MÜNCHEN. Mehrfach angekündigt, kommt es nun am 5. November endlich in den Buchhandel: Das neue Buch des Münchner Erzbischofs Bbr. Reinhard Marx «Das Kapital. Ein Plädoyer für den Menschen». Nach Angaben des Pattloch-Verlags wird es am 29. Oktober in München vorgestellt.

 

In bewusster Anknüpfung an das Hauptwerk von Karl Marx (1818-1883), doch zugleich in Abgrenzung zu seinem Namensvetter, will der frühere Professor für Sozialethik in Paderborn und Leiter der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen in der Deutschen Bischofskonferenz angesichts der aktuellen Finanzkrise die Grundaussagen der katholischen Soziallehre wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken. In seinem 300-seitigen Werk entwirft er eine Vision sozialer Gerechtigkeit für die Welt von heute. „Ein Kapitalismus ohne Menschlichkeit, Solidarität und Gerechtigkeit hat keine Moral und auch keine Zukunft“, zitiert ihn der Verlag auf der Banderole. Und in einer Kurzsurvey heißt es bei Pattloch: „Die wirtschaftliche Globalisierung wird von vielen Menschen als existentielle Bedrohung erfahren. Die internationale Finanzmarktkrise zeigt, wie stark anonymes Kapital unser Schicksal bestimmt. Banken und Fonds verspekulieren Milliarden, die Zeche zahlen andere. Viele rufen nach sozialer Gerechtigkeit. Was damit gemeint ist, darüber herrscht keine völlige Einigkeit. Auch die Thesen von Karl Marx werden in dieser Debatte genannt und allzu häufig verklärt. Es läuft heute auf die Frage hinaus: Dient das Kapital noch dem Menschen oder dient der Mensch nur noch dem Kapital?

 

Hier erörtere der Autor „aus christlicher Verantwortung …, wie es Gerechtigkeit, Freiheit und Solidarität geben kann in einer Welt, in der die Macht des Geldes scheinbar grenzenlos ist“. Ein Kapitalismus, der diese Werte ausblendet, hat für den Erzbischof keine Moral und keine Zukunft. Nicht nur die Menschen brauchten Kapital, sondern das Kapital und der Markt brauchten auch die Menschen. „Das System der Sozialen Marktwirtschaft liegt klar im Vorteil, sowohl gegenüber einem „primitiven Kapitalismus“ als auch gegenüber einem verklärenden Marxismus. Erzbischof Marx mischt sich deshalb ein, widerspricht im Namen des Menschen und aus christlicher Verantwortung: Die Globalisierung der Märkte muss durch eine Globalisierung von Solidarität und Gerechtigkeit ergänzt werden. Ein Kapitalismus ohne Rahmenordnung schädigt das Gemeinwohl. Das ist nicht nur eine Frage der Moral, sondern eine klare ökonomische Erkenntnis, die auch durch Erfahrung überprüfbar ist. Ähnlich der nationalstaatlichen Rahmenordnung, brauchen wir eine weltweite Regelung für Finanzströme, Arbeitnehmerrechte und das wirtschaftliche Verhalten. Für weltweite Solidarität und Gerechtigkeit zu arbeiten, ist ein Auftrag für die Politik, aber auch für jeden, der am wirtschaftlichen Geschehen beteiligt ist. Und das sind letztlich alle.“

 

Seine Analyse sei glasklar, so die Verlagsankündigung: „Nie triumphierte das Kapital schamloser als heute. Der Zwang zu immer höheren Renditen, auf die internationale Finanzgeber die Wirtschaftslenker verpflichten, und die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer scheinen eine unumkehrbare Entwicklung zu sein. Im Gewand der Globalisierung steuert anonymes Geld unsere Gesellschaft. Ganze Erwerbszweige werden zerstört; die Menschen verlieren von heute auf morgen ihren Arbeitsplatz; die Armen werden ärmer und die Reichen immer reicher.“ Dagegen formuliere der Sozialbischof der Katholischen Kirche eine neue Kultur der Solidarität. Kein Thema ist so brisant wie das Thema Gerechtigkeit – ob es um Mindestlöhne, Renten oder Arbeitsplätze. 

Kämpferischer und unkonventioneller Denker

Viele Bundesbrüder haben Reinhard Marx bei vielen Gelegenheiten in der Tat als kämpferischen und unkonventionellen Denker und Redner kennengelernt. Dabei schöpft er zunächst ganz aus der revolutionären Kraft des christlichen Glaubens – der Hauptquelle seiner Argumente. Aber auch die langjährige Beschäftigung mit der Katholischen Soziallehre und der Christlichen Gesellschaftslehre in seinen Studienjahren in Paderborn, Paris, Münster und Bochum wird der jetzt erscheinenden, ausdrücklich als „Streitschrift“ apostrophierten Arbeit anzumerken sein. Vor genau 20 Jahren war er an der Katholisch-Theologischen Fakultät bei dem Fundamentaltheologen Prof. Dr. Hermann Pottmeyer mit der Arbeit „Ist Kirche anders ? − Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“ promoviert worden.

Schon als Bischof von Trier hatte er immer wieder über die Namensgleichheit mit dem dort gebürtigen Karl Marx scherzen können. Was nun sein lange vorbereitetes Werk angeht, das sich in der äußeren Aufmachung an die blauen, goldgeprägten Bände seines Namensvetters und Haupttheoretikers des Kommunismus anlehnt, vor allem aber in die aktuellsten Fragen der Zeit passt, darf man sicher sagen: Man muss gespannt sein.

CB

 

Reinhard Marx: Das Kapital. Eine Streitschrift. 320 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-629-02155-7, Euro 19,95, ERSCHEINUNGSTERMIN: 05.11.2008.

 

 

Zum Autor:

Reinhard Marx, geboren am 21. September 1953 in Geseke, Kreis Lippstadt/Nordrhein-Westfalen, wuchs mit drei Geschwistern auf. Von Papst Johannes XXIII. sind sein Denken und Glauben nachhaltig beeinflusst, auch von Augustinus, Thomas von Aquin, Franz von Assisi und Ignatius von Loyola. Nach dem Abitur 1972 studierte er Theologie und Philosophie in Paderborn und Paris. 1979 Priesterweihe, zwei Jahre Vikar in Arolsen, 1981-1989 Zweitstudium an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und an der Ruhr-Universität Bochum. Promotion 1988 an der Katholisch-Theologischen Fakultät bei dem Fundamentaltheologen Professor Dr. Hermann Pottmeyer mit der Arbeit „Ist Kirche anders? − Möglichkeiten und Grenzen einer soziologischen Betrachtungsweise“. 1989 Geistlicher Rektor und Direktor der St.-Klemens-Kommende in Dortmund-Brackel, des Sozialinstituts der Erzdiözese Paderborn, beauftragt mit der Seelsorge in der Berufs- und Arbeitswelt. 1996 Berufung zum außerordentlichen Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Theologischen Fakultät der Universität Paderborn. 1996 ernannte Papst Johannes Paul II. ihn zum Titularbischof von Pedena und zum Weihbischof im Erzbistum Paderborn. Bischofsweihe am 21. September 1996 durch Erzbischof Degenhardt im Hohen Dom zu Paderborn und Ernennung zum Bischofsvikar für Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft. Ab 1999 Vorsitzender der von der Deutschen Bischofskonferenz und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken gemeinsam getragenen Kommission „Justitia et Pax“ (Gerechtigkeit und Frieden). 2001 Aufnahme in das Paderborner Metropolitankapitel und Ernennung durch Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Trier, wo er zu Ostern, am 1. April 2002, im Dom in sein Amt eingeführt wurde. Zu seinem bischöflichen Wahlspruch wählte er „Ubi spiritus Domini ibi libertas – Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“, ein Wort aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde von Korinth. Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen, Stellvertretender Vorsitzender der Kommission Weltkirche. 2007 von Papst Benedikt XVI. zum Erzbischof von München und Freising ernannt, Einführung als 73. Nachfolger des Heiligen Korbinian am 2. Februar 2008 im Münchner Liebfrauendom als erster Nicht-Bayer auf dem neben Köln bedeutendsten Bischofsstuhl in Deutschland.

 

1975 hatte sich Reinhard Marx in Paderborn dem Wissenschaftlichen katholischen Studentenverein UNITAS Hathumar angeschlossen. Mit der Fortsetzung des Studiums 1981-1989 in Münster und Bochum war er bei UNITAS Frisia und Winfridia aktiv, bei der er auch philistriert wurde. Der Festredner beim Wiederbegründungsfest stand auch der jungen UNITAS Ruhrania Bochum - Duisburg-Essen - Dortmund Anfang der 1990er Jahre tatkräftig und ermunternd zur Seite.

 

Buchhinweis:

Martin Lohmann: Mensch Marx. Der Münchner Erzbischof im Porträt. 192 Seiten, mit einigen s/w-Fotos, gebunden, Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2008, 14,95 Euro, ISBN 978-3-451-29896-7. Mehr.

 

Weitere Links:

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Veröffentlicht am: 11:55:07 14.10.2008
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