Ansprechpartnern“ in den einzelnen Städten. Vereinskonstante wird das „Wacholderhaus“ am Schwanenmarkt in Bochum und ständiges Unterwegssein ist Programm: Nach der Hauptschlagader zwischen den großen Städten verdient sich der Verein jetzt den Namen „Unitas A 40“. Intensive Öffentlichkeitsarbeit, Auftritte wie bei der Ludgerus-Prozession in Essen-Werden und Fahrten im Verband werben für das „Ruhr-Projekt“. Die damals 30 Altherrenzirkel im weiteren Ruhrgebiet – sie vertreten damals noch mehr als 800 AHAH des Gesamtverbandes - werden in die Pflicht genommen und mit Semesterprogrammen gepflastert, Wissenschaftliche Sitzungen zu aktuellen Themen sorgen für Schlagzeilen in der Presse. Beim Aktiventag auf Burg Rothenfels im November 1990 werden Bernd Genser und Helmut Wiechmann als Füxe in die „Unitas Ruhr“ aufgenommen. Sie präsentiert sich am 20.11.1990 beim Ruhranentreffen im Heimathaus in Münster-Sprakel ihrem potenziellen Patenverein: Die 40 anwesenden alten Ruhranen stimmen der Vereinigung von AHV Ruhrania und Aktivitas der Unitas Ruhr zu - selbst der Altherrenverein will nun den Namen W.K.St.V. Unitas Bochum-Essen-Dortmund annehmen.

Die Unitas-Zirkel vor Ort, vor allem in Bochum und Essen, ziehen mit: Fast 80 Personen feiern das Vereinsfest Maria Immaculata in Bochum-Linden mit Festvortrag von Bbr. Prof. Dr. Lothar Roos im „Haus Waldesruh“. Weitere Aktive werden rezipiert und in enger Verbindung mit dem Zirkel in Castrop-Rauxel und dem Bochumer AHZ die Sache perfekt gemacht: Man einigt sich auf Termin und Ort für die Rekonstuierungsfeier. AHZ-X Bbr. Dr. Benno Eichholz prägt damals das eherne Wort: „Bei uns Unitariern geht es eigentlich immer um Leute, die ziemlich erfolgreich das für unmöglich Gehaltene wollen."

1991: Wiederbegründung in Bochum

Am 2.2.1991 steigt im Stadtpark Bochum der Festkommers zum Stiftungsfest des W.K.St.V. Unitas RUHR in Verbindung mit dem 80. Stiftungsfest der Unitas RUHRANIA Münster. Die Festrede zum Thema „100 Jahre Sozialenzyklika Rerum novarum“ hat Bbr. Dr. Reinhard Marx übernommen. Präside Christof Beckmann v/o CB begrüßt Abordnungen aus dem ganzen Verband: Neben dem Vorort Sugambria Osnabrück kommen auch Bbr. Dr. Ludwig Freibüter und der neue AHB-X Bbr. Bernhard Mihm, Gäste aus CV und KV. Das Bundeslied umrahmt die Ratifizierung des Vereinigungsvertrages und offizielle Vereinigung mit der Altherrenschaft der Ruhrania unter Vorsitz von Bbr. OStD Jörg Lahme. Er überreicht zum Wiederbegründungsfest die 1960 geweihte neuere Ruhranenfahne, dazu finden sich in der alten geschnitzte Fuxenkasse 5000,- DM aus dem Verkauf des alten Bootshauses für einen bereits geplanten Hausbauverein. Beim Vereinsfest Thomas von Aquin, das am folgenden Sonntag über 40 Unitariern begehen, treten die Chargen mit der Liudger- und der Ruhranenfahne zu der von AH Bbr. Alfons Riesener (Unitas Ruhrania) gefeierten Messe an. Die Morgensitzung zum Thema „Sozial­politik aus christlicher Verant­wortung“ hält Bbr. Dr. Bern­hard Koch, General­sekretär des Chris­t­lichen Gewerk­schafts­bundes.

Das Vereinsleben kommt nun in gutes Fahrwasser: Auf CB folgt nach drei Semestern „Seniorats­vikariat“ als erster Senior Helmut Wiechmann (Essen), Consenior wird Bernd Genser (Bochum), FM Christian Lammert (Dortmund). Vorangetrieben wird jetzt die Gründung des eigenen Hausbauvereins. Er wird am 16. Juni 1991 unter starker Beteiligung der Aktivitas gegründet und am 30.7.1991 als Unitas Ruhrania Studentenheim e.V. im Bochumer Vereinsregister eingetragen. Dr. Christof Beckmann übernimmt den Vorsitz, Karl-Heinz „Alba“ Lohmann den Stellvertreter und am 10.2.1992 bescheinigt das Finanzamt Essen-Nord die Gemeinnützigkeit.

Das erste neue Jahrzehnt

Ständig präsent - nicht nur bei den regelmäßigen Veranstaltungen in der Bochumer Konstanten „Wacholderhaus“ - ist AH Norbert Klinke, den die Aktivitas am 2. Februar 1991 zu ihrem neuen Ehrensenior wählt. Wallfahrten durch den Essener Süden, Einkehrwochenenden, Stiftungs- und Vereinsfeste mit den umliegenden Zirkeln, Fahrten, Vorträge in der Konstanten, Familientermine, Sommerfeste, Priesterweihen und Primizfeiern lassen neue Gäste dazu stoßen. Auch die Ehemaligen der Unitas Fürstenberg wollen nun den jungen Verein unterstützen. Die starke inhaltliche Ausrichtung markiert ein Aktiventag in Duisburg zu „Randgruppen in der Gesellschaft“, in der Dortmunder Kommende geht es bei einem weiteren Verbandstreffen um die „Zukunft der Kirche und der katholischen Verbände“.

Trommeln gehört zum Handwerk: 1992 gehen die Aktiven der Unitas Ruhrania Essen-Bochum-Dortmund mit einer ersten Live-Sendung bei der „Ruhrwelle Bochum“ auf Sendung, über „Radio Essen“ laufen in den folgenden Jahren mehr als ein gutes Dutzend Ausgaben des selbstproduzierten „Unitas AufRuhr-Magazins“. Ein besonderes Projekt ist der Vorstoß zur Benennung der Uni/GHS Essen nach dem „Vater Europas“ und Bbr. Robert Schuman – leider erfolglos, aber mit großer Öffentlichkeitswirkung. Bbr. Benedikt Kisters, Obermessdiener bei Bbr. Pfr. Riesener in Bochum, geht aus der Sakristei ins Studium und übernimmt gleich vier Mal das Seniorenamt für die Ruhranen, die nach dem Krieg auf dem Balkan Kontakt im Oktober 1997 mit dem Bischof Dr. Franjo Komarica von Banja Luka aufnehmen. Ihm trägt die Ruhr-Unitas die Ehrenmitgliedschaft an, kurz darauf erhält er den Heinrich-Pesch-Preis des Verbandes und wird im Dezember 1998 zum Unitas-Ehrenmitglied ernannt.

1999 macht das 88. Stiftungsfest der Revier-Unitas den Auftakt der 1200-Jahr Feier von Essen-Werden, sie feiern den 110. Todestag von Verbandsgründer Hermann Ludger Potthoff und seine Rezipierung vor 150 Jahren bei der Ur-Ruhrania in Bonn. Auf dem Programm steht das 110-jährige Bestehen des Essener Altherrenzirkels, sie tragen den Ludgerusschrein bei der Prozession und feiern zu Pfingsten 2000 die Priesterweihe ihres ersten Seniors Bbr. Helmut Wiechmann v/o Don Camillo. Als am 4. November 2000 OStR a.D. Norbert Klinke nach langer Krankheit in Castrop-Rauxel stirbt, ist der Verein vaterlos. Seine Aktivitas erweist ihm mit beiden Fahnen die letzte Ehre. Dr. Christof Beckmann tritt die Nachfolge an, Bbr. Bernd Genser übernimmt im Dezember 2000 den Vorsitzend des wiederbegründeten AHZ Bochum. Zu dessen 111-jährigem Bestehen am 20. Januar 2001 wird dort das Vereinsfest zugleich als 90. Stiftungsfest begangen. Festredner beim ersten „Ruhr-Kommers“ in der Vereinskonstanten „Wacholderhaus“ ist Unitas-Verbandsgeschäftsführer Bbr. Dieter Krüll.

Teamwork der Unitas Rhein-Ruhr

Eine neue Aktiven-Mannschaft um Senior Marc Schmidt, Consenior Udo Nobis und Fuxmajor Christoph Kinzelt bringt jetzt wieder neuen Schwung ins Vereinsleben und verlagert es vom harten Boden Bochums langsam nach Essen: Mit Rüdiger Duckheim, damals Senior der Unitas Rheinfranken, vereinbaren sie enge Zusammenarbeit und sorgen für große gemeinsame Veranstaltungen. Dem zehn Jahre zuvor gegründeten Hausbauverein sind inzwischen rund 50 Mitglieder beigetreten, alte Ruhranen, aktive Studenten und Förderer aus dem ganzen Verband, die dadurch zugleich die B-Mitgliedschaft erwerben, sorgen für ein stetes Anwachsen. Mehrere sehr konkrete Pläne zum Erwerb eines eigenen Hauses aber zerschlagen sich – so in Bochum-Langendreer, in Essen-Mitte und in Essen-Rüttenscheid.

Am 13. Mai 2004 kann endlich nach intensiven Gesprächen und starker Unterstützung durch Verband und ZHBV die Unterschrift unter einen Kaufvertrag gesetzt werden: Das 1901 errichtete „Feldschlösschen“ in Essen-Borbeck, einst traditionsreiches beliebtes Ausflugslokal mit Hotelbetrieb, bietet ideale Räumlichkeiten, Wohnraum für neun Studenten, dazu ausreichend Platz für wissenschaftliche und gesellige Veranstaltungen. Für das Haus, das 900 qm große Grundstück und die komplette Innenausstattung sind 280.000 Euro fällig. Die Hausbauer übernehmen 100.000 Euro an Bürgschaften und die Unterstützung ist großartig: Auch zahlreiche Unitas-Mitglieder anderer Vereine unterstützen das Projekt „Unitas-Zentrum Ruhr“, spontane Spendenzusagen belaufen sich auf 12.000 Euro und die Unitas in Paderborn schießt ein Darlehen in Höhe von 10.000 Euro zu - das unstete Leben der „Unitas A40“ ist Geschichte.

2004: Das neue „Unitas-Zentrum Ruhr“

Im neu erworbenen Haus nimmt jetzt mit großen Festen, Kneipen und Nikolausfeiern ein munteres Vereinsleben seinen Lauf. Der Verbandsvorstand tagt hier und das 94. Stiftungsfest im Januar 2005 steht ganz im Zeichen des 175. Geburtstags des Verbandsgründers Hermann Ludger Potthoff. Als einzige Fahnenabordnung geben die Aktiven im März 2005 in Werden das Geleit bei den Feiern zur Bischofsweihe des Hl. Liudger vor 1200 Jahren. Im August 2005 wird das „Unitas-Zentrum Ruhr“ zentraler lokaler Veranstaltungsort zum XX. Weltjugendtag und nimmt 12 Gäste aus Essens polnischer Partnerstadt Zabrze/Hindenburg auf. Doch im Januar 2006 ist Schluss mit dem unbeschwerten Leben: Der Hausbauverein beantragt beim ZHBV Darlehn in Höhe von insgesamt 680.000 Euro. Im Sommer 2006 übernehmen die Aktiven unter Leitung des zum „Major Domus“ ernannten Bbr. Peter Helmus (Unitas Rheinfranken) den Großteil der umfangreichen kompletten Entkernungsarbeiten in Eigenarbeit, 17 hochgefüllte Container verlassen den Parkplatz.

Zwei Jahre dauert es, bis die von Bbr. Otfried Jäger (Wesel) vorgelegten detaillierten Pläne zur Totalsanierung umgesetzt sind. Für alle akademischen Bauleute, die zwischenzeitlich in die Räumen der benachbarten K.d.St.V. Nordmark im CV gastfreundliche Aufnahme finden, gibt es als Studiennachweis den „Großen Abriss-Schein“, ein über 160-seitiges Bautagebuch dokumentiert die zweijährige Wühlerei und der ehemalige Patenverein Unitas Rolandia aus Münster stiftet das messingglänzende Hausschild neben die Türe. Auch die inhaltliche Arbeit hat keine Pause: Ende Mai 2007 bewirkt der auf mehreren Klausurtagungen erarbeiteter Ruhranen-Antrag bei der 130. Generalversammlung der UNITAS in Trier, dass das Thema „Europa“ dauerhaft auf die Tagesordnung aller Verbandsebenen gesetzt wird.

Im April 2008 fallen schließlich die Gerüste und die neue Gastronomie eröffnet, für die sich 30 Wirtsleute beworben haben. Am 31. Mai / 1. Juni wird das Studentenheim mit einem großen Festwochenende, Ausstellung, Abordnungen der Pfarrvereine und allen Nachbarn festlich eingeweiht, X-hc Christof Beckmann nimmt - auch im Namen aller am Hausbau Beteiligten – die Silberne Unitas-Nadel entgegen und Helmut Wiechmann feiert die Messe im Conventsaal. Die von AHV-X Jörg Lahme überreichte alte Gründungsfahne ist das Altartuch und die durch abenteuerliche Umstände erhaltene große Gedenktafel für die Gefallenen des I. Weltkriegs schmückt unter den Zwillingstürmen nun „den schönsten Kneipsaal des Verbandes“. Vom großen Interesse der Damen im Essener Unitas-Zirkel begleitet, wird im Dezember 2010 sogar ein weiterer Verein ins Leben gerufen – ein jahrelang erträumtes Lieblingsprojekt: Die Studentinnen der Unitas Franziska Christine wählen ihren Namen nach einer der wichtigsten Persönlichkeiten in der langen Liste der Fürstäbtissinnen von Essen.

2010/11: Vorort Unitas Ruhrania

Nach 20 turbulenten Jahren an den Ruhr-Hochschulen heißt es unter AHV-X Michael Schneider (Unitas-Salia) im Mai 2010 schließlich „Farbe bekennen“: In ihrem 100. Jubiläumsjahr übernimmt die Unitas Ruhrania bei der 133. Generalversammlung in Nürnberg zum zweiten Mal in ihrer Geschichte den Vorort. VOP Sebastian Sasse und das Vorortsteam widmen ihr Vorortsjahr den Bundesbrüdern Johannes Prassek und Eduard Müller, die in Lübeck am 25. Juni 2011 in Anwesenheit von Verein und Verbandsspitze seliggesprochen werden. Ein umfassendes Besuchsprogramm bei allen Vereinen und die Teilnahme bei der Erhebung von Bbr. Erzbischof Reinhard Marx zum Kardinal in Rom halten den Vorort auf Trab. Sein Vorortsjahr schließt mit den äußeren Feiern zum 100. Gründungstag, zur Wiederbegründung 1991 in Bochum und zum 20-jährigen Bestehen des Hausbauvereins am 30./31. Juli 2011. Zum Festkommers im Festsaal auf Schloss Borbeck wechselt die Verbandsstandarte an die UNITAS Franko-Saxonia Marburg. Bbr. Martin Gewiese, der als Musikpädagoge das neue Unitas-Liederbuch erarbeitet hat und als AHZ-X in Essen tatkräftig beim Hausumbau mitwirkte, wird vom Verband mit der Silbernen Unitas-Nadel ausgezeichnet. Die Festrede übernimmt Bbr. Martin Kastler MdEP (UNITAS Franko-Palatia Nürnberg), Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde. Er spricht zu einem Thema, das der UNITAS im Ruhrgebiet seit jeher besonders am Herzen liegt: In jedem Jahr erinnert sie jeweils zum Europatag mit einer eigenen Veranstaltung an Bbr. Robert Schuman, dessen Geburtstag sich just beim Jubiläum zum 125. Mal jährt. Die musikalische Gestaltung der Festmesse in St. Dionysius Borbeck übernimmt ein 80-köpfiger Chor aus den Kirchenchören der Propstei St. Clemens, der Gemeinde Herz Jesu und der Gemeinde St. Josef in Oberhausen.


Festkommers zum 125-jährigen Bestehen des Unitas-Zirkels Essen

2010-2021: Das letzte Jahrzehnt

Seitdem liegen nun zehn weitere prall gefüllte Jahre hinter Aktiven und Altherrenschaft. Viele von ihnen übernahmen Aufgaben im Vorstand, in den Beiräten für Kirche, Hochschule und Gesellschaftspolitik, in der Schriftleitung oder als Aktivenvertreter für die Region West, sie organisierten Aktiventage und beteiligten sich an den Sozialen Verbandsprojekten. Noch auf viele Jahre wird die Schuldenlast des Hauskaufs drücken, doch zur Freude von HBX-X Richie Duckheim ist das Haus jedoch durchgehend voll belegt und die Gastronomie mit ihrem Biergarten gehört inzwischen zu den besten Adressen in der Stadt.


AHB-/HDB-Tag zum 125-Jährigen des Unitas-Zirkels Essen im Franz Sales-Haus 2017

Zu den Immertreuen fanden immer wieder auch Neumitglieder, ließen sich in die Verantwortung nehmen und gestalten das Ruhranen-Leben mit, das ohne das aktive Mittun der Familien und Ehefrauen kaum vorstellbar ist. Zwar hat im Winter 2020 der Schwesterverein Unitas Franziska Christine nach 20 Semestern suspendieren müssen, doch auf der alten Ruhranen-Wurzel in Münster, dem Vermächtnis der Unitas Liudger Essen, der Unitas Robert Schuman, der Unitas Ruhr und der unitarischen Zirkel der Region sind längst viele liebgewordene Traditionen gewachsen: Die Europakommerse sind in jedem Jahr als Programmpunkte gesetzt und auch die jährliche Kneipe zum Gedächtnis an den Hl. Altfrid, Gründer von Stift und Stadt Essen, ist zur Ferienzeit im August immer wieder gerne Ziel vieler unitarischer Besucher. Das jährliche Treffen mit dem örtlichen CV-Zirkel „Kohle“ Borbeck gehört zu Maria Immaculata ebenso zum Standard wie die Feuerzangenbowle und die Neujahrsempfänge mit dem 1888 gegründeten ältesten Zirkel des Verbandes in Essen. Obwohl die Semesterprogramme derzeit nur online stattfinden: Von all dem, was die Ruhranen prägt, künden seit 2011 über 120 Videos auf dem eigenen Youtube-Kanal, aber auch Abertausende Fotos und die 2005 online gegangene Homepage der Ruhr-Unitas, die zuletzt rund 2.000 Artikel verzeichnete - sie wird im Februar 2021 völlig neu aufgesetzt.

Wenn nun im Jahr 2021, 60 Jahre nach der letzten GV in der Ruhr-Metropole, zur 144. GV in die Heimat der Unitas-Gründer nach Essen eingeladen wird, dann gilt es alles dies zu feiern. Wollen wir uns dankbar aller erinnern, die vor uns waren und die sich in verlässlicher Freundschaft und hartnäckiger Liebe zur Sache um die unitarische Idee und Gemeinschaft verdient gemacht haben!

Christof Beckmann

Literatur / Quellen:
Bbr. Bernhard Meinersmann (Warendorf): „UNITAS Ruhrania 1911 bis 1938, Geschichte und Lebensbilder“, erschienen als Teil I–V in den „Unitas”-Heften 8/52, 5/53, 2/54, 7/62 und 1/63, unter Mitarbeit von Studienrat Karl Pricking, Münster (Teil IV), damals Vorsitzender des AHV, sowie der AHAH Althoff, Gründfeld, Woltmann (Teil V), in: unitas 103. Jg. 1963, H. 1, S. 15ff.
Bbr. Helmut Führer (Münster): Die Ruhrania – 1950-1990, Manuskript 1992
Christof Beckmann: Das Bautagebuch 2006-2008, hg. vom Unitas Ruhrania Studentenheim e.V, zur Einweihung und Segnung des UNITAS-ZENTRUMS RUHR, Essen-Borbeck, am 31. Mai / 1. Juni 2008
W.K.St.V. Ruhrania, in: Unitas-Handbuch, III/177-182, IV/245
Das 50. Stiftungsfest der Unitas Ruhrania, in: UNITAS, Monatsschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine (UV), 101. Jahrgang, Juni 1961, Heft 6, 102
Conventsprotokolle 1991 ff.
Christof Beckmann: Berichte und Artikel von der Homepage www.unitas-ruhrania.org

Von der Gründung bis zum I. Weltkrieg

Die Unitas Ruhrania entstammt der stolzen Unitas-Tradition in Münster: Dort gab es mit der 1857 gegründeten Unitas Frisia, der Sugambria (1899), Winfridia (1902) und Rolandia (1910) bereits vier Unitas-Vereine, als sich erneuter Nachwuchs ankündigte. Nach der Gründung von Unitas Winfridia war es zum zweiten Mal die Unitas Sugambria, die den unitarischen Stammbaum weiter verzweigte. Den ausscheidenden Sugambern schließen sich damals Bundesbrüder von Unitas Frisia an und der neue Verein erblickt am 12. Januar 1911 das Licht der Welt - als fünftes Kind in der unitarischen Familie an der Universitas Monasteriensis. Sein Name ist Programm: Er benennt sich nach der 1847 durch Theologen von der Ruhr gegründeten alten Bonner „Ruhrania”, aus der 1853 die „Unitas” hervorging – eine bewusste Erinnerung an die Ur-Wurzel des ältesten katholischen Studentenverbands.

Die neue Ruhrania - „M5”, so das Kürzel im Verband - beweist schnell, dass sie lebenskräftig ist. Verkehrslokal wird der „Zentralhof” mit Vereinszimmer an der Rothenburg. Zum Publikationsfest im glanzvollen altstudentischen Rahmen der Wilhelminischen Ära fahren am 23.2.1911 die Chargierten der erschienenen Bundeskorporationen mit Kutschen auf – alle vier Münsteraner sind dabei, die zwei von Bonn, die von Göttingen, Berlin und Kiel sind vertreten – mit vorausreitenden Militär-Fanfarenbläsern, musikalischem Frühschoppen, Festessen im Verkehrslokal, Festmesse mit Fahnenweihe in der Martinikirche und abendlichem Festkommers im Zoo-Saal „mit zündender Papst- und Kaiser-Rede“. Den Festvortrag hält Bbr. Carl Josef Kuckhoff aus Essen.

Erster Senior der Ruhrania ist der von der holländischen Grenze des Emslandes stammende cand. phil. Engelbert Schlömer. Und die Hoffnungen für das erste Sommersemester 1911 sollen sich bald in vollem Maß erfüllen: Zu den ersten sechs Burschen und zwei Füxen stößt ein weiteres Dutzend Füxe, durch Zuzug aus dem Verband erhöht sich die Zahl der Aktiven schnell auf 20. Themen aus Religion und Wissenschaft prägen das Semesterprogramm und zeigen eine lebendige Verwirklichung der unitarischen Prinzipien. Die Aufnahme in den Verband bei der 52. Generalversammlung am 6. Juni 1911 in Fulda bleibt nicht aus und in den folgenden Semestern setzt sich das Wachstum des Vereins fort. Große Unterstützung erfahren die Bemühungen durch AH Beigeordneten Dr. Krüsmann, de facto „Ehrensenior” des Vereins. Zum Ende des zweiten Semesters zählt die Ruhrania 29 Studierende und einen Alten Herrn. Neben den Prinzipien und der gesellschaftlichen Schulung pflegt man jetzt auch den Sport: Mit einer Bootshauskasse entstehen Pläne für ein eigenes Bootshaus - als „Keilmittel” gerade in Münster wichtig. Seitdem dort die katholischen Korporationen Rudersport betrieben, gingen die anderen Verbände stark zurück: 1908 gab es neben 14 katholischen 13 andere Korporationen, 1912 betrug das Verhältnis 16 : 8.

Im WS 1912/13 führt Ruhrania bereits den Vorsitz im Gesamtausschuss aller Münsterischen Studentenkorporationen. Höhepunkt in jedem Programm ist das Vereinsfest, das die Münsteraner Vereinen gemeinsam begehen. Aber auch die Teilnahme an der „Großen Prozession” und viele Mitgliedschaften in der Congregatio Mariana Academica zeugen vom echt religiösen Leben. Den regelmäßigen wöchentlichen wissenschaftlichen Sitzungen folgt nach damaliger Sitte eine „Kneipe”, die Vorträge wechseln in bunter Mischung aus den verschiedensten Fachgebieten. Freundschaftlich ist das Verhältnis zu den Bundesvereinen: Nach eigenen Veranstaltungen besucht man oft die Frisia im Hansahof, die Sugambria an der Hammer-Straße, Winfridia in der Kaiser-Friedrich-Halle oder die Burgundia im Gesellschaftshaus „Union”. Amicitia im Sinne sozialer Arbeit wird im Rahmen des von Carl Sonnenschein gegründeten SSS (Sekretariat Sozialer Studentenarbeit) praktisch verwirklicht.

Turnen, Tennis, Schwimmen, Rudern beim Ruderverein Münster und Kegel-Nachmittage vor dem Neubrückentor werden großgeschrieben, man lockt mit Maifeiern, Kaiser-Jubiläum mit Kommers, regelmäßigen wissenschaftlichen Vorträgen, einem Tanzkurs, mit Gesellschaftsabenden im „Neuen Krug”, Ausflügen nach Hiltrup oder Mecklenbeck. Im siebten Semester ist die Mitgliederzahl im Sommer 1914 bereits auf 40 gewachsen, Ruhrania hat den Vorsitz im UV Münster. Die Füxe schenken der Korporation prächtige Schabracken mit Zubehör, so dass die Korporation bei Auffahrten mit Pferdekutschen ordentlich „Furore” machen kann - all dies zeugt von schönster Studentenromantik. Doch als man sich auch schon in der Unitas auf den für Münster vorgesehenen Deutschen Katholikentag vorbereitet, zieht gegen Ende des SS 1914 das Gewitter des Ersten Weltkrieges auf.

1914–1919: Die Kriegszeit

Am 28. Juni 1914 fallen die Schüsse von Sarajewo. Wie ihre Alten Herren treten auch die studierenden Ruhranen großenteils kriegsfreiwillig unter die Fahnen. Die Abgänge werden zunächst noch wettgemacht: Zu den 40 Mitgliedern des SS 1914 kommen im WS 14/15 zehn Neofüxe. Im Dezember 1914 gibt es noch 20 ortsanwesende Studenten, zwei sind bereits gefallen. Dem Ernst der Zeit entsprechend verzichtet man auf Kneipen und hält nur wissenschaftliche Sitzungen, Exkneipen und Konvente. Weil das Vereinslokal vom Militär beschlagnahmt ist, müssen die Vereinsabende auf den „Buden” einzelner Mitglieder stattfinden. Zahlreiche „Liebesgaben”, besonders Lesestoff, werden den Mitgliedern ins Feld geschickt.

Im Sommer 1915 ist das Vereinsleben durch weitere Einberufungen fast ganz lahmgelegt. Die „Kriegsnachrichten der Ruhrania” vom Juni berichten: „Wir sind zu 6 (sechs!) Mann hier“ - aber auch diese Zahl sollte sich bald lichten. Dafür entwickelt sich unitarisches Leben jetzt im Feld: Berichte über „Unitarisches Leben im Schützengraben vor Reims” zeigen, dass auch dort das Vereinsfest mit Kommunion im Feldgottesdienst und Morgensitzung gefeiert wird. Die für alle Mitglieder regelmäßig gedruckten Kriegsnachrichten vermelden zahlreiche Auszeichnungen, das Eiserne Kreuz I. Klasse oder Beförderungen bis zum Leutnant (Zugführer, Kompanieführer, Adjutant). Doch immer mehr vermelden sie auch, dass ein Mitglied gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft geraten ist. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Opfer fordert er: In Ypern, vor Verdun, in Russland, in der Somme-Schlacht, an der Marne. 17 Vereinsbrüder fallen oder gelten als vermisst. Jetzt werden auch die neu gewonnenen Füxe zum Militär einberufen.

Seit 1916 finden nur noch gelegentliche Exkneipen, Sonntagsspaziergänge, Zusammenkünfte des „UV Münster” statt, an den Vereinsfest nehmen auch feldgraue Vereinsbrüder auf Heimaturlaub teil. Nach dem Vereinsbericht vom Dezember 1915 sind von 38 Mitgliedern 32 „unter den Fahnen” und noch drei „Zivilisten” ortsanwesend, im April 1917 sind 29 von 33 beim Militär und fast sämtliche Mitglieder durch Einberufung in alle Winde zerstreut. Nun ergreifen einige Alte Herren die Initiative: Mitten in den Kämpfen in Flandern beschließen sie die Gründung eines Altherrenvereins, um die junge Korporation zusammenzuhalten. 15 Mann zählt der Kreis. Der im „Kriegsgedenkblatt” abgedruckten „Satzungsentwurf” vertagt die offizielle Approbation auf eine Generalversammlung „spätestens ein Jahr nach Friedensschluss“.

1919–1930: Die Nachkriegsjahre

Als man im Februar 1919 daran geht, die Ruhrania wieder aufleben zu lassen, bietet der neue Altherrenverein einen starken Rückhalt. Noch ist mancher der 27 Mitglieder auf der Liste in Gefangenschaft oder im Lazarett, die meisten „Vorkriegssemester” überhaupt fehlen. Ganze sechs Mann versammeln sich zum ersten Konvent am 6. Februar 1919. Doch schon im 1. Zwischensemester 1919 können mehr als ein gutes Dutzend Füchse gewonnen werden, der Verein findet eine Bleibe in der „Kreuzschanze”. Die Chargen arbeiten im ASTA und vor allem im Münsterschen UV mit, dessen Vorsitz bald der Ruhrania zufallen soll. Das zweite Nachkriegssemester im Sommer verstärkt den Verein durch 11 Neofüxe - trotz Abgängen ist jetzt die Mitgliederzahl größer als bei Beginn des Krieges. Neues Vereinslokal wird der „Deutsche Kaiser” in der Jüdefelder Straße.

1920 zählt die Ruhrania 58 Mitglieder – darunter 20 Auswärtige – und ist nach innen und außen gefestigt. Der Zusammenhalt verstärkt sich noch, als das Semester im März durch die politischen Wirren jäh abbricht: Eine „Akademische Wehr” alter Soldaten wird zusammengestellt und rückt an der Seite der Reichswehr zum Feldzug gegen die „Spartakisten” aus. Eine fast nur aus Ruhranen bestehende Wache im Bahnwärterhäuschen von Mecklenbeck an der Straße nach Dülmen soll für eine Nacht die einzige Sicherung Münsters nach Südwesten gewesen sein. Für sie geht in den Kar- und Ostertagen der Marsch über Ottmarsbocholt, Lüdinghausen und Selm ins Ruhrgebiet - alle kehren wohlbehalten zurück. Mit dem Sommer 1920 beginnt für Ruhrania eine ungestörte Blütezeit bis zum Sommer 1923.

Man zieht nach „Timpte“ zur Münzstraße um, die Mitgliederzahl hält sich bei 45 bis 50. 1921 stößt Bbr. Hermann Wulle zum Verein und sein Elternhaus mit der Buchhandlung an dem zur Dompfarre gehörenden „Spiegelturm” wird zur Zentrale der Ruhrania und des Münsterschen UV - bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Er ist auch am wohl wichtigsten Ereignis der Zeit maßgeblich beteiligt: Dem Bau eines eigenen Ruhranen-Bootshauses an der Werse östlich von Münster, für das schließlich ein Grundstück bei „Nobiskrug” erworben werden kann. Der Bau wird in Eigenarbeit aufgeführt und am 29. Juli 1922 eingeweiht. Ständig gibt es nun hier viel zu tun: Als das Bootshaus 1923 mit zwei Booten, der „Ruhrnixe” und der „Rheinnymphe” ausgestattet ist, wird es immer stärker zum Anziehungspunkt für alle Ruhranen und ihre Damen, die viel zur gemütlichen Gestaltung des „Heimes” beitragen.

1924 – 1930: Fruchtbare Semester

Die Schuldenlast wirkt sich für das Vereinsleben zunächst kritisch aus, die Mitgliederzahl sinkt auf 37. Auch im Verhältnis zwischen Alten Herren und Aktiven treten Probleme auf. Es geht vor allem um die Frage studentischer Formen - ein Thema, das die „feudalen“ Ruhranen immer wieder begleitet. Nach hitzigen Auseinandersetzungen und zahllosen Konventen stellt sich die Mehrheit der Aktiven auf die Seite der altstudentischen Tradition. 17 neue Mitglieder können gewonnen werden, Fahrten zum Benediktinerkloster in Gerleve und anspruchsvolle Semesterprogramme bewirken die Wende. Auch einige Theologen des Collegium Borromaeum treten ein.

Wichtig bleibt der gemeinsame Sport, Turnen und Schwimmen: Ein Ruhrane wird als erster von zwei Vertretern zum Universitäts-Wett-Turnen nach Halle entsandt, eine eigene Handballmannschaft erringt beachtliche Erfolge und für ihre Arbeiten erreichen eine Reihe von Mitgliedern wissenschaftliche Preise. Im Sommer 1925 beläuft sich die Zahl der ortsanwesenden Ruhranen auf 32 - trotz zahlreicher Philistrierungen. Das Vereinslokal, 1924/25 schon von „Appels” zum „Coerdehof” und etwa ein Jahr später nach „Köchling“ verlegt, wird „Haus Hülsmann“ an der Überwasserkirche. Der häufigen Wechsel lässt bereits den Gedanken an den Bau oder Erwerb eines eigenen Hauses aufkommen. Die Statistik im Winter 1927/28 weist nach Fakultäten über 60 Mitglieder aus (theol. 18, jur. und rer. pol. 15, med. (dent.) 2, phil. 13, math. 12, rer. merc. 2). Anfang 1930 wird mit Dr. Freiburg-Rüter ein Ruhrane Gründungssenior der neuen Unitas in Greifswald und die Korporation schaut mit 66 Mitgliedern (10 aktive Burschen, 16 Neufüchse) getrost in die Zukunft. Sinnbild dafür wird die damals vom AHV gestiftete Fahne.