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13. Februar 1991
Freude in Münster und im Revier
Unitas Ruhrania
an der Ruhr „vor Ort“ gegangen

von. Bbr. Klaus-Hermann Rößler

„Nicht in Ausgelassenheit“ begangen werden sollte angesichts der weltpolitischen Situation nach den Worten von Gründungssenior Christof Beckmann der Kommers zur Reaktivierung des W. K. St. V. UNITAS Ruhrania anläßlich seines 80. Stiftungsfestes am 2. 2. 1991 in Bochum. In der Tat war es wohl der Golfkrieg, der viele Alte Herren offensichtlich zur Vermutung veranlaßte, auch die festliche Vereinigung der seit 1989 existierenden UNITAS Ruhr Bochum Essen Dortmund mit dem Altherrenverein UNITAS Ruhrania Münster finde wie viele andere Veranstaltungen nicht statt. Glücklicherweise zu Unrecht immerhin handelte es sich um ein unitarisches Ereignis von verbandsgeschichtlicher Tragweite. Denn hier ist es gelungen, nach langer Zeit dem ursprünglich in Münster i. W. ansässigen UNITAS-Verein wieder eine Aktivitas zu verschaffen, gleichzeitig die Aktivitas an der Ruhr endgültig zu beheimaten, die auch die Traditionen der UNITAS St. Liudger Essen und der UNITAS Robert Schuman Bochum fortführt und aktive „Anlaufstelle“ für die zahlreichen Altherren-Zirkel desRuhrgebietes ist.

Traditionsreicher Name

Kommerspräside Dr. Christof M. Beckmann konnte auf die keineswegs ausschließlich im Namen begründete geschichtliche Verbundenheit der UNITAS an der Ruhr und der Münsteraner Ruhrania hinweisen. Waren es doch katholische Studenten von der Ruhr, die 1847 an der Universität in Bonn den Studentenverein Ruhrania gründeten, der sich 1854 in UNITAS umbenannte und sich durch Teilung an fast allen deutschen Universitätsorten verbreitete. In Erinnerung an die Wurzeln des Verbandes wurde am 12. 1. 1911 als fünfter aktiver Münsteraner Verein die UNITAS „Ruhrania“ ins Leben gerufen, die sich in der NS-Zeit einen Namen durch besonders kompromißlose Haltung gegen das Regime machte. Der aus Hamburg stammende Ruhrane Bbr. Kaplan Johannes Prassek starb nach Verurteilung durch den so genannten „Volksgerichtshof“ als einer der „drei Lübecker Kapläne“ 1943 unter dem Fallbeil. Die 1950 wiederbegründete Ruhrania übernahm 1956/ 57 unter VOP Werner Niester den Vorort des Verbandes und gründete 1958 sogar die Tochterkorporation UNITAS Fürstenberg. 1966/1971 wurde die Aktivitas suspendiert.

UNITAS an der Ruhr

Wahrscheinlich als älteste originäre Studentenkorporation im Ruhrgebiet überhaupt war unterdessen an der damaligen Pädagogischen Hochschule in Essen-Kupferdreh 1960 die UNITAS St. Liudger gegründet worden, der vor 25 Jahren, 1966, die UNITAS Robert Schuman in Bochum folgte. Beide Vereine waren nur wenige Jahre aktiv. Erst 1989 fanden Aktive und junge Alte Herren der UNITAS Winfridia, der Sugambria, von Hathumar und Salia zusammen, um im gesamten Ruhrgebiet, unter den Studenten der Universitäten Essen, Bochum, Dortmund und Duisburg, neue Bundesbrüder zu gewinnen. Besonders hervorzuheben ist das Engagement der Bundes und leiblichen Beckmann-Brüder Christof v. CB und Andreas v. Päcmän, letzterer zugleich amtierender Vorortsschriftführer des Verbandes, sowie der Einsatz von Bbr. Kapl. Andreas Hackert, Dr. Nikolaus Mantel, RA Ulrich Lembeck und Richard Arens, deren gemeinsame Arbeit schließlich erfolgreich war: Ihre UNITAS Essen/Bochum wurde bei der letzten GV als „UNITAS Ruhr“ in den Verband aufgenommen.

Auf dem Kommers zur Vereinigung der „Ruhr“ mit dem Altherrenverein Ruhrania wurde dankend der beachtliche Einsatz vieler BbrBbr. gewürdigt: Wilm Böcker, Ehrensenior und Vorsitzender des Essener AHZ, Dr. Benno Eichholz, Vorsitzender des Bochumer Zirkels, der Ruhrane Norbert Klinke aus Castrop-Rauxel, Beauftragter der Ruhrania bei der Vereinigung der beiden Vereine und AHV-Vorsitzender Jörg Lahme sie alle hatten ihren Anteil an der Entwicklung der Ereignisse. Besonderer Dank galt auch in diesem Zusammenhang Bbr. Dr. Ludwig Freibüter, ohne den die erstaunliche Reaktivierungswelle Münsteraner UNITAS-Vereine in den letzten Jahren wohl kaum zustande gekommen wäre. Angereist zum Vereinigungskommers und dem Vereinsfest zu Ehren des hl. Thomas von Aquin war auch Stadtrat Bernhard Mihm, amtierender Altherrenbundsvorsitzender und Vizepräsident der Katholischen Akademikerarbeit Deutschlands. VOS Guido Hindahl überbrachte die Grüße des Vorortes UNITAS Sugambria Osnabrück, eines bekanntlich ebenfalls wieder aufgelebten Münsteraner Vereins. Er warb nachdrücklich für das neue soziale Projekt des UNITAS-Verbandes, für die Errichtung eines Kinder und Jugenddorfes bei Leipzig in Zusammenarbeit mit dem von Bbr. Duffner geleiteten Jugenddorf Klinge. Kommersteilnehmer von CV, KV und anderen katholischen Korporationen zeigten die Beachtung des unitarischen Ereignisses vor Ort auch über die eigenen Reihen hinaus.

Politisch Stellung genommen

Der Kommers entbehrte nicht hochaktueller, sogar brisanter Bezüge: Klare Worte fand der Präside zu den politischen Tagesereignissen und meinte u. a. zur Entwicklung am Golf: „Noch am letzten Januar-Sonntag sagte Papst Johannes Paul II.: „Der Glaube an Gott darf keine Ursache für Rivalität und Konflikte sein“. Und man werde darüber hinaus sagen können: „Diesen Krieg gegen die Weltgemeinschaft, die Schöpfung und das eigene Volk als „heilig“ zu bezeichnen, ist eine Gotteslästerung!“ Hier dürfe die Entrüstung freilich nicht einseitig sein: „Hier wollen wir nicht schlechten Beispielen folgen. Auch deutsche Firmen waren sich nicht zuschade, mit dem Entsetzen eine schnelle Mark zu verdienen. Nun wurde Israel, mit dem uns die Geschichte in besonderer Weise verbindet, in den Krieg hineingezogen und das Wort „Gas“ wieder in Zusammenhang mit “Deutsch“ genannt. Wir können uns nicht mit dem Hinweis entschuldigen, daß Neun Zehntel der irakischen Waffen aus der Sowjetunion und Frankreich stammen....“

Zudem forderte er mit der Einigung Europas endlich die „unbeirrte Einlösung der abendländischen Geschichte“ und äußerte, das das geeinte Deutschland habe nun weltpolitische Verantwortung zu übernehmen insbesondere die Aufgabe, die Entwicklung sozialer Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenrechte und des freien Selbstbestimmungsrechts der Völker zu fördern. Auch die bedrohliche Lage im Baltikum wurde hier nicht vergessen: Auf ausdrückliche Anregung des Präsiden unterschrieben fast alle Kommersteilnehmer einen Appell der Akademischen Verbindung Tuisconia Königsberg zu Bonn im CV an den sowjetischen Präsidenten Gorbatschow, die blutige Intervention in den baltischen Staaten zu beenden.

Generalthema: Katholische Soziallehre

Als ein besonders glücklicher Griff angesichts der aktuellen Ereignisse erwies sich die Festlegung der Rahmenthematik des gesamten Wochenendes auf Grundprinzipien und Tragfähigkeit der Christlichen Gesellschaftslehre sind es doch die Gegensätze in der Konzeption von Gesellschaft und menschlichem Zusammenleben generell, die die aktuellen Konflikte mitbestimmen: Bbr. Pfr. Dr. Reinhard Marx von der Dortmunder Kommende, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn, hielt die Kommersrede bereits im Vorgriff auf die kommende Generalversammlung in Mainz zum Thema „1991 - 100 Jahre Sozialenzyklika Rerum Novarum ein Stück Kirchengeschichte, heute noch aktuell?“. Mit der Enzyklika befreite Papst Leo XIII. die Kirche aus einem „Arche-Noah-Syndrom“ kirchlicher Selbstvergewisserung am Ausgang des 19. Jahrhunderts, indem er im Zugehen auf die moderne Welt innerkirchlich der Erkenntnis zum Durchbruch verhalf, daß Gesinnungsreform und Caritas als Antwort auf die Auswirkungen des primitiven Kapitalismus nicht ausreichten daß vielmehr auch von der Kirche die Entwicklung einer strategischpolitischen Konzeption gefordert war. Gerade auch im Hinblick auf die so genannte „Dritte Welt“ blieben die Grundzüge der Enzyklika „Rerum Novarum“ und der gleichermaßen antisozialistischen wie auch antikapitalistischen katholischen Soziallehre mit ihren Prinzipien der Personalität, der Subsidiarität und der Solidarität von großer Aktualität:

Die Verteidigung des Eigentumsrechtes gegen sozialistische Konzepte, Lohngerechtigkeit zur Sicherung menschenwürdiger Familienverhältnisse und Zukunftsperspektiven; die Einsicht, daß der Mensch als Individuum, die Familie und Gruppen dem Staat vorausgehen; die Notwendigkeit der Selbstorganisation und Selbsthilfe, der Koalitionsfreiheit der Arbeiter; die soziale Verantwortung des Staates, dessen richtiger Aufbau sich im Spannungsfeld zwischen Solidarität und Subsidiarität befindet. Dazu äußerte der Papst in seiner Enzyklika eine sich in unserer Zeit bestätigende prophetische Kommunismuskritik. „Der Zusammenbruch moderner Ideologie bestätigt die katholische Soziallehre“, resümierte Bbr. Dr. Marx. Seine Rede fand überaus positive Aufnahme. Der Semesterbericht der neuen Ruhrania hält fest: „... ein 40-minütiges, klares und rhetorisch hervorragendes Festreferat, das die Zeit wie im Fluge vergehen ließ und für das wir uns mit der falschen Zigarrenmarke bedankten.“

Zum Vereinsfest Thomas v. Aquin zelebrierte Bbr. A. Riesener ein Festhochamt in der Liebfrauenkirche in Bochum-Linden. Bbr. Dr. Bernhard Koch, Generalsekretär des Christlichen Gewerkschaftsbundes und Geschäftsführer des UNITAS-Bildungswerkes setzte das Thema des Kommerses bei der Wissenschaftlichen Morgensitzung mit einem Vortrag zu „Sozialpolitik aus christlicher Verantwortung“ fort. Er bot wertvolle, sowohl grundlegende, wie auch tagesaktuelle Orientierung zu christlich-sozialen Standpunkten. Im Semesterbericht der Ruhrania heißt es dazu: „Bbr. Koch schöpfte aus seinem reichhaltigen Repertoire, das anschließend auch Gelegenheit zu Nachfragen bot. Der Vortrag erweiterte in der Theorie, wie auch anhand praktischer Beispiele, glänzend die Rede, die AH Marx am Vorabend gehalten hatte. Bbr. Koch nutzte wie Bbr. Freibüter beim Kommers die Stunde, um auf das kommende Krone-Seminar hinzuweisen. Auch Brasil-Genießer B. Koch mußte sich wie R. Marx mit Fehlfarbenzufrieden geben.“

„Gemeinsam nach vorn“

Abgesehen von derlei Mißgeschicken um die Tücke des Objekts „Zigarre“ muß der Start der neuen Ruhrania an der Ruhr als durchaus viel versprechend gewertet werden. Intern war bereits vor längerer Zeit von Ruhr-Unitariern zu hören gewesen: „Wir wollen es gleich richtig machen kein Projekt mit mangelnder Unterstützung der Altherrenschaft vor Ort und zu wenige aktive Unitarier bei der Gründung. Ein Verschwinden in der Versenkung nach einem Semester kommt für uns nicht in Frage.“

In der Tat scheint der Bestand von UNITAS Ruhrania bei einem Kreis von einem guten Dutzend Aktiver und ebensolcher junger Alter Herren nach vier Burschungen auf dem Kommers mit dem Unitarier-Versprechen aufdie alte Ruhranenfahne fürs erste gesichert. Daß der AHV Ruhrania das Seine dazu beitragen will, damit der „Transfer“ des Vereins von der Münsteraner Werse an die Ruhr auch auf Dauer glückt, machte er dadurch deutlich, daß er die Übergabe der alten holzgeschnitzten Fuxenkasse mit einer „Beigabe“ von 5000 DM für einen bald zu gründenden Hausbauvereinverband. Augenfällig ist auch die zupackende Begeisterung über den neuen alten Verein an der Ruhr bei etlichen AHAH; so verband u. a. Bbr. Paul Hoffacker MdB (Essen), der seit der Gründung der Ruhr-UNITAS aktiv dabei ist, seine Entschuldigung für seine leider nicht mögliche Teilnahme mit einer bemerkenswert großzügigen Spende.

Verbandsprojekt Ruhrgebiet

Trotzdem sieht auch bei der erfreulichen Bilanz, die die neue Ruhrania auf ihrem Semester-Ex-Convent ziehen konnte, keinen Anlaß zum selbstgefälligen Zurücklehnen. Mochten auch übergeordnete Ereignisse das Wiederbegründungswochenende überschattet haben, so ist doch die unerwartet geringe Beteiligung der AHAH aus den Ruhr-Zirkeln und vom AHV Ruhrania ein erheblicher Ansporn auch für die jeweiligen persönlich zweifellos vorbildlich engagierten Zirkel und Vereinsverantwortlichen, für alle betroffenen Alten Herren und auch für die Aktivitas, unitarische Mitstreiter für das „Projekt Neue Ruhrania“ zu gewinnen.

Auch der AHB-Vorsitzende Mihm nutzte das Wochenende, um die von der Aktivitas regelmäßig angeschrieben Zirkel in Ruhrgebiet und der angrenzenden Region auf diese Aufgabe hinzuweisen. Von Verbandsseite wird einer notwendigen, verstärkten Zusammenarbeit der Unitarier im Revier durch die Organisation eines Altherrenbundstages im September 1992 in Dortmund Rechnung getragen. Für die Sicherung der Zukunft der UNITAS an der Ruhr aber ist nach allen Erfahrungen eines von besonderer Bedeutung: Ein eigenes Haus in Bochum! Die Gründung eines Hausbauvereins sollte recht bald verwirklicht werden. Freilich kann die Aktivitas keinesfalls ihre Strategie zur Nachwuchsgewinnung auf diese Zukunftsmusik abstellen. Neu zu gewinnen sind weitere Aktive aus ersten Semestern an allen Universitäten von Dortmund bis Duisburg. Auch hier sind die Alten Herren gefordert, vor allem, wenn sie geeignete katholische Studenten im Ruhrgebiet kennen oder gar in der eigenen Familie haben.

Dem neu gewählten Senior Ruhraniae, Helmut Wiechmann, gelten die guten Wünsche des ganzen Verbandes, daß er die bisherige erfolgreiche Arbeit mit viel Unterstützung von allen Seiten weiterführen kann. Schließlich handelt es sich nach einem Apercu, das Bbr. Eichholz zugesprochen wird „bei uns Unitariern eigentlich immer um Leute, die ziemlich erfolgreich das für unmöglich Gehaltene wollen."





Veröffentlicht am: 11:53:11 13.02.1991
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