„Stolpersteine" für Kaplan Hermann Lange, Bbr. Kaplan Eduard Müller, Bbr. Johannes Prassek und Pastor Karl Friedrich Stellbrink

„Unzerstörbare Freiheit“: Jesuit Löwenstein zu Bbr. Prassek

 

HAMBURG. Eine neue lesenswerte Predigt hat P. Martin Löwenstein SJ (Bild rechts, Kl. Michel) vom Kleinen Michel in Hamburg auf seine Internetseite gesetzt: In ihr geht es um die „Kulturkrankheit Depression“, „Unzerstörbare Freiheit“ und „Ermutigende Hoffnung“. Thema sind die Lübecker Märtyrer und Bbr. Johannes Prassek …


Bbr. Prassek, im Kleinen Michel gefirmt, gehörte als Kaplan in Lübeck zu denen, die durch ihr klares Auftreten gegen den Rassenwahn der Nazis in das Schussfeld des Volksgerichtshofes gerieten. Wer seine Briefe aus dem Gefängnis lese, finde „darin manch Bedrückendes, aber keine Depression. Dabei hätte er jeden Grund gehabt“, so Pater Löwenstein. Prassek habe seine Freiheit und sein Leben Gott übergeben. „An dieser Stelle hängt seine und unsere Situation zusammen“, so der als Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Ansgar, katholischer Seemannspastor für Hamburg und als Autor tätige Jesuit. „Denn der schleichenden kulturellen Depression heute fehlt genau die Hoffnung, die in der Entscheidung zum Martyrium befähigt. Anders gesagt: Das echte, christliche Martyrium ist nicht der Widerstand gegen etwas, sondern die Ausrichtung für etwas.“

 

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt im Kleinen Michel (St. Ansgar), Hamburg, für kommenden Sonntag, 29. Mai 2011, zum 6. Sonntag der Osterzeit Lesejahr A 2011, (1.Petrusbrief 03,15-18) Hier die ganze Predigt zum Anhören: http://www.martin-loewenstein.de/Mitschnitt-6_Sonntag_der_Osterzeit_A_2011.html

 


 

1. Kulturkrankheit Depression

 

  • Könnte Depression eine stellvertretende Krankheit sein? Stellvertretend, wie strahlenverseuchten Menschen in der Umgebung von Tschernobyl und Fukushima oder Vergiftete in den Ölfördergebieten von Nigeria. Sie werden krank, stellvertretend für eine energiehungrige und technikgläubige Gesellschaft.
  • Stellvertretende Krankheit ist ein Leiden, dessen Ursache größer ist, als der Kranke; eine Krankheit der Gesellschaft, deren Symptome Einzelne an ihrem Leib austragen müssen. Das stellt Fragen an die Gesellschaft, aber auch an die, die, ob sie wollen oder nicht, die Folgen zu tragen haben. Bei Depressionen können die moderne Psychologie und Pharmazie vieles mildern und helfen, mit der Krankheit zu leben. Mindestens so wichtig aber ist, dass wir zusammen die Ursachen angehen und nicht nur die Symptome. Das wird eine langwierige Aufgabe, auch wenn die Halbwertszeit einer depressiv machenden Kultur nicht gar so lang ist, wie die des Strahlenmülls der Atomkraftwerke.
  • Die Spur zur Heilung finde ich in dem zentralen Stichwort der heutigen Lesung aus dem Ersten Petrusbrief: „die Hoffnung, die uns erfüllt“. Das Wort Hoffnung beschreibt hier das glaubende Vertrauen: Für mich als Einzelnen und uns zusammen; angesichts dessen, was uns real bedrängt, und im Blick auf das, worauf wir setzen.
  • Ich vermute, dass der Mangel an solcher Hoffnung zumindest eine Ursache der kulturellen Depression ist. Eine Kultur, zu deren Dogmen die Machbarkeit und die unmittelbare Erfüllung aller Wünsche gehört, macht depressiv. Denn nicht alles lässt sich machen und schon gar nicht unmittelbar bekommen, zumal wenn es nicht mehr um Waren geht, die ich mit einer Kreditkarte bezahlen kann. Nicht machbar und einfach zu konsumieren ist all das, wo es auf Treue und Hingabe ankommt. Das lässt sich aber auch bei so etwas wie dem Körperkult sehen, der uns von unzähligen Plakatwänden eine Perfektion vorspiegelt, hinter der die allermeisten - die Kranken und älter Werdenden zumal - notwendig zurückbleiben - deprimiert zurückbleiben.

 

2. Unzerstörbare Freiheit

 

  • Die Situation, in die hinein der Erste Petrusbrief geschrieben ist, gäbe jeden Anlass zur Depression. Die zunehmende Ausgrenzung und blutige Christenverfolgungen waren Realität. Daher geraten mir ganz automatisch die Lübecker Märtyrer in den Blick. Im Juni gedenken wir der vier Geistlichen aus der evangelischen und katholischen Kirche, die 1943 hingerichtet wurden. Die drei Kapläne unter ihnen werden durch die Kirche seliggesprochen.
  • Johannes Prassek ist einer von Ihnen. Er wurde in Hamburg von einer noch ledigen Frau geboren. Nachdem sie den Vater des Kindes, einen katholischen Arbeiter, geheiratet hatte, lebten sie in Barmbek. Hier bei uns, im Kleinen Michel, wurde er am 18. Juni 1923 gefirmt. Als Kaplan in Lübeck gehörte er zu denen, die durch ihr klares Auftreten gegen den Rassenwahn der Nazis in das Schussfeld des Volksgerichtshofes gerieten. Zusammen mit den lutherischen und katholischen Mitbrüdern wurde er am 10. November 1943, wieder hier auf dem Gebiet unserer Gemeinde, im Gefängnis am Holstenwall enthauptet.
  • Wer die Briefe liest, die er aus dem Gefängnis geschrieben hat, findet darin manch Bedrückendes, aber keine Depression. Dabei hätte er jeden Grund gehabt. Der Prozess gegen ihn war eine Farce, denn das Urteil hatte der „Führer“ schon im vorhinein festgelegt. Auch wenn Prassek eine Befreiung aus dem Gefängnis lange für möglich gehalten hat, stand ihm doch zugleich die Perspektive des Todes deutlich vor Augen. Wie bei den Christen der ersten Verfolgungszeit fragt man sich, warum diese Menschen viel weniger depressiv wirken, als eine Kultur heute, die vergleichsweise in ruhigen und sicheren Verhältnissen lebt.
  • Prassek hat in ein Exemplar des Neuen Testamentes, das er in seiner Zelle haben durfte, ganz vorne einen Satz eingetragen: „Wer sterben kann, wer will den zwingen?“ Das ist „Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt“, wie es das Johannesevangelium formuliert!
  • Die Wahrheit, dass Gott bereit ist, ihn durch den Tod hindurch zu tragen, kann Prassek nur erfassen, weil er in Christus, den Gekreuzigten Gott selbst sieht und kennt.
  • Das ist die Wurzel einer Freiheit gegenüber denen, die ihn mit dem Tod bedrohen. Freiheit, die selbst der Terror der Nazijustiz nicht erschüttern konnte. Die Nazis versuchten Menschen zu zwingen, indem sie ihnen die Freiheit und das Leben nahmen. Prassek hatte beides schon längst verloren, weil er seine Freiheit und sein Leben Gott übergeben hatte. Daher konnten sie ihn nicht mehr zwingen, der Wahrheit, für die er eingestanden ist, untreu zu werden: „Wer sterben kann, wer will den zwingen?

 

3. Ermutigende Hoffnung

 

  • Es wäre eine Versuchung, sich die Klarheit der Entscheidungssituation eines Johannes Prassek herbeizusehnen und in billige Ablehnung des teuer erkauften Friedens von heute zu verfallen. Wir leben nicht in der Nazizeit, Gott sei Dank! Aber auch Johannes Prassek hatte sich seine Situation weder gewünscht noch ausgesucht. Er war jedoch durch seinen gewachsenen Glauben zur Entscheidung befähigt, als dieser von ihm gefordert wurde.
  • Hier hängen seine und unsere Situation zusammen. Denn der schleichenden kulturellen Depression heute fehlt genau die Hoffnung, die in der Entscheidung zum Martyrium befähigt. Anders gesagt: Das echte, christliche Martyrium ist nicht der Widerstand gegen etwas, sondern die Ausrichtung für etwas.
  • Der Petrusbrief bringt uns auf die Spur. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen.“ Würde dieses „aber“ fehlen, wäre das Bekenntnis zur Hoffnung leer. Es bliebe nur der Trotz im Widerstand und die Ablehnung.
  • Der Petrusbrief macht deutlich, dass der Christ in der Verfolgung die Hoffnung nicht nur für sich hat, sondern - paradoxerweise - in der Verfolgung auch für die Verfolger. Deswegen sollen die Christen vor den heidnischen Gerichten „ehrfürchtig“ antworten, wenn sie nach ihrer Hoffnung befragt werden. Denn sie wissen, dass dieses „Christus ist der Sünden wegen gestorben - er der Gerechte für die Ungerechten“ alle umschließt. Deswegen nimmt der christliche Märtyrer den Tod an, weil sein Gebet und seine Hoffnung auch dem Mörder gelten. Seine Hoffnung hat weder die Ursache in der eigenen Gerechtigkeit noch ihr Ziel nur für ihn selbst. (All das unterscheidet ihn fundamental von den heute oft genannten „Märtyrern“, die sich und anderen nur Tod bringen).
  • Auf ihre Weise sagt unsere Kultur Menschen, die nicht den Erfordernissen entsprechen, sie seien nichts wert. Sie schickt sich an, menschliches Leben pränatal diagnostiziert auszusortieren, und signalisiert Alten und Kranken, dass sie eine Last seien.
  • All denen, die sich diesem Verwertungsmechanismus einer Kultur der Starken und Erfolgreichen widersetzen, sagt der Glaube an Christus: Lebt und sprecht so, dass ihr „Rede und Antwort steht“ für die „Hoffnung, die euch erfüllt“. Habt die Kraft, nicht mitzumachen beim immergleichen Spiel. Aber bleibt dabei „bescheiden und ehrfürchtig“. Meint nicht, ihr seid besser oder gerechter. Sucht einfach die Freiheit aus dem glaubenden Vertrauen in Christus, den niemand zwingen konnte, weil er sein Leben schon längst an den Vater verloren - und in ihm gewonnen hat. Amen.

 


 

Wer sterben kann, wer will den zwingen?

 Eintragung von Kaplan Johannes Prassek vorne in sein Neues Testament im Gefängnis 1942

 

„Du, das ist einer der großen tragenden und beglückenden Gedanken meines jetzigen Daseins, dass ich mit all meinem Alleinsein, mit meiner Einsamkeit, mit der Unbequemlichkeit im Körperlichen und Seelischen, mit Hunger und Kälte und Schmerz schließlich doch nicht zur Untätigkeit und Sinnlosigkeit im Dienste am Reiche Gottes verurteilt bin, sondern dass gerade dadurch so viele Kräfte frei werden, die Gott dann anderen Menschen wieder zur Verfügung stellt. Wenn Gott mich als sein Werkzeug draußen in der Freiheit gebrauchen will, dann wird Er mich holen, und ich bin bereit. Wenn er aber lieber will, dass ich hier in aller Stille und der Abgeschiedenheit leben und wirken soll, dann ist auch das gut, Ja, Fini, ich bilde mir ein, dass es gar nicht nur Einbildung ist, wenn ich meine, Gott in diesem halben Jahre um ein ganz beträchtliches Stück nähergekommen zu sein, ein Stück, das ich im Trubel der Arbeit da draußen sicher nicht geschafft hätte. Und vielleicht habe ich dadurch auch schon für manchen Menschen ein Weniges von Gott erbitten können. Hab' keine Angst, ich bin kein Buddhist der im Nirwana sein Genügen sucht, ich habe aber sehr stark den Wunsch, in soweit Christ zu sein oder zu werden, dass ich aus ganzer Seele und ohne Nebengedanken und Abstriche noch einmal sagen kann: Dein Wille geschehe.“ (Johannes Prassek an Josefine Gunkel am 11. November 1942 aus dem Marstallgefängnis in Lübeck; zitiert nach der Materialsammlung des Erzbistums Hamburg 2010 zur Seligsprechung der Lübecker Märtyrer, S. 92)

 

„Und so ist die ganze ältere geistliche Generation. Im Geheimen kochen sie vor Wut und schimpfen wie die Rohrspatzen, aber wenn es gilt, offen zu bekennen, dann sind sie aalglatt, wissen von nichts, dienern freundlich, so dass sie sogar als Pg. angesehen werden. Da wird geklagt und gestöhnt über dauernde Verluste der Kirche, da wird geklagt, dass die Familien versagen und keine Opferbereitschaft zeigen. Wie aber sollen sie denn, wenn die Hirten am Schlafen sind?“ (Johannes Prassek aus dem Gefängnis 1943; zitiert nach Voswinckel, Peter: Geführte Wege. Die Lübecker Märtyrer in Wort und Bild. Kevelaer, Butzon & Bercker 2010)
 


 

Zur Person:
Pater Martin Löwenstein SJ, Jg. 1961, in einer Familie mit sieben Kindern bei München aufgewachsen, studierte Philosophie in München und Katholische Theologie in Frankfurt/Main, Politische Wissenschaft und Volkswirtschaftslehre in München, Mainz und Bonn. 1984-1986 wirkte er als Religionslehrer (Sekundarstufe I) und in der Jugendarbeit (KSJ) am Sankt-Ansgar-Gymnasium, Hamburg, 1990 als Pfarrvertreter der Pfarrei St. Evergislus Bonn/Bad Godesberg. 1989 schloss er als Diplomtheologe und 1993 mit dem Magister Artium ab, war 1993-1994 Dozent für Politische Bildung und Katholische Soziallehre an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen und bis 1999 Ökonom und Minister des Jesuitenkollegs Sankt Georgen. 1995/1996 gründete er die „International English-Speaking Roman Catholic Church“ in Frankfurt und war bis 1998/99 Verwaltungsleiter der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main.
Nach einem Sabbatjahr 1999/2000 in Polen und Russland ging er 2000/2001 als Seelsorger nach Göttingen (Katholische Hochschulgemeinde, Pfarrei St. Michael) und bis Juli 2009 als Hochschulpfarrer nach Frankfurt/Main (Katholische Hochschulgemeinde Frankfurt/M.). Seit September 2009 ist P. Löwenstein SJ Pfarrer der von vielen Nationalitäten und Kulturen geprägten Gemeinde St. Ansgar
„Kleiner Michel“ in Hamburg, Seemannspastor und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Hamburgs (ACK).
Kontakt: Kleiner Michel - Katholische Gemeinde St. Ansgar, Michaelisstr. 5, 20459 Hamburg, Tel. 040 / 37 12 33, E-Mail:
martin.loewenstein@jesuiten.org.

 

LINKS: http://www.kleiner-michel.de, http://www.martin-loewenstein.de/

 



Veröffentlicht am: 20:11:32 26.05.2011
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