Bild links: Im Kreuzgang der Essener Münsterkirche: Bischof Dr. Felix Genn (r.) begrüßte den Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider (l.), und den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Dr. Hans-Gert Pöttering (Mitte).

ESSEN, 25.2.2009. Die Europäische Union (EU) sei nicht nur eine geographische oder wirtschaftliche, sondern „im Kern eine Wertegemeinschaft“, betonte der Präsident des Europäischen Parlamentes, Dr. Hans-Gert Pöttering am Mittwoch beim Sozialpolitischen Aschermittwoch der Kirchen im Essener Dom: „Die Würde des Menschen muss immer Maßstab allen Handelns sein“. Aus diesem Selbstverständnis entspringen – so der Parlamentspräsident – „Menschenrechte, Demokratie, Freiheit und Frieden genauso wie die christlichen Prinzipien von Gerechtigkeit und Solidarität“. Europa sei eine „Werte-Union“, die auf Menschenwürde, Demokratie, Rechtsordnung und Freiheit setze: „Darum beneidet uns die Welt“.

 

Europa – eine Wertegemeinschaft

 

In seinem Vortrag zum Thema „Europa als Wertegemeinschaft – Die europäische Perspektive, Werte, Politik, Wirtschaft“ skizzierte Pöttering, der seit 1979 dem Europäischen Parlament angehört, die Entwicklung von den Römischen Verträgen 1957 bis zur heute 27 Länder und 500 Millionen Menschen umfassenden Europäischen Union. In der Osterweiterung der EU zeige sich, „dass sich das christliche Menschenbild gegen den totalitären Kommunismus durchgesetzt hat“, erklärte Pöttering. Er bedauerte, dass es nicht gelungen sei, den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung zu verankern. „Doch wir sollten uns als Christen immer für unsere Prinzipien und Wertvorstellungen einsetzen, ob es in der Verfassung steht oder nicht“, unterstrich der Politiker. Europäer dürften nicht schweigen, wenn Menschenrechte und die Würde des Menschen verletzt würden. „Wir müssen uns öffnen für die Menschen in Europa und in der Welt, die noch keine Chance haben, in Freiheit zu leben“, so Pöttering. Hier nannte er Tibet genauso wie die Christen im Sudan und die Notwendigkeit einer Friedensregelung im Nahen Osten. Soeben von einem Aufenthalt im Gaza-Streifen und Israel zurückgekehrt betonte er das „Recht auf Frieden“, und zwar auf beiden Seiten. „Die Würde der Menschen ist gleich, sowohl die der Israelis als auch die der Palästinenser“, unterstrich der Parlamentspräsident. Der Friedensprozess müsse weitergehen.

 

Dialog der Kulturen angemahnt


Nachdrücklich forderte Pöttering einen Dialog der Kulturen. „Unsere Zukunft wird in einem großen Maße davon abhängen, wie wir mit den Kulturen in der Welt zusammenarbeiten, vor allem mit dem Islam“, ist Pötterings Überzeugung. Er nannte es eine „politische und moralische Pflicht“, einen Zusammenprall der Kulturen zu verhindern. Wenn Muslime in Europa in Moscheen beten könnten, müsse es auch Christen erlaubt sein, in islamischen Ländern ihren Glauben zu leben. Eine „Einbahnstraße“ dürfe es beim Dialog der Kulturen nicht geben. „Hier ist eine Toleranz gefordert, die das Respektieren anderer Kulturen beinhaltet“, so Pöttering.

 

Warnung vor nationalen Egoismen


Angesichts der Finanzkrise warnte der Parlamentspräsident vor nationalen Egoismen. „Der Markt ist kein Selbstzweck, er muss dem Menschen dienen“, sagte der Politiker. In der augenblicklichen Finanz- und Wirtschaftskrise dürfe es keinen „Rückfall in den Nationalismus“ geben. Alleingänge bei der Unterstützung einzelner Wirtschaftsbereiche zerstörten den europäischen Binnenmarkt. Subventionen für einzelne Unternehmen oder die Errichtung von Zollschranken müssten unbedingt auf europäischer Ebene entschieden werden, um Europas Binnenmarkt zu bewahren. Hauptleidtragender sei sonst wegen des hohen Exports Deutschland. Pöttering warnte vor unbegrenzter Verschuldung, einer damit verbundenen Inflationsgefahr und forderte für das Bankensystem „Transparenz und eine verantwortungsvolle Kontrolle“: „Diese Gesetzgebung müssen wir in den nächsten Monaten verabschieden.“ Mit Blick auf die Wirtschaft unterstrich er die zentrale Rolle der sozialen Marktwirtschaft.

 

Pöttering: „Mehr Lust auf Europa!“

 

Im Gespräch für die Verbandszeitschrift warf Prof. Hans-Gert Pöttering am Rande des anschließenden Empfangs auch einen Blick auf die in diesem Jahr bevorstehenden Europa-Wahlen: „Wir wählen in Deutschland am 7. Juni unsere Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Europa wird immer bedeutsamer für die Vertretung unserer Werte und Interessen in der Welt, und dabei steht das Europäische Parlament im Mittelpunkt und deswegen ist es mein Rat an die Bürgerinnen und Bürger, diese Chance zur Wahl zu nutzen, Europa mitzugestalten, auch am 7. Juni wahrzunehmen.“ Nachdrücklich wandte er sich auch an die Jugend und appellierte zu aktivem Einsatz für den europäischen Gedanken: „Die Europäische Union bedeutet für die junge Generation Chancen, sie können überall dort arbeiten, wo sie möchten, die jungen Menschen können studieren, wo sie möchten, Europa gibt Unterstützung für die Ausbildung in anderen Ländern der Europäischen Union. Die Europäische Union ist in sich heute grenzenlos, wir haben eine gemeinsame europäische Währung, in vielen Ländern der Europäischen Union ist dies eine große Chance für die junge Generation im 21. Jahrhundert“, so Pöttering und forderte: „Mehr Lust auf Europa!“

 

Bbr. Robert Schuman: "Ein großes Vorbild"

Bereits zu früherer Gelegenheit hatte sich Hans-Gert Pöttering zur Bedeutung des französischen Politikers und Bundesbruders Robert Schuman (1886-1963) geäußert, für den nach 14-jährigen Vorarbeiten im Bistum Metz am 23. Juni 2004 das Verfahren zur Seligsprechung im Vatikan aufgenommen worden war. Nachdrücklich unterstrich der Nachfolger des ersten EU-Parlamentspräsidenten die große Rolle des „Vaters Europas“ für die Gegenwart und Zukunft: „Robert Schuman ist ein großes Vorbild, weil er ein Mann des Friedens, des Ausgleichs und der Versöhnung war. Wenn er heilig gesprochen werden würde, würde es seinem Leben entsprechen. Aber dann sollte man nicht andere Politiker heilig sprechen. Er sollte der krönende Abschluss sein“, erklärte Pöttering.

 

Quellen: Pressedienst des Bistums Essen, Fotos (Nicole Cronauge), unitas


Zum Download: 
„Mehr Lust auf Europa!“ – EU-Parlamentspräsident Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering appelliert zum Einsatz für europäische Wertegemeinschaft, aus: unitas 1/2009 

 


 

Weitere Meldungen:

18.02.2009 Prof. Pöttering beim Sozialpolitischen Aschermittwoch in Essen

 

EUROPA-SPECIAL: Schuman. Kirche. Menschenrechte.

2007 entstand im Vorfeld der 130. Generalversammlung des Verbandes in Trier ein Projekt der UNITAS Ruhrania mit dem Ziel, die Diskussion über die Bedeutung Europas zu fördern. Welches Europa wünschen wir uns? Was gehört zu seinen Grundlagen? Welche Rolle spielt für alle Unitarier seit jeher der „Vater und Pilger Europas“, sein erster Parlamentspräsident und unser Bundesbruder Robert Schuman? Dazu entstand diese Leitseite als Sammlung europarelevanter Themen. U.a. im Interview: Der Präsident des Europäischen Parlaments, Prof. Hans-Gert Pöttering, Joseph Kardinal Ratzinger und Prof. Paul Kirchhof. -> MEHR




Veröffentlicht am: 17:53:47 25.02.2009
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