VATIKANSTADT. Papst Benedikt XVI. erwartet von der EU-Präsidentschaft der Tschechischen Republik ab Januar 2009 klare Ziele und entschiedenen Einsatz für wirtschaftlichen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit auf dem Kontinent. Allerdings ließen sich menschliches Wohlergehen und Zufriedenheit nicht allein durch Strukturen verwirklichen, so Papst Benedikt am Samstag beim Antrittsbesuch des neuen Botschafters der Tschechischen Republik beim Heiligen Stuhl, Pavel Vošalic. Vielmehr setze eine menschenwürdige Kultur eine harmonische Zusammenarbeit von Familien, kirchlichen Gemeinschaften, Schulen, Wirtschaft und Regierungsinstitutionen voraus. Ausdrücklich ging er in seiner Rede auf das strittige Thema des seit Jahren andauernden Streits um verstaatlichten Kirchenbesitz in der Tschechischen Republik ein.

 

Das Problem müsse „fair und ehrlich gelöst“ werden, erklärte Papst Benedikt laut Bericht von Radio Vatikan vom 27. September. Letztlich profitiere die ganze Gesellschaft davon, wenn die Kirche eine Eigenverantwortung über die materiellen und geistigen Güter habe, die sie für ihren Dienst brauche, unterstrich der Papst. Wahrzeichen wie die Prager Kathedrale seien lebendige Zeugnisse des vielfältigen kulturellen und religiösen Erbes des Landes und stünden für ein harmonisches Miteinander von Kirche und Staat. Er hoffe, dass die noch offenen Fragen bald in den zuständigen Sonderkommissionen geklärt würden. Dazu gehöre auch die Zukunft der Kathedrale von Prag, die ein «lebendiges Zeugnis für das kulturelle und religiöse Erbes des Landes» sei, und die die Kirche seit geraumer Zeit zurückfordert.

2008: Wenzel-Gedenkjahr

Der tschechische Kardinal Bbr. Miloslav Vlk, seit 16 Jahren Erzbischof von Prag, hatte das laufende Jahr zum „Wenzel-Gedenkjahr“ ausgerufen. Das am 16. Januar 2008 mit einem Gottesdienst aller teschechischen Bischöfe im Prager Veitsdom eröffnete kirchliche Jubiläumsjahr gilt dem heiligen Wenzel (Vaclav), dessen sterbliche Überreste in der Wenzelskapelle des von Kaiser Karl IV. 1344 begonnenen Doms beigesetzt sind. In unmittelbarer Nähe des vor 1100 Jahren geborenen Fürsten und Landespatrons werden die böhmischen Reichsinsignien aufbewahrt. Nach seiner frühen Ermordung wurde der Herrscher aus dem Geschlecht der Premysliden zum böhmischen und tschechischen Nationalheiligen. Bbr. Kardinal Vlk, der im Juni den 40. Jahrestag seiner Priesterweihe beging, erklärte, Wenzel sei zu einem Symbol der Einheit des tschechischen Volkes geworden und ein Aufruf auch für heute. Ausdrücklich stellte er das Jubiläum in den Rahmen der „Achter-Gedenkjahre“, die 2008 in der Tschechischen Republik große Relevanz haben. Dazu gehören die Revolution von 1848,die Republik-Gründung 1918,das sogenannte Münchner Diktat von 1938 und der Prager Frühling 1968.

 

Das Gedenkjahr hat eine besondere Bedeutung auf dem Hintergrund andauernder Spannungen zwischen Staat und Kirche in der Tschechischen Republik: Nach Medienberichten, in denen Priester beschuldigt worden waren, in der Zeit des Kommunismus mit dem Sicherheitsdienst  zusammengearbeitet zu haben, wiesen die Bischöfe Anfang Februar 2007 darauf hin, dass die katholische Kirche in besonderem Maße Opfer des kommunistischen Regimes gewesen sei. Im Gegensatz zu anderen Gruppen in der Gesellschaft habe die Kirche sehr früh mit der Aufarbeitung von Fallen der Kollaboration von Priestern mit dem kommunistischen Staatssicherheitsdienst begonnen, bekräftigten die Hirten. Dagegen saßen die „Fortsetzer“ der Verfolgung aus der Kommunistischen Partei sogar heute noch „ohne jeden Skrupel und ohne jeden Einspruch der Öffentlichkeit“ im tschechischen Parlament, andere bekleideten verschiedene Ämter.

Bbr. Miloslav Kardinal Vlk, der selbst wahrend der kommunistischen Herrschaft im Untergrund lebte, dazu auf, die Dokumente aus den Archiven des kommunistischen Geheimdienstes nicht zu missbrauchen. Der 74-jährige damalige Vorsitzende der Europäischen Bischofskonferenz hatte zu Jahresbeginn 2007 anlässlich des Rücktritts des Warschauer Erzbischofs Stanislaw darauf hingewiesen, dass die Kirche in der ehemaligen CSSR größeren Druck ausgesetzt gewesen sei als etwa die Kirche im kommunistischen Polen. Das Ehrenmitglied des UNITAS-Verbandes kritisierte die „Besorgnis erregende Manipulation“ der Aufzeichnungen aus den Jahren der kommunistischen Herrschaft, wie sie gegenwärtig in verschiedenen osteuropäischen Staaten betrieben werde. Er zeigte sich davon überzeugt, dass die Angelegenheit der Kollaboration von Priestern mit dem kommunistischen Regime von den Medien hochgespielt worden sei; eine ganze Reihe von Berichten kommunistischer Spitzel sei veröffentlicht worden, um von der eigenen Verantwortung abzulenken. 
 

Prager Veitsdom: Symbol für Staat und Kirche

Im Frühjahr 2007 fand der jahrelanger Rechtsstreit zwischen Staat und Kirche um den als nationales Symbol geltenden Prager Veitsdom ein vorläufiges Ende. Das Prager Wahrzeichen ging am 16. April wieder in die Hände des Staates über. Damit kam die Kirche einem Urteil des Obersten Gerichts nach, das die Kathedrale im Februar dem Staat zugesprochen hatte. Die Prager Erzdiözese legte gegen das Urteil Einspruch ein. Fast 14 Jahre dauerte seinerzeit das unwürdige Gezerre um den Veitsdom auf dem Areal der Prager Burg, dem heutigen Sitz des tschechischen Staatspräsidenten, bereits an. Der Sakralbau gilt als Symbol für die einstige Verflechtung von Staat und Kirche, ist Grabstätte der böhmischen Könige, mehrerer Heiliger und war von den Kommunisten 1954 verstaatlicht worden. Ihre Begründung: Er gehöre „dem ganzen tschechoslowakischen Volk“ - bis heute sehen viele Tschechen in der imposanten Kathedrale eher ein nationales denn ein kirchliches Symbol.  

Bbr. Kardinal Vlk im Kreuzfeuer

„Die heiligen Mauern werden wir zurückgeben, aber die Innenausstattung nicht. Die gehört unstrittig der Kirche“, erklärte Bbr. Vlk. Mit dieser Haltung geriet er in der Öffentlichkeit immer weiter in die Kritik. „Vlk weigert sich, den Veitsdom zurückzugeben“, titelten die Zeitungen. In einer Umfrage gaben 56 Prozent an, dass sie die Kirche für „keine nützliche Institution“ hielten. Ebenso viele sprachen sich gegen die Rückgabe von Kircheneigentum aus. Ein Ergebnis langer atheistischer Prägung: Auch 17 Jahre nach der Wende haben Kirche und Staat zu keinem einvernehmlichen Verhältnis gefunden. Das spiegeln auch die Auseinandersetzungen um ein Kirchengesetz und um den immer noch ausstehenden Staatsvertrag mit dem Vatikan. „Der Kommunismus ist zwar 1989 gestürzt worden, aber er steckt trotzdem noch in den Köpfen der Menschen“, so Kardinal Miloslav Vlk. Das verdorbene Verhältnis zur Kirche werde durch viele Politiker bis heute genährt. Kommentatoren schrieben gar, der Prager Erzbischof wolle die „Spielregeln des Rechtsstaates“ nicht anerkennen.

 

Rund 1,5 Millionen Besucher zählt Prags größtes Gotteshaus im Jahr. Allein durch die Eintrittstickets werden pro Jahr schätzungsweise bis zu drei Millionen Euro eingenommen - deutlich mehr als die Deckung der Betriebs- und Renovierungskosten. Daran, dass irgendwann mal der Veitsdom der Kirche zugesprochen werden wird, zweifelte Vlk 2007 nicht. Zur Not werde man die Causa vor den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof bringen. Dem Obersten Gericht seines Landes warf er vor, die „alten kommunistischen Argumente zu verwenden. Kein Wunder, der zuständige Richter sei KP-Mitglied gewesen, so Vlk, der selbst als junger Priester vom kommunistischen Regime mit Berufsverbot belegt und zur Arbeit als Fensterputzer gezwungen worden war. 

A
uf eventuelle weitere Enttauschungen sei er gut vorbereitet, meinte er und räumte ein, dass er „vom ewigen Hin und Her müde“ sei und gern bald in Pension gehen werde. Mitte April 2007 - kurz vor seinem 75. Geburtstag - bot er dem Papst seinen Rücktritt an. Doch mit einem baldigen Ruhestand rechnete Vlk nicht: „Ich bin Realist. Schließlich ist es Usus, dass der Papst um zwei, drei Jahre Verlängerung bittet.“ Kardinal Vlk ist seit 1991 Ehrenmitglied des UNITAS-Verbandes und war von 1993 bis 2001 Vorsitzender der Europäischen Bischofskonferenz (CCEE).




Veröffentlicht am: 16:12:35 27.09.2008
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