Im Interview: Bbr. Dr. Rudolf Seiters

Mit den letzten Bundestagswahlen ist Bbr. Dr. Rudolf Seiters aus der aktiven Politik ausgeschieden. Für neun Legislaturperioden war er von seinem Wahlkreis Unterems in den Deutschen Bundestag gewählt worden - so lange wie kein anderer hat er in Bonn und Berlin die deutsche Politik als Abgeordneter miterlebt und in vielen Funktionen mitgestaltet. Am Rande des 100. Stiftungsfestes der UNITAS Winfridia in Münster, bei dem er den Festvortrag über Joseph Kardinal Höffner hielt, nutzten wir die Gelegenheit zu einem Gespräch über Vorbilder und christlich-soziale Verantwortung in der Politik.

 

Wie hast Du den Weg in die Politik gefunden und wer zählte zu den Leitfiguren, die diesen Weg mitbestimmt haben?

 

„Ich war am Ende des Krieges sieben Jahre alt, meine Eltern haben mich christlich erzogen, hatten Zentrum gewählt und nach dem Kriege ging es um die Frage, wie orientieren wir uns politisch neu. Angesichts der Erfahrungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches, der Verfolgung von Christen aller Konfessionen war für meine Eltern eigentlich ganz klar: Die CDU war ihre politische Heimat - und ich war davon später auch überzeugt. Konrad Adenauer verwirklichte und repräsentierte diese Ideen aus meiner Sicht sehr gut, außerdem haben mich seine Ziele, nämlich die deutsch-französische Aussöhnung und die Partnerschaft mit Israel motiviert. Ludwig Windthorst, mit dessen Vita ich mich sehr beschäftigt habe, wurde nur wenige Kilometer von meinem Elternhaus in Osterkappeln geboren. Auch Adolf Kolping muss man in diesem Zusammenhang nennen und im Studium war es eben auch Josef Kardinal Höffner.“

 

Welche Prinzipien sind es, mit denen sich „Staat“ machen lässt - worauf ist er begründet?

 

„Bundespräsident Karl Carstens hat in seiner Abschiedsrede im deutschen Bundestag einmal formuliert, der demokratische Rechtsstaat in Deutschland werde dann ein Zukunft haben, wenn er drei ganz einfache Wahrheiten berücksichtigt: Wer frei ist, trägt Verantwortung. Wer Rechte hat, hat auch Pflichten. Und wer Ansprüche stellt vor allem an den Staat -, muss auch bereit sein, Leistungen zu erbringen. Das drückt im Grunde die Prinzipien der christlichen Soziallehre von Solidarität und Subsidiarität sehr gut aus. Die gegenwärtige, mit der demografischen Entwicklung zusammenhängende Renten- und Gesundheitsdiskussion zeigt, dass wir zwar auf der einen Seite Solidarität mit denen üben müssen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können, aber dass wir auf der anderen Seite auch alles tun müssen, um die Eigeninitiative, die Eigenverantwortung und die persönliche Gestaltungskraft der Menschen zu stärken.“

 

Was fehlt der heutigen Politik - in Zeiten einer offensichtlich greifbaren Krise des Vertrauens in Institutionen und die Zukunft?

 

„Ich will nicht in die Tagespolitik abschweifen. Aber es hat selten eine Regierung gegeben, bei der die Handhabung der politischen Führung bei Umfragen unter den Bürgern die Werte für Glaubwürdigkeit, Problemlösungsfähigkeit und Gemeinwohlorientierung von Politikern so kontinuierlich haben sinken lassen. Speziell bei der gegenwärtigen Bundesregierung können viele Bürger nicht erkennen, welchen Kornpass sie hat und welche Perspektiven sie den Menschen aufzeigt, die ja durchaus bereit wären, Opfer zu bringen, wenn das Vorbild, die Perspektive und die Führung erkennbar wären. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir die Probleme unseres nach wie vor starken Landes mit einer gefestigten Demokratie lösen können, wenn wir die Rolle des Staates, der Gemeinschaft und des Individuums aus christlich-sozialer Einstellung richtig definieren und danach handeln.“

 

... liegt hier auch eine besondere Verpflichtung der Kirchen, sich in die politischen Diskussionen einzuschalten?

 

„... die Kirche kann nicht bestimmen, was die Politik macht, der Staat kann nicht vorgeben, was die Kirche zu tun hat. Aber der Dialog zwischen Kirche und Staat ist unabdingbar notwendig, und das Wort der Kirchen hat nach wie vor Gewicht, wenn es gilt, für eine Politik aus christlicher Verantwortung einzutreten, für den Schutz des Lebens, für seine Unverfügbarkeit in allen Phasen der menschlichen Entwicklung, für den Vorrang der Familie, für Frieden und Gerechtigkeit im nationalen wie im internationalen Bereich.“

 

Zurück zu persönlichen Vorbildern wer hat dieses Ziel Deiner Meinung nach besonders verkörpert?

 

„In meinem Büro hängt seit 1969 ein Porträt von Herrmann Ehlers. Er war evangelischer Christ, Oberkirchenrat aus Oldenburg, ein sehr glaubwürdiger Mann, grundsatztreu und gleichzeitig pragmatisch. Robert Schuman steht mir natürlich nahe als Mitglied des UNITAS-Verbandes, als überzeugter Europäer und als Mann der deutschfranzösischen Aussöhnung. Er hat unglaublich viel geleistet für das, was wir in Europa gegenwärtig erleben: Das Zusammenwachsen Europas als ein Friedenswerk. Er hatte Visionen, was man nicht von allen Politikern heute sagen kann. Diese Visionen sind alle Realität geworden, und es ist völlig richtig, dass man heute seine politische und gesellschaftspolitische Arbeit würdigt. Auch in seinem Seligsprechungsprozess - denn er ist ein Vorbild, nicht im engeren kirchlichen Bereich, wohl aber in der Politik bei seinem erfolgreichen und segensreichen Eintreten für christliche Prinzipien.“

 

Gibt es ein Glaubenswort, das Dir selbst viel bedeutet, nach dem Du Dich selbst ausrichtest?


„An Gottes Segen ist alles gelegen.“

 

Vielen Dank für das Gespräch.




Interview: Dr. Christof Beckmann

 

aus: unitas 1/2003, Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen katholischen Studentenvereine UNITAS, 143. Jahrgang, S. 14



Veröffentlicht am: 10:11:48 14.03.2003
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