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Blutzeuge im Dritten Reich: 
Bundesbruder Pfarrvikar Anton Spies

von Bbr. Lambert Klinke

Der zur UNITAS Ruhrania Münster gehörende Anton Spies wurde am 24. November 1909 in dem kleinen Dorf Heckfeld im badischen Frankenland geboren. Seine Kindheit und Jugend verlief in geordneten, für einen aus bäuerlicher Familie stammenden späteren Priester nachgerade typischen Bahnen. Er besuchte zunächst bis zur siebten Klasse die Volksschule und wurde dann, nachdem ihm ein Geistlicher durch Privatstunden entsprechend vorbereitet hatte, als Schüler des dortigen Erzbischöflichen Knabenkonvikts in die Quarta des Tauberbischofsheimer Gymnasiums aufgenommen, wo er am 29. März 1930 mit befriedigendem Ergebnis die Reifeprüfung ablegte. Auch seine Leistungen im Theologiestudium, im Collegium Borromaeum und schließlich im Priesterseminar waren eher unterdurchschnittlich, „dabei aber stets fleißig und von besten Absichten getragen.“ Der Skrutinialbericht des Theologischen Konviktes bescheinigte ihm Frömmigkeit sowie einen willigen und zugänglichen Charakter. Die Beurteilung des Erzbischöflichen Priesterseminars empfahl ihn für „einfache Landposten“ und fügte an, er werde aufgrund seiner Stetigkeit und Überlegtheit ein solider und würdiger Seelsorger werden. Die Priesterweihe empfing Anton Spies am 31. März 1935, danach trat er seine erste Stelle als Vikar in Bühl bei Offenburg an. Es folgten weitere Vikarstätigkeiten in Lauda, Mudau, Distelhausen, Uissingheim und schließlich im Jahr 1939 in Ketsch. In der praktischen Seelsorge erwies sich Spies dabei als in jeder Hinsicht unauffälliger und eifriger Priester; seine Prinzipale sahen in der Landseelsorge den rechten Ort für ihn, und auch er selbst hatte keine andere Absichten, als „einfacher“ Landpfarrer zu werden.

 Am 4. März 1941 teilte der Ketscher Ortspfarrer Gustav Westermann dem Erzbischöflichen Ordinariat mit, daß Pfarrvikar Anton Spies am 28. Februar 1941 von der Gendarmerie festgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Mannheim gebracht worden sei: „Es wird ihm angeblich zur Last gelegt, an Ministranten unsittliche Handlungen vorgenommen zu haben. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß den Verhältnissen nach er unschuldig ist, da die Anzeige vom hiesigen Rektor aus Gehässigkeit gegen uns Geistliche erfolgte.“ In einem weiteren Schreiben an die kirchlichen Behörden charakterisierte Pfarrer Westermann den denunzierenden Rektor als höchst gehässigen Kirchengegner, der schon seit Jahren erfolglos versucht habe, ihn, den Ortsgeistlichen, zur Strecke zu bringen. Da ihm das bisher nicht gelungen sei, habe er es eben nun beim Vikar versucht. Danach bekräftigte Westermann noch einmal seine Überzeugung, Spies sei unschuldig und die gegen ihn erhobenen Vorwürfe entbehrten jeder Grundlage: „Das möchte ich noch zum Schluß anführen, daß die Beschuldigungen von sittlich sehr minderwertigen Personen ausgehen, die in enger Freundschaft mit dem Rektor stehen. Der weitaus größte Teil der Pfarrgemeinde hält Herrn Spies für unschuldig und kennt den Rektor.“ Eine Frau aus Ketsch, die den Vikar ebenfalls verteidigte, wurde deswegen belangt, wie aus einer „Meldung wichtiger staatspolitischer Ereignisse“ aus Berlin vom 6. August 1941 hervorgeht: „Für die Dauer von zehn Tagen wurde von der Stapoleitstelle Karlsruhe die Ehefrau Sophie M. [...] in Schutzhaft genommen, weil sie die Behauptung aufgestellt hatte, daß die in dem Verfahren gegen den katholischen Kaplan Spies, [...] vernommenen Zeugen falsche Aussagen gemacht haben.“

Alle Bemühungen von Pfarrer Westermann, dem Erzbischöflichen Ordinariat und des mit der Verteidigung beauftragten Rechtsanwaltes waren vergeblich, da das Gericht den Aussagen der etwa elf Jahre alten Schüler mehr Glauben schenkte als Anton Spies. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, daß Spies nicht einfach rundweg alles abstritt, sondern zugestand, „es könne durchaus vorgekommen sein“, daß er „hin und wieder einen der Knaben berührt habe - doch allenfalls versehentlich und ohne jegliche unsittliche Absicht.“ Daraufhin wurde Bundesbruder Anton Spies nach damals angewandten „Recht“ zu zwei Jahren Zuchthausstrafe verurteilt, woran weder die eingelegte Revision noch der Versuch, ein Wiederaufnahmeverfahren in Gang zu bringen, etwas ändern konnten. Anton Spies verbüßte die Strafe teils im Zuchthaus, teils wurde er beim Autobahnbau eingesetzt. Bald nach der Verurteilung, die, so sah es nach außen hin aus, Spies' Schuld zweifelsfrei erwiesen hatte, setzte auch das Freiburger Ordinariat ein Verfahren gegen ihn in Gang, was die seelischen Leiden des sich als unschuldig ansehenden weiter verschlimmerte.

 Als am 2. August 1943 die Strafzeit abgelaufen war, wurde Anton Spies jedoch nicht freigelassen, sondern von der Gestapo in „Schutzhaft“ gehalten. Um dieser zu entgehen, meldete sich Spies in dieser Zeit freiwillig zur Wehrmacht, Erzbischof Conrad Gröber versuchte zu erreichen, daß man ihn in eine Anstalt der Erzdiözese Freiburg überstellte, wo er beaufsichtigt und in der Landwirtschaft verwendet werden würde. Doch weder Spies' eigene noch die Bemühungen seines Erzbischofes hatten Erfolg, stattdessen wurde er am 13. September 1943 in das KZ Dachau eingeliefert. Wenige Wochen, bevor er von den Amerikanern befreit worden wäre, erkrankte Bundesbruder Anton Spies an Flecktyphus. Er verstarb am 19. April 1945 und wurde in einem Massengrab beigesetzt.

Anton Spies beharrte stets darauf, unschuldig zu sein. In einem letzten Brief an seine Mutter schrieb er: „Und wenn ich zeitlebens im Kerker schmachten muß, werde ich meine Unterschrift nie hergeben zur Beglaubigung einer Tat, die ich nie begangen.“ Auch viele Menschen, die ihn näher gekannt hatten, darunter seine geistlichen Dachauer Mithäftlinge und jener Lehrer aus Ketsch, der schon beim Gerichtsverfahren zu Spies' Gunsten ausgesagt hatte, blieben fest und unerschütterlich der Ansicht, er sei zu Unrecht verurteilt worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in einem Spruchkammerverfahren gegen seinen damaligen Ankläger, den nationalsozialistisch eingestellten Rektor, gravierende Widersprüche in den gegen Spies gerichteten Aussagen der Schüler festgestellt. Ebenso gaben mehrere der seinerzeit vernommenen Schüler an, vom Rektor dazu angestiftet worden zu sein, die Unwahrheit zu sagen. Von seinen Verwandten vorgenommene erneute Versuche, in einem Wiederaufnahmeverfahren Spies' Unschuld zu beweisen und ihn hierdurch rehabilitieren zu lassen, scheiterten daran, daß einige der Zeugen auf ihren Vorwürfen beharrten und dem Rechtsanwalt wie dem Erzbischöflichen Ordinariat die Durchführung eines solchen Verfahrens angesichts des ungewissen Ausgangs wenig ratsam erschien. Auch die von Anton Spies seinerzeit gewählte, aus Sicht des Rechtsanwaltes wenig glückliche Verteidigungsstrategie, die bei einem neuerlichen Prozeß sicherlich wieder eine Rolle gespielt hätte, wirkte sich noch über Spies' Tod hinaus negativ für ihn aus, ebenso wie das förmlich nie abgeschlossene oder niedergeschlagene kirchliche Strafverfahren. So ist die Ehre des im KZ Dachau zum Blutzeugen gewordenen Bundesbruders Anton Spies bis heute nicht formaljuristisch wiederhergestellt; vielmehr bleibt er „offiziell“ ein rechtskräftig verurteilter Sittlichkeitsverbrecher. An der Tatsache, daß seine Anklage, seine Verurteilung und letztlich sein Tod ein fanatischer Priesterhasser verschuldet hat, daß Anton Spies also für seinen Beruf und seinen Glauben zum Martyrer geworden ist, ändert sich nichts dadurch, daß seine Unschuld wohl niemals mehr von einem irdischen Gericht wird bewiesen werden können.

 Literatur: H. Ginter, Necrologium Friburgense 1941-1945. Verzeichnis der in den Jahren 1941 bis 1945 verstorbenen Priester der Erzdiözese Freiburg, in: FDA 70 (1950) 19-258; C. Schmider, Pfarrvikar Anton Spies, in: H. Moll (Hrsg.), Zeugen für Christus. Bd. 1 (Paderborn u.a. 1999) 219-221 und R. Zahlten, Die Ermordeten. Die Gedenktafel der Erzdiözese Freiburg für die verfolgten Priester (1933 bis 1945) in „Maria Lindenberg“, nahe St. Peter / Schwarzwald (Vöhrenbach 1998).

 




Veröffentlicht am: 09:38:59 29.09.2004
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